Die Russen kamen mit dem Krieg - Die Vertreibung der kleinen Waise Irma Töpfer aus Schlesien - ROMAN nach wahren Begebenheiten

 
 
Verlag DeBehr
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 10. Februar 2020
  • |
  • 256 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-95753-748-5 (ISBN)
 
Die Mutter war tot, wenig später begrub man auch den Vater. Nun hatte die fünfjährige Irma nur noch ihre beiden älteren Schwestern. Im Mai 1946 dann stand ein Pole mit einem riesigen Messer in der Tür ihres kleinen Hauses: "Alles mitnehmen!" Die Mädchen hatten Todesangst, der Mann war jedoch nur an Haus und Grundstück interessiert. Er brachte sie weg. Jede von ihnen trug einen Beutel Habseligkeiten mit sich. Sie reihten sich in den Strom der Vertriebenen ein, schleppten sich in eine ungewisse Zukunft. Doch dann kamen die Russen und entdeckten Martas Schwester, die 16-jährige Gertrud. Die Warnungen des Vaters vor den russischen Siegern sollten sich auf grausame Weise bewahrheiten. 1940 - Inmitten der Wirren des Krieges kommt die kleine Irma in einem Dorf in Niederschlesien zur Welt. Die Eltern sterben früh, sie und ihre beiden Schwestern werden aus der Heimat vertrieben. Auch nach dem Krieg findet der Schrecken kein Ende. Roman nach wahren Begebenheiten.
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4 - die Vertreibung

Genau in dieser Zeit stand ein großer, starker, behaarter Pole mit einem riesigen Messer in der Tür ihres kleinen Hauses und sprach in gebrochenem Deutsch: "Alles mitnehmen!" Die Angst bei Irma und ihren Geschwistern war riesengroß, dachten sie doch, dass der Tod kommen würde. Doch dem war nicht so. Der Mann war zwar roh, doch nur an Haus und Grundstück interessiert. Er wollte die "deutsche Brut" nur loswerden und brachte sie nach Liegnitz. Drei kleine hilflose Mädchen. Jedes hatte einen Beutel mitgenommen.

Irma nahm noch ein kleines Madonnenbild und das Hochzeitsfoto ihrer Eltern mit. Der Pole trieb sie vor sich her, an ein Fuhrwerk war nicht zu denken und der Weg war für Kinderfüße zu weit und zu beschwerlich. An der Kreuzung zu Liegnitz hielt glücklicherweise ein Heuwagen mit zwei Pferden, der sie nach langer Diskussion mit dem Polen mitnahm. Irgendwie, erinnerte sich Irma, hörte sie immer noch Worte wie "germansky, deutsch, müssen weg". Noch später spürte Irma die Angst vor den Polen und Russen. Der Vater hatte vor den Russen immer gewarnt und in schlimmsten Bildern gemalt, was die Russen taten. Alles begriff Irma damals nicht, aber es musste etwas Schlimmes gewesen sein. Ein paar Kilometer vor Liegnitz ließ der Pole sie an einer Wegkreuzung absitzen und allein weiterlaufen. Es war schon sehr spät und dunkel. Sie waren sich einig, dass sie in dem kleinen Wäldchen, vorn an der Straße, sicherlich ein Plätzchen zum Schlafen finden würden. Das Wäldchen war nicht sehr groß, vielleicht 250 m im Quadrat. Ein kleiner Weg führte von der Straße direkt in das Wäldchen hinein. Als sie in der Mitte des Wäldchens ankamen, fanden sie eine kleine Lichtung, und genau hier schlugen sie ihr Lager auf. Der Mond stand schon hoch am Himmel. Es war Vollmond. Ihre Taschen dienten als Kopfkissen, die Mäntel waren ihre Decken. Und in Begleitung von Hunger und Durst schliefen sie ein. Der nächste Tag weckte sie mit lautem Geschrei und Gebrüll. Noch jetzt zuckte Irma zusammen, wenn sie nur daran dachte. Alles war so plastisch. Tränen traten ihr in die Augen. Die traurige Erkenntnis, nichts getan zu haben oder nichts tun zu können. Nur noch Hilflosigkeit, denn das Schlimmste, was sie sich vorstellen konnte, war passiert.

Um sie herum standen Russen, auf der Straße nach Liegnitz marschierten Kolonnen russischer Soldaten mit Panjewagen, Haubitzen, LKW und Panzern. Der Lärm war jetzt ohrenbetäubend. Warum war es ihnen nicht aufgefallen? Sie schliefen wahrscheinlich wie betäubt, vollkommen überlastet. Irma erinnerte sich, dass ihr die Haare zu Berge standen, die blanke Angst und das blanke Entsetzen steuerten jetzt auf einmal ihr noch kurzes Leben. Irma war klar, dass sie gleich sterben würde. Fünf Männer in verschlissener Kleidung, nach Machorka riechend, standen vor Ihnen. Irma weckte die anderen, die genauso entsetzt waren, wie sie selber. Die Mädchen rückten eng zusammen, um sich zu schützen. Die Männer hatten Fußlappen an, sahen ungewaschen aus, manche trugen Verbände von Verwundungen. Woher die Männer kamen, das wussten sie nicht. Aber es waren die gefürchteten Russen. Irma sah vor sich wilde Männer mit geilen Blicken, doch diese Blicke galten nicht ihr, auch nicht Gerda, sondern nur Gertrud.

Gertrud mit ihren sechzehn Jahren begann sich zu entwickeln, im Leben die beste Zeit schrittweise erwachsen zu werden, sich selbst auf das andere Geschlecht aufmerksam zu machen, mit Jungen zu flirten und erste Erfahrungen in der Liebe zu sammeln. Langsam und Schritt für Schritt.

Doch so verlief das Leben an diesem Tag im Nachkriegsjahr nicht. Gierig betrachteten die Männer Gertrud mit Ihren sich abzeichnenden Brüsten unter der Bluse, den Rock, vom Schlafen etwas hochgerutscht, und ihre vermeintlichen sinnlichen Lippen. Zwei der Männer zogen Gertrud hoch und fingen an, sie anzufassen, wir anderen zwei schrien so gut es ging. Die Männer lachten nur und machten anzügliche Gesten, die Irma damals nicht verstand. Gertrud stand da wie gelähmt und konnte nichts sagen. Gertrud dachte, sie stürbe, die Scham im Gesicht. Schnell zogen die zwei Männer Gertrud von ihnen weg. Die Schwestern wollten hinterher, aber die anderen Männer hielten sie fest. Irma bekam noch heute Brechreiz, wenn sie an den Geruch nach Machorka, ungewaschenen Männerkörpern und billigem Wodka dachte. Auch wenn Karl betrunken zu ihr kam, ging nichts mehr. Sofort war die Situation wieder da.

Gertrud fing an, um Gnade zu flehen und ging auf die Knie. Das interessierte die Männer jedoch nicht im Mindesten, sie zogen ihre "Beute" ins benachbarte Unterholz. Irma wollte nur, dass alles aufhörte, das Knacken des Holzes, das Schreien von Gertrud, die brünstigen Schreie der Männer, die vor Geilheit triefende Blicke der anderen Bewacher. Irma hielt sich die Ohren zu, die Augen fest geschlossen, um alles draußen zu lassen. Die Mädchen weinten, Gertrud ließ die Stöße über sich ergehen ohne Gegenwehr. Irgendwann, irgendwie musste es aufhören. Aber es hörte nicht auf, drei Männer ergossen sich in ihr mit ihrem schmutzigen Samen, schlugen sie, wenn sie sich doch wehrte. Ihr Gesicht war tränenverschmiert. Es hört nie auf, davon war Irma überzeugt, diese Tortur vernichtete ihr Kindsein. Das Grundvertrauen war verschwunden, nicht mehr existent. Auch später sollte ihr diese Erfahrung noch das Leben schwermachen. Dann Schüsse in die Luft, vor Ihnen stand ein russischer Unteroffizier mit einem dieser typischen Maschinengewehre vom Typ PPSh 41 mit dem Trommelmagazin in der Hand. Der Unteroffizier rief russische Worte, die Irma nicht verstand.

Die Männer maulten, doch der Unteroffizier schoss wiederholt in die Luft. Dann zogen sich die Männer, die Gertrud vergewaltigt hatten, an und standen auf. Sie ließen Gertrud liegen.

Wer war schuld an allem, waren Irma, Gerda oder Gertrud Schuld an dem, was ihnen passierte? Waren sie Schuld am Krieg? Vielleicht auch am Elend der russischen Soldaten, weit weg von ihrem zu Hause, von ihren Familien? Oder gab es keine Familie mehr? Waren Kinder, Frauen, Verliebte und Großeltern tot? Rache? Sie ließen Gertrud liegen wie ein Stück Dreck, benutzt, abgearbeitet, die Triebe der Männer befriedigt. Gertrud schwer innerlich verletzt, innerlich war körperlich und auch psychisch. Der Unteroffizier und seine Männer zogen ab, sich gegenseitig noch für die Vergewaltigung lobend und auf die Schulter schlagend. Als wäre nichts passiert, marschierten sie mit dem nächsten Tross und verschwanden binnen Minuten in der Ferne. Keine Bestrafung, kein zur Verantwortung ziehen, es war eben passiert in diesem großen Krieg und sie waren eben ein Stück Beute, bereit genommen zu werden. Das Recht der Sieger. Wann und wo war egal. Hier war Irma noch unbegreiflich, was später passieren könnte, schwanger werden zu können. Irma wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, was das bedeutete. Ein Kind, russischer Bastard, nicht gewollt. Die Russen waren verschwunden, einfach weg. Stille, überall Stille, Vögel zwitscherten, ein Eichhörnchen sprang von Baum zu Baum, ahnungslos dessen, was gerade passiert war, vollkommen uninteressiert. Eine uninteressierte Welt, nur Opfer.

Täter war später keiner mehr, über russische Täter durfte nicht gesprochen werden. Genau so wenig wie über alles, was mit Vertreibung zu tun hatte. Klar, jetzt bekam sie vom Staat einmalig viertausend Euro, Karl nicht, der war ja von hier, aber das wiegt doch nichts auf. Es war komisch, aber sie konnte sich später nicht daran erinnern, dass Vertreibung in der DDR ein offizielles Thema war. Und wenn es um Vertreibung ging, dann hieß es immer nur, das sind die Revanchisten aus dem Westen, die Landsmannschaften aus Schlesien, Pommern oder Sudetendeutsche. Doch wo blieb ihre Heimat, wo blieb ihre eigene Geschichte, die sie doch selbst erlebt hatte? Die konnte man ihr doch nicht mehr wegnehmen, die war doch in ihrem Kopf lebendig gespeichert. Einmal gab es früher solch einen Film, der hieß "Wege übers Land" mit Ursula Karrusseit. Kein schlechter Film, aber auch hier kamen die Russen zu gut weg, dachte sie. Irma lachte in sich hinein, wenn sie noch an das Lied von dem Polizisten im Film dachte, irgendetwas so wie "Zieht euch warm an, die Grippe greift den Darm an" oder so. Es ist schon erstaunlich, dass man sich an vieles Nebensächliches erinnert, aber an große Dinge nur noch schemenhaft oder gar nicht.

Gerda versuchte, mit gutturalen Rufen Gertrud anzusprechen und lief zu ihr hin. Doch was sie sahen, ließ ihre Tränen fließen, Auf der kleinen Lichtung lag Gertrud, den Mantel aufgeschlagen, den Rock über Ihre Oberschenkel geschoben, der Schlüpfer zerrissen am Gelenk des rechten Fußes, verschmutzt und blutig. Ihre Beine gespreizt in der Mitte alles blutig. Sie riefen: Gertrud! Gertrud! Doch Gertrud rührte sich nicht, sie lag auf der Lichtung.

Verliebte liegen auch im Gras und beobachten die Wolken und das Blätterdach des Waldes, Gertrud war weit weg, nicht mehr da, nicht tot und nicht lebendig. Dinge erleben, erdulden, hinnehmen, sich damit arrangieren, um weiterleben zu können, zu müssen. Gertrud war die Größte, die Älteste, sie musste sie doch führen und retten, da war Verantwortung und die trieb Gertrud zurück ins Leben. Irma erinnerte sich, wie sie alle drei auf der Lichtung standen, sich umklammerten und weinten, sie hörten nicht auf und doch ging das Leben weiter, Vögel zwitscherten und Eichhörnchen hüpften durch die Bäume, das grüne Gras auf der Lichtung wiegte sich im Wind. Die Wolken zogen ihren Weg wie jeden Tag, jede Stunde, jede Minute und Sekunde, eben nur ein kleiner unwichtiger Flügelschlag des Lebens. Und doch musste es...

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