Fräulein Wolf und die Ehrenmänner

Kriminalroman
 
 
GRAFIT (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 18. November 2021
  • |
  • 288 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-89425-782-8 (ISBN)
 
Der Mordprozess Lieschen Neumann: Packender Politkrimi mit realem Hintergrund

Berlin 1930: Die jüdische Reporterin Leonore »Leo« Wolf zieht in die Hauptstadt, um beim Sozialdemokratischen Pressedienst zu arbeiten. Als ein sechzehnjähriges Mädchen des Mordes an einem Uhrmacher angeklagt wird, der mit Nacktfotos von Minderjährigen Geschäfte machte, übernimmt Leo die Prozessberichterstattung. Da auch Nazis zu den Kunden des Getöteten gehörten, gerät sie schnell ins Visier der NSDAP - und die brutalen Schikanen lassen nicht lange auf sich warten. Hilfe erhält Leo durch den Verleger Valentin Winterstein, einen weltgewandten und äußerst attraktiven Mann, mit dem sie sich Hals über Kopf in eine Affäre stürzt. Doch der berüchtigte Frauenheld spielt ihr gegenüber nicht mit offenen Karten ...
weitere Ausgaben werden ermittelt
Gabriella Wollenhaupt arbeitete viele Jahre als Fernsehredakteurin in Dortmund. Ihre freche Polizeireporterin Maria Grappa hatte 1993 ihren ersten Auftritt und entwickelte sich zu einer der beliebtesten Ermittlerinnen im deutschen Krimi. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Friedemann Grenz hat die Autorin weitere Romane geschrieben, zuletzt »Schöner Schlaf«.

www.gabriella-wollenhaupt.de

Feuchte Luft und mattes Licht. Eine Tür wird nur angelehnt. Ein Traum von vollen Taschen.

Der Mann riecht nach Mottenkugeln und altem Schweiß. Luise atmet durch den Mund, dann stinkt es nicht so. Ist ja das letzte Mal, dass sie hier neben ihm liegt. Hofft sie.

»Lange geht dit nich mehr, Lieschen«, sagt er. »Dann passte nich mehr rein in meine Fotomaschine. Weil du denn aufjehst wie 'ne dicke Schrippe. Dit wollen die Herrn nicht sehen.« Er greift ihr an den Busen.

»Lass dit, Fritz, mir ist blümerant«, sagt Luise und rückt von ihm ab. »Ick muss pieseln.« Sie drückt seine Hand beiseite und steigt aus dem Bett.

Er knurrt unwillig, lässt sie aber gehen.

Sie schleicht barfuß zur Tür, entriegelt sie und öffnet sie vorsichtig. Draußen ist niemand.

Mattes Laternenlicht. Die Luft ist feucht. Es hat den ganzen Tag geregnet. Eine Katze flitzt über die Straße und verschwindet im Hauseingang gegenüber.

Luise lehnt die Tür an, ohne die Wohnung zu verlassen. Sie ist aufgeregt, ihre Hände zittern. Sie hat Hunger. In der Küche findet sie Brot und eine angebrochene Flasche Bier. Sie legt das Brot auf einen Teller, gießt das Bier darüber und isst mit den Fingern.

Onkel Fritz stöhnt nebenan. Dit wird ihm bald verjehen, denkt Luise. Sie geht zum großen Kochtopf neben dem Herd, hockt sich drüber. Als sie fertig ist, klappert der Teller, den sie als Deckel darüberschiebt. Sie schleicht zurück ins schmale Bett. Onkel Fritz schläft mit offenem Mund. Luise ist erleichtert. Wenn der erst mal schläft, weckt ihn wenig auf.

Sie bleibt auf der Bettkante sitzen. Morgen haben Richard, Erich und sie volle Taschen und sind unterwegs. Wohin, weiß sie nicht. Hauptsache, weg von Berlin.

Luise hört Geräusche an der Tür. Sie atmet tief durch. Es ist so weit.

Ein Mann mit antiquiertem Frauenbild braucht Nachhilfe. Die junge Frau will weder stricken noch kochen.

»Ich hatte jemand anderen erwartet.« Alois Beckmann mustert die junge Frau.

»Wegen dem Namen Leo?«, fragt sie. »Ich bin daran gewöhnt, dass man mit einem Mann rechnet. Aber ich bin nun mal eine Frau. Stört es Sie?«

Beckmann ist amüsiert. »Ich bin nur ein wenig überrascht. Sie sind also Leo Wolf. Kommt von Leonore, denke ich. Oder von Leopoldine?«

Beckmann gefällt, was er sieht. Eine junge Frau Ende zwanzig mit dunklem, glänzendem Bubikopf, einem roten Topfhut und einem beigefarbenen Mantel, der ihre Figur verbirgt. Hohe Schuhe mit Riemchen an wohlgeformten Beinen.

»Leonore. Ist es wirklich kein Problem für Sie, dass ich weiblich bin?«

»Nein«, antwortet er. »Ich habe eher ein Problem damit, dass Sie die Nichte des Vizepolizeipräsidenten sind. Es hat der Presse noch nie gutgetan, die Nähe zur Exekutive zu suchen. Das verträgt sich nicht wirklich mit der Meinungs- und Informationsfreiheit. Haben Sie eine gute Beziehung zu Ihrem Onkel?«

Leo Wolf zuckt nicht mit der Wimper. »Ich mag meinen Onkel, aber ich kenne ihn eigentlich kaum. Unsere Familie ist groß und über ganz Europa verteilt. Ich wohne auch nicht bei ihm und seiner Familie, sondern habe mir ein Zimmer gemietet.«

»Ach so. Sie gehören zu den Frauen, die emanzipiert und selbstständig sein wollen«, grinst Beckmann. »Gutes Gelingen.«

»Das sollte gerade von Ihnen nicht verspottet werden«, entgegnet Leo. »Immerhin habe ich mich beim Sozialdemokratischen Pressedienst beworben und nicht bei den bunten Blättern, die ein antiquiertes Frauenbild vertreten. Die Sozialdemokraten haben sich bisher immer für die Emanzipation der Frau eingesetzt - oder soll sich das ändern?«

»Der Genosse Chefredakteur ist dem Wunsch Ihres Onkels gefolgt und hat Ihr Praktikum genehmigt. Also versuchen wir es mal mit Ihnen, Fräulein Wolf. Was sind Ihre thematischen Vorlieben? Mode? Kochen? Stricken? Kirche? Garten?«

»Sie werden es nicht glauben«, lächelt Leo. »Politik, Kultur und Verbrechen.«

»Dann sind Sie in Berlin goldrichtig. Willkommen, Leo Wolf!«

Beckmann führt Leo Wolf durchs Haus. Die Nachrichtenagentur hat seit sechs Jahren ihren Sitz in Berlin-Kreuzberg am Belle-Alliance-Platz 7 und 8, in einem großen, repräsentativen Haus. Die Sozialdemokratische Partei hat alles bezahlt.

»Das sind die Arbeitsräume der Redakteure und ständigen Mitarbeiter«, erklärt der Schriftleiter. »Ziemlich gediegen, nicht wahr?«

Schwaden von Zigarettenqualm erschweren das Betrachten. Leo erkennt klobige Schreibtische, alle mit Telefon versehen, manche mit Sichtschutz vom Nachbarn getrennt.

»Die meisten unserer Reporter sind gerade unterwegs.«

Leo hustet.

Beckmann ruft: »Kann mal jemand lüften?«

Niemand reagiert. Der Schriftleiter zuckt mit den Schultern und rückt seine Brille zurecht.

Leo folgt ihm zu einer Tür, hinter der sich allerhand Technik befindet. Beckmann deutet auf einen Apparat. »Für die Funkaufnahme unseres Nachrichtendienstes. Damit kommen wir in den Äther.«

»Wer finanziert das alles?«, fragt Leo.

»Fast zweihundert Zeitungen stehen hinter uns. Sie bilden eine Genossenschaft, der wir gehören. Wir beliefern sie mit allen wichtigen Informationen. Dabei kommen manchmal zwanzig Bögen am Tag heraus. Die angeschlossenen Verlagshäuser übernehmen die Artikel, die für sie interessant sind, und erweitern sie, wo nötig, durch eigene Recherchen.«

Beckmann winkt einen jungen Mann zu sich, der die Beine auf den Tisch gelegt hat und telefoniert. Er beendet das Gespräch und folgt dem Wink.

»Herr Schriftleiter! Habe die Ehre .« Es klingt fast spöttisch.

»Das ist Lukas Fox. Seines Zeichens Jungredakteur. Leichtfüßig, mutig, frech und von schnellem Verstand. Wie ein Schreiberling sein sollte.«

Fox verbeugt sich und schielt mit einem Auge auf Leo. Eine neue Tippse?, fragt er sich.

»Und die junge Dame hier heißt Leo Wolf. Sie kommt ganz frisch aus Wien und wird hier arbeiten.«

»Als was?«

»Als Praktikantin. Ihre Arbeitsproben haben unseren Chefredakteur überzeugt.«

Hoffentlich erwähnt er Onkel Bernhard nicht, betet Leo innerlich, sonst hab ich den Ruf als Protegé weg.

»Lieber Kollege Fox«, macht Beckmann weiter. »Reichen Sie Fräulein Leonore Wolf Ihre kollegiale Hand. Nehmen Sie sie mit zu den Geschichten, die Sie ausgraben.«

»Auch die harten Sachen?«, zweifelt Fox.

»Fräulein Wolf mag Verbrechen«, versetzt Beckmann.

»So ist es«, lächelt Leo. »Und da bin ich in Berlin ja gut aufgehoben, oder?«

»Genau. Nirgendwo in Europa wird mehr gemordet, betrogen, vergewaltigt und zusammengeschlagen als in Berlin«, sagt Beckmann. »Es gibt keinen Anstand mehr, Frauen und Kinder prostituieren sich und niemanden kümmert es. Die Moral ist im Arsch - um es mal etwas unfein auszudrücken.«

Lukas Fox grinst. Seine blauen Augen blitzen. Auch Leo lächelt. Der Ton gefällt ihr.

»An welchem Fall arbeiten Sie gerade, Herr Kollege?«

»Es gab einen brutalen Mord im Wedding. Ein Uhrmachermeister ist erwürgt worden. Verdächtig sind seine Mädchen.«

»Mädchen?«, fragt Beckmann.

»Der Kerl war Hobbyfotograf, hat junge Frauen - fast noch Kinder - in anzüglichen Posen fotografiert und die Bilder unter der Hand verkauft. Er soll auch Bars und Bordelle beliefert haben. Ich wollte zum Tatort, dem Laden, der dem Mann gehört hat, und mich mal umsehen.«

»Das trifft sich gut«, freut sich Beckmann. »Nehmen Sie Fräulein Wolf doch gleich mit, dann können Sie beide .« Er beendet den Satz nicht und blickt an Wolf und Fox vorbei zu zwei Männern, die ein Büro verlassen. »Genosse Chefredakteur!«

Der Angesprochene bleibt stehen.

»Darf ich Ihnen unsere neue journalistische Mitarbeiterin vorstellen? Das ist Fräulein Leonore Wolf aus Wien. Seit heute bei uns an Bord.«

Chefredakteur Erich Alfringhaus reicht Leo die fleischige Hand. »Sie sind das also. Ihr Onkel hat ja wahre Loblieder auf Sie gesungen, Fräulein Wolf.«

Fox stutzt. Welcher Onkel?

Leo errötet. Jetzt ist es doch raus, denkt sie, und es wird sich wie ein Lauffeuer verbreiten.

Alfringhaus bemerkt ihre unglückliche Miene. »Ist ja keine Schande, mit dem Vizepräsidenten der Polizei verwandt zu sein. Wir mögen ihn nämlich, nicht wahr, Winterstein?«

»Lass das bloß nicht Humpelstilzchen wissen«, spottet Winterstein. »Darf ich mich vorstellen? Valentin Winterstein, Verleger von Beruf.«

Ein schöner Mann will dazulernen. Die zarte Frauenseele kümmert sich um einen brutalen Mord im Wedding.

Der Mann ist groß und drahtig, von athletischer Gestalt. Leicht angegraute Schläfen im schwarzen Haar, scharfe Gesichtszüge, der Schmiss im Gesicht reicht vom Ohr bis zur Nase. Sie schätzt ihn auf vierzig Jahre. Die dunklen Augen mustern Leo neugierig.

»Angenehm«, behauptet Leo. »Und wer ist Humpelstilzchen?«

»Goebbels, Joseph«, antwortet Alfringhaus. »Der Lieblingsfeind Ihres Onkels. Die beiden treffen sich oft - vor allem vor Gericht.«

»Ach ja. Der Gauleiter der NSDAP«, nickt Leo. »Das beste Beispiel für den überlegenen arischen Herrenmenschen: klein, dunkelhaarig, Klumpfuß.«

»Sie haben eine scharfe Zunge«, meint Winterstein. »Wenn Sie schreiben wie Sie reden, kommt ein bisschen Leben in diese altehrwürdige Bude hier. Sozialdemokraten sind immer so erschreckend brav.«

»Wir bemühen uns eben um ein gewisses Niveau«, verteidigt sich Alfringhaus. »Wir sind eine Nachrichtenagentur und kein politisches Hetzblatt.«

Lukas Fox nimmt Leos Arm. »Wir müssen los, die Arbeit...

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