Feder im Sturm

Meine Kindheit in China
 
 
Hoffmann & Campe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 22. Juli 2013
  • |
  • 398 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-85096-3 (ISBN)
 
Ein ergreifendes Zeitdokument - mitreißend, aufwühlend und spannend bis zur letzten Zeile.
Mit Fantasie, Improvisationstalent und großem Glück gelingt es der jungen Emily Wu, in den Wirren von Maos großer Kulturrevolution zu überleben. Eine berührende Geschichte von Mut, Leidenschaft und der Liebe zum Leben.
Als Tochter eines Amerikanistik-Professors im China der Kulturrevolution muss die junge Emily Wu Unvorstellbares erleben - die ganze Familie ist Demütigungen und Schikanen ausgesetzt, die Welt um sie herum versinkt im Chaos. Und trotzdem: Mit äußerster Standhaftigkeit, Würde und Erfin-dungsreichtum gelingt es dem Mädchen auf wundersame Weise, sich dem Schicksal entgegenzustellen. Mal vertreibt sie sich und anderen Kindern die Nöte mit Märchen und Geschichten, die sie von ihrem Vater hörte, mal führt ihr einnehmendes Wesen zu einer plötzlichen Wendung der Ereig-nisse. Am Ende geht sie als gereifte Frau aus dem dramatischen Geschehen hervor - und einer ersten Liebe entgegen. "Ich hoffe, dass meine Biografie Mahnung und Erinnerung an all die Kinder ist, die im Chaos untergingen." Emily Wu
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 4,00 MB
978-3-455-85096-3 (9783455850963)
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Kapitel 10


Die Schwester brachte mich in ein kleines Vierbettzimmer im ersten Stock. Während sie mich in eins der Betten steckte und eine Decke über mich breitete, starrten mich die drei Mädchen in den anderen Betten an und tuschelten miteinander.

Der Arzt teilte der Schwester mit, dass ich mich im vierten Stadium der Krankheit befände. »Hoffentlich können wir sie noch retten.«

Bei meiner Einlieferung ins Krankenhaus konnte ich kaum noch sprechen oder feste Nahrung schlucken. Zwei Wochen lang wurde ich intravenös ernährt. Tag für Tag nahm man Untersuchungen an mir vor, gab mir Spritzen, Pulver und Pillen. Ich nahm die Medikamente streng nach Anweisung, und allmählich kehrten meine Kraft, mein Appetit und meine Stimme zurück.

Wenn die Infusionsflasche leer war, konnte ich mir die Nadel aus dem Arm ziehen, ohne dass es wehtat. Die anderen Mädchen im Zimmer, die Angst vor Spritzen hatten, staunten, wenn ich mir mit unbewegter Miene die Nadel entfernte. Manchmal musste ich lächeln, wenn ich sah, wie sie mich ungläubig angafften. Sie kamen zu dem Schluss, dass ich entweder höchst tapfer oder völlig unempfindlich sein musste. Ich genoss es, wenn sie sich um mein Bett scharten und mit ansahen, wie ich geschickt eine Arbeit verrichtete, die eigentlich Ärzten und Krankenschwestern vorbehalten war.

Nach zwei Wochen nahm ich erstmals wieder feste Nahrung zu mir. Kurz darauf konnte ich auch allein aufstehen und zur Toilette gehen. Die Schwestern nannten mich »kleine Katze«, weil ich das kleinste Kind im Krankenhaus sei, völlig geräuschlos herumtappte und mein Name wie das hochchinesische Wort für »Katze« klang.

Das gefiel mir, denn die Ärzte und Schwestern machten daraus einen Kosenamen. Immer wenn jemand von ihnen ins Zimmer kam, hieß es: »Wie geht’s unserer kleinen Katze heute?« Und ich antwortete mit einem leisen »Miau.«

Besuche waren nur sonntags erlaubt. Mama und Papa besuchten mich abwechselnd und bemühten sich stets, mir etwas Besonderes mitzubringen. Einmal hat mir Mama eine Packung der beliebten Hefei-Hong-Kekse gekauft, die sehr lecker und knusprig waren. Ich probierte einen und fand ihn unwiderstehlich. Am liebsten hätte ich alle auf einmal verschlungen, doch Mama meinte, ich solle mir die anderen für die nächsten Tage aufsparen. Das versprach ich ihr. Aber kaum hatte sie sich verabschiedet, konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, doch noch einen Keks zu essen.

Gerade als ich einen aus der Schachtel nehmen wollte, kam eine Schwester herein und steckte mir ein Fieberthermometer in den Mund. Kaum war sie weg, nahm ich den Keks und wollte trotz des Thermometers im Mund ein Stück davon abbeißen. Dabei brach das Thermometer entzwei. Hastig versuchte ich mir die Glasscherben aus dem Mund zu pulen und spuckte Keks, Glas und Quecksilber auf den Boden. Die anderen Mädchen riefen um Hilfe. Als die Schwester hörte, was passiert war, beunruhigte sie das mehr als mich.

Nachdem sie mir die Glasstückchen und das Quecksilber aus dem Mund geholt und sich vergewissert hatte, dass ich nichts davon geschluckt hatte, meinte die Schwester im Spaß zu den anderen Mädchen, sie müssten besser auf mich aufpassen, denn ich sei so ausgehungert, dass ich sogar Fieberthermometer aufäße. »Du bist eine ungewöhnliche kleine Katze«, sagte sie. »Du ziehst dir selbst die Nadeln raus, isst Thermometer und hast ständig Hunger.«

Darauf antwortete ich natürlich mit meinem üblichen »Miau«.

Sobald ich in der Lage war, auf der Station herumzugehen, freundete ich mich auch mit einigen erwachsenen Patienten an. Sie freuten sich, mich zu sehen, schenkten mir manchmal etwas und erzählten mir Geschichten. Bei meinen Streifzügen durchs Krankenhaus stellte ich fest, dass es unglaublich schmutzig war, genau wie mein Zimmer. Immer wenn ich ein Tablett oder ein Handtuch hochhob, huschten Kakerlaken darunter hervor. Doch die Kakerlaken machten mir weniger Angst als die Ratten, die in der Dunkelheit herauskamen. Einmal weckten mich spät in der Nacht entsetzte Schreie der anderen Mädchen. Ich schrak hoch und sah, wie sich die drei in einem Bett zusammenkauerten und dabei die Decken fast bis über den Kopf zogen. Sie deuteten zum anderen Ende des Zimmers, wo ich im Mondlicht etwa zwanzig fette Ratten wie in Reih und Glied an der Wand entlang und zur Tür hinausspazieren sah. Sie waren so frech, dass sie sich nicht einmal von dem Gekreische irritieren ließen. Mit militärischer Exaktheit paradierten sie vorbei, jede hielt ein paar Zentimeter Abstand zu ihrem Vordermann. Sie schienen sich hier wie zu Hause zu fühlen – so als wären nicht sie, sondern wir die Eindringlinge.

»Habt keine Angst«, beruhigte ich die Mädchen. »Das sind nur Ratten. Wenn man sie in Ruhe lässt, tun sie einem nichts. In unserem Keller in Tianjin hat es nur so davon gewimmelt.«

»Du hast natürlich keine Angst«, meinte eines der älteren Mädchen. »Du bist ja eine kleine Katze, und Katzen fürchten sich nicht vor Ratten.«

»Stimmt«, sagte ich und stieß ein lautes Miau in Richtung der Ratten aus. Die Mädchen klammerten sich aneinander und kicherten nervös. Aber nach einigen Augenblicken ließ ihre Angst nach. Alle rutschten ans Fußende des Bettes, beugten sich über das Gitter und miauten, wie ich es ihnen vorgemacht hatte. Unser Katzenquartett wurde zunehmend lauter. Gelegentlich hielt eine Ratte inne und warf einen ärgerlichen Blick in unsere Richtung. Wenn das geschah, erstarrten die anderen Mädchen und verstummten. Ich aber miaute sogar noch lauter. Da die Ratten jedoch nichts Bedrohliches in dem Geräusch erkennen konnten, fuhren sie ungerührt mit ihrem Treiben fort.

Wir blieben noch eine Weile wach für den Fall, dass sie noch einmal auftauchten. Was sie auch taten. Dieselbe Bande langschwänziger Nager erschien an der Tür, schleppte Lebensmittelreste und Abfall und zerrte schmutzigen Verbandsstoff hinter sich her. Trotzig durchquerten sie das Zimmer und verschwanden dann in einem Spalt in der Wand.

Ich versuchte, den Mädchen ihre Angst auszureden. Aber wann immer sie die nächtlichen Eindringlinge zu Gesicht bekamen, erschreckten sie sich zu Tode und erklärten, dass ich das Kommando bei der Verteidigung unseres Zimmers übernehmen müsse. Meine Furchtlosigkeit machte ihnen dann stets wieder Mut.

Was mich allerdings während meiner Krankenhauszeit verstörte und noch lange beschäftigen sollte, war die Leiche, die ich an einem warmen Samstagnachmittag erblickte.

Meine Zimmergenossinnen und ich streiften auf unserer Station umher, als wir hektische Bewegungen wahrnahmen, gefolgt von Schreien und Weinen im unteren Stockwerk. Sogleich rannten wir zur Treppe, um zu sehen, was los war. In der Eingangshalle lag ein Mann auf einer Krankenbahre, umringt von Ärzten und Schwestern. Immer wieder pressten sie aufgeregt auf seine Brust, säuberten seinen Mund und brüllten ihn an. Um die Ärzte und Schwestern hatte sich ein weiterer Kreis aus Kindern gebildet, allesamt noch sehr klein, die hysterisch schrien. Um besser sehen zu können, gingen wir ein paar Stufen die Treppe hinunter, bis uns eine Schwester befahl, in unser Zimmer zurückzukehren. Also trippelten wir wieder zum Treppenabsatz hoch, wo wir uns aneinanderkuschelten und hinunterspähten.

Ich sah eine Frau, die ungefähr so alt wie meine Mutter war. Sie weinte und jammerte lauter als alle anderen. Nachdem die Ärzte sich etwa eine Viertelstunde mit dem Mann abgemüht hatten, hielten sie inne und sahen einander kopfschüttelnd an. Dann breiteten sie ein Laken über den Mann. Da kreischten und wehklagten die Frau und die Kinder, und als die Frau die Arme nach dem Mann ausstreckte, wurde sie weggezerrt und fortgebracht. Eine Schwester schob die Bahre mit dem Leichnam aus der Halle.

Später fragten wir eine Schwester, was geschehen war, und sie erzählte uns, dass es in der Nähe des Krankenhauses einen Stausee gab. Dort waren zwei Jungen mit ihrem Vater schwimmen gewesen. In der Staumauer war ein Leck entstanden, und dieses Loch hatte eine starke Unterwasserströmung erzeugt. Als die Kinder in die Nähe des Loches schwammen, wurden sie in die Tiefe gezogen und gegen die Mauer gedrückt. Ihr Vater kam ihnen zu Hilfe und konnte sie retten, war aber zu erschöpft, um sich selbst noch in Sicherheit zu bringen. Der Strudel zerrte ihn zum Leck hinab, und er ertrank.

Es war das erste Mal, dass ich einen Toten sah. Er wirkte ganz friedlich, als ob er schliefe. Und allmählich kam mir auch zu Bewusstsein, wie selbstlos der Mann seine Kinder geliebt haben musste: Er hatte sein Leben für sie geopfert. Als ich die Schwester darüber befragte, erwiderte sie: »Er ist für seine Söhne gestorben.«

Dieses Ereignis ging mir sehr nahe, und noch viele Tage später konnte ich die Stimmen der Kinder hören … der kleinen Jungen und Mädchen, die um ihren ertrunkenen Vater trauerten.

Auch mit meinen Bettnachbarinnen sprach ich darüber. Eine erzählte, nach dem Vorfall habe sie eine Krankenschwester in der Halle sitzen sehen, die vor sich hin geweint hatte. Mir wurde klar, wie hart die Ärzte und Schwestern arbeiteten, um Menschen zu helfen. Nun mochte ich sie noch mehr, sogar den Arzt, der Papa beschimpft hatte. Ich erinnerte mich, dass mir auf unserer Fahrt zum Krankenhaus niemand einen Sitzplatz im Bus angeboten hatte. Mir wurde klar, dass der Zorn des Arztes auf Papa weniger ein Zeichen von Abneigung gewesen war, sondern von seiner Sorge um mein Wohlergehen herrührte. Das war eine neue Erkenntnis für mich. Bald hegten meine Zimmergenossinnen und ich eine tiefe Zuneigung zu den Ärzten und Schwestern, die sich um uns kümmerten. Fast kam es uns vor, als wären wir alle eine Familie. Vielleicht war das der Grund, warum ich mich im Laufe meiner Genesung gar nicht...

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