Weiße Eifel

Kriminalroman
 
 
Emons Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 15. November 2018
  • |
  • 240 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-96041-432-2 (ISBN)
 
Skurrile Figuren, geschliffene Dialoge und ein Showdown, der es in sich hat.

Der zurückgezogen in einem Eifeldorf lebende Oskar Bylandt steht einem millionenschweren Tourismus-Projekt im Weg. Als erst sein Hund erschossen und dann auch noch ein Toter bei ihm gefunden wird, holt Oskar seinen Vetter aus Köln zu Hilfe. Wieder einmal betätigt sich Harry Immanuel Bylandt als Detektiv und läuft in der Eifel zur Höchstform auf. Das muss er auch, denn es bleibt nicht bei einer Leiche.
Auflage
  • Deutsch
  • Köln
  • |
  • Deutschland
  • 2,75 MB
978-3-96041-432-2 (9783960414322)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Stefan Winges ist nach einem Studium der Philosophie als Autor, Antiquar und Lehrer für Kampfsport tätig und lebt mit Frau und zwei Katern in einem alten Haus in Köln. Bisher hat er neben einem Hörspiel für den WDR sieben Romane veröffentlicht, in denen es unter anderem auch Sherlock Holmes an den Rhein verschlägt.

EINS


In der Nacht hatte es offenbar weiter kräftig geschneit. Er würde die lange Auffahrt also noch einmal freischaufeln dürfen. Zwanzig Zentimeter Neuschnee waren auch für den Landrover zu viel. Nicht, dass er sich beklagte, dafür hatte er die Festtage viel zu oft in den Tropen verbringen müssen, bei schmelzenden Kerzen und Temperaturen um vierzig Grad. Er freute sich über den Schnee und die Aussicht auf eine weiße Weihnacht. Wenn er ehrlich war, so freute er sich sogar auf das Schneeschippen. Eine ordentliche Morgengymnastik konnte nicht schaden.

Oskar füllte den Kessel und setzte ihn auf die Herdplatte. Während er darauf wartete, dass das Wasser kochte, lehnte er sich gegen die Theke, verschränkte die Arme und betrachtete versonnen das Postkarten-Idyll draußen vor dem Fenster. Wie eine riesige, blendend weiße Decke lag der Schnee meterhoch auf den Wiesen und Feldern unterhalb des Hauses. Die Landschaft wirkte still, friedlich und noch unberührt. Nur die Landstraße, die unten im großen Bogen um den Fuß des Hügels und weiter nach Schwarzenbach führte, war schon geräumt worden. An beiden Seiten türmte sich der Schnee zu einem regelrechten Wall auf. Der Lärm des Pflugs war bis in sein Schlafzimmer zu hören gewesen und hatte ihn geweckt.

Allerdings gehörte im Moment auch nicht viel dazu, ihn aufzuwecken. In letzter Zeit schlief er schlecht.

Er konnte sich nicht genau erinnern, wann es das letzte Mal so viel Schnee in der Eifel gegeben hatte. In seiner Kindheit natürlich, so kam es ihm jedenfalls im Rückblick vor. Damals schien jeder Winter so gewesen zu sein. Nichts als Schlittenfahrten, Schneeballschlachten und riesige Schneemänner, die sie vor dem Haus aufgebaut hatten. Und kalt war es gewesen, saukalt. Die Wollhandschuhe immer nass, genau wie die Strümpfe, weil die Schuhe nie lange dicht gehalten hatten. Nach zwei, drei Stunden waren er und seine Spielkameraden dann jedes Mal verfroren in die Küche zurückgelaufen, um ihre klammen Hände und die nackten Füße am Ofen aufzuwärmen. Oskar konnte beinahe noch das schmerzhafte und doch so angenehme Kribbeln spüren, wenn die Finger allmählich wieder auftauten. Sogar der Geruch nach heißen Äpfeln, von denen anscheinend immer einige oben auf der Herdplatte gelegen hatten, schien auf einmal wieder in der Luft zu schweben. In den Nächten hatte er sich dann unter das schwere Plumeau verkrochen, und jeden Morgen war das Fenster in seiner Schlafkammer dick mit Eisblumen bedeckt gewesen. Geheimnisvolle Figuren und Muster, denen man mit den Fingern folgen und dabei so leicht ins Träumen geraten konnte. Richtige Winter halt.

Das leise Brodeln des Wassers rief Oskar aus seinen Erinnerungen zurück. Er setzte den Filterbecher aus Plastik auf die Isolierkanne, legte eine Filtertüte hinein und füllte sie mit drei großen Löffeln Kaffeepulver auf. Dann nahm er den mittlerweile pfeifenden Kessel von der Platte und goss vorsichtig ein. Als das kochend heiße Wasser sich mit dem Pulver vermischte, verbreitete sich das Aroma von frisch aufgebrühtem Kaffee in der Küche.

Genießerisch zog er den Duft ein, nur um anschließend bedauernd zu seufzen. Die Eisblumen vermisste er nicht wirklich. Im Gegenteil, er war dankbar für die Annehmlichkeiten einer immer noch halbwegs funktionierenden Zentralheizung aus den Siebzigern. Nein, was er wirklich vermisste, jeden Tag vermisste, war eine Gauloise zum Morgenkaffee. Oder zwei. Aber auf die würde er wohl in Zukunft verzichten müssen, hatte ihm sein Zahnarzt eröffnet, zumindest wenn er seine Implantate auf Dauer behalten wollte.

Auf der Straße kam ein gelber Lieferwagen in Sicht. Er hielt unten vor der kaum noch erkennbaren Einmündung der Hauszufahrt und hupte kurz, bevor er seine Tour fortsetzte. Das Signal galt Oskar. Er goss sorgfältig den Filterbecher ein zweites Mal voll, dann stieg er in seine gefütterten Gummistiefel und nahm den langen Wintermantel vom Haken. Flüchtig überlegte er, Stanley zu einer Runde Frühsport zu verdonnern, aber damit würde er sich nur unbeliebt machen. Also stapfte er allein hinunter zur Straße, um die Post zu holen.

Der Briefkasten war ein solides Modell aus Metall, das sich aus dem amerikanischen Mittelwesten hierher verirrt zu haben schien. Er stand etwas zurückgesetzt von der Fahrbahn, montiert auf einem Eisenpfosten. Die vom Pflug aufgetürmten Schneemassen überragte er nur knapp, und die dicke Schneeschicht auf seinem halbrunden Dach wirkte wie eine Verzierung aus Zuckerwatte. Auf der klappbaren Vorderseite war ein graviertes Schild angebracht: »Haus Bellevue«. Die leicht verschnörkelten Buchstaben passten nicht ganz zum eher rustikalen Stil des Briefkastens. Ein Familienname fehlte. Oskar hatte die Beschriftung so belassen, als er vor ein paar Jahren wieder hierher zurückgezogen war. Das Haus gehörte nun mal zu der Sorte, die einen eigenen Namen führt.

In der Box steckten seine Zeitung, die unvermeidlichen Werbebroschüren und ein gutes halbes Dutzend Briefe und Weihnachtskarten. Er stopfte alles in seine Manteltaschen, warf einen ergebenen Blick den Hügel hinauf und marschierte den Weg wieder zurück. Man wohnte eben nicht ungestraft in einem Haus, das »Bellevue« hieß und diesen Namen auch verdiente, wie Oskar gern zugab. Von der hoch gelegenen Terrasse vor dem Haus hatte man nicht nur eine wunderschöne Aussicht auf das Tal, auch die herrschaftliche Villa selbst konnte sich sehen lassen. 1904 in dezentem Jugendstil erbaut, bot sie mit ihren geschwungenen Fensterlinien, den runden Erkern und dem kleinen Turm einen recht dekorativen Anblick, keine Frage. Vermutlich hatte es seinerzeit auch nie an Personal gemangelt, das jeden Tag die Post hinaufgeschleppt hatte.

In der Zwischenzeit war der Kaffee durchgelaufen. Oskar schenkte sich einen großen Becher voll, setzte sich an den Tisch und ging seine Post durch. Hauptsächlich handelte es sich um die üblichen Weihnachtsgrüße: ein paar Karten aus Übersee von alten Freunden aus dem Amt, von seiner Sparkasse, der Kirchengemeinde, dem Heimatverein und einer regional ansässigen Maklerfirma, die seine diplomatisch formulierte Antwort auf ihre lästigen Anfragen offenbar gründlich missverstanden hatte. Wie jedes Jahr brachte sich auch ein angeheirateter Cousin zweiten oder dritten Grades, so genau wusste Oskar das gar nicht, mit einer Weihnachtskarte als potenzieller Erbe in Erinnerung. Der Junge hatte einen langen Atem, das musste man ihm lassen.

Die Werbeprospekte für Neujahrsböller und Last-Minute-Weihnachtsgänse schob er achtlos zur Seite. Übrig blieb noch ein unfrankierter Umschlag, an ihn adressiert, aber ohne Absenderangabe. Oskar riss ihn auf. Er enthielt eine einfache weiße Karte, auf der in gedruckter Großschrift nur zwei Worte standen: »Letzte Warnung!!«. Zur Sicherheit hatte sie jemand noch mit einem Filzschreiber dick unterstrichen und gleich zwei Ausrufungszeichen hinzugesetzt.

Bedächtig trank Oskar erst seinen Kaffee aus, den Blick unverwandt auf die Karte gerichtet. Dann steckte er sie zurück in den Umschlag und riss ihn mittendurch. Anschließend schenkte er den Becher wieder voll, nahm ihn in beide Hände und lehnte sich zurück. Nur am Rande nahm er wahr, dass draußen leichter Schneefall eingesetzt hatte.

»Verdammte Implantate!«, murmelte er.

Eschborn hob beschwichtigend die freie Hand, obwohl van der Bock die Geste nicht sehen konnte. »Keine Sorge, ich arbeite daran.«

»Mit dem nötigen Nachdruck, hoffe ich. Wenn Sie diesen Bylandt nicht endlich zur Vernunft bringen, haben wir ein Problem.«

Eschborn lächelte freudlos. »Sie meinen, ich habe dann ein Problem.«

»Genau das meine ich. Ein ernstes Problem.«

Eschborn nickte nur, ohne etwas zu sagen.

»Sie haben noch Zeit bis Ende des Jahres«, fuhr van der Bock kühl fort. »Eine weitere Fristverlängerung wird es nicht geben, das sollte Ihnen klar sein.«

»Selbstverständlich. Eine Verlängerung ist auch nicht erforderlich, Sie können unbesorgt sein. Ihre Mandanten auch.«

»Schön, dann erwarte ich, bald von Ihnen zu hören. Angenehme Festtage.«

Bevor Eschborn die Wünsche erwidern konnte, hatte sein Gesprächspartner die Verbindung bereits unterbrochen. Langsam legte Eschborn sein Smartphone auf die Schreibtischplatte und versuchte, das kaum merkliche Zittern seiner Hand zu unterdrücken. Die kultivierte Stimme am anderen Ende der Leitung war höflich geblieben. Ein Edgar van der Bock hatte es nicht nötig, zu drohen oder gar ausfallend zu werden. Die Botschaft war auch so deutlich genug. Eschborn blieb nur noch eine Woche, um die Verträge endgültig unter Dach und Fach zu bringen. Eine Woche, um Oskar doch noch umzustimmen. Andernfalls würden die russischen Investoren, die van der Bocks Kanzlei vertrat, ihre Einlagen mit sofortiger Wirkung zurückziehen. Ihre sämtlichen Einlagen. Eschborn gab sich keinen Illusionen darüber hin, was ihn dann erwartete. Er stand vor dem vollständigen finanziellen Ruin. Und das war nicht einmal die schlimmste Aussicht.

Er zog die untere Schublade auf, die mit der Flasche. Eigentlich war es noch zu früh für einen Schluck, sicher, aber zum Teufel damit. Er goss sich gleich einen Doppelten ein und nahm das Glas mit hinüber zu dem bodentiefen Fenster, das praktisch die gesamte Nordseite des großen Raums bildete. An den Panoramablick über den Fluss und die halbe Stadt hatte er sich immer noch nicht gewöhnt, und jetzt, so tief verschneit, sah Köln überdies seltsam verfremdet aus. Eschborn trank einen großen Schluck und spürte, wie der hochprozentige Alkohol heiß seine Kehle hinunterlief. Zugegeben, die Aussicht auf den Dom war spektakulär, trotzdem hatte er für die Wohnung zu viel bezahlt. Das war ihm von Anfang an klar gewesen, hatte aber nichts genützt. Bei den Verhandlungen...

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