Corpus Meus

Kurzgeschichten mit biografischen Berührungen
 
 
TWENTYSIX (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 14. November 2018
  • |
  • 232 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7407-2046-9 (ISBN)
 
Dieses Buch enthält vom Autor selbst erlebte oder selbst erdachte Kurzgeschichten. Zum Beispiel als Jugendlicher in einem Kloster-Internat am Bodensee, oder bei seinen mehr als 550 Fallschirmsprüngen. Weitere Episoden handeln von seinen Erlebnissen als Wildwasserfahrer, speziell in den Bergtälern der Mittelmeerinsel Korsika. Unter anderem beschreibt er, wie ihm in einem zugigen Schweizer Bergtal der Unterschied zwischen Sekt und Champagner nahegebracht wurde, oder was mit einer Frau geschah, die sich vor mehreren hundert Jahren selbst das Schreiben beigebracht hatte.
1. Auflage
  • Deutsch
  • 0,28 MB
978-3-7407-2046-9 (9783740720469)
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Der Autor Martin Wohlgenannt ist seit dreißig Jahren international erfolgreich als Technischer Journalist und Autor aktiv, fast ein Jahrzehnt davon als Redakteur und Chefredakteur einer führenden Schweizer Fachzeitschrift. Seine Texte wurden in einer ganzen Reihe technischer Fachzeitschriften veröffentlicht und teilweise in mehreren Sprachen veröffentlicht. Die Texte, die er für dieses Buch verfasste, gehen über die Technik hinaus; sie schildern selbst erlebte und selbst erdachte Episoden, teilweise mit biografischem Anklang.

Im Kloster-Internat

Abenteuer beginnen im Kopf

Im westlichen Teil von Bregenz liegt direkt am Bodenseeufer die Zisterzienserabtei Mehrerau. Der Mönchsorden führt dort schon viele Jahrzehnte lang ein Internat mit Gymnasium, das Collegium Sancti Bernardi, in dem ich Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts einen Teil meiner Jugendzeit erlebte. Wie im Humanistischen Gymnasium üblich, wurde von der ersten Klasse an Latein unterrichtet, in der dritten Klasse kam Altgriechisch dazu und in der fünften Englisch. Ausnahmslos alle Schüler wohnten im Internat, dessen Tagesablauf streng geregelt war, mit Schulunterricht, Lernen in den Studiensälen und Freizeit im vorgeschriebenen Internatsbereich.

Die Schüler der ersten beiden Klassen schliefen in Schlafsälen mit jeweils etwa dreißig Betten, die dritte und vierte Klasse in einem riesigen gemeinsamen Schlafsaal mit mehr als sechzig Betten. Die vier Klassen der Oberstufe hatten zum Teil kleinere Schlafsäle. In den ersten Jahren wurden wir um sechs Uhr früh geweckt. Später gab es auch Tage, an denen wir bis halb sieben schlafen durften. An diesen Tagen fiel die sonst übliche Frühmesse in der Kollegiumskapelle aus, stattdessen folgte nach einer halben Stunde im Studiensaal direkt das Frühstück. Nur die erste Klasse und die Klassen der Oberstufe hatten eigene Studiensäle, die zweite, dritte und vierte Klasse, also fast neunzig Schüler, lernten im "Glaspalast" einem sehr großen Studiensaal mit zwei Fensterfronten. Durch die südliche sah man hinter Bäumen ein vom Kloster betriebenes Spital, das "Sanatorium", die nördliche bot den Blick in einen Innenhof, mit Eingängen zur Schreinerei und zur Metzgerei des Klosters. Hin und wieder wurden hier von Klosterbrüdern Kühe oder Schweine geschlachtet, wir konnten vom Studiensaal aus sehen, wie sich die Tiere meistens vehement dagegen wehrten, zur Schlachtung in die Räume der Metzgerei getrieben zu werden.

Die einzelnen Klassenräume des Gymnasiums befanden sich im Gebäudetrakt südlich des damals als Fußballplatz dienenden Hofes zwischen dem Kloster und dem Collegium. Hier wurde nicht auf Rasen Fußball gespielt sondern auf gewalztem Kies. Besonders sportlicher Körpereinsatz hatte daher für die Spieler sehr oft aufgeschürfte Knie und Ellbogen zur Folge. Besonders unangenehm war der harte Kiesboden für jene, die noch nicht über heute übliche Turn- oder Fußballschuhe mit stabilen Sohlen verfügten, sondern über die damals noch häufigen Turnpatschen aus dünnem Spaltleder, durch deren Sohlen man jeden Kieselstein spürte. Bei jenen, die sich ohnehin nicht sehr für Fußball interessierten, und es gab davon mehr als die von der Internatsleitung verordnete Fußballbegeisterung vermuten ließ, förderten der harte Kiesboden und die weichen Schuhsolen natürlich die Abneigung gegen Fußball. Die Präfekten als Aufsichtspersonen sahen es gern, wenn die Schüler Fußball spielten, denn wer Fußball spielte, hielt sich im erlaubten Bereich auf und war leichter zu beaufsichtigen. Jene, die in ihrer Freizeit nicht gern Fußball spielten, standen immer im Verdacht, es mit den Internatsregeln nicht so genau zu nehmen.

Dass man Fußballspielen konnte, wurde bereits von jedem Zehnjährigen vorausgesetzt. Ich gehörte zu jenen, die sich beim Fußballspielen ziemlich ungeschickt anstellten, ich fand auch niemanden, der mir das Fußballspielen richtig beibrachte. Zu meiner Enttäuschung lösten meine mangelnden fußballerischen Fähigkeiten auch bei meinem damaligen Turnprofessor keine pädagogischen Aktivitäten aus. Dabei hätte dies doch eigentlich zu seinem Aufgabenbereich gehört. Für ihn und schien es ganz einfach zu sein: Wer nicht gut Fußball spielte, bekam eine schlechtere Note im Schulfach Turnen. Ich fand diese Beurteilung zwar überhaupt nicht fair, aber ich war von zu Hause aus so erzogen und gewohnt, Entscheidungen von Lehrern und sogenannten Erziehungsberechtigten weitgehend widerspruchslos hinzunehmen. Meine Frustration war auch deshalb leichter zu ertragen, weil nicht nur ich selbst diese ungerechte Behandlung hinzunehmen hatte, sondern auch ein paar andere Mitschüler. Wie zu erwarten, entwickelte sich der Fußball nicht zu einem wesentlichen Bestandteil meines Daseins. Zu meiner Freude bot das nahe Bodenseeufer eine Fülle von alternativen Eindrücken und Anregungen. Andere empfanden ähnlich, deshalb fand ich schnell Gleichgesinnte; es war für uns ein besonderer Nervenkitzel, die für uns verbotene Umgebung des Internats zu erkunden. Unwiderstehlich fühlten wir uns vom Bodenseeufer mit den vielen Tieren im Schilfgürtel angezogen, den Schiffen auf dem See und im benachbarten Yachthafen. In unserer Phantasie gehörte der Schilfgürtel zur Dschungelwelt in Afrika oder Indien. In unserer Vorstellung konnten uns die Schiffe im Yachthafen auf Entdeckungsreisen in ferne Länder bringen. Allerdings mussten wir uns einige Tricks einfallen lassen, um unbemerkt den erlaubten Internatsbereich zu verlassen.

Trotz drohender Strafen wurden wir von der Schilflandschaft am Seeufer magisch angezogen. Hier konnten wir Frösche, Vögel und andere Tiere beobachten. Wenn man der Phantasie freien Lauf ließ, konnte man sich vorstellen, irgendwo in Indien auf Tigerjagd zu sein. Der neben dem Schilfgürtel westlich an das Kloster angrenzende Yachthafen war damals der einzige Yachthafen in Bregenz und passte ausgezeichnet in unsere Abenteuerlandschaft. Fachmännisch kommentierten wir die Vor- und Nachteile der verschiedenen Ruder-, Motor- und Segelboote, die hier festgemacht hatten. Auch war es immer wieder ein Thema, welche dieser Boote sich für Fernreisen auf Weltmeeren oder großen Binnenseen in Afrika und Amerika eignen würden. Vor allem eine etwa sieben Meter lange Motoryacht mit Stahlrumpf und einer Kabine mit runden Bullaugen fand unsere Bewunderung, außerdem eine Segelyacht mit zwei Masten, damals wohl die einzige dieser Art in Bregenz. Wir fragten uns, wann endlich die Schiffschleusen am Schaffhauser Rheinfall gebaut würden, von deren Planung und in Kürze bevorstehendem Bau wir im Geographieunterricht gehört hatten. In der Schulkarte von Vorarlberg, die wir damals im Unterricht verwendeten, war der Hafen im Rheindelta bereits eingezeichnet. Wir rechneten fest damit, als Erwachsene dessen Eröffnung zu erleben, dann konnten die Schiffe aus dem Bregenzer Yachthafen tatsächlich über den Rhein zum Meer gelangen.

Unsere Bubenträume von aufregenden großen Erlebnissen und Abenteuern endeten meist allzu schnell mit dem Ende der durch die Internatssregeln festgelegten Freizeit. Dann galt es, möglichst unbemerkt wieder in den Internatsbereich zu gelangen und so zu tun, als ob man nie weg gewesen wäre. Wenn dies nicht gelang, drohten je nach Laune des Präfekten zum Teil saftige Strafen, zum Beispiel durch sogenannte Hosenspanner, bei denen der jeweilige Präfekt das Hinterteil des unglücklichen Delinquenten mit einem Stock kräftig bearbeitete.

Kirchenrenovierung: Am Anfang stand der Abbruch

Am Anfang des Jahrzehnts zwischen 1960 und 1970 wurden die Internatsschüler informiert, dass das Kloster die Abteikirche renovieren lasse. Diese Ankündigung weckte großes Interesse, denn eine Baustelle in allernächster Umgebung versprach Abwechslung im immer wieder als eintönig empfundenen Tagesablauf, und manche neue Erfahrungen in ganz anderen Wissensbereichen als jenen, die in der Schule gelehrt wurden. Die Präfekten und die als Professoren im Gymnasium amtierenden Mönche sahen dieses Interesse nicht ungern. Die Internatsschüler wurden sogar eingeladen, an den schulfreien Mittwoch- und Samstagnachmittagen bei Hilfsarbeiten mitzuwirken. Jedem, der seine Arbeitskraft auf der Baustelle aktiv einbrachte, stellte der für den Internatskiosk zuständige Präfekt, jeweils am Abend eine Fünf-Schilling-Tafel Schokolade in Aussicht. Für manchen war eine Tafel Schokolade damals eine höchst attraktive Motivation. Wie der Präfekt jeweils die Hilfsbereiten identifizierte, war nicht immer klar; vermutlich erkannte er sie an der Staubschicht auf den Haaren und der schmutzig gewordenen Kleidung.

Zunächst war Einiges von der alten Bausubstanz abzubrechen. Vor Beginn der Renovierung wölbte sich eine tonnenförmige Decke über den Kirchenraum. Sie war vollflächig bemalt mit Ornamenten und Bildern aus der biblischen Geschichte im Nazarenerstil der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Von kleinen Beschädigungen abgesehen war kein einziger weißer Fleck zu sehen; insgesamt wirkte die Kirche düster und wurde durch die durchaus ästhetisch wirkenden Bilder nur wenig aufgeheitert. Heute hat der Kirchenbesucher freien Blick auf den schmucklosen, mit dunkler Holzschutzfarbe gestrichenen Dachstuhl. Um diesen Blick in die Höhe freizulegen, musste das imposante Tonnengewölbe abgebrochen werden. Den Bauarbeitern gelang dies in kurzer Zeit, denn es bestand nur aus verputzten Holzlatten, die an bogenförmigen hölzernen Stützkonstruktionen festgenagelt waren, die sich ihrerseits am Gebälk des Dachstuhls...

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