Der letzte Polizist

Roman
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. November 2013
  • |
  • 352 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-11336-0 (ISBN)
 
Was würdest du tun, wenn die Welt untergeht?

Ein Asteroid rast auf die Erde zu. In sechs Monaten wird er einschlagen. Und nichts kann ihn aufhalten. Im Angesicht der Apokalypse tun die meisten Menschen das, was sie schon immer tun wollten, sich aber nie getraut haben. Andere wenden sich dem Glauben zu. Wieder andere begehen Selbstmord. Aber niemand tut mehr seine Pflicht - bis auf Detective Hank Palace. Als sich ein vermeintlicher Suizid als Mord entpuppt, ist Hanks Neugierde geweckt: Wer macht sich kurz vor dem Ende der Welt noch die Mühe, jemanden umzubringen?

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 0,51 MB
978-3-641-11336-0 (9783641113360)
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1

Ich starre den Versicherungsmenschen an, und er starrt mich an, zwei kalte graue Augen hinter einer altmodischen Schildpattbrille, und ich habe so ein schreckliches und zugleich anregendes Gefühl wie: Heiliger Bimbam, das ist echt, und ich weiß nicht, ob ich schon so weit bin, ich weiß es wirklich nicht.

Ich kneife die Augen zusammen, beruhige mich und sehe ihn mir noch mal an, rutsche ein bisschen auf dem Hintern herum, um ihn genauer betrachten zu können. Die Augen und die Brille, das schwach ausgeprägte Kinn und die Stirnglatze, der schmale schwarze Gürtel, der unter dem Kinn zugebunden und stramm gezogen wurde.

Das ist echt. Oder doch nicht? Ich weiß es nicht.

Ich hole tief Luft, befehle mir, mich zu konzentrieren, blende alles aus außer der Leiche, blende den schmutzigen Fußboden und die blecherne Rockmusik aus den billigen Lautsprechern in der Decke aus.

Der Geruch macht mich fertig, ein durchdringender, zutiefst unangenehmer Geruch, wie in einem mit Frittierfett bespritzten Pferdestall. Es gibt eine Reihe von Jobs in dieser Welt, die noch immer effizient und sorgfältig erledigt werden, aber die nächtliche Reinigung der Toiletten durchgängig geöffneter Fast-Food-Läden gehört nicht dazu. Paradebeispiel: Der Versicherungsmensch hatte mehrere Stunden lang in sich zusammengesunken hier drin gelegen, eingeklemmt zwischen der Kloschüssel und der mattgrünen Wand der Kabine, bevor Officer Michelson zufällig reinkam, weil er mal auf den Topf musste, und ihn entdeckte.

Michelson hat es natürlich als 10-54S gemeldet, und genau so sieht es auch aus. Eins habe ich in den letzten Monaten gelernt, eins haben wir alle gelernt, nämlich dass Selbstmord durch Erhängen nur selten damit endet, dass jemand von einer Lampe oder einem Dachbalken baumelt, wie im Film. Wenn die Möchtegern-Selbstmörder es ernst meinen – und heutzutage meint jeder alles ernst –, binden sie sich an einem Türknauf, einem Kleiderhaken oder, wie es der Versicherungsmensch scheinbar getan hat, an einer waagerechten Schiene wie der Griffstange in einer Behindertentoilette fest. Und dann beugen sie sich einfach vor und lassen ihr Gewicht die Arbeit erledigen, den Knoten zuziehen und die Luftröhre verschließen.

Ich rücke weiter nach vorn, hocke mich ein bisschen anders hin, versuche irgendwie, den Raum halbwegs bequem mit dem Versicherungsmenschen zu teilen, ohne hinzufallen oder überall meine Fingerabdrücke zu verteilen. In den dreieinhalb Monaten, die ich nun schon Detective bin, habe ich neun solche Fälle gehabt, und ich kann mich immer noch nicht daran gewöhnen, was der Erstickungstod mit dem Gesicht eines Menschen anstellt: die in einem Ausdruck des Entsetzens geradeaus starrenden Augen, durchzogen von dünnen Spinnweben aus Blut; die heraushängende, in den Mundwinkel gerutschte Zunge; die aufgedunsenen, an den Rändern ins Violette spielenden Lippen.

Ich schließe die Augen, reibe sie mit den Fingerknöcheln und schaue noch mal hin, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie der Versicherungsmensch im Leben ausgesehen hat. Ein attraktiver Mann war er nicht, das sieht man sofort. Das Gesicht ist teigig und insgesamt ein wenig unproportioniert: das Kinn zu klein, die Nase zu groß, die Augen fast knopfartig hinter den dicken Gläsern.

Es sieht so aus, als hätte sich der Versicherungsmensch mit einem langen schwarzen Gürtel umgebracht. Das eine Ende hat er an der Griffstange befestigt, das andere zu dem Henkersknoten geknüpft, der sich nun brutal von unten in seinen Adamsapfel gräbt.

»Hallo, mein Junge. Wer ist Ihr Freund?«

»Peter Anthony Zell«, antworte ich leise und schaue über die Schulter hinweg zu Dotseth mit seinem flotten karierten Schal hoch, der die Tür der Kabine geöffnet hat, grinsend auf mich herabschaut und sich an einem dampfenden Becher McDonald’s-Kaffee festhält.

»Männlich, weiß. Achtunddreißig Jahre. Hat bei einer Versicherung gearbeitet.«

»Lassen Sie mich raten«, sagt Dotseth. »Er ist von einem Hai gefressen worden. Oh, Moment, nein: Selbstmord. Ist es Selbstmord?«

»Sieht so aus.«

»Ich bin schockiert! Schockiert!« Denny Dotseth ist Assistant Attorney General – stellvertretender Generalstaatsanwalt –, ein Schlachtross mit silbergrauem Haar und breitem, fröhlichem Gesicht. »Ach herrje, tut mir leid, Hank. Wollten Sie auch ’n Kaffee?«

»Nein, danke, Sir.«

Ich berichte Dotseth, was ich aus der schwarzen Kunstleder-Brieftasche in der Gesäßtasche des Opfers erfahren habe. Zell arbeitete bei einem Unternehmen namens Merrimack Life and Fire mit Büros im Water West Building, gleich beim Eagle Square. Eine kleine Sammlung abgerissener Eintrittskarten fürs Kino, alle aus den letzten drei Monaten, spricht für einen Hang zu Jugend- und Abenteuerfilmen: das Herr-der-Ringe-Revival; zwei Folgen der Science-Fiction-Serie Ferner fahler Schimmer; die DC-gegen-Marvel-Geschichte im IMAX in Hooksett. Keine Spur von einer Familie, überhaupt keine Fotos in der Brieftasche. Fünfundachtzig Dollar in Fünfern und Zehnern. Und ein Führerschein, mit einer Adresse hier in der Stadt: 14 Matthew Street Extension, South Concord.

»Ja, klar. Die Gegend kenne ich. Gibt ein paar hübsche kleine Häuschen da unten. Rolly Lewis wohnt da.«

»Und er ist verprügelt worden.«

»Rolly?«

»Das Opfer. Schauen Sie.« Ich wende mich wieder dem verzerrten Gesicht des Versicherungsmenschen zu und deute auf eine Ansammlung sich allmählich gelb verfärbender Blutergüsse hoch oben auf der rechten Wange. »Jemand hat ihm eine reingehauen, und zwar mit Karacho.«

»O ja. Sicher.«

Dotseth gähnt und trinkt ein paar Schlucke von seinem Kaffee. Das Gesetz von New Hampshire hat lange Zeit verlangt, dass bei jedem Leichenfund jemand aus dem Büro des Generalstaatsanwalts gerufen wird, damit die Anklagebehörde von Anfang an mit von der Partie ist, falls es ein Mordfall wird. Angesichts der gegenwärtigen ungewöhnlichen Umstände hat das Staatsparlament diese Vorschrift jedoch Mitte Januar als unnötige Belastung kassiert – Dotseth und seine Kollegen schleppen sich durch den ganzen Staat, um wie Krähen an den Tatorten von Morden herumzustehen, die gar keine Mord-Tatorte sind. Jetzt liegt es im Ermessen des ermittelnden Beamten, ob er einen AAG zu einem 10-54S hinzuzieht. Ich tu das normalerweise und rufe meinen an.

»Also, sonst noch was, junger Mann?«, sagt Dotseth. »Spielen Sie immer noch Racquetball?«

»Ich spiele kein Racquetball, Sir.« Ich höre nur mit halbem Ohr zu, den Blick auf den Toten gerichtet.

»Nicht? An wen denke ich denn da gerade?«

Mit dem Finger tippe ich mir ans Kinn. Zell war klein, vielleicht knapp eins siebzig; gedrungen, stattlicher Rettungsring. Heiliger Bimbam, denke ich immer noch, denn irgendwas stimmt nicht mit diesem Körper, dieser Leiche, diesem speziellen mutmaßlichen Selbstmord, und ich versuche rauszufinden, was es ist.

»Kein Telefon«, murmle ich.

»Was?«

»Seine Brieftasche ist da, seine Schlüssel auch, aber kein Handy.«

Dotseth zuckt die Achseln. »Hat er bestimmt weggeschmissen. Beth hat ihres auch gerade in die Tonne getreten. Auf die verdammten Dinger ist eh immer weniger Verlass, da hat sie sich gedacht, sie könnte ihres auch gleich entsorgen.«

Ich nicke, murmle: »Klar, klar«, und sehe weiterhin Zell an.

»Und kein Brief.«

»Was?«

»Es gibt keinen Abschiedsbrief.«

»So?« Er zuckt erneut die Achseln. »Irgendein Freund wird ihn schon finden. Sein Chef vielleicht.« Er lächelt und trinkt den Kaffee aus. »Die hinterlassen alle einen Abschiedsbrief, diese Leute. Obwohl man sagen muss, dass Erklärungen mittlerweile ziemlich überflüssig sind, stimmt’s?«

»Ja, Sir.« Ich streiche mir über den Schnurrbart. »Ja, in der Tat.«

Letzte Woche sind in Kathmandu tausend Pilger aus ganz Südostasien in einen riesigen Scheiterhaufen marschiert, und Mönche haben einen Kreis um sie gebildet und Sprechgesänge angestimmt, bevor sie selbst ins Feuer gegangen sind. In Mitteleuropa tauschen alte Leute DVDs mit Anleitungen: Wie beschwert man seine Taschen mit Steinen, Wie mischt man sich einen Barbituratcocktail. Im Mittleren Westen der USA – Kansas City, St. Louis, Des Moines – geht der Trend zu Schusswaffen; eine solide Mehrheit pustet sich mit der Schrotflinte das Hirn weg.

Hier in Concord, New Hampshire, sind wir aus welchem Grund auch immer in der Stadt der Hänger. Zusammengesunkene Leichen in Schränken, Schuppen, unfertigen Kellern. Freitag vor einer Woche hat es der Eigentümer eines Möbelgeschäfts in East Concord im Hollywood-Stil probiert und sich mit dem Gürtel seines Bademantels um den Hals von einem überstehenden Stück Regenrinne abgeseilt, aber die Rinne brach ab, sodass er auf die Veranda knallte – lebendig, aber mit vier gebrochenen Gliedmaßen.

»Na, jedenfalls ist es eine Tragödie«, schließt Dotseth ausdruckslos. »Jeder von ihnen ist eine Tragödie.«

Er wirft einen raschen Blick auf seine Armbanduhr, bereit, wieder zu verschwinden. Aber ich hocke noch immer hier unten, lasse den Blick meiner zusammengekniffenen Augen unverwandt über den Körper des Versicherungsmenschen schweifen. Für seinen letzten Tag auf der Erde hat sich Peter Zell einen zerknitterten braunen Anzug und ein blassblaues Anzughemd mit Button-down-Kragen ausgesucht. Seine Strümpfe passen fast, aber nicht ganz...

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