Die bittere Gabe

Roman
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 1. Februar 2018
  • |
  • 448 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-97859-0 (ISBN)
 
Noch nie im Leben durfte die zehnjährige Lilly ihre Kammer auf Blackwood Manor verlassen. Die Menschen würden bei ihrem Anblick zu Tode erschrecken, so ihre Mutter. Umso erstaunter ist das Mädchen, als sie eines Tages mit in den Zirkus darf. Doch statt eine Vorstellung zu bestaunen, wird Lilly an die Freakshow verkauft und fortan als »Eisprinzessin« ausgestellt. Ihr Schicksal bessert sich erst, als sie entdeckt, wie gut sie mit den Elefanten umgehen kann. Aber erst zwanzig Jahre später wird ihr hartes Los gesühnt ...
1. Auflage
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978-3-492-97859-0 (9783492978590)
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Ellen Marie Wiseman wurde in Three Mile Bay, einer kleinen Ortschaft im Bundesstaat New York, geboren. Sie besucht häufig ihre Verwandten in Deutschland und interessiert sich sehr für deutsche Geschichte und Kultur. Wiseman lebt zusammen mit ihrem Mann, ihren beiden Kindern und drei Hunden am Ufer des Lake Ontario.

1Lilly


Juli 1931

Blackwood-Manor-Gestüt

Dobbin's Corner, New York

Der neunjährigen Lilly Blackwood kam es so vor, als würde sie zum hunderttausendsten Mal am Fenster der Dachkammer stehen, und sie wünschte sich nichts sehnlicher, als dass sich das Fenster öffnen möge und sie die Luft von draußen riechen könnte. Am folgenden Tag war ihr Geburtstag, und sie hätte sich kein schöneres Geschenk vorstellen können. Gewiss würde Daddy ihr nach seiner Rückkehr aus Pennsylvania wieder ein neues Kleid sowie ein weiteres Buch schenken. Aber kurz vorher hatte es geregnet, und sie wollte doch so gern wissen, ob sich die Luft draußen anders anfühlte als die Luft drinnen. Lilly fragte sich, ob sich durch die Regentropfen wohl alles weich und kühl anfühlte, wie dann, wenn sie mit einem Schwamm gewaschen wurde. Oder war die Luft draußen so warm und stickig wie in ihrem Zimmer? Sie hatte Momma hundertmal angefleht, das Fenster gegen eines auszutauschen, das sich öffnen ließ, und dann auch das verschnörkelte Metallgitter vor dem Fenster abzunehmen, doch wie immer hatte Momma ihr überhaupt nicht zugehört. Wenn Momma wüsste, dass Daddy sie in einer anderen Kammer auf dem Dachboden spielen ließ, wenn sie in der Kirche war, würde Daddy ordentlich Ärger bekommen. Sogar noch mehr Ärger als dafür, dass er ihr Lesen und Schreiben beigebracht und ihr zum dritten Geburtstag eine Katze geschenkt hatte. Lilly seufzte, nahm das Fernrohr, das auf der Fensterbank lag, und hielt es sich vors Auge. Wenigstens war jetzt Sommer, sodass sie kein Eis von der Scheibe kratzen musste.

Daddy bezeichnete diese Tageszeit immer als Zwielicht, und tatsächlich sah es draußen so aus, als sei alles in nur zwei Farben getaucht - Grün und Blau. Die Kiefernreihe hinter dem Stall, noch hinter den Weiden, auf denen die Pferde grasten, sah wie der Filz aus, den Lilly für ihre Puppendecken benutzte. Über allem lagen Schatten, die von Minute zu Minute wuchsen.

Lillys Blick schweifte über den Waldrand, als sie nach dem Reh suchte, das sie dort gestern gesehen hatte. Dahinten stand der verwachsene Weidenbaum. Und da drüben befand sich der Felsbrocken neben dem Busch, der sich im Winter rot färbte. Dort der eingebrochene Baumstamm neben der Steinmauer. Und da hinten der - sie hielt inne und kehrte mit dem Fernrohr zur Steinmauer zurück. Hinter dem Wald, nahe den Eisenbahnschienen, die mitten über die dahinter liegende Weide führten, sah es irgendwie anders aus. Lilly ließ das Fernrohr sinken, blinzelte, sah noch einmal hindurch und keuchte. Mit einem Pfeifen füllte sich ihre Lunge, wie es immer passierte, wenn sie sich aufregte oder erschrak.

Ketten mit blauen, roten, gelben und grünen Lichtern - wie die, die Daddy an Weihnachten über ihrem Bett anbrachte - hingen über einem gewaltigen Haus, das aussah, als sei es aus einem Material gemacht, das Stoff ähnelte. Weitere Lichter leuchteten rund um andere Häuser herum auf, die wie dicke, kleine Geister wirkten. Zwar konnte Lilly die Aufschrift nicht erkennen, doch es gab auch Schilder, deren Buchstaben von bunten Glühbirnen beleuchtet wurden. An hohen Masten flatterten Fahnen, und eine Kette mit gelben Lichtern schwebte über den Eisenbahnschienen. Es sah aus, als hätte ein Zug angehalten. Ein wirklich sehr langer Zug.

Lilly setzte das Fernrohr ab und wartete darauf, dass ihre Lunge aufhörte zu pfeifen, bevor sie zu ihrem Regal hinüberging, um ihr Lieblingsbilderbuch herauszuziehen. Sie blätterte die Seiten durch, bis sie fand, wonach sie gesucht hatte - die bunte Zeichnung eines gestreiften Zeltes, das von Wagen, Pferden, Elefanten und Clowns umgeben war. Schnell huschte sie zum Fenster zurück, um die Form des Zeltes in ihrem Buch mit dem leuchtenden Haus auf der anderen Seite der Bäume zu vergleichen.

Sie hatte recht.

Es war ein Zirkus.

Und sie konnte ihn sehen.

Normalerweise sah sie von ihrem Fenster aus nur Pferde und Felder sowie Daddy und seine Helfer, die an den weißen Zäunen oder dem gelben Pferdestall arbeiteten. Manchmal lief auch Momma über die Wiese zum Stall hinüber, wobei das blonde Haar wie ein Schleier hinter ihr herwehte. Gelegentlich bogen auch Lastwagen in die Einfahrt zum Stall ein. Daddys Gehilfen führten dann Pferde in die Anhänger hinein oder aus ihnen heraus oder entluden Säcke und Heuballen. Einmal waren zwei Männer in abgewetzter Kleidung - Daddy nannte sie Herumtreiber - die Einfahrt heraufgekommen, woraufhin Daddys Gehilfen mit Schrotflinten in der Hand aus dem Stall gerannt kamen. Wenn Lilly Glück hatte, zeigten sich Rehe am Waldrand, huschten Waschbären am Zaun entlang zum Schuppen, in dem die Futtermittel gelagert wurden, oder eine Eisenbahn surrte auf den Schienen entlang. Wenn sie dann das Ohr an die Fensterscheibe presste, konnte sie das Tuckern der Lokomotive oder einen grellen Pfiff durch das Glas hindurch hören.

Doch nun befand sich draußen vor ihrem Fenster ein Zirkus. Ein echter Zirkus! Zum ersten Mal in ihrem Leben sah sie etwas, das sich nicht in einem ihrer Bilderbücher befand. Es machte sie glücklich, gleichzeitig war sie jedoch auch ein wenig verärgert über sich selbst. Wenn sie nicht den ganzen Nachmittag lang gelesen hätte, wäre ihr vielleicht nicht entgangen, wie der Zug angehalten hatte und dann entladen worden war. Sie hätte gesehen, wie die Zelte aufgebaut worden waren, und einen Blick auf Elefanten, Zebras und Clowns erhascht. Jetzt war es leider zu dunkel, um noch irgendetwas außer den Lichtern zu erkennen.

Sie legte das Buch beiseite und zählte die Bretter rund um ihr Fenster. Manchmal ging es ihr besser, wenn sie zählte. Eins, zwei, drei, vier, fünf. Es half jedoch nichts. Sie konnte an nichts anderes denken als daran, was sie verpasst hatte. Sie presste das Ohr an die Fensterscheibe. Vielleicht konnte sie die Stimme des Anführers oder die Zirkusmusik hören. Doch das Einzige, was sie vernahm, waren die Luft, die in ihrer Brust pfiff, sowie ihr rasender Herzschlag.

Auf der Fensterbank erwachte Abby, ihre Katze, und blinzelte. Lilly schlang einen Arm um die orangefarben getigerte Katze, zog sie an sich und vergrub ihre Nase im weichen Fell des Tieres. Abby war ihre beste Freundin und die klügste, geschickteste Katze der Welt. Sie konnte auf ihren Hinterbeinen stehen, um Küsschen zu geben, und zur Begrüßung das Pfötchen heben. Sie konnte sogar auf Lillys Bett springen und auf Befehl wieder hinunterhüpfen.

»Ich wette, Momma geht in den Zirkus«, flüsterte Lilly. »Sie muss sich keine Gedanken machen, dass die Leute Angst vor ihr haben.«

Die Katze schnurrte.

Wie es wohl wäre, einen echten Elefanten vor sich zu haben?, fragte sich Lilly. Wie würde es sich anfühlen, seine faltige Haut zu berühren und in seine großen, braunen Augen zu schauen? Und wie wäre es, auf einem rosa-weißen Pferdchen in einem Karussell zu reiten? Oder inmitten von anderen Menschen umherzuschlendern und dabei Erdnüsse und Zuckerwatte zu essen? Oder einem echten, lebendigen Löwen bei seinem Auftritt zuzuschauen?

Seit Lilly denken konnte, hatte es immer wieder Zeiten gegeben, wenn das Licht aus war und sie sich in ihr Bett gekuschelt hatte, in denen ihr unaufhörlich die Vorstellung im Kopf herumgegangen war, wie es wohl wäre, ihre Kammer zu verlassen und die Treppe hinabzusteigen. Sie hatte genügend Bücher gelesen, um zu wissen, dass Häuser mehr als ein Stockwerk besaßen, und sie stellte sich vor, wie sie heimlich über den Dachboden schlich, ein Treppenhaus fand und dann die unteren Etagen von Blackwood Manor durchstreifte, um schließlich durch die Haustür hinauszugehen. Sie stellte sich vor, mit den Füßen auf der nackten Erde zu stehen, tief einzuatmen und zum ersten Mal in ihrem Leben etwas außer altem Holz, Spinnweben und warmem Staub zu riechen.

Eines ihrer Lieblingsspiele bei Daddys wöchentlichem Besuch war es, die verschiedenen Gerüche an seiner Kleidung zu erraten. Manchmal roch er nach Pferden und Heu, manchmal auch nach Schuhcreme oder Rauch, frisch gebackenem Brot oder - wie hatte er dieses Zeug genannt, das eine Mischung aus Zitronen und Zedern sein sollte? Kölnischwasser? Was auch immer es war, es roch jedenfalls gut.

Daddy hatte ihr von der Welt da draußen erzählt, außerdem hatte sie in Büchern darüber gelesen, doch sie hatte keine Ahnung, wie sich Gras zwischen den Zehen oder Baumrinde in der Hand anfühlte. Sie wusste, wie Blumen dufteten, da Daddy ihr jeden Frühling ein Blumensträußchen mitbrachte. Doch sie wollte durch eine Wiese voller Löwenzahn und Gänseblümchen laufen, Erde und Tau an ihren bloßen Füßen spüren. Sie wollte Vögel singen hören und das Geräusch des Windes im Ohr haben. Sie wollte einen Lufthauch und die Sonne auf ihrer Haut fühlen. Sie hatte so viel über Pflanzen und Tiere gelesen und könnte sie alle benennen, hätte sie nur die Möglichkeit dazu. Doch außer Abby und den Mäusen, die im Winter an der Sockelleiste entlangliefen, hatte sie noch nie ein Tier aus der Nähe gesehen. Ihr zweites Lieblingsspiel war es, sich Orte in ihrem Weltatlas auszusuchen und dann alles darüber zu lesen, was sie fand, um beim Einschlafen eine Reise dorthin zu planen und zu überlegen, was sie alles tun und sich anschauen würde, wenn sie einmal dorthin käme. Ihr Lieblingsland war Afrika; sie stellte sich vor, dort die Löwen, Elefanten und Giraffen zu beobachten. Und manchmal malte sie sich aus, wie sie das Dachfenster aufbrach, hinauskrabbelte, an der Seite des Hauses hinunterkletterte und dann zum Stall hinüberhuschte, um sich die Pferde anzuschauen. Denn nach allem, was sie in...

»Eindrucksvoll.«, astrolibrium.wordpress.com, 22.06.2018

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