Luke und Jon

Roman
 
 
eBook Berlin Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 9. November 2015
  • |
  • 192 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8270-7834-6 (ISBN)
 
»Das erste Mal begegnete ich Jon an einem Dienstagmorgen um halb acht. Dad trat an der Tür zur Seite, und meine Augen trafen auf das helle Morgenlicht: Selbst in der frühen Morgensonne sah er ungewöhnlich aus. Er trug Großvaterklamotten: braune Schuhe, eine graue Hose und einen dunkelgrünen Wollpullover. Und eine verdammte Krawatte. Sein Seitenscheitel legte eine dünne weiße Linie frei, und jede einzelne Haarsträhne wirkte starr, als wäre sie festgeklebt. Dad hatte uns allein gelassen, und wir standen einfach da und sahen uns an.« Robert Williams
Roman Luke und Jon ist ein starkes, souveränes Coming-of-Age-Debüt über eine ungewöhnliche Freundschaft, Verlust und Erwachsenwerden. Prämiert mit dem englischen National Book Tokens Prize, der Buchhändler auszeichnet, die selbst Romane schreiben.
  • Deutsch
  • Munich
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  • Deutschland
Berlin Verlag
  • 0,48 MB
978-3-8270-7834-6 (9783827078346)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Robert Williams, 32, Sohn zweier Bibliothekare, verbrachte als Kind viel Zeit in der Stadtbibliothek einer nordenglischen Kleinstadt und las sich durch die Bestände, bis seine Eltern Feierabend hatten. Er arbeitete acht Jahre lang als Buchhändler und lebt heute in Manchester - obwohl ihm eine Stadt am Meer eigentlich lieber wäre.

Unterschenkel, Sprunggelenk


Mein Dad hatte mit einer größeren Arbeit begonnen. Als ich in seine Werkstatt ging, um etwas Farbe zu holen, fand ich Zeichnungen und Pläne. Sie lagen ausgebreitet auf seiner vierten Arbeitsfläche. Skizzen von Pferden. Zeichnungen von Beinen, Kopf und Rumpf. Sie waren aus verschiedenen Perspektiven angefertigt und mit Maßangaben und Notizen versehen. Die Bilder waren in mehrere Teile aufgegliedert und beschriftet: »Mähne, Rumpf, Flanke, Unterschenkel, Sprunggelenk«. Er fing immer mit Skizzen an. »Die Kunst liegt im Detail«, sagte er oft, wenn er sich mit der dritten Version eines Entwurfs abmühte.

Neben den Plänen lag eine Karte vom Duerdale Valley, auf der er in der nordwestlichen Ecke des Brungerly Forest ein Kreuz eingezeichnet hatte. Der Wald fing erst mehrere Kilometer außerhalb der Stadt an und erstreckte sich dann ewig weit. Jon sagte, unter den Einheimischen sei der Wald ziemlich berühmt. Man erzählte sich, dass dort im Mittelalter eine alte Jungfer gelebt habe. Eine alte Frau, die allein im Wald lebt, konnte natürlich nur eines bedeuten, eine Hexe. Die Einheimischen beschlossen, ihr den Prozess zu machen, doch dazu kam es nicht. Sie hatte sich an einem Baum am Rand ihres Lagers erhängt. Man fand nie heraus, ob sie sich selbst umgebracht oder ob ihr jemand aus dem Ort zuvorgekommen war. Seitdem kursierten Geschichten von Hexen, die aus anderen Gegenden nach Brungerly Forest pilgerten. Es gab Gerüchte von jährlichen Zusammenkünften, und einige Leute glaubten, sie würden bis heute stattfinden. Jon meinte, wir sollten irgendwann mal in den Wald gehen, manche der Bäume seien gewaltig.

Ich blickte lächelnd auf die Diagramme und Skizzen meines Dads. Das war ein gutes Zeichen, eine gute Sache. Am nächsten Tag wartete ich bis zum Abendessen. Ich saß mit meiner Pastete und Pommes frites da, Dad trank seinen Whiskey. Ich pustete auf die heiße Teigkruste und sagte: »Ich hab deine Zeichnungen gesehen.«

Er sah überrascht auf.

»Von den Pferden?«

Ich nickte.

»Ach ja . richtig.«

»Sie sind gut.«

»Danke.«

Er hob das Glas an die Lippen, stellte es aber ohne zu trinken wieder ab.

»Die Idee hatte ich schon vor Jahren, aber ich habe sie nie umgesetzt. Erinnerst du dich noch an die Schaukelpferde, die ich mal gemacht habe?«

Ich nickte.

»Als ich die gemacht habe, ist mir die Idee gekommen. Schaukelpferde waren immer meine liebsten Spielsachen. Etwas, in das man sich vertiefen kann. Aber natürlich muss man sie auf Schaukelkufen befestigen, wegen der Sicherheit. Ist ja ein Spielzeug, kein Kunstwerk.«

Er sah mich an, um festzustellen, ob ich noch zuhörte.

»Ich möchte eine Arbeit anfertigen, bei der ich ganz frei bin. Ein riesiges Holzpferd. Pferde können kolossal groß sein, weißt du, und wenn eins auf dich losgehen würde, tja, dann würdest du die Beine in die Hand nehmen. Augen wie Kochtöpfe, Zähne so groß wie Klaviertasten, und Beine, die dir den Kopf von den Schultern schlagen können.«

Er nahm einen kleinen Schluck. »Wenn es fertig ist, soll es im Freien stehen, nicht in einer Galerie oder Ausstellungshalle, wo es nur verstaubt.«

Er beugte sich auf einmal ganz aufgeregt zu mir vor.

»Aber auch nicht mitten in einem Park oder auf einem Hügel, sondern an irgendeiner Stelle, wo jemand ganz zufällig darüber stolpert. Wie über ein Geheimnis. Darum habe ich Brungerly Forest ausgewählt. Es gibt dort kilometerlange nicht gekennzeichnete Pfade und Wege, die ins Nichts führen, Wege, bei denen man nicht sicher sein kann, ob es Wege sind oder nur Lücken zwischen den Bäumen. Du kannst tagelang gehen, ohne an die gleiche Stelle zu kommen, oder du gehst zwanzig Minuten und landest wieder dort, wo du losgegangen bist. Es ist verwirrend.«

Mir war aufgefallen, dass er in letzter Zeit häufiger unterwegs war, aber er hatte nicht gesagt, wohin er ging, und ich hatte auch nicht danach gefragt. Ich war nur froh, denn häufiges Ausgehen hieß, dass er weniger trank.

»Es wird keine Schilder, keine Erklärungen, keine Interviews in der Lokalzeitung geben. Es wäre einfach da. Mit deiner Mum habe ich oft darüber geredet. Wir fanden die Idee gut, aber ich bin nie über das Reden hinausgekommen.«

Es versetzte mir einen Stich, als er sie erwähnte. Wir hatten seit ihrem Tod nicht mehr über sie gesprochen, aber ich wollte, dass er weiterredete, denn so viel hatte er seit Monaten nicht mehr von sich gegeben.

»Welches Holz willst du nehmen?«, fragte ich.

»Englische Eiche. Sie muss gut behandelt werden, aber es ist eines der besten Hölzer für Schnitzarbeiten im Freien. Hält sich jahrelang.«

»Brauchst du eine Genehmigung von der Stadt?«

»Wenn sie davon wüssten, vermutlich ja. Aber wer soll es ihnen verraten?«

Wir lächelten beide über den Gesetzlosen, der noch immer in ihm steckte.

»Und wie soll es dem Wind trotzen?«

»Ich muss die Füße in der Erde verankern. Das geht. Ich befestige die Hufe auf Eisenstangen und vergrabe sie tief in der Erde.«

»Wann fängst du an?«

»Bin schon dabei.«

»Dürfen Jon und ich dir helfen?«

»Natürlich, ich brauche bestimmt Hilfe.«

Wir grinsten uns an, und zum ersten Mal seit Monaten sah ich in seinen Augen den Hauch eines Funkelns.

Ein schrecklicher Gedanke


Manchmal bin ich zu wütend, um zu schlafen, und manchmal gehe ich meinen Träumen aus dem Weg. Und manchmal, aus welchem Grund auch immer, will der Schlaf einfach nicht kommen. Es ist, als wäre mein Gehirn mit einer Diashow verkabelt, die von einem Bild zum nächsten springt. In solchen Nächten akzeptiere ich einfach, dass ich nicht schlafen kann. Ich denke dann immer viel nach, und manchmal wandern die Gedanken in eine Richtung, in die man sie normalerweise nicht schweifen lassen würde.

In dieser Nacht drängte sich mir immer wieder eine Frage auf: Wenn ich mir hätte aussuchen können, wer mich an jenem Tag vom Kunstunterricht abholt, hätte ich dann lieber Mum oder Dad das Auto fahren lassen? Es war ein schrecklicher Gedanke, aber ich konnte die Frage nicht abschütteln. Sie kam mir immer wieder in den Sinn, und es schien, als könnte ich nur eines tun, nämlich mich ihr stellen, damit sie mich endlich nicht mehr quälte und zur Ruhe kommen ließ.

Ich wollte es sorgfältig durchdenken und fing mit den positiven Dingen an. Mum war kontaktfreudiger, herzlicher und aufgeschlossener. Sie war lustig und albern, kümmerte sich aber immer um mich und merkte genau, wenn ich durcheinander war oder mich etwas bedrückte. Dad ist ruhiger, ausgeglichener und nett. Er ist sanftmütig und kreativ und kann auch lustig sein. Natürlich hatten beide auch andere Seiten. Mum hatte mit ihrer Depression zu kämpfen, was bedeutete, dass sie an einem Tag vor lauter Energie die Wände hochklettern konnte und am nächsten Tag eingefallen und angeschlagen bei zugezogenen Vorhängen im Bett lag, so dass Dad und ich auf Zehenspitzen durchs Haus liefen und uns nur flüsternd unterhielten. Dad ist immer ruhiger gewesen. Er beschäftigte sich immer mit mir, aber er war oft nur körperlich anwesend und mit dem Kopf woanders, in Gedanken vertieft. Außerdem trank er, aber irgendwie fand ich es unfair, das mit einzubeziehen. So richtig hatte er erst hinterher angefangen zu trinken, und wer weiß, wie Mum reagiert hätte, wenn sie mit mir allein in einem zerfallenden Haus in einer beschissenen Stadt zurückgeblieben wäre.

Und ich glaube, das ist der Punkt. Ich bin mir nicht sicher, ob man auf die Frage überhaupt eine Antwort finden kann. Der Dad, den ich jetzt hatte, war nicht mehr der Dad von früher. Er war eine andere Person, und das Gleiche hätte für Mum gegolten, wenn Dad derjenige gewesen wäre, der innerhalb von Sekunden verschwunden wäre. Irgendwie hätte sie sich verändert. So wie wir uns verändert haben. Wenn eine Person fort ist, beeinflusst das die Zurückgebliebenen, und alles und jeder ist anders. Bevor das mit Mum passiert ist, habe ich nie richtig verstanden, dass Tod Verschwinden bedeutet. Ein plötzlicher Punkt und ein großes leeres Nichts. Der ultimative Verschwindetrick.

Arbeit und Fleiß


Ein paar Tage nach meinem Besuch nahm Jon mich in einen Teil von Duerdale mit, den ich noch nicht kannte. Wir gingen in der Stadtmitte los, hinterm Rathaus weiter zum Freizeitpark von Duerdale (bestehend aus einem eingezäunten Schotterareal mit drei Schaukeln, einer Rutsche und einer ungepflegten Rasenfläche mit einem Schild, auf dem »Keine Ballspiele« stand). Als wir uns auf der anderen Seite des Parks durch das Tor zwängten, kannte ich mich überhaupt nicht mehr aus, aber Jon wusste genau, wohin es ging. Er lief schnell, und ich versuchte Schritt zu halten, während ich so viele neue Eindrücke wie nur möglich aufnahm. Ich hielt Ausschau nach Ideen für neue Bilder. Nach mehreren Straßen mit Reihenhäusern gelangten wir an alte rote Fabriken, die sehr hoch waren und sich unendlich lang erstreckten. Wir liefen durch einen schmalen gepflasterten Durchgang zwischen zwei Fabriken, und ich blieb stehen und streckte die Arme aus. Ich konnte beide Mauern mit der flachen Hand berühren, hätte aber nicht genau sagen können, ob ich sie auseinanderschob oder ob ich sie davon abhielt, mich zu erdrücken. Als ich nach oben auf den dünnen Streifen Himmel blickte, der zwischen den Mauern steckte, fühlte sich jeder Knochen meines Körpers winzig und zerbrechlich an. Ich lief schnell weiter, um Jon einzuholen und wieder auf offenem Gelände zu sein. An der nächsten Gasse verließen wir den...

»Es ist jedes Mal ein unbeschreibliches Erlebnis, wenn mir ein Buch die Sprache raubt. Ich möchte so viel schreiben und tauche ein in tiefes Schweigen, das mich wie eine dicke Strickjacke umarmt. Die Macht der Geschichte ist einfach zu groß und hält mich fest im Arm. Leise sitzen wir da und schauen uns lächelnd an. "Luke und Jon" von Robert Williams ist so ein Buch. [...]. Ich bin beeindruckt von so vielem: Die Sprache, die Geschichte, der Plot - alles!«, klappentexterin.wordpress.com, Simone Finkenwirth, 22.02.2011

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