Die indonesischen Schwestern

Roman
 
 
konkursbuch (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 26. August 2011
  • |
  • 288 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Adobe DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-88769-824-9 (ISBN)
 
Eine indonesischen Familie in einem deutschen Dorf. Phyllis hat einen deutschen Ingenieur geheiratet. Das Paar lebt in Indonesien, sie bekommen drei Töchter. Dann stirbt der Mann. Phyllis entschließt sich, in das Haus der Familie des Vaters in ein kleines Dorf in Nordrhein-Westfalen zu ziehen, sie hofft, dass ihre Töchter dort bessere Chancen haben.
Im Dorf sind sie die einzigen 'Schlitzaugen'.
Der Roman beginnt an dem Tag, drei Jahre sind sie nun schon dort, an dem eine der Schwestern, selbst noch lange nicht erwachsen, ein Kind bekommt.
Je ein Tag im Jahr, vier Jahre lang, wird erzählt. In dieser Zeit passiert viel im Leben der Schwestern, sie werden erwachsen, verlieben sich, eine von ihnen liebäugelt mit dem Islam, die andere wird lesbisch, sie driften in unterschiedliche Richtungen, und dann gerät eine in große Gefahr .
  • Deutsch
  • 0,34 MB
978-3-88769-824-9 (9783887698249)
388769824X (388769824X)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Sandra Wöhe, als Tochter einer Indonesierin und eines Holländers in den Niederlanden geboren, Ausbildung als Krankenschwester und Publizistin, lebt in Zürich. Freiberufliche Tätigkeit als Journalistin und Redakteurin, selbstständige Autorin.

1


Es roch nach Kleister. Das Baby schrie. »Ein Mädchen!«, rief Phyllis und fiel beinahe über ihren Koffer. Vor Stunden hatte sie ihn neben dem Tapeziertisch abgestellt. Sie hatte eine Fahrt zu ihrem Bruder geplant gehabt, den seine indonesische Firma zu einem Kongress nach Deutschland geschickt hatte. Sie wollte Felix unbedingt treffen. Auf Dauer war das kein Ersatz, Wünsche, Ideen, Träume oder auch Banales auf ein Bananenblatt zu schreiben, es klein zu falten und in der Glut eines Räucherstäbchens zu Asche zu verbrennen. Einem lebendigen Bruder gegenüber, ihn lächeln zu sehen oder auch ihn zu beobachten, bis sich seine gerunzelte Stirn wieder glättete, das war es, was sie wollte. Ein Gespräch mit ihrem Felix. Endlich wieder javanisch reden. Wann sie ihren Bruder das nächste Mal sehen würde, gab kein Orakel der Welt preis. Vielleicht nie mehr. Vielleicht auch bald. Je nachdem, ob der Vater ihr verzeihen würde, dass sie nicht nach Indonesien zurückgekehrt war.

Das Neugeborene schrie jämmerlich. Die Hebamme gab es ihr, eingewickelt in ein weiches Tuch. Bläuliche, knittrige Haut, blut- und fettverschmiert – das Mädchen zappelte wild. Phyllis konnte es nicht fassen, ihre Enkeltochter in den Armen zu halten. Sie überlegte, ob ihr Herz vor Glück springen oder weinen sollte.

»Was für ein wunderschönes Mädchen«, sagte sie und streichelte über die kleine, gerunzelte Stirn.

»Zeig sie mir«, bat ihre Tochter, der die schwarzen Haare im Gesicht klebten.

»Wie schön sie ist«, sagte Yasmin. Die Wöchnerin setzte sich im Bett auf und lehnte sich an die Wand, von der die Tapete noch in Fetzen hing.

»Sie ist so leicht«, sagte sie, als ihre Mutter ihr das Baby in die Arme legte. Plötzlich gefror ihr das Lächeln im Gesicht. Yasmin krümmte sich vor Schmerzen.

»Die Plazenta kütt«, sagte die Hebamme gelassen und nahm ihr das Kind aus dem Arm. »Ich wasch et dann schomma.«

»Halten Sie ein, bitte«, bat Phyllis. »Ich würde gerne nachschauen, ob die Kleine auch gesund ist.«

»Das muss doch der Doktor«, entgegnete die Hebamme. »Der kütt schon noch.«

»Vier Augen sehen mehr«, beharrte Phyllis und nahm ihr das Kind ab. Die Hebamme wurde noch bleicher, als sie schon war.

Wahrscheinlich hat sie zu lange in heißer Milch gebadet, dachte Phyllis gehässig. Ihr war die Blässe längst aufgefallen. Immerhin hatte die Hebamme eine Mama Biang-Tasche dabei und benutzte sie auch. Spott, Zweifel und gleichzeitiges Vertrauen in die Künste der Hebamme rumorten in Phyllis, ohne dass sie wusste, was ihr missfiel. Nicht einmal der Name der Frau interessierte sie. Die Hebamme war ihr einfach zu jung, knapp über dreißig, schätzte Phyllis. Eine gute Geburtshelferin musste aber das vierzigste Lebensjahr überschritten haben. Die Hebammenausbildung brauchte schließlich ihre Zeit. Das war in Deutschland sicher auch so.

Sie wischte ihre Enkelin mit dem Wickeltuch trocken. Dann steckte sie es in eine Schublade der Kommode, die mitten im Raum unter einer Plastikfolie stand.

Die Hebamme beobachtete sie entsetzt. Wusste sie nicht, dass man aus dem Wickeltuch wichtige Heilmittel bereiten konnte?

Um alles richtig zu machen, hätte sie zwar genau jetzt ein Bananenblatt gebraucht, um das Wickeltuch einzupacken. Aber wenn es eben nicht ging, alles perfekt zu machen, dann half es auch, das, was möglich war, richtig zu machen. Mit oder ohne Bananenblatt. Es war selten genug, dass überhaupt ein solches Blatt den Weg ins Dorf fand. Wie sollte man da gesund bleiben? Hier wuchsen keine Bananen am Straßenrand. Hier kamen die Früchte dicht gepackt in Pappkartons in den Laden. Von Blättern keine Spur. Kein Wunder, dass so viel über Krankheiten gejammert wurde. Aber wie sollte sie das nur der Hebamme erklären? Phyllis, die mit indonesischen Naturvorstellungen aufgewachsen war, hatte keine Lust auf eine Diskussion über westliche Gesundheitskonzepte.

Seit drei Jahren lebte sie nun in diesem Dorf nahe an der holländischen Grenze. Die Einheimischen waren nett, aber verstehen konnte Phyllis sie noch nicht. Ihr Denken war so anders. So absurd. Wie ihr Medizinsystem.

Sie zählte die Zehen des Babys, zog sie dabei auseinander und schaute nach, wie weit die Haut dazwischen reichte.

»Keine Schwimmhäute«, murmelte Phyllis. »Wasserscheu wird unsere Kleine sein.«

Vorsichtig massierte Phyllis den Bauch, wie sie es von ihrer indonesischen Baboe gelernt hatte. Das Baby schlief ein. Im Geist dankte Phyllis ihrem alten Kindermädchen. Dessen Tochter hätte sich um das Neugeborene gekümmert, wäre das Leben geradlinig verlaufen. Aber das Schicksal hatte sie nach Deutschland verschlagen, ohne die Menschen, die zu ihr gehörten, die Kindermädchen, Köchinnen und Chauffeure, welche die Familie schon über Generationen begleitet hatten. Hier hatte man keine oder wechselte die Haushaltshilfen wie Unterhosen. Und ein Schlüpfer war zwar notwendig, aber er gehörte eben doch nicht dazu. Niemand kam auf die Idee, dass eine Köchin, eine Putzfrau oder sonst jemand von den Angestellten auf eine nicht näher bestimmte Art ein Mitglied der Familie war. Keinen von ihnen hatte sie mitnehmen können und hier hatte auch niemand an die Tür geklopft und um Aufnahme gebeten.

Hatte die Kleine gerade gelächelt? Phyllis wusste, dass ein Neugeborenes noch nicht lachen kann. Trotzdem meinte sie, ihre Enkeltochter würde ein freundliches Kind mit gutem Charakter werden. Und wie es sich gehörte für eine kleine Indo, war sie bildschön. Sie stutzte.

»Aber was ist das denn?«

»Was, Mami?«, fragte Yasmin. Ihr brauner Teint wurde heller. Blass wäre sie früher genannt worden, dabei war sie dunkler als die meisten Menschen hierzulande im Hochsommer. »Ist sie krank?«

Mühsam setzte sie sich auf, sackte gleich wieder zusammen. Wenn unser Haus bombardiert würde, dann käme ich nicht raus, dachte die Sechzehnjährige und wunderte sich im nächsten Moment über den Gedanken. Als die Japaner Indonesien angriffen, im Zweiten Weltkrieg, war ich noch nicht einmal geplant. Vielleicht verändert das Neugeborene mein Leben, wie eine Bombe, die vom Himmel fällt.

»Gritta«, sagte Phyllis zu ihrer jüngsten Tochter, »pass mal eben auf die Kleine auf. So geht das nicht! Das bringt Unglück.«

Yasmin schaute ihrer Mutter nach, die aus dem Zimmer lief. Auf ihre kräftigen Beine wäre jeder Sumotori neidisch, dachte sie.

Mit einer Schere in der Hand kehrte Phyllis völlig atemlos zurück. Hastig schnitt sie der Neugeborenen die Haare.

»Was ist denn nun, Mami?«, quengelte Yasmin.

»Iss dein Ei, Schwester«, sagte Gritta genervt und reichte es ihr. »Mami spinnt mal wieder. Sie schneidet deinem Kind die Haare.«

»Wie bitte?« Phyllis warf ihrer Tochter einen Blick zu. Die zuckte zusammen. »Du weißt doch, Unordnung bringt Unglück. Mehr davon können wir nicht gebrauchen. Und wenn die Haare bei einem Neugeborenen ungleich lang sind, dann bedeutet das Chaos.«

»Ach, Mami«, begehrte die Vierzehnjährige auf. »Niemand hier in diesem Kaff glaubt an so etwas. Keiner hält sich Glückstauben. Und wir haben unsere aufgegessen! Weißt du noch, was wir für einen Hunger hatten? Da mussten eben die Glückstauben unsere Bäuche glücklich machen. Wir wussten ja noch nicht einmal, wovon wir das Futter hätten bezahlen sollen.«

»Auch wenn du dich von allen Geistern verlassen fühlst, solltest du sie nicht verhöhnen«, sagte Phyllis. Am liebsten hätte sie Gritta die Ohren lang gezogen.

»Ich will ja nit störe«, unterbrach die Hebamme, »aber ich muss et Kind wasche un anziehe. Der Arzt kümmt doch noch, wissen se.«

Phyllis wollte ihre Gritta nicht vor fremden Leuten zusammenstauchen und verschluckte die harten Worte, die ihr auf der Zunge lagen. Es würde ein besserer Zeitpunkt kommen, ihr zu erklären, wie die Welt war.

»Einen Augenblick, bitte«, sagte sie zur Hebamme. »Ich muss die Haare schneiden. Sie sind nicht gleich lang.«

Das Chaos, in das ihre Enkelin geboren worden war, sollte an ihr vorbeiziehen und nicht an ihr haften bleiben. Das war ihr wichtig: Sie wollte auf gar keinen Fall die Chancen der Kleinen verringern.

»So, das sollte genügen.« Sie reichte der Hebamme das Kind. Phyllis blickte auf die halb tapezierte Wand und den Kleistereimer. Sie presste die Lippen aufeinander. Ihre Töchter hatten das Zimmer renovieren wollen, aber mitten in der Arbeit waren die Wehen gekommen. Einen Monat zu früh.

Dieses ungeduldige Menschlein! Ein chaotisches Wesen bringt es bereits mit, dachte Phyllis und lächelte. Es passt in unsere Familie. Es hat unser Blut. Aber hier, in der Fremde, wird die Kleine einen steinigen Weg vor sich haben. Phyllis schwor, alles dafür zu tun, ihr gute, nein, die besten Schuhe fürs Leben mitzugeben. Doch eine lebenslange Garantie darauf konnte sie nicht geben. Phyllis seufzte.

Die Hebamme drückte ihr das frisch gewickelte Baby in die Arme. »Wie gut du riechst!«, schwärmte Phyllis und presste die Nase an den kleinen Hals.

»Darf ich sie jetzt mal haben, Mam?«, fragte Gritta. »Ich bin doch schließlich die Tante.«

Phyllis zögerte. Ja, ihr Nesthäkchen war nun Tante. Hier galt Gritta noch als halbes Kind, doch in Indonesien wäre die Vierzehnjährige bereits im heiratsfähigen Alter gewesen. Hier blieben die Töchter Gast im Elternhaus, bis sie sich verliebten. Phyllis fragte sich, worin der Vorteil bestand, einen Menschen aus Liebe zu heiraten. Liebe entzog sich der Kontrolle. Schlimmer noch, in ihr lauerte die Gefahr, die Kontrolle über sich selbst zu verlieren und sich zerstörerisch zu verhalten. Auch wenn Liebe zäh wie Bambus sein konnte, brach selbst dieser, wenn man ihn zu sehr beanspruchte oder grausamen...

Dateiformat: EPUB
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