Der junge Habermas

Eine ideengeschichtliche Untersuchung seines frühen Denkens 1952-1962
 
 
Suhrkamp (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 17. Juni 2019
  • |
  • 521 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-518-76194-6 (ISBN)
 

Roman Yos' preisgekrönte Untersuchung über die Ursprünge eines der einflussreichsten Werke der jüngeren Geistesgeschichte zeigt auf originelle Weise, wie Jürgen Habermas seine bereits in jungen Jahren ausgeprägten philosophisch-politischen Denkmotive allmählich in die Bahnen eines tragfähigen Systems überführte. Diese Entwicklung lässt sich als ein Lernprozess begreifen, in dessen Verlauf konträre intellektuelle Einflüsse aufeinandertrafen und der aufwändigen Vermittlung bedurften. Yos rekonstruiert die spannungsreiche Entstehung von Habermas' Denken aus dem Zusammenhang frühester Schriften und gibt zugleich einen Einblick in deren zeit- und ideengeschichtliche Hintergründe.

Originalausgabe
  • Deutsch
  • Berlin
  • |
  • Deutschland
Suhrkamp
  • 1,96 MB
978-3-518-76194-6 (9783518761946)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Roman Yos ist promovierter Philosoph und arbeitet gegenwärtig als Lektor in den Bereichen Philosophie und Sozialwissenschaften.

9Einleitung


Jürgen Habermas eilt der Ruf eines Klassikers voraus - und dies schon seit geraumer Zeit. Längst genießt sein Werk weltweite Anerkennung und wird - wie es sich für einen Klassiker gehört - in beinahe jedem seiner Wirkungsbereiche kritisch diskutiert. Klassisch dürfte indessen auch die Rolle sein, die Habermas als politischer Intellektueller quasi in persona verkörpert und in der er abseits des Katheders gern polemischere Töne anschlägt.[1] Als kritischer Beobachter und Kommentator des politischen Zeitgeschehens betätigt sich Habermas seit mehr als einem halben Jahrhundert mit anhaltender Regelmäßigkeit. Dabei hat er zumeist Themen aufgegriffen, die in irgendeiner Weise die Mentalitätsgeschichte der Bundesrepublik und des wiedervereinigten Deutschlands berühren. Wann immer es um den Zustand nationaler Befindlichkeiten oder um die Gegenwart und Zukunft Europas schlecht bestellt schien, durfte man mit seiner öffentlichkeitswirksamen Wortmeldung rechnen. Und kaum ein anderer aus der Generation der sogenannten »45er« hat dabei so sehr auf die Perspektive kritischer Distanz gesetzt.[2] Doch 10unabhängig davon, wie man sich zum Anliegen seiner jeweiligen Interventionen auch stellen mag: Der Ausdruck vom »avantgardistischen Spürsinn für Relevanzen«, den Habermas im Rahmen seiner eigenen Betrachtungen zur Figur des Intellektuellen geprägt hat, vermag seine eigene Rolle durchaus treffsicher zu bezeichnen.[3] Dass es demokratischen Fortschritt nur unter der Bedingung öffentlich austragbarer Diskussionen über die Belange von Politik und Kultur geben könne, hat Habermas immer auch mit Tuchfühlung zur Tagespolitik geltend zu machen versucht. Dies gilt im Besonderen für die Auseinandersetzung um vergangenheitspolitische Themen. Dass Habermas sich mit der Forderung, derartige Kontroversen öffentlich zu führen, vor allem im nationalen Kontext nicht nur Freunde gemacht hat, ist kein Geheimnis. Im Rückblick auf die zahlreichen Stationen seines Engagements als streitbarer Intellektueller sind die jeweiligen Gegnerschaften nur zu gut belegbar: so im Zuge seiner frühen Heidegger-Kritik oder angesichts der skeptischen Haltung zur 68er-Studenten-Revolte, ebenso im Umfeld der konservativen »Tendenzwende«-Politik oder im Zuge des Historikerstreits sowie ferner im Streit um die NATO-Bombardierung Ex-Jugoslawiens oder um das Berliner Holocaust-Mahnmal, um hier nur einige wenige dieser Stationen kurz ins Gedächtnis zu rufen. Vieles spricht dafür, dass Habermas jenes Bild des politischen Intellektuellen, das nun im Kielwasser einer im Wandel begriffenen Medienlandschaft allmählich verblasst, in entscheidender Weise mitzuprägen vermocht hat.[4] So wäre es denn auch mehr als fahrläs11sig, den Rahmen einer Intellektuellen-Geschichte der Bundesrepublik abzustecken, ohne auf Habermas als einen ihrer maßgeblichen Akteure Bezug zu nehmen.[5]

Nimmt man demgegenüber Habermas' vielschichtiges Werk und dessen in der Breite keineswegs leicht zu überblickende Rezeption in Augenschein,[6] so ergibt sich ein etwas anderes, für einen 12Klassiker vergleichsweise schwer zu entzifferndes Bild, das sich auch in der Wirkung seiner zentralen Bücher spiegelt. Während sich sein frühestes Buch Strukturwandel der Öffentlichkeit, das im Laufe der Jahrzehnte zu einem Klassiker der Sozialwissenschaften geworden ist, anhaltender Nachfrage erfreut, scheint es um die Tiefenwirkung der Theorie des kommunikativen Handelns weitaus schlechter bestellt zu sein, als der in den sozialwissenschaftlichen Sprachhaushalt eingegangene Titel vermuten lässt.[7] Schon weil eine disziplinäre Zuordnung des zweibändigen Hauptwerkes schwierig ist, da es weder allein Philosophie noch allein Soziologie oder aber bloße Strukturanalyse der Gesamtgesellschaft zu sein beansprucht, gilt es - selbst in Fachkreisen - als schwer zugänglich. Aber auch Habermas' politische Theorie, die ihre reife Gestalt erst in den 1990er Jahren angenommen hat und vielerorts diskutiert wird, wird bevorzugt ohne den zuvor in der Theorie des kommunikativen Handelns und den Schriften zur Diskursethik entwickelten philosophischen und gesellschaftstheoretischen Unterbau rezipiert.[8] Im Ergebnis führt dies oftmals dazu, dass kritische Einwände, mitunter aber auch wohlmeinende Referate auf einem Niveau operieren, auf dem der kritisierte (oder auch nur referierte) Gegenstand kaum hinreichend transparent wird.

Dazu kommt, dass im Windschatten schul- oder theoriepolitischer Auseinandersetzungen, wie sie bis zum heutigen Tage etwa 13im Gefolge jener Erbschaftsstreitigkeiten der Kritischen Theorie[9] zu finden sind, ein Rezeptionsklima entstanden ist, das nachgerade dazu einlädt, die Errungenschaften eines herausragenden Lebenswerkes, das sich im Laufe der Zeit über weite Strecken schneller gewandelt hat, als so mancher Interpret hat nachvollziehen können, voreilig abzuschreiben.[10] Wenn es demnach in den Jahrzehnten zwischen dem Kriegsende und dem Fall der Berliner Mauer tatsächlich so etwas wie eine verstärkte Nachfrage nach Theorie gegeben haben sollte, dann rangiert die Habermas'sche meilenweit hinter solch generationsverbindenden Theorie- und Leseerfahrungen, wie sie auch heute noch durch die Schriften Adornos oder Foucaults ausgelöst werden.[11] Selbst die im Jahr 2009 erschienene fünfbändige Studienausgabe Philosophische Texte, die wohl auch als eine Reaktion des Autors auf die geschilderte Rezeptionslage zu werten ist, konnte an dem Ruf eines schwer begehbaren Theoriegebäudes nur wenig ändern. Abgesehen von der Vielzahl einführender Darstellungen, die sich mit dem Gesamtwerk von Habermas beschäftigen und sich - ganz gleich, ob im deutsch- oder englischsprachigen Raum entstanden - überwiegend damit begnügen, hinlänglich Bekanntes erneut aufzufädeln, existieren auf dem Gebiet theoriegeschichtlicher Rekonstruktion kaum mehr als eine Handvoll Monographien, die im engeren Sinne als Forschungsbeiträge zu betrachten sind.[12] Schwerlich ließe sich angesichts dessen behaupten, es gäbe - wie bei Klassikern ansonsten üblich - eine gewisse Anzahl miteinander konkurrierender Deutungen über das Habermas'sche Werk (nicht einzelne seiner Aspekte). Gemessen an der schieren Menge der Veröffentlichungen, die sich mit dem facettenreichen Schrifttum von Habermas auseinandersetzen, mag dieser Befund gewiss erstaunen. Andererseits könnte die Übermenge und die damit einhergehende Unübersichtlichkeit gerade ein Grund dafür sein, dass eine Rezeption - auch nur der wichtigsten Studien - gar nicht umhinkommt, reduktionistisch zu verfahren. Im Falle von Habermas mag dieses allgemeine Problem nur besonders drastisch zu Buche schlagen. 15Setzt man jedoch - in gut hermeneutischer Tradition - einmal voraus, dass sich ein Besserverstehen systematischer Zusammenhänge durch die Einholung ihres historisch-genetischen Kontextes erreichen lässt, so weist der Befund eines fehlenden Hauptdiskurses - etwa über den Stellenwert des Habermas'schen Gesamtwerks - wohl darauf hin, dass die Theorie in ihrer Genese, das heißt auch in ihren vormaligen Gestalten und revidierten Entwürfen, noch nicht hinreichend durchdrungen wurde.[13]

Die vorliegende Untersuchung zum Denken des »jungen Habermas« möchte diesem Mangel entgegentreten und einen theoriegeschichtlichen Beitrag zur Situierung von Werk und Person leisten. Sie macht es sich zur Aufgabe, die formative Phase des Habermas'schen Denkens zu beleuchten und damit jene Lücke zu schließen, die im breiten Strom der Sekundärliteratur noch immer weit aufklafft. - Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen somit jene Texte, die Jürgen Habermas im Zeitraum zwischen 1952 und 1962 verfasst hat, darunter die Bonner Dissertation über Schelling, die in den Jahren 1952 bis 1954 entstanden ist, sowie die Marburger Habilitationsschrift Strukturwandel der Öffentlichkeit, die Ende 1961 zum Abschluss gebracht und im Jahr darauf - damals noch im Verlag Luchterhand - veröffentlicht wurde. Die im Untertitel meines Buches angegebenen Jahreszahlen markieren somit den im 16Fokus dieser textkritischen Untersuchung stehenden Teilabschnitt des Habermas'schen Denkens. ...

Dateiformat: ePUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat ePUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

25,99 €
inkl. 7% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen