Bin im Garten

Ein Jahr wachsen und wachsen lassen
 
 
Penguin Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 25. März 2019
  • |
  • 320 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-16588-8 (ISBN)
 

"Ein Jahr im Garten leben. Gemüse anbauen. Bäume pflanzen. Blümchen natürlich auch. Wurzeln schlagen. Boden unter den Füßen finden, und zwar einen, den ich persönlich dorthin geschaufelt habe."

Weltreisende sucht Ort zum Bleiben: Mit Tempo und Witz erzählt Meike Winnemuth in ihrem Tagebuch von ihrem neuen Abenteuer - dem ersten eigenen Garten. Vom Träumen und Planen, Schuften und Graben, Säen, Pflanzen, Ernten, Essen. Vom großen Wachsen (Muskelkater!) und Werden (plötzlich: geduldig!). Und entführt uns dabei an einen paradiesischen Ort wahren Lebens, mit Radieschen und Schnecken, mit Rittersporn und anderen blauen Wundern. Das Buch wird nach höchsten ökologischen Standards (Cradle to Cradle) hergestellt und nicht in Folie eingeschweißt.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Penguin
  • 60 farbige Abbildungen
  • |
  • Mit Illustrationen und Fotos
  • 80,48 MB
978-3-641-16588-8 (9783641165888)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Meike Winnemuth, 1960 in Schleswig-Holstein geboren und in Hamburg und München lebend, ist freie Journalistin. Bei "Stern", "Geo Saison", "SZ Magazin" und in vielen anderen Zeitschriften sowie im Netz ("Das kleine Blaue") erschrieb sie sich eine große und begeisterte Anhängerschaft. Ihrem Reise-Blog "Vor mir die Welt" folgten mehr als 200.000 Leser, er wurde für den Grimme Online-Award 2012 nominiert und bei den Lead Awards 2012 ausgezeichnet.

1. Februar

Den Februar mochte ich nie, das ist ein so abweisender kleiner Monat, kurz, dunkel und kalt. Und voller Rituale, die mit Fasten und Reinigung zu tun haben, mit Schuld und Sühne und Askese. Am Aschermittwoch ist alles vorbei. Und der Neubeginn scheint noch so fern.

Auf meinem Lesestapel liegt ein Buch, das mir trotzdem unwahrscheinlich gute Laune macht, Hier wächst nichts. Notizen aus unseren Gärten von Jörg Pfenningschmidt und Jonas Reif. Entdeckt habe ich es in meiner Lieblingsbuchhandlung Wohlers gegenüber meiner Hamburger Wohnung. Der Laden ist winzig, nicht mal 30 Quadratmeter groß, aber gut sortiert, ich finde eigentlich immer was. Einmal im Monat allerdings spiele ich mit mir selbst eine Art Russisches Roulette: Ich stelle mich vor das Schaufenster und kaufe auf gut Glück ein dort ausgestelltes Buch, von dem ich nicht das Geringste weiß. Bei Wohlers stehen immer an die 20 Bücher in der Auslage, eines davon, das ist meine selbstauferlegte Spielregel, muss ich mir aussuchen, kaufen und lesen.

Bei diesem Spiel geht es um den freiwilligen Zwang, immer mal wieder Neues, nie Gewusstes, nie Gedachtes, nie Gefühltes ins Leben zu lassen. Ich habe wie jeder Mensch die Tendenz, mich nur mit den Dingen zu beschäftigen, von denen ich ziemlich sicher bin, dass ich sie mag. Wäre sonst ja auch reichlich masochistisch. Gleichzeitig weiß ich (Lebenserfahrung, Baby!), dass mich immer diejenigen Erfahrungen am weitesten bringen, zu denen ich spontan »och nö« sage. Ich muss zu meinem Glück gezwungen werden. Glück macht Arbeit, die man sich selbst auferlegen muss, sonst tut es nämlich keiner.

Im Fall von Hier wächst nichts hatte ich doppelt Glück: Es stand im Fenster und wäre angesichts des Titels und Covers (weißer Monoblock-Plastikstuhl vor Teppichstange auf schütterem Rasen) sowieso gekauft worden. Pfenningschmidt ist Hamburger Gartengestalter mit einer Zunge so scharf wie eine Heckenschere. Er kann herrlich über Gartencenter herziehen, die nicht mehr Gartencenter heißen, sondern »Outdoor Living«, und in denen es kein Bentonit und keine Bambusstäbe mehr zu kaufen gibt, sondern lebensgroße rosa Glitzerhirsche, Buddhas oder fabrikmäßig rostige Deko-Gartengeräte im Shabby-Chic-Look. Er schreibt Liebeserklärungen an seinen schwulen Spaten, der vor 30 Jahren »von stolzen Arbeitern der Firma Bulldog zwischen zwei Teepausen hergestellt« wurde. Schwul ist das Gerät, weil es ein schmaler Damenspaten ist und deshalb von den Gartenbaukollegen seines Besitzers verhöhnt wird - bis sie das Ding in Aktion erleben.

Endgültig mein Herz gewonnen hat er jedoch durch seine Attacke gegen die Hortensie 'Annabelle', »deren monströse Blütenbälle schon bei Ankündigung von Regen am Boden liegen. Doch 'Annabelle' blu¨ht weiß. Und 'Annabelle' kommt stets einher mit Buchseinfassung und Buchskugel. Hinter diesem Dreigestirn der Langeweile steht die Person der kultivierten Gartenlady.«

»Die kultivierte Gartenlady«, schreibt er weiter, »liebt monochrome Ga¨rten (also Weiß in jeder Schattierung) und kennt die Ga¨rten Europas. In ihrem la¨ndlichen weißen Garten wird die Art von Kultur zelebriert, die der erfolgreiche Ehemann der Gartenlady wochentags beim Geldverdienen in Tru¨mmer legt. Die Gartenlady spielt mit dem Gedanken, mal ein Gartenbuch zu schreiben. U¨ber ihren weißen Garten. Diese Idee finden ihre ebenfalls gartenbegeisterten Freundinnen ganz toll.«

Ich musste hellauf lachen, als ich das las. Denn vor meinem Haus stehen sieben 'Annabelles', unterpflanzt mit weißem Storchschnabel, im Versuch, zumindest an dieser Stelle ein bisschen Gartenlady zu spielen. Immerhin habe ich weder Buchseinfassung noch Buchskugeln.

Super Typ, dachte ich, den schreibe ich mal an. Vielleicht fällt ihm was zu meinem Garten ein. Ich schicke gleich noch ein paar Fotos aus dem letzten Jahr mit. Nur die schönsten, versteht sich.

2. Februar

»Moin. Pfenningschmidt.«

»Oh. Moin!«

Er klingt sehr freundlich. »Ich habe mir Ihre Fotos angeguckt. Daraufhin stellt sich mir die Frage: Was wollen Sie von mir? Sieht doch alles gut aus. Viele Pflanzen dabei, auf die man nicht ohne weiteres kommt.«

Wusste ich doch, dass das ein super Typ ist.

Wir plaudern ein wenig über seinen Job, die Gartenberatung. »Was in den letzten Jahren auffällt: die Ungeduld der Leute mit dem Garten. Alles muss sofort fertig sein und gut aussehen. Aber die meisten haben nicht mal eine Idee, was sie eigentlich wollen. Ich hatte gerade wieder mal so ein Gespräch mit einem jungen Paar: Was wollen Sie von Ihrem Garten, habe ich gefragt, welche Vorstellung haben Sie? Keine. Da war nichts.«

Das ist eigentlich eine gute Frage: Was will ich von meinem Garten? Darüber denke ich im Anschluss an unser Gespräch lange nach. Ich kritzele eine Liste zusammen, auf der am Ende lächerlich große Wörter stehen: Schönheit, Nahrung, körperliche Arbeit, Ruhe, Freiheit, Wildheit, Nähe zur Natur, Zugehörigkeit. Pfff - kleiner geht's wohl nicht? Aber das Kleine habe ich ja schon: eine Bank, auf dem ich abends einen Sundowner mit Blick auf den Leuchtturm trinken kann. Platz genug, um mit dem Hund zu toben.

Mal ein bisschen genauer. Bio-Gemüse, schreibe ich mir auf. Wildstauden für Insekten. Obstbäume. Himbeeren. Pflanzen, die sich im Wind bewegen. So wenig Rasen wie möglich. Ein Gewächshaus, um Jungpflanzen aus Samen selbst zu ziehen.

Ich will einen Ort, den ich einerseits selbst gemacht habe, den ich gestaltet habe, der sich anderseits aber mir nicht unterwirft, sondern seine eigenen Gesetze hat. Mein Garten soll ein lebendiger Ort werden, der sich ständig verändert und weiterentwickelt. Der nie fertig ist. Der mich immer wieder überrascht, der mich zum Staunen bringt, zum Lachen und zum Weinen. Ich will einen Ort, den es nur hier geben kann.

Ich schicke eine Auflistung meiner Pflanzen an Pfenningschmidt, zurück kommt die Mail: »Hab ich doch gesagt: ich habe weitaus schlimmere Gartenfotos gesehen und weitaus schlimmere Pflanzenlisten gelesen. Sehr viele Pflanzen, die ich ebenfalls mag und verwende, und ganz wenige, bei denen ich persönlich Probleme habe. Aber das muss ja nichts heißen.«

Natürlich will ich wissen, womit er ein Problem hat. Mit dem Bambus, den ich an den Zaun gepflanzt habe, um von der Terrasse aus nicht immer auf das Auto meines Nachbarn Hartmut zu gucken? Bambus finden viele Gartengestalter doof, weil nicht einheimisch. Seine Antwort: »Nö, damit habe ich nur deshalb ein Problem, weil Bambus sofort mit Asien/Japan/China ? Asiatische Weisheit ? Spirituelle Lebensführung ? Zen in Verbindung gebracht wird. Ich habe in meinem alten Garten mal eine Bambus-Stein-Kombination auseinandergerissen, obwohl sie sehr schön war. Aber wenn bei dem Anblick wirklich jeder Trottel 'Oh, ein Japan-Garten!' sagt und einen selig erleuchtet ansieht, dann geht es nicht anders. Ich wollte mit dem Bambus einfach nur die pissgelbe Forsythie vom Nachbarn verstecken und die Steine waren zum Abfangen des Hanges eingebaut. Das war Lichtjahre von Feng-Shui-Gedankenspielen entfernt.

Also: Lupinen sind nicht so mein Ding. Die haben bei mir nie richtig funktioniert. Kurze (sehr schöne!) Blüte, viele Schnecken, unschöner Anblick nach der Blüte, dann große Löcher in den Beeten nach Rückzug der Pflanze. Baptisia finde ich da besser.

Rittersporn ist eine großartige Staude, wenn man sonst keine Hobbys hat. Pflege, Pflege, Pflege, Platz geben, alle halbe Stunde Wässern und Düngen, Aufbinden und Mulchen mit Schneckenkorn. Ansonsten aber problemlos.

Stockrosen: Aussaat ohne Ende, meist in kleinen, zimperlichen Nachbarpflanzen, Wurzeln ohne Ende, dazu Stockrosenrost (bei Ihnen wahrscheinlich weniger, wegen des erhöhten Salzgehaltes in Meeresnähe). Ich pflanze lieber Alcalthaea suffruticosa. Steril, langlebig, kaum Rost.«

Jawoll. Damit kann ich was anfangen, so muss Beratung gehen, das ist ein Fachmann nach meinem Herzen. Pfenningschmidt kommt sofort auf meine Guru-Liste. Einer der wenigen Vorteile des Erwachsenseins ist ja, dass man sich seine Lehrer selbst aussuchen darf. Hier hätten wir schon mal Nummer 1.

3. Februar

Gestern war Maria Lichtmess, früher der Beginn des bäuerlichen Wirtschaftsjahres. Gefeiert wird, dass die Tage länger werden. Und tatsächlich, erstmals habe ich nicht mehr das Gefühl, jeden Tag um 16 Uhr wimmernd unter die Bettdecke kriechen zu wollen. Und auch da draußen bahnt sich was an: Die Azalee an meiner Terrasse hat ganz eindeutig was vor in diesem Jahr. Ich bin übers Wochenende in den Garten gefahren, um nach dem Rechten zu sehen, und bin verblüfft, dass sich in den wenigen Tagen meiner Abwesenheit selbst in dieser toten Jahreszeit so viel getan hat. Bislang dachte ich naiverweise, dass es vier Jahreszeiten gibt. Nicht im Garten, da gibt es ganz offiziell zehn: Vorfrühling, Erstfrühling, Vollfrühling, Frühsommer, Hochsommer, Spätsommer, Frühherbst, Vollherbst, Spätherbst und Winter. Winter ist Winter, da gibt es keinen Früh- und keinen Vollwinter. Das ist ein bisschen ungerecht, finde ich. Denn könnte nicht zumindest mit Maria Lichtmess der Spätwinter beginnen?

Die zehn gärtnerischen Jahreszeiten haben keine festen Anfangs- und Endzeiten, sondern orientieren sich am phänologischen Kalender, also an den Entwicklungsstadien der Pflanzen. Die sagen, wann Sommer ist, nicht etwa ein vom dummen Menschen willkürlich festgesetztes Datum. Meteorologischer Frühlingsanfang, Umstellung auf Sommerzeit? Ha! Die Natur reibt sich die Hände, schockfrostet die Welt noch mal schnell durch und kippt dann wolkenweise Wasser...

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