Unbekannt verzogen

Roman
 
 
Insel (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. März 2013
  • |
  • 281 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-458-73194-8 (ISBN)
 
Carol hat es gründlich satt: Da ist sie mit einem Mann verheiratet, dessen Rumgejammer bei ihr beinahe Mordgelüste weckt, hat eine halbwüchsige Tochter, die ihr vorkommt wie ein Alien im eigenen Haus, und nun auch noch das - endlich hatte sie sich ein Herz gefasst, nach Athen abzuhauen, da macht das Schicksal ihr einen Strich durch die Rechnung.
Und dann ist da Albert: Der Briefträger schlurft einsam und lustlos durchs Leben, seit seine Frau gestorben ist. Nicht mal seine selbstmordgefährdete Katze Gloria schenkt ihm so recht Beachtung. Und jetzt, kurz vor der Rente, wird er auch noch dazu verdonnert, unzustellbare Briefe zu sortieren. Er gehört wohl endgültig zum alten Eisen - doch plötzlich trudeln bei ihm Briefe einer anonymen »C.« ein, schlagartig fühlt er sich ihr verbunden wie einer alten Freundin und macht sich auf den Weg, sie zu finden .
Tom Winter erzählt mit beißendem Humor und doch mit großer Wärme für seine Figuren von zwei Pflichterfüllern, die endlich den Mut aufbringen, aus dem Gewohnten auszubrechen.
Deutsche Erstausgabe
  • Deutsch
  • Berlin
  • |
  • Deutschland
  • 5,12 MB
978-3-458-73194-8 (9783458731948)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Tom Winter, 1974 in der Nähe Londons geboren, lebt nach 15 Jahren in Hongkong und Shanghai in Berlin und arbeitet als Werbetexter für internationale Firmen.

Regina Rawlinson, geboren 1957 in Bochum, studierte Anglistik, Amerikanistik und Germanistik sowie Literarisches Übersetzen aus dem Englischen. Seit 1988 übersetzt sie englische Belletristik ins Deutsche, u. a. Peter Carey, John le Carré und Lauren Weisberger. Sie ist Lehrbeauftragte für Literarisches Übersetzen an der LMU München und Vorsitzende des Münchner Übersetzer-Forums e.V.. Sie erhielt mehrere Arbeitsstipendien des Deutschen Übersetzerfonds e.V., unter anderem für Zurück auf Glück von Patricia Marx. 2011 wurde ihr zudem das Arbeitsstipendium des Freistaates Bayern für literarische Übersetzerinnen und Übersetzer gewährt. Regina Rawlinson lebt in München.

CAROL


1


Carol hätte gerne eine Krankheit. Keine tödliche und auch keine, die sie lähmt oder zum Krüppel macht. Es geht ihr nicht um einen Behindertenparkplatz, auch wenn die Vorteile natürlich auf der Hand liegen.

»Stimmt, ich habe nicht viel aus meinem Leben gemacht«, möchte sie sagen können, »aber das ist nur wegen meiner … Lepra.«

Die Leute würden verständnisvoll mit dem Kopf nicken, während sie langsam zurückweichen, und womöglich könnte sie sich sogar selbst morgens um einiges lieber im Spiegel ansehen: eine Frau in den besten Jahren, die im Leben nicht viel auf die Beine gestellt hat, weil sie voll und ganz damit ausgelastet ist, sich tote Haut abzuzupfen und nach ihren abgefallenen Körperteilen zu suchen.

»Ja«, würde sie sagen, wenn sie mal wieder zu spät ins Büro kommt, »ich bin eine Niete, ich weiß. Aber ich habe ein paar von meinen Fingern wiedergefunden. Das ist doch auch schon mal was.«

Aber sie hat keine Krankheit, keine Ausrede, hinter der sie sich verstecken kann. Dass sie mit einem ausgewiesenen Schwachkopf verheiratet ist, zählt nicht als Behinderung. Und ihre Tochter – tja, was kann sie dazu schon sagen? Vor der Geburt hat sie monatelang sämtliche Bücher über Kindererziehung gelesen, die sie auftreiben konnte. Im Nachhinein betrachtet, hätte sie sich besser mit der Kunst des Krieges von Sun Tsu beschäftigen sollen oder vielleicht mit einer Feldstudie über tollwütige Menschenaffen.

So hat sie sich das Muttersein wirklich nicht vorgestellt. Die Verwandlung ihres süßen Töchterchens in einen Teenager glich einem Alptraum – wie eine Fahrt mit der Achterbahn, auf der man vor der ersten Abfahrt feststellt, dass der Sicherheitsbügel defekt ist.

Mittlerweile ist Sophie siebzehn, die Welt gehört ihr. Und Carol sitzt im Bus und fährt im strömenden Regen nach Hause, starrt auf die nasse Scheibe, hinter der nur eine diffuse Stadtlandschaft zu erkennen ist – die Ahnung eines Straßenschildes, ein Teil einer Ladenfassade –, so bruchstückhaft und unscharf wie ihr Leben: Sie weiß nie, wo sie gerade steht. Und zwanzig Ehejahre münden in drei Worte:

»Ich verlasse dich.«

Carol lässt sich den Satz einen Augenblick auf der Zunge zergehen. Ein Jammer eigentlich, dass sie ihn nur ein einziges Mal wird sagen können. So viel aufgestauten Frust in drei kleine Wörter zu pressen hat ihnen eine neue, beinahe schon atomare Kraft verliehen, als könnten sie, einmal ausgesprochen, ganz London in Schutt und Asche legen.

Sie wird es ihrem Mann heute beim Abendessen sagen, auch wenn sie noch nicht genau weiß, wie sie das Thema anschneiden soll. Und dazu wird sie ihm einen etwas ausgefalleneren Nachtisch als sonst servieren (zufälligerweise ihr Lieblingsdessert). Er soll es ruhig als tröstliche Geste auffassen. Dass es in Wahrheit ein Siegesmahl ist, braucht sie ihn ja nicht merken zu lassen.

2


Es ist schon erstaunlich, wie viel zwölf, dreizehn Meilen ausmachen können. Man denke nur an einen Halbmarathon, bei dem die Läufer mit rosigen Wangen und strahlendem Lächeln ins Ziel kommen. Für London gilt das Gegenteil. Auf den zwölf Meilen zwischen Westminster und Croydon verkommt es von einer Stadt der Parks und Paläste zur eintönigen Schlafstadt, zur grauen Betonwüste. Dass London in Croydon endet, wäre bloß die halbe Wahrheit; hoffnungslos und abgekämpft schleppt es sich bis nach Croydon und verreckt.

Natürlich gibt das niemand gern zu in Carols Nachbarschaft, wo sich die abgearbeiteten Leute noch immer an den Traum vom gehobenen Mittelstand klammern, samt Autowachsen am Samstag und Duftkerzen und Porzellanfiguren auf der Fensterbank.

Während Carol von der Bushaltestelle nach Hause geht, versucht sie, sich nicht weiter über die Gewohnheiten ihrer Nachbarn aufzuregen oder darüber, dass die ganze Siedlung ein Labyrinth aus Sackgassen ist – eher eine kommunale Petrischale als ein Ort, an dem es sich zu leben lohnt. Heute Abend wird sie alle Brücken hinter sich abbrechen. Nicht mehr lange, und sie ist frei.

»Carol!« Mit klirrenden Armreifen behängt, kommt Mandy Horton aus dem Haus gelaufen. »Bob und Tony sind im Pub, Darts spielen. Wir sollen nachkommen.«

»Wie bitte?«

»Bob und Tony …«

»Schon klar, aber Bob hat kein Wort davon gesagt, dass er heute Abend in den Pub will.«

»Na und?«, schnaubt Mandy.

Wie dieses Geschnaube sich wohl anhören würde, wenn Carol ihren Kopf unter Wasser drückte, vielleicht sogar so lange, bis ihr Körper erschlafft und kalt wird?

Carol hat gar nicht gemerkt, dass Mandy immer noch redet.

»… und was will man an einem Dienstag sonst schon groß unternehmen?«

Carol wirft einen Blick auf ihre Einkaufstüte, aus der der Nachtisch fast oben herausschaut. »Es ist nur, weil ich mit Bob etwas besprechen wollte.«

»Aber das kannst du doch auch im Pub machen, Dummerchen! Soll ich dich in einer halben Stunde abholen?« Fast mitleidig lässt sie den Blick über Carols Kleid schweifen. »Dann kannst du dich vorher noch umziehen.«

 

Bei Carol zu Hause sieht es aus, als hätten Einbrecher gewütet, es herrscht das reinste Chaos, als wäre das Haus während ihrer Abwesenheit von einem Riesen aus seinem Fundament gehoben und durch die Gegend gekickt worden.

Obwohl sie davon ausgeht, dass ihre Tochter daheim ist, bleibt sie am Fuß der Treppe zögernd stehen. Dass sich ein Teenager in einem kleinen Einfamilienhaus völlig unsichtbar machen kann, sagt in Carols Augen alles: Sophie besitzt einen Guerillainstinkt, von dem sich die Vietcong oder Taliban eine Scheibe abschneiden können.

»Sophie?«

Nichts.

Sie überlegt, ob sie nach oben gehen und hallo sagen soll, im Dienste des guten Mutter-Tochter-Verhältnisses, um das sie sich seit siebzehn Jahren vergeblich bemüht, entscheidet sich dann aber doch dagegen. Ein simpler Dialog mit Sophie kommt in letzter Zeit so selten zustande, dass es besser ist, sich diesen Versuch für eine Gelegenheit aufzuheben, bei der sie tatsächlich etwas Wichtiges zu sagen hat: »Ja, ich verlasse euch.« – »Nein, ich komme nicht zurück.«

Bei diesem Gedanken machen sich bei Carol leise Gewissensbisse bemerkbar, aber nicht etwa, weil sich dieses Gespräch nicht vermeiden lässt, sondern, weil sie sich darauf freut. Dabei ist an Sophie im Grunde gar nichts auszusetzen, bis auf die Tatsache, dass Carol sich ein anderes Kind ausgesucht hätte, wenn sie es per Katalog hätte bestellen können. Das Einzige, was sie an ihrer Tochter wirklich versteht, sind die Eigenschaften, die sie von Bob geerbt hat – so zum Beispiel das Talent, das Haus in ein Schlachtfeld zu verwandeln, gepaart mit der festen Überzeugung, dass Carol die Spuren der Verwüstung schon wieder beseitigen wird. Alles andere an Sophie erscheint ihr seltsam fremd und unbegreiflich. Sogar ihre Intelligenz kommt Carol wie ein Produktionsfehler vor. Wie konnte aus dem Erbgut, mit dem sie geschlagen ist, ein derart kluges, fleißiges Kind entstehen? Carol weiß darauf keine Antwort. Die Frage löst in ihr das unbestimmte Gefühl aus, dass sie, indem sie die Tochter bekommen hat, die sich jeder wünscht, auf die Tochter verzichten musste, die sie liebt und braucht.

Möglicherweise kann sie mit dem Lärm, den sie beim Auffüllen des Kühlschranks macht, wenigstens eine körperliche Reaktion bei Sophie auslösen – schließlich müssen auch Intelligenzbestien essen. Also nimmt sie sich als Erstes den Nachtisch vor, packt ihn umständlich aus und stellt ihn auf einen Teller, den sie mit lautem Klappern ins Fach schiebt.

Von oben nur bedrückende Stille. Carol beschließt, doch nicht in den Pub zu gehen – vielleicht macht sie Mandy noch nicht mal die Tür auf, wenn die sie, in die unvermeidliche Parfümwolke gehüllt, abholen will. Sie wird zu Hause auf Bob warten und dann in aller Ruhe ihr gemeinsames Leben zerstören, wie ein Schmetterling, der seinen Kokon zerreißen muss, um zu leben.

3


Aber natürlich ist sie in den Pub gegangen, und natürlich hat sie sich den ganzen Abend wie gelähmt gefühlt, wie in all den Jahren, in denen sie es nicht geschafft hat, Bob endlich zu verlassen. Bloß andere nicht enttäuschen – das Gefühl kennt sie zur Genüge. Dennoch weiß sie, inmitten all dieser Leute, die versuchen, sich die Sinnlosigkeit ihres Lebens schönzutrinken, dass heute der Abend ist, an dem sie sich befreien wird.

Als sie endlich im Auto sitzen, ihrem dreitürigen Vorstadt-Kokon, abgeschottet vom nächtlichen Croydon mit all seinen Tragödien, schweigen sie sich an, was ihnen sonst gar nicht ähnlich sieht. Carol muss an die Tiere denken, die ein Erdbeben Stunden oder gar Tage vorher erahnen können. Sie wirft einen Blick auf Bob, der am Steuer sitzt. Könnte sie hier und jetzt seinen Schädel öffnen, würde sie nichts darin finden als einen leeren Hohlraum, in dessen Dunkel höchstens ein kleines rotes Lämpchen blinkt.

»Ich hatte nicht damit gerechnet, dass wir heute in den Pub gehen«, sagt sie. Es fühlt sich gut an, die Initiative zu ergreifen. Ihr erster Schritt in die Freiheit.

»Nein, es war eine Spontanidee. Mir … mir ist zu Hause die Decke auf den Kopf gefallen.«

»Eigentlich hatte ich gehofft, wir könnten uns mal unterhalten.«

Bob macht ein erschrockenes Gesicht. »Wer? Wir? Du und ich?«

»Ja, Bob. Du und ich.«

Plötzlich reißt er die Augen auf, und Carol glaubt im ersten Moment fast, er hätte einen Schlaganfall –...

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