Gebrauchsanweisung für Barcelona

 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 20. Mai 2015
  • |
  • 160 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-97194-2 (ISBN)
 
Auch wenn sie nicht nur auf dem Fußballfeld mit Madrid konkurriert: Barcelona ist und bleibt die Hauptstadt- von Katalonien! Was macht die Metropole zu Europas Hotspot? Wie traditionell gibt sich Barcelona, wie avantgardistisch; wie katalanisch und wie international? Und wie isst man hier, zwischen grober Hausmannskost und der futuristischen Küche eines Ferran Adrià? Merten Worthmann kennt die einzigartige Dynamik dieser Stadt. Er nimmt uns mit zur Sagrada Familia, ins Barrio Gótico und zum Parc Güell, die Ramblas entlang, durch das pulsierende Nachtleben, zu den »rasenden Teufeln« und all den anderen Festen des Volkes.
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Piper ebooks in Piper Verlag
  • 3,39 MB
978-3-492-97194-2 (9783492971942)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Mittagspausen für Ehebrecher

Auf den ersten Blick macht Barcelona sich ganz schön breit. Vor dem Landeanflug, während das Flugzeug eine letzte Schleife über dem Mittelmeer dreht, sieht man einen langen Streifen Stadt, hingestreckt zwischen dem Wasserspiegel und den Hügeln von Collserola. Aber das ist nicht einfach Barcelona. Der Panoramablick zeigt die katalanische Hauptstadt eingekeilt zwischen Hospitalet de Llobregat im Südwesten und Badalona im Nordosten.

Und da geht es schon los mit der Unschärfe. Man kann die Stadt nicht so einfach vom Umland trennen. Barcelona hat gut 1,5 Millionen Einwohner. Mit den direkt angrenzenden Gemeinden sind es schon 2,2, und im gesamten Einzugsgebiet, der àrea metropolitana, leben etwa 4,2 Millionen Menschen. Es wäre nicht dumm, einen Teil davon einzugemeinden. Aber der Landesregierung wäre das nicht recht. In ganz Katalonien leben ja nicht einmal sieben Millionen Menschen. Wenn davon fast die Hälfte Barceloneser wären, dann wirkte das Land selbst am Ende womöglich nur noch wie eine Art erweiterte Grünfläche um die Hauptstadt herum und man könnte es irgendwann genausogut in Barcelonien umbenennen. Diese Vorstellung gefällt Kataloniens Politikern gar nicht. Denn für sie ist Katalonien zuerst einmal ein stolzes Land, zusammengehalten von einer eigenen nationalen Identität. Barcelona soll dieses Land lieber ordentlich repräsentieren, anstatt sich zu einer Art Staat im Staate auszuwachsen. Auch deshalb werden die Grenzen der Stadt auf absehbare Zeit so bleiben, wie sie sind.

Klar, daß es im Kern um ein Wechselspiel geht: Katalonien wäre ohne Barcelona nie zu einem so markanten und patriotisch geschliffenen Land geworden. Andererseits braucht Barcelona den Traum von Katalonien, um sich überhaupt als Hauptstadt fühlen zu können, als Machtzentrum eines ganzen Volkes. Das eine ist ohne das andere nicht zu haben. Deshalb spreche ich in diesem Buch manchmal von Katalanen und rechne die Barceloneser mit ein, und manchmal spreche ich eher von den Barcelonesern und meine nur sie. Schließt das die Einwanderer mit ein? Das hängt davon ab. Ich bitte, gelegentliche Trennungsunschärfen zu entschuldigen. Man kann das nicht immer alles so leicht auseinanderhalten. Die Barceloneser sind Spanier - aber anders, weil sie Katalanen sind. Die Barceloneser sind also Katalanen - aber sie sind anders, weil sie deren Hauptstädter sind. Andererseits sind viele dieser Hauptstädter keine Katalanen und manche nicht einmal Spanier - sie sind also wieder anders, auch wenn sie die besten Barceloneser sein mögen. Doch bevor wir uns im Abgrenzungsgestrüpp verheddern: Dieses Buch ist zwar eine Gebrauchsanweisung, aber keine mit sauberen Erstens-zweitens-drittens-Schritten, wie man sie von CD-Spielern oder Staubsaugern gewohnt ist. Schließlich benutzt man eine Stadt ja auch anders als ein Haushaltsgerät.

Ich erlaube mir zum Beispiel, ganz ohne Regeln, manche Ausdrücke auf català zu zitieren und andere auf castellano, je nachdem, in welcher der beiden Barceloneser Gebrauchssprachen sie eher zu Hause sind. Aber ich will Sie auch nicht enttäuschen (und verwirren schon gar nicht). Und da ich dieses Kapitel nun schon einmal mit einer groben Orientierung begonnen habe, werde ich einfach noch ein bißchen beim Thema bleiben, ganz konkret werden und schlicht darüber schreiben, wie man sich in Barcelona normalerweise durch die Straßen und durch den Tag bewegt.

Beim Zurechtfinden hilft die leichte Schräglage der Stadt. Da Barcelona vom Mittelmeer aus sanft zu den Hügeln aufsteigt, ist man instinktiv fast immer orientiert. Nur heißen die Koordinaten eben nicht Nord und Süd, sondern mar und muntanya, Meer und Berg. Diese beiden Begriffe werden ganz allgemein und alltäglich gebraucht, um sich (oder zum Beispiel einen bestimmten Laden) zu situieren, wann immer es nötig ist. Oft helfen sie auch bei Verabredungen, vor allem im großen, gleichmäßigen Raster des Eixample oberhalb der Altstadt. Da die Straßenkreuzungen dort nicht so einfach zu überblicken sind, hält man im Zweifelsfall die Ecke fest, an der man sich treffen will: Mar und muntanya geben unten oder oben an, Besos und Llobregat, die Namen der Flüsse beiderseits der Stadt, gelten oft für die übrigen Seiten des Koordinatenkreuzes. So wird auf sympathische Weise das Abstrakte durch das Konkrete ersetzt. Statt auf den Kompaß bezieht man sich auf Landmarken: Berg und Fluß und Meer.

Barcelona ist eine Fußgängerstadt. So heißt es. Und es stimmt auch, aber nur zum Teil. Denn der Autoverkehr fließt trotzdem in breiten Strömen. Nur kommt eben, wer zu Fuß unterwegs ist, auch gut rum. Durch viele Altstadtgassen geht es ohnehin nicht anders. Dabei herrscht glücklicherweise keine falsche Fußgängerzonenromantik. Es ist eng, es ist alt und selten blitzblank. Mitunter wuchert der Sperrmüll, und in manchen Sträßchen kann man riechen, daß nicht alle Kneipenstreuner zum Pinkeln ein Klo aufgesucht haben. Das hat zuletzt eine lebhafte Debatte über fehlenden Bürgersinn und eine zu laxe Haltung der Ordnungs- und Reinigungskräfte ausgelöst. Ich konnte die Aufregung zwar nachvollziehen, würde aber trotzdem eine komplett ausgefegte und hübsch aufgeräumte Altstadt nicht lieber haben wollen.

Übrigens sollte auch, wer die Metro benutzt, um schneller vorwärtszukommen, ein guter Fußgänger sein. Denn wer unterirdisch umsteigt, muß oft zwischen den einzelnen Linien einen kleinen Gewaltmarsch machen, so weit liegen die verschiedenen Bahnsteige auseinander. Unter dem Passeig de Gràcia ist der Verbindungstunnel mehr als 250 Meter lang; allein sein Anblick kann einen spontanen Erschöpfungszustand auslösen. Den Extrametern unter Tage entsprechen auf der Straße die Extraminuten, wenn es ums Warten aufs Taxi geht. Wollen Sie im Ernstfall ruhig Blut bewahren, dann prägen Sie sich am besten folgende goldene Regel ein: Taxis stehen nur zur Verfügung, wenn man sie nicht wirklich braucht. Bei Regen oder bei Nacht dagegen darf man kaum mit ihnen rechnen. Sollte es nachts regnen, dann können Sie eigentlich nur auf den Glücksfall hoffen, daß vor Ihren Augen jemand aus dem Taxi steigt und Sie den Wagen übernehmen können. Andernfalls rauschen die Taxen immer nur besetzt an Ihnen vorbei. Ich habe schon, mit Freunden im Viererverband, sämtliche strategische Ecken einer komplexen Kreuzung unter Kontrolle gehabt (am Spätnachmittag, bei leichtem Nieselregen) und nach zwanzig Minuten Warten beschlossen, besser die umständliche U-Bahn-Umsteigestrecke zu wählen. Und wenn am frühen Samstag- oder Sonntagmorgen die Bar- und Clubbesucher von den Ramblas aus auf die zentrale Plaça de Catalunya vorstoßen, dann müssen sie dort häufig Schlange stehen, um einen jener versprengten Wagen zu ergattern, die es trotz allem, hoffentlich, bis zum Taxistreifen schaffen. Dabei halten es die Fahrer im Grunde nur wie manche andere Berufsgruppe auch: Sie richten ihre Arbeitszeiten eher nach den eigenen Bedürfnissen als nach denen der Kunden aus. Diese Spur Snobismus hat nichts mit besonders fetten Honoraren zu tun, sondern eher mit dem Gegenteil. Der Job bringt ohnehin wenig ein; warum also die Nacht dafür durchmachen? Im übrigen orientiert sich der Tarif auch an der verfahrenen Zeit und nicht nur an den gefahrenen Kilometern, weshalb sich Barcelonas Taxis oft relativ gemütlich durch die Stadt bewegen und es an den Ampeln normalerweise nicht so eilig haben wie die Autos in der Spur nebenan, von den Motorrollern ganz zu schweigen.

Die Ampeldynamik ist fast ein Phänomen für sich. Denn zunächst wird grundsätzlich alles nötige Gas gegeben, um noch jetzt gleich, in dieser Phase durchzukommen - und das Rüberbrettern bei Rot gehört dabei zur alltäglichen Praxis. Wer aber erst einmal in vorderster Front zum Halten gekommen ist, der braucht oft seine Zeit, um wieder anzufahren. Mitunter stehen drei Wagen still vor einer neu ergrünten Ampel, und die Fahrer blicken sonstwohin - bis irgendwann von hinten das Hupen losgeht.

In Barcelona hat mir übrigens wirklich mal jemand gesagt (und zwar ein Künstler und kein Polizist): »Ich schätze die Deutschen sehr. In Ihrem Land bleiben die Menschen noch an den Fußgängerampeln stehen.« Mit diesem Lob hatte ich nicht gerechnet. Von niemandem, und schon gar nicht in Spanien. Aber ich war ja auch nicht in Spanien, sondern in Katalonien. Und die Katalanen haben eben ihre eigene, geneigtere Beziehung zu Disziplin und Ordnung.

Damit kehren wir kurz noch einmal zur Debatte über civisme (Bürgersinn) zurück. In deren Verlauf appellierte der Bürgermeister ausdrücklich an mehr, nun ja, Blasendisziplin. Eine Kneipe oder Bar, so sagte er, habe man zur Schließzeit gefälligst pixat, frisch ausgepinkelt, zu verlassen. Einen Tag später milderte er seine Direktive dahingehend ab, daß Prostatakranke natürlich besondere Nachsicht verdienten. Woran man sehen kann, bis in welche Verästelungen der Bürgersinn des Bürgermeisters reicht.

Die Schließzeiten sind natürlich ein Problem für sich. Nachts um drei wird dichtgemacht. Danach haben, von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen, nur noch Discotheken geöffnet. Die sind teuer, laut und nicht immer jedermanns Sache. Da muckt mitunter mein eigener Bürgersinn auf und beklagt den Mangel an Alternativen trotz aller trügerischen Werbeworte über die »Stadt der langen Nächte«. Noch erstaunlicher finde ich es allerdings, daß die öffentliche Zeitordnung oft auch privat befolgt wird. Ich bin schon auf mehreren Parties gewesen, deren Gastgeber gegen halb drei plötzlich alle ihre Gäste animierten, nun gemeinsam Richtung Disco...

Dateiformat: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat EPUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

12,99 €
inkl. 19% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen