Zeitbombe

Erzählungen
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 31. Mai 2017
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-21246-9 (ISBN)
 
Zeitreisen und -bomben

In der Zukunft wurde eine Regierungsabteilung eingerichtet, deren Mitglieder kürzere Zeitreisen in die jüngste Vergangenheit unternehmen. Diese sogenannten Springer untersuchen Unfälle, Katastrophen, Verbrechen und Anschläge - aber sie beobachten nur und greifen nicht ein. Als die Air Force One mit dem Präsidenten an Bord abstürzt, müssen die Springer sich entscheiden: analysieren sie den Unfall - oder werden sie erstmals aktiv?
Mit seinen Stories stellt Hugo-Preisträger Timothy Zahn seine erzählerische Vielfalt unter Beweis: Da ist die Geschichte eines Politikers, dem eine Voodoo-Puppe in die Hände fällt; die Probleme, die die neuartige, aber moralisch fragwürdige Entsorgungsmethode für radioaktiven Abfall mit sich bringt; die Erlebnisse von Bergarbeitern, die auf einem fremden Planeten abgesetzt werden, der sich als nicht ganz so sicher erweist wie gedacht - und noch einige mehr.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 0,72 MB
978-3-641-21246-9 (9783641212469)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Timothy Zahn wurde 1951 in Chicago geboren, lebt in Oregon und ist heute einer der beliebtesten Science-Fiction-Autoren der USA. Sein bekanntestes Werk ist die »Thrawn«-Trilogie, die mehrere Jahre nach dem Ende von »Die Rückkehr der Jedi-Ritter« spielt und die Geschichte des »Star Wars«-Universums in eine neue Zeit vorantreibt (»Expanded Universe«). Diesen Büchern folgte eine Reihe weiterer »Star Wars«-Romane. Für seine Novelle »Cascade Point« wurde Zahn mit dem renommierten Hugo Award ausgezeichnet.

Ernie


 

Ich sah Ernie Lambert zum ersten Mal an dem schwülen Augusttag, an dem er in meinem winzigen Büro im Sportclub auftauchte und mich fragte, ob er Mitglied meiner Boxmannschaft werden könne.

»Klar«, meinte ich. »Es ist eigentlich keine Mannschaft, sondern nur ein Haufen junger Leute, die gern boxen. Hast du es schon einmal versucht?«

Er nickte. »Ja, Sir. Bevor wir hierher übersiedelt sind, habe ich in St. Louis sehr oft geboxt.« Er sprach sorgfältig, als wäre er ein Kind, das den Ghettoakzent ablegen will. »Ich habe gehofft, dass Sie mir während der nächsten Monate genug beibringen können, damit ich am Turnier um die Goldenen Handschuhe teilnehmen kann.«

»Wir werden sehen, was wir tun können. Ich muss dir aber sagen, dass ich kein richtiger Boxtrainer bin. Ich unterrichte an der High School Turnen und habe seit dem College keinen Wettkampf mehr ausgetragen.«

»Das ist okay. Mein letzter Trainer war ebenfalls kein Profi.«

»Schön. Ich wollte nur, dass du es weißt.« Ich warf einen Blick auf die Uhr und fuhr fort: »Einige der Jungen werden bald zum Sparring kommen. Wenn du mitmachen willst, bist du willkommen.«

»Ja, Sir, danke.«

Allmählich trudelten weitere acht Jungen ein. Ich schlug ihnen vor, ihre Aufwärmübungen allein zu machen; erstens ist das für mich einfacher, zweitens wollte ich Ernie beobachten. Er hatte zweifellos gute Trainer gehabt. Er kannte alle Standard-Übungen und außerdem zwei, die ich noch nie gesehen hatte, die ich aber bei näherer Überlegung für vernünftig hielt. Er war offensichtlich auch gut in Form, und ich hatte den Eindruck, dass er es nicht erwarten konnte, im Ring zu stehen. Das machte mir ein bisschen Sorgen. Nicht deshalb, weil er schwarz war; drei meiner zwölf Boxer waren Schwarze und das hatte nie zu Problemen geführt. Aber Ernie war heute der kleinste unter den Anwesenden und um fünf bis fünfundzwanzig Kilo leichter als die anderen, und ich wollte nicht, dass er am ersten Tag überfahren wurde. Ich hoffte, dass er das einsehen und so vernünftig sein würde, auf den Ring zu verzichten.

Ernie bemerkte es entweder nicht, was schlecht ist, oder es war ihm gleichgültig, was noch schlechter ist, denn als Ray und Hal mit ihrem Sparring fertig waren, bat er um eine Runde im Ring. Ich hätte am liebsten nein gesagt, aber ich hatte es ihm sozusagen schon versprochen und konnte es nicht mehr rückgängig machen. Der einzige Junge, der in der Größe halbwegs zu ihm passte, war Chuck, der noch immer um fünf Kilogramm schwerer und etliche Zentimeter größer war. Aber da war nichts zu machen, also setzten die beiden den Kopfschutz auf, zogen die übergroßen Übungshandschuhe an und stiegen zusammen in den Ring. Ich hielt den Atem an und läutete die Glocke.

Ernie erledigte ihn. Ich meine, gänzlich.

Es war der seltsamste Kampf, den ich je gesehen hatte. Ernie wirkte nicht besonders schnell, aber während jedes Schlags kam dieser merkwürdige kleine Ruck, und plötzlich war die Faust hinter Chucks Deckung und prallte von seinem Kopf ab. Von fünf Schlägen landeten mindestens drei, was für jemand so guten wie Chuck lächerlich war. Dazu kam, dass Chucks Schläge ausschließlich danebengingen, denn Ernies Ruck brachte nicht nur seine Faust nach vorn, sondern auch seinen Kopf nach hinten.

Chuck wurde im Lauf der zweiten Runde allmählich klar, was los war, und er legte alles hinein, was er hatte, so dass ich den Kampf abbrechen musste. Aber ich hatte genug gesehen. Ich hatte mit Ernie einen echten Anwärter auf die Goldenen Handschuhe vor mir.

Es dauerte eine Weile, bis die übrigen es begriffen, und danach noch eine Weile, bis sie erfassten, was es für das Prestige der Stadt bedeuten würde, aber irgendwann kapierten sie es und von da an gehörte Ernie zur Gang. Am Ende des Trainings verkündete Chuck, dass alle zusammengelegt hatten, um Ernie auf einen Drink im Drugstore einzuladen, und sie marschierten gemeinsam davon. Ich ging nach Hause und erschreckte meine Frau mit der Mitteilung, dass wir zum Dinner ausgingen.

Die nächsten Wochen vergingen schnell, was erstaunlich ist, wenn ich bedenke, wie viel Arbeit ich während dieser Zeit leistete. Bis auf die zwei Wochen zwischen der Sommerschule und dem Herbstsemester nahmen die Turnstunden in der High School einen großen Teil meiner Zeit in Anspruch. Ernie hatte ebenfalls sehr viel zu lernen, so dass wir nicht so häufig trainierten wie vorher. Aber jede Minute, in der ich Ernie und zumindest einen weiteren Jungen in den Ring bringen konnte, verbrachte ich im Club. Eine Zeitlang befürchtete ich, dass ich durch die Arbeit mit Ernie die übrigen Jungs vernachlässigte, aber Ray erklärte mir, dass ich ihnen jetzt, wo ich in Schwung war, beim Training mehr beibrachte als je zuvor. Seit dem Tag in meiner Collegezeit, an dem ich mir das Handgelenk brach und aus der Boxmannschaft ausscheiden musste, hatte ich mir gewünscht, einmal mit jemandem zu arbeiten, der das Zeug zu einem Champion hatte. Wahrscheinlich war meine Begeisterung außer Kontrolle geraten.

Und allmählich lernte ich Ernie kennen.

Er war das letzte von fünf Kindern und war im Ghetto von St. Louis aufgewachsen. Sein Vater verdiente nicht sehr viel, aber Mister Lambert hatte offensichtlich einen Großteil seiner Zeit dazu verwendet, seine Kinder zu erziehen, denn Ernie war wesentlich besser angepasst als eine Menge reicher Jugendlicher, die ich kenne. Er war in Bezug auf Größe und Körperbau normaler Durchschnitt, wirkte irgendwie unscheinbar und trug die Haare kurz geschnitten statt in einem Afro-Look. Er sprach leise und höflich, und obwohl ich ihm endlich abgewöhnte, mich >Sir< zu nennen, sagte er nie >Ron< zu mir, wie es einige der anderen taten. Für ihn war ich immer >Boss< oder >Boss Morrissey<.

Außerdem hatte er Grips, vor allem in Mathematik und Wirtschaftskunde. Seine Lehrer sagten mir, dass er in diesen Fächern lauter Sehr gut bekommen würde, wenn er nicht dauernd im Club steckte. Das beunruhigte mich ein wenig, aber schließlich war es meine Pflicht, das Talent des Jungen zu fördern. Jedenfalls redete ich mir das ein.

Etwa anderthalb Monate, nachdem Ernie in die Stadt gekommen war, ergab sich für uns ein echter Glücksfall. Eine der Banken im Ort sperrte wegen Umbaus zu, und ich überredete sie dazu, mir für einige Tage eine ihrer Videokameras zu leihen. Ich stellte sie im Club auf und verkündete den Jungen, dass sie sich jetzt genau wie die Profis ihre eigenen Kämpfe ansehen konnten.

Alle waren begeistert. Das heißt, alle bis auf Ernie. Er war irgendwie nervös und sah immer wieder zur Kamera, während die anderen sparrten. Und als er in den Ring kam, wurde er zum ersten Mal, seit ich ihn kannte, zusammengeschlagen. Sein Timing versagte vollkommen und der blitzschnelle Ruck war weg. Ich musste den Kampf nach zwei Runden abbrechen. Ernie wollte nichts dazu sagen, außer, dass ihn die Kamera wahrscheinlich nervös gemacht hatte.

Nach vier Tagen bekam die Bank die Kamera zurück und Ernie wurde im Ring wieder zu Dynamit. Aber es machte mich verdammt wütend. Ernie war gut, klar, aber er war noch nicht perfekt, und ich wusste einfach, dass es ihm helfen würde, wenn er sich im Film in Aktion sah. Wirklich in Aktion, nicht die miese Show, die er vor der Kamera abgezogen hatte.

Es machte mich schließlich so wütend, dass ich etwas unternahm. Die Videokamera befand sich wieder in der Bank, aber ich besaß eine alte Schmalfilmkamera. Ich nahm sie in den Club mit und brachte sie so an, dass man sie vom Ring aus weder sah noch hörte. Wenn Ernie nichts davon wusste, konnte er nicht nervös werden.

Tatsächlich war Ernie am nächsten Tag im Ring genauso gut wie immer. Sobald alle fort waren, nahm ich den Film heraus und rannte damit nach Hause. Ich schlang das Abendessen hinunter - Diane beschwerte sich darüber -, ging in den Keller und entwickelte den Film.

Er war sehr gut geworden. Die Kamera war dem Ring so nahe gewesen, dass die Boxer manchmal aus ihrer Reichweite gerieten, aber es gab auch einige sehr deutliche Sequenzen. Ernies blitzschneller Schlag war bestens zu sehen, genau wie einige Male sein schnelles Wegtauchen und seine Seitschritte. Mein Projektor war ein teures Modell, ein Geschenk der Schwiegereltern, und hatte drei Geschwindigkeiten und sogar einen Einzelbildbetrachter. Nachdem ich alles, was Ernie konnte, ein paar Mal gesehen hatte, ließ ich den Film zurücklaufen und sah mir dann einen seiner blitzschnellen Schläge in Zeitlupe an.

Es sah nicht viel anders aus. Der komische kleine Ruck mitten im Schlag war noch immer da und genauso unmöglich zu beobachten wie bei normaler Geschwindigkeit. Auch die langsamste Zeitlupe nützte nichts.

Das war seltsam.

Jetzt war ich neugierig geworden. Ich spulte die Rolle händisch ab und hielt den Film vor dem Ruck an. Ich prägte mir genau ein, wo sich Ernies Faust im Verhältnis zum Hintergrund befand und bewegte dann den Film um ein Bild weiter.

Die Faust hatte sich zweifellos bewegt. Aber das tat sie auf jedem Bild. Natürlich. Was für einen Ruck sah ich dann? Ich zerbrach mir einige Minuten lang den Kopf über die beiden Bilder, dann hatte ich's.

Ernies ganzer Körper hatte sich ein wenig nach vorn bewegt. Sein ganzer Körper, sogar seine Füße, die so aussahen, als stünden sie fest auf dem Boden.

Das kam mir etwas merkwürdig vor, weil man sich nur nach vorn bewegen kann, wenn die Füße auf dem Boden bleiben und man sich mit ihnen abstößt. Anscheinend übersah ich etwas, also sah ich mir alle Bilder an, auf denen Ernie wegduckte oder einen Schlag anbrachte. Auf allen war es dasselbe. Auf dem einen Bild war er hier...

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