Die abenteuerliche Reise des Leopold Morsch

 
 
Verlag Carl Ueberreuter
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 12. Juli 2019
  • |
  • 320 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7641-9242-6 (ISBN)
 
Ein grandioser Abenteuerschmöker! Der Einsiedler Leopold Morsch lebt mit seinem Freund Hainwart, dem wandelnden Baum, in glücklicher Abgeschiedenheit. Da wird Morsch eines Tages eine Muschel geschenkt, in der er allein einen mysteriösen Hilferuf hört. Mutig beschließen Morsch und Hainwart, dem Ruf zu folgen, und wagen sich in die große weite Welt. Dort begegnen sie Schaustellern, gewissenlosen Wissenschaftlern, einem Drachen und einem verrückten Kapitän - und finden in dem Ritter Griesbert vom Berg und dem Jungen Tisal zwei neue Weggefährten. Doch um Tisals Herkunft rankt sich ein Geheimnis und es hat mit Morschs Muschel zu tun ... - So soll ein Abenteuer sein: mit gefährlichen Hindernissen, mutigen Gefährten und einer großen Aufgabe - Abenteuer und Fantastik zum Wohlfühlen - Opulent gestaltet von Cornelia Haas

Gregor Wolf, 1977 geboren, hat Ägyptologie studiert und über das Reich der Pharaonen geforscht und geschrieben. Jetzt schreibt er fantastische Geschichten für Kinder und Jugendliche. Er lebt mit seiner Familie zwischen Lavendel und Himbeersträuchern in der Nähe von München.
weitere Ausgaben werden ermittelt

Der Ruf des Vogels


Der Morgen war grau und nebelig und atmete den nahen Winter, als Landrich den Esel anspannte, auf den Kutschbock stieg und Esel und Wagen sich schnaufend und klappernd in Bewegung setzten. Morsch sah ihnen lange nach. Dann schloss er das Gartentor und ging zu seinem Haus. Wieder saß die schwarze Taube auf dem Dach. Sie hatte ihr Federkleid aufgeplustert und schmiegte sich eng an den Kamin.

»Da bist du ja wieder. Wärm dich nur auf.«

Die Taube fixierte Morsch mit ihren schwarzen Augen.

»Warte, ich bringe dir etwas.« Im Haus füllte Morsch eine kleine Schale mit Körnern und Samen. Als er wieder hinausging, war die Taube nicht mehr da. Kopfschüttelnd stellte er die Schale auf das Mäuerchen und ging zurück ins Haus.

Auf dem Tisch stand das Kästchen und daneben lag die Muschel. Er hielt sie ans Ohr und lauschte: sanftes Rauschen, Glucksen und Plätschern. Wieder umfing ihn eine warme Brise, und dann - der Vogelschrei. Kein Zweifel: Es war der Schrei eines Vogels. Immer wieder war er zu hören, rhythmisch, als würde er ein langes klagendes Lied singen. Morsch schloss die Augen und hörte aufmerksam zu. Jetzt nahm er einen würzigen, süßlichen Duft wahr, ganz fein, nur wie ein Hauch. Er hielt inne. Diesen Duft, woher kannte er ihn? Morsch öffnete die Augen, roch an der Muschel, und tatsächlich: Der Duft ging von ihr aus. Erneut hielt er sie an sein Ohr. Das Lied war noch nicht verklungen. Morsch spürte ein Kribbeln im Bauch. Schnell legte er die Muschel auf den Tisch. »Wieso habe ich das Gefühl, dass du mir etwas sagen willst?«, flüsterte er.

Morsch ging zum Fenster. Golden begann die Sonne die Nebelschwaden zu zerreißen, als zwei Wanderer am Waldrand auftauchten und geradewegs auf Morschs Haus zuhielten. Morsch trat vom Fenster weg. Fremde Menschen in seinem Tal. Von der Welt da draußen kam selten Gutes. Und hatte nicht Landrich von zwei Halunken gesprochen, von denen er das Kästchen mit der Muschel bekommen hatte?

»Hallo!«, donnerte es von draußen. »Jemand zu Hause?«

Morsch spähte vorsichtig durchs Fenster. Vor seinem Gartentor standen zwei hochgewachsene Kerle mit sonnengebräunten Gesichtern, gehüllt in warme Mäntel. Sie hatten Rucksäcke geschultert, und ihre langen Wanderstäbe lehnten an Morschs Mäuerchen. Wie Halunken sahen sie nicht aus, eher wie Leute aus dem Süden. Morsch kratzte sich am Kopf. Vielleicht waren sie ja ganz höflich? Er musste einfach nur mit ihnen sprechen. Da war doch nichts dabei. Er ging zur Tür und öffnete sie.

»Habt Ihr Wasser? Wir möchten unsere Flaschen füllen«, sagte der eine. »Sind lang unterwegs.« Seine Stimme war hart und forsch.

Auch wenn die beiden sich anders kleideten, ihre stramme Haltung, ihr wacher Blick und der Klang der Stimme des einen verrieten Morsch, dass sie Soldaten waren. Vor langer Zeit, als er noch nicht in seinem Tal lebte, hatte er oft Soldaten gesehen. Hier, im Tal, waren bis jetzt nie welche gewesen. Was hatte das zu bedeuten? Er trat vor die Tür und zeigte auf den Bach.

»Hm«, brummte der andere. »Ist hier ein fliegender Händler durchgekommen? Mit Eselskarren?« Seine funkelnd schwarzen Augen musterten Morsch.

»Warum wollt Ihr das wissen?«, fragte Morsch.

»Wir suchen ihn«, sagte wieder der Erste und nickte seinem Gefährten zu. Der fuhr ruhig, fast beiläufig fort: »Er hat eine kleine Kiste mit einem Wappen darauf. Hat er sie Euch feilgeboten?«

Morsch wurde heiß und kalt. Er dachte an das Kästchen auf seinem Tisch. Was hatte es nur damit auf sich, dass zwei so weit gereiste Soldaten es suchten? Ein dumpfes Gefühl beschlich ihn, dass diese Kerle Muschel und Kästchen nicht in die Finger bekommen sollten. »Nein«, sagte er bestimmt. »Der Händler war nicht hier.«

Der zweite Wanderer blickte auf den Boden. »Hier sind doch Wagenspuren.«

»Vielleicht ist er vorbeigefahren.« Morsch hoffte fieberhaft, dass sie seine Lüge nicht durchschauen würden.

»Und das habt Ihr nicht bemerkt?«, fragte der Erste grimmig.

»Ich war wohl bei den Bienenstöcken am Waldrand. Da habe ich viel zu tun.«

»Wirklich?«, fragte der erste Wanderer und blickte Morsch einen Augenblick prüfend an. »Würden uns gerne aufwärmen. Dürfen wir reinkommen?«

Morsch schüttelte den Kopf. »Tut mir leid. Das . das geht nicht.«

»Warum?«, fragte der Zweite harsch und legte seine Hand an das Gartentor, aber sein Gefährte hielt ihn zurück.

»Ihr solltet gastfreundlicher sein«, sagte dieser und griff zu seinem Wanderstab. »So alleine und schutzlos hier draußen im Nichts. Da kann schnell mal was passieren.«

»Ich bin nicht allein«, antwortete Morsch. Und das war die Wahrheit. Er hatte schließlich Hainwart. Aber das würde er diesen Kerlen niemals sagen. Morsch richtete sich zu seiner vollen Größe auf. »Und nun, gute Reise!«

Die beiden sahen ihn noch einmal an, dann nickten sie einander zu und gingen den Weg weiter, immer den Wagenspuren nach. Morsch atmete schnell. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Er hielt sich einen Augenblick am Türrahmen fest, dann ging er ins Haus und verriegelte die Tür.

Morsch wollte Tee aufsetzen, aber seine Hände zitterten so stark, dass er kaum Wasser in den Kessel füllen konnte. Auf dem Tisch lagen das Kästchen und die Muschel. Er starrte sie an. »Was hat es nur mit euch auf sich? Warum suchen sie euch?« Sorgsam nahm er das Kästchen und betrachtete das Wappen. Ein bekrönter Kranich, der auf zwei Wellenlinien stand. War es falsch, das Kästchen samt Muschel nicht herausgegeben zu haben? Nein. Morsch war sich sicher. Diese Wanderer waren seltsam und unheimlich, und sein Bauchgefühl trog ihn nie. Er stellte das Kästchen ins Regal. Dann nahm er die Muschel, hielt sie ans Ohr und lauschte dem sanften Rauschen. Die warme Brise umfing ihn und er roch den würzig-süßen Duft, der der Muschel entströmte. Dann sang der Vogel, lang und klagend. Erst fern, dann immer näher. Morsch schloss die Augen. Komm mit mir heim. Er hielt den Atem an. Hatte er etwas vom Vogelruf verstanden? Morsch konzentrierte sich, aber die Worte kehrten nicht zurück. Er legte die Muschel wieder auf den Tisch. Lange saß er da und betrachtete sie. »Was ist das für ein Vogel, der da in dir singt?«, flüsterte er. »Und was singt er?« Aber die Muschel antwortete nicht. »Hainwart wird Rat wissen.« Behutsam wickelte er die Muschel in ihr Tuch und griff seine Weste.

Er spähte zur Tür hinaus. Von den Wanderern war nichts mehr zu sehen. »Gurr, gurr«, klang es vom Dach herab. Da war sie wieder, die schwarze Taube. Morsch lächelte ihr zu, dann machte er sich auf zu Hainwart.

Es war kühl. Die Luft roch frisch und das feuchte Gras glitzerte in der Herbstsonne. Morsch stapfte dem Waldrand entgegen. Schon bald entdeckte er Hainwart zwischen einigen Farnen. Er erzählte ihm von Landrich, den Wanderern, der Muschel, von dem fremdartigen Vogelgesang, und merkte erst da, dass der wandelnde Baum ihn kaum verstand. Wie sollte er auch wissen, was Muscheln sind? Also streckte er ihm die silbrig schimmernde Kostbarkeit entgegen: »Versuch's mal.«

Hainwart nahm sie in seine Armäste und umschloss sie fest mit seinen feinen Zweigen. So verharrte er einen Augenblick und das rot-goldene Laub auf seiner Krone raschelte leicht. Dann gab er Morsch die Muschel zurück. »Ist nicht von hier. Fremde Salze. Ich spüre keinen Vogel, kein unruhiges Zwitschern.«

Morsch sah ihn überrascht an. Konnte wirklich nur er den Ruf des Vogels hören? »Der Schrei ist fremd und lang und klingt klagend, wie ein trauriges Lied«, sagte er.

Hainwart schüttelte seine Krone. »Vogelzwitschern ist unruhig und laut, leicht zu fühlen. Du spürst es in jedem Trieb.« Er sah Morsch einen Moment lang schweigend an, dann knarzte er: »Wenn nur du das Zwitschern fühlst, singt der Vogel für dich. Lerne, seinen Gesang richtig zu spüren.«

»Vielleicht hast du recht«, sagte Morsch nachdenklich.

»Lass die Triebe wachsen«, brummte Hainwart. »Und du wirst mehr spüren.«

Schnatternd zogen Wildgänse über den grauen Himmel Richtung Süden. Morsch sah ihnen nach. War er wirklich der Einzige, der den Vogel hören konnte? Und wenn ja, was wollte ihm der Ruf sagen? Er musste diesem Geheimnis auf den Grund gehen. Und er wusste, dazu brauchte er Zeit und Ruhe.

Der Tag war schon weit vorangeschritten und der Abend kündigte sich an. Morsch verabschiedete sich von seinem Freund und stapfte zurück zum Haus. Er fachte den Kamin an, setzte sich aufs Bett, wickelte die Muschel aus und drehte sie in seinen Händen. Morsch...

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