Gebrauchsanweisung für Kanada

 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 29. Juli 2021
  • |
  • 224 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-99753-9 (ISBN)
 
Atemberaubende Nationalparks, Berge und Meere, Grizzlys und Elche; dazu Sportmöglichkeiten zu jeder Jahreszeit, lukullische Genüsse und sprachliche wie kulturelle Vielfalt: Kanada wird nie langweilig. Sonya Winterberg hat das ganze Land bereist und lässt sich immer wieder gerne überraschen: von der ungebrochenen Freundlichkeit der Kanadier, der Wildheit der Niagarafälle und den schroffen Klippen der Rocky Mountains. Tagelang fährt sie mit uns mit dem Zug durch unendliche Weiten, schwelgt in Schlosshotels in British Columbia in historischem Luxus und schmaust köstlich und koscher in Quebec. Es ist nicht leicht, das zweitgrößte Land der Erde zu begreifen, doch mit dieser Gebrauchsanweisung sind sie ganz nah dran. Ansonsten hilft nur noch: selbst hinreisen und entdecken!
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Sonya Winterberg, Jahrgang 1970, arbeitet seit mehr als zwanzig Jahren als Journalistin für Print und Fernsehen in Europa und Nordamerika. Nach Stationen in Belgien, den USA und Deutschland lebt sie heute in Halifax, Nova Scotia. Sie beherrscht beide Landessprachen und hat sich schon im Studium mit den Sprachen der Ureinwohner des nördlichen Polarkreises beschäftigt.
Zuletzt erschien von ihr "Kollwitz. Die Biografie", im Piper Verlag veröffentlichte sie u. a. "Wir sind die Wolfskinder. Verlassen in Ostpreußen".

Die atlantischen Provinzen - oder: Wo alles begann .


A mari usque ad mare.

- Kanadisches Staatsmotto[1]

Nur damit Sie nicht auf falsche Gedanken kommen: Mit Neufundländer, kurz »Newfie«, ist keineswegs der wuschelige Riesenhund gleichen Namens gemeint, der kaum noch auf Neufundland vorkommt, aber durchaus auch ein freundlicher Zeitgenosse ist! Nein, die Neufundländer an sich, also die Menschen, gelten als ausgesprochen freundlich. Oder, um Yvonne, die Kellnerin und Neufundländerin meines Vertrauens, zu zitieren: »In Neufundland käme niemand auf die Idee, an der Haustür zu klingeln oder zu klopfen. Man öffnet die Tür einfach, geht rein und weiß, dass da immer eine Tasse Tee auf einen wartet.« Dabei hört sich ihr »Newfoundland« ganz anders an, als die meisten englischen Muttersprachler es aussprechen würden. In Kanada wird die Provinz nämlich etwa so ausgesprochen wie bei uns Finnland: New-finn-land. Wenn Sie das beherrschen, steht Ihrer Einbürgerung fast nichts mehr im Wege. Doch nicht ganz so schnell: Zuerst noch ein paar Details zur Orientierung.

 

Um Ihnen zu verdeutlichen, wie weitläufig Kanada ist, entführe ich Sie erst einmal auf eine Reise quer über den Kontinent. Kanada besteht aus zehn Provinzen und drei Territorien. Das zweitgrößte Land der Erde besitzt in etwa die Fläche Europas und erstreckt sich vom Atlantik bis zum Pazifik über sechs Zeitzonen. Erst 2012 wurden die letzten topografischen Karten der kanadischen Arktis fertiggestellt, während die Unterwassergebiete noch lange nicht vollständig vermessen sind. Auf einen Quadratkilometer kommen etwa drei Menschen, wobei achtzig Prozent der gut 37 Millionen Einwohner innerhalb eines Gürtels von knapp 200 Kilometern Breite entlang der US-Grenze in den urbanen Zentren rund um Montreal, Toronto und Vancouver leben.

Im Nordosten des Landes ist Kanada Europa am nächsten: An der Meerenge des sogenannten Kennedy-Kanals ist die nördlichste kanadische Insel, Ellesmere Island, gerade einmal dreißig Kilometer vom dänischen Autonomiegebiet Grönland entfernt. Südlich von Neufundland gibt es außerdem ein Überbleibsel der französischen Kolonie Neufrankreich: die Inselgruppe Saint-Pierre-et-Miquelon, die zur EU zählt und wo der Euro die offizielle Währung ist. Mit den USA teilt Kanada die weltweit längste Landgrenze zwischen zwei Staaten. Dabei verläuft diese nicht nur auf dem nordamerikanischen Kontinent, sondern führt auch über maritime Bereiche im Atlantik, Pazifik, Nordpolarmeer sowie über die Großen Seen und umfasst 8891 Kilometer mit 120 Grenzübergängen. Die Küste ist die längste der Welt. Würde man die rund 243 000 Kilometer zu Fuß erwandern, wäre man gut 33 Jahre unterwegs. Kanada, das auch den Spitznamen »The True North«, der wahre Norden[2], trägt, liegt im Wesentlichen oberhalb des 49. Breitengrades (engl. 49th parallel), worauf in Musik und Literatur häufig Bezug genommen wird.

Die meisten Reisenden, die aus Europa mit dem Flugzeug nach Kanada kommen, sehen auf der Landkarte im Flieger zunächst Neufundland und dort die Orte Gander und Saint John's markiert, von denen sie im Normalfall noch nie gehört haben. Gander ist mit seinen rund 11 000 Einwohnern eine Kleinstadt und doch weitaus bekannter als Saint John's, das immerhin die Provinzhauptstadt von Neufundland und Labrador ist und mit Eingemeindungen auf 220 000 Einwohner kommt. Auch USA-Reisende, die nie einen Fuß nach Kanada gesetzt haben, kennen Gander meist durch den Flug über die Great Circle Route, die direkte Strecke über den Nordatlantik nach Amerika. Ohne seinen Flughafen gäbe es Gander heute gar nicht. Der Ort entstand als Siedlung für die Planer des Flughafens und Arbeiter der Großbaustelle mitten in der Wildnis. Als 1936 mit seinem Bau begonnen wurde, hatte man im Gegensatz zu den meisten anderen Airports auf der Welt keinerlei städtische Anbindung. Weshalb also ausgerechnet hier einen Flughafen bauen? In den frühen Jahren der Luftfahrt war die Reichweite der Flugzeuge weitaus geringer, und es gab noch keine Direktflüge in die USA. So wurde Gander als nordöstlichster Punkt in Nordamerika zum Zwischenstopp von und nach Europa, an dem die Maschinen auftankten. Das Erstaunliche: Als der Flughafen 1938 in Betrieb genommen wurde, galt er mit seinen vier gepflasterten Start- und Landebahnen als der größte seiner Zeit. Und bis heute ist er der Brückenkopf zwischen Alter und Neuer Welt, der häufig für Notlandungen im Falle medizinischer oder technischer Vorkommnisse genutzt wird. Zu Weltruhm gelangte Gander am 11. September 2001, als binnen kürzester Zeit der Flugraum über Nordamerika erstmals komplett geschlossen wurde und alle Maschinen, die zu diesem Zeitpunkt in der Luft waren, notlanden mussten. Innerhalb weniger Stunden strandeten 38 Flugzeuge mit rund 7000 Passagieren in Gander. Niemand wusste, wie lange sie dort festsitzen würden. Die Einwohner dieser kleinen Stadt liefen in jenen Tagen zur Höchstform auf, was inzwischen in einem preisgekrönten Musical mit dem Titel Come from Away verarbeitet wurde. Im dazugehörigen Dokumentarfilm You Are Here - A Come From Away Story treten auch deutsche Zeitzeugen auf, darunter die frühere Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth, die 9/11 ebenfalls in Gander gestrandet war. Für unseren Überblick über die Weiten Kanadas nehmen wir nun jedoch die Fähre von Port aux Basques nach Sydney im Norden der Provinz Nova Scotia.

 

Nova Scotia lässt sich grob in zwei Regionen unterteilen. Der nördliche Teil, in dem die Hafenstadt Sydney liegt, ist die atemberaubend schöne Insel Cape Breton, die im Süden nur durch einen schmalen, künstlich errichteten Damm mit der restlichen Halbinsel verbunden ist. Cape Breton ist in den letzten drei Jahrzehnten zu einem bevorzugten Ziel deutscher Auswanderer geworden, weshalb sich Erstbesucher meist verwundert die Augen reiben. Ein Laden am Straßenrand preist »deutschen Kuchen« an, ein anderer daneben wirbt für »Indianerkunst«. Die englische Übersetzung steht deutlich kleiner darunter. Andere deutschsprachige Tafeln werben mit »Neusiedler-Beratung« oder »Deutschsprachiges Notariat - Faire Beratung - Sicheres Investment«. Das kleine Yellow Seabird Bed & Breakfast im pittoresken Städtchen Saint Peters ist ebenso in deutscher Hand wie Carmen's German Bakery zwei Häuser weiter.

Cape Breton ist seit Langem ein touristisches Traumziel. Der berühmte Cabot Trail führt 300 Kilometer an dramatischen Steilküsten vorbei, durchquert malerische Highlands, Gletschertäler und düstere Moorlandschaften. Benannt ist er nach John Cabot, dem nach den Wikingern ersten Entdecker der Küste Nordamerikas. Der Bras d'Or, ein landschaftsprägender See im Inselinnern, hat die zweieinhalbfache Größe des Bodensees. In den Sommermonaten wird er von Reisenden umkreist, den Rest des Jahres bleiben die Steinadler unter sich. Die Menschen hier sind freundlich und ausgeglichen, die Kriminalitätsrate ist so gering, dass viele ihre Häuser nicht abschließen und den Zündschlüssel im Auto stecken lassen. Der weltberühmte Fotograf Robert Frank lebte bis zu seinem Tod 2019 ebenso hier wie heute noch der Komponist Philip Glass. Die Cape Breton University belegte über Jahre hinweg Platz eins im Ranking der besten Hochschulen Kanadas.

Wer die Abgeschiedenheit sucht, ist hier genau richtig. Cape Breton ist halb so groß wie Hessen - dort kommen 300 Einwohner auf einen Quadratkilometer, hier sind es gerade einmal dreizehn. Das ist Fluch und Segen zugleich. Die Wirtschaft liegt brach, Subventionen fließen spärlich. Wer vom Tourismus leben will, hat mit dem rauen Klima und dem kurzen Sommer zu kämpfen. Die Gegend zählt zu den einkommensschwächsten in Kanada und wird dazu noch jedes Jahr um etwa tausend Einwohner ärmer.

Dafür kommen die Deutschen. Den Boden bereiten ihnen häufig die sogenannten Landerschließer. Diese kaufen brachliegendes Land, das die Insel im Überfluss hat, teilen es in Parzellen und veräußern es - nicht selten überteuert - an unbedarfte Neusiedler weiter. Der erste Deutsche unter ihnen war wohl der gelernte Automechaniker und Landwirt Rolf Bouman, gleichermaßen fasziniert von Karl May und den realen Spuren der indigenen Urbevölkerung, auch First Nations genannt. Als Landerschließer machte er ein Vermögen, welches er nun zu einem Teil in seine »Sammlung zeitgenössischer indianischer Kunst« sowie ein Kulturzentrum einbringt. Seinen Kollegen und Konkurrenten Frank Eckhardt bezeichnete der »Spiegel« 2020 als Verschwörungsideologen. Er misstraut allem, was Staat ist, und propagiert eine weitgehend autarke Lebensweise. Unter dem Begriff »off the grid« ist diese in Kanada sehr viel weiter verbreitet als in Deutschland, ohne ideologischen Überbau. Eckhardt dagegen ist das Paradebeispiel für eine besorgniserregende Strömung mit rechtsradikalem Hintergrund.

Fernweh und Indianerromantik haben die Pioniere unter den Auswanderern angetrieben. Mittlerweile ist jedoch häufig eine apokalyptische Sicht auf die vermeintlichen Zustände in Deutschland und der EU der Grund. Viele glauben, dass die Europäische Union kurz vor dem Kollaps steht, das Währungssystem zusammenbricht und Deutschland durch unkontrollierte Migration unregierbar wird. So ist es vielleicht kein Zufall, dass unter den deutschen Einwanderern auf Cape Breton auch die ehemalige Tagesschau-Sprecherin und Talkmasterin Eva Herman zu finden ist. 2007 hatte ihr die ARD wegen verharmlosender Äußerungen zum Dritten Reich die Zusammenarbeit aufgekündigt. Jetzt...

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