Metamorphosen des Wortes

Der Medienwechsel im Schaffen Jirí Kolárs
 
Astrid Winter (Autor)
 
Wallstein (Verlag)
1. Auflage | erschienen im Juli 2011 | 800 Seiten
 
E-Book | PDF ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8353-2085-7 (ISBN)
 
Erstmals wird das bildkünstlerische und dichterische Werk Jirí Kolárs, des >Vaters der Collage<, unter einem einheitlichen Gesichtspunkt mit interdisziplinären Methoden betrachtet.

Der tschechische Künstler Jirí Kolár (1914-2002) gehört zu den bedeutendsten Vertretern der mitteleuropäischen Literatur- und Kunstgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg. International bekannt wurde er in den 60er Jahren durch ungewöhnliche Collagen und Assemblagen, die verschiedenste Materialien, vor allem aber Bild und Text kombinieren. Sie gehören zu einem Ouvre von ungewöhnlich breiter Formenvielfalt, das einen außerordentlich originellen Beitrag zur visuellen Poesie darstellt.
Erstmals werden hier alle diese Gattungen in ihrer entwicklungsgeschichtlichen Stellung, Struktur und Bedeutung mit einem neuartigen interdisziplinären Ansatz untersucht. Die Verwandlung verbaler in bildliche Ausdrucksformen erweist sich als angemessene Reaktion auf die politische Situation des Kommunismus stalinistischer Prägung.
Kolár gab mit dem Verzicht auf das Wort ein Vorbild künstlerischen Schaffens aus ethischer Verantwortung. Mit einer konzeptuellen nichtsprachlichen Dichtung gelangte er zu Innovationen, die denen vergleichbarer Kunstströmungen im Westen vorausgingen. So wird der Blick auf die Geschichte der Kunst und Literatur der Moderne, der immer noch einseitig westlich geprägt ist, in einem wesentlichen Bereich korrigiert.
Ein umfangreicher Übersetzungsapparat bietet auch Nichtslawisten einen umfassenden Einblick in ein bisher unerschlossenes Ouvre.
Deutsch
213 z. Teil farb. Abbildungen
12,81 MB
978-3-8353-2085-7 (9783835320857)
3835320858 (3835320858)
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Astrid Winter, geb. 1966, ist Dozentin für Tschechisch und Komparatistik an der Universität Göttingen. Sie studierte Slawistik, Germanistik, Pädagogik und Kunstgeschichte in Göttingen, Prag und Brünn und wurde 2004 promoviert.

Jirí Kolár, geb. 1914 im böhmischen Protivin, wurde in den 40er Jahren als Dichter experimenteller Poesie bekannt. Aufgrund seiner politischen Haltung erhielt er 1952 Publikationsverbot. In den 60er Jahren wurde Kolár weltweit als Schöpfer der modernen Collage gefeiert. 1980 emigrierte er nach Paris, kehrte 1998 zurück nach Prag und lebte dort bis zu seinem Tod 2002.
1 - Inhalt [Seite 8]
2 - Einleitung [Seite 16]
3 - I Kontexte Jirí Kolár und die tschechische experimentelle Poesie [Seite 48]
3.1 - 1 Kultur- und literarhistorischer Kontext der fünfziger und sechziger Jahre [Seite 50]
3.2 - 2 Die Protagonisten der tsche­chischen experimentellen Poesie [Seite 72]
3.3 - 3 Internationale Beziehungen - Prag, ein Paradies für Konkretisten [Seite 124]
3.4 - 4 Beitrag und Funktion des tschechischen dichterischen Experiments [Seite 144]
4 - II Analysen Kolárs Übergang von der verbalen zur visuellen Poesie - Desemantisierung, Ikonisierung und Konzeptualisierung der Dichtung [Seite 162]
4.1 - 1 Básne ticha - Hauptwerk der experimentellen Phase [Seite 164]
4.2 - 2 Probleme einer gattungstypologischen Klassifikation - Ein Systematisierungsversuch [Seite 192]
4.3 - 3 Typogrammpoesie - Wandlungen der Textgestalt und des Wortes [Seite 218]
4.4 - 4 Destatische Poesie - Wandlungen des Lesers [Seite 392]
4.5 - 5 Evidente Poesie - Wandlungen der Schrift [Seite 428]
5 - III Synthesen Entwurf einer ethischen Poetik - Paradigma der konstruktiven Verfahren im Gesamtwerk [Seite 600]
5.1 - 1 Einleitung [Seite 602]
5.2 - 2 Poetische Transformationen eines Konzepts - Das Schicksal [Seite 606]
5.3 - 3 Polyphonie der Schicksale - Formen der Intertextualität [Seite 618]
5.4 - 4 Bedeutung der Polyphonie - Semantische Differenz und ambivalente Identität [Seite 646]
5.5 - 5 Das System der konstruktiven Differenzen - Ambivalenz der Form [Seite 654]
5.6 - 6 Abwehr des Symbols und Belebung der Analogie - Die Relation zwischen Geste und Bedeutung [Seite 666]
5.7 - 7 Die Metamorphose der Wahrnehmung - Fragen nach dem Sinn [Seite 676]
5.8 - 8 Resümee [Seite 680]
6 - IV Anhang [Seite 684]
6.1 - 1 Abkürzungsverzeichnis [Seite 686]
6.2 - 2 Jirí Kolár - Werke und Dokumente [Seite 690]
6.3 - 3 Literatur [Seite 698]
6.4 - 4 Farbabbildungen [Seite 754]
6.5 - 5 Verzeichnisse [Seite 768]
6.6 - 6 Register [Seite 780]
6.7 - 7 Dank [Seite 798]
2 Probleme einer gattungstypologischen Klassifikation – Ein Systematisierungsversuch (S. 191-192)

Bereits der Überblick über eine zentrale Sammlung der fraglichen Werkphase hat gezeigt, daß es zum Wesen des durch die Suche nach unverbrauchten Ausdrucksmöglichkeiten motivierten künstlerischen Experiments gehört, neuartige Texttypen hervorzubringen. Da die Gattungsbildung in der Dyna- mik des Medienwechsels eine treibende Kraft ist, muß ihr in den folgenden Analysen besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden.

Doch gibt eine fast synchrone Ausweitung der Dichtung in verschiedenste Bereiche keine Chronologie vor, so daß ein systematisches Herangehen an- gezeigt ist, das aber eine Taxonomie des Korpus voraussetzt. Gerade weil es sich nicht um einen konventionellen Kanon literarischer Gattungen handelt, welche zumindest durch ein etabliertes Vorverständnis systematisiert werden könnten, bringt eine Klassifikation zahlreiche methodologische Probleme mit sich, die vor allem aus der produktionsästhetischen Bestimmung, der Divergenz der vom Autor verliehenen Bezeichnungen und der Heterogenität der Produkte in ihrer Relevanz für verschiedene Künste hervorgehen.

So wird uns allein die Betonung des generativen Prinzips mit der Schwie- rigkeit konfrontieren, daß eine potentielle Textsorte nur in einem einzigen Exemplar oder einem Plan vorliegen kann. Damit drohen aber allgemeine erkenntnistheoretische Grundpositionen, die üblicherweise von einem kon- zeptualistischen Verständnis ausgehen und universalen Gattungsbegriffen vor ihren Konkretisierungen Existenzrecht zubilligen, bereits fragwürdig zu werden.

Die folgenden Überlegungen zur Gattungsproblematik können generelle Fragen höchstens anreißen und sollen vor allem Rechenschaft über die ter- minologische und klassifikatorische Grundlegung der für diese Arbeit er- stellten Systematik experimenteller Poesie Kolárs ablegen (vgl. Tab. 2).

Zum Gattungsbegriff

Der Untersuchung liegt ein Gattungsbegriff  zugrunde, der nicht auf die triadische Konzeption der »Naturformen« der Dichtung (Goethe) oder auf die daraus hervorgegangenen Vorstellungen überzeitlicher Grundhaltungen des Lyrischen, Epischen, Dramatischen bezogen ist, sondern der dem in ver- schiedenen Ansätzen der Literaturwissenschaft einheitlich gebrauchten Begriff einer historisch und geographisch bedingten Einzelform literarischer Kommunikation entspricht.

Dabei kann der konkrete Text 2 als jeweils in- dividuell oder normativ bestimmte Anlehnung bzw. offene oder unbewußte Negierung gattungsgeschichtlicher Vorgaben aufgefaßt werden. Allerdings darf in diesem Verständnis weder der Bezug zu den literari- schen Grundformen, seien es nun höchst allgemeine Sammelbegriffe oder konstante »Schreibweisen« , noch das ganz grundsätzliche Verhältnis zu den anderen Kunstgattungen 4 aus der Betrachtung ausgeschlossen werden. Denn diese Dimension erscheint wesentlich für die Möglichkeit der Gattungs- mischung und die spezifischen Strategien Kolárs.

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