Apokalyptika - Zweiter Akt: Eine Stadt aus Eisen

 
 
Edel Elements (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 7. Dezember 2017
  • |
  • 102 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-95530-975-6 (ISBN)
 
Der zum jungen Mann gereifte Jäger Tyr wurde von unbekannten Feinden verschleppt und befindet sich nun auf einer entbehrungsreichen Reise ins Unbekannte, an deren Ende ein schreckliches Schicksal auf ihn wartet. In der Metropole Narbo Martius soll ihm der Prozess gemacht werden, für ein Verbrechen, das er nie begangen hat. Nur die Hilfe zweier Fremder könnte ihn noch vor dem Tod in der Strahlenhölle bewahren.

II. Eine Stadt aus Eisen


Tyr verbrachte abermals ganze Tage im Zustand geistiger Zerstreutheit. Wenigstens gab es diesmal keine körperlichen Anstrengungen zu überstehen. Er wurde auf einer provisorischen Trage befördert, bekam den nahrhaften, aber grotesk schmeckenden Schleim in verdünnter Form eingeflößt und wurde angehalten, sich nicht zu bewegen. Letzteres fiel ihm nicht besonders schwer, denn sein Körper fühlte sich an, als hätte er den Sturz bis zum bitteren Ende durchgestanden. Seine Haut war von tiefen, dunkelblauen Striemen überzogen, ein eigenwilliges Muster, das ihm das Tau bis in die Muskulatur gedrückt hatte. Außerdem knackten seine Wirbel bedrohlich, wenn er sich auf die Seite drehte. Alles in allem aber fand er, dass sich seine Situation verbessert hatte, zumindest, wenn er ab und an die anderen Gefangenen beobachtete. Diese befanden sich in einem desolaten Zustand. Eingefallene Wangen, tiefliegende Augen, fettige Haare so eng an der Stirn klebend, dass sie schon fast als zweite Haut bezeichnet werden konnten. Eitrige Wunden, wundgelegene Ärsche, blasenübersäte Füße, die wirkten, als wären die wässrigen Pusteln der Hauptteil und die eigentlichen Gehapparate eine leidige Zugabe.

Die Gruppe kam gut voran. Der mächtige Gebirgszug war schon zu drei Vierteln durchquert und begann nun abzuflachen. Die Legionäre wollten diesen Teil der Strecke vor Einbruch der kalten Jahreszeit hinter sich gelassen haben. Letztendlich gelang ihnen das Vorhaben und man erreichte wieder Flachland.

In dieser Gegend, die Tyr heimischer vorkam, obwohl es auch deutliche Unterschiede gab, durchquerten die Züge nun mehr und mehr verwilderte Ruinenstädte. Teilweise wurden Umwege in Kauf genommen, nur um Gebiete zu meiden, welche Tyrs Sippe in Madras wohl als verbotene Zonen bezeichnet hätte. An den Rändern dieser Areale wuchsen die vereinzelten Bäume krumm und schief, das Steppengras wirkte fahl und tot. Auch waren dort keine Tiere zu sehen und den wenigen vorhandenen wollte man lieber nicht begegnen. Zum Glück für die Legionäre gab es außerhalb dieser Areale essbares Wild. Schon beim Abstieg aus den Bergen waren den Soldaten die Vorräte ausgegangen, weshalb sie nun ausgiebig zu jagen begannen. Die Gefangenen hingegen mussten sich weiterhin von Schleim ernähren.

Tyr hatte die Eisengesichtigen häufig bei dessen Zubereitung beobachtet. Das Einzige, was sie dafür brauchten, war heißes Wasser und ein gräuliches Pulver, welches sie säckeweise mit sich führten. Nachdem er seinen Ursprung gesehen hatte, verabscheute er das Zeug noch eifriger, wobei er zugeben musste, dass er sich langsam an den Geschmack gewöhnte. Dennoch kamen ihm des Nachts oft die Worte seines Ziehvaters in den Sinn, wie aus einer fernen Welt zu ihm herübergeweht:

"Junge, wenn du dich daran gewöhnt hast, wirst du diese Art von Fleisch zu schätzen wissen."

Wie recht er doch gehabt hatte! Für ein köstliches Stück rohes Fleisch hätte Tyr alles gegeben.

Den Legionären schlug das Herz höher, als Culicida, die Centuria der Expedition, vor die versammelte Mannschaft der drei Züge trat und mit ehrfurchtsgebietender Stimme verkündete, dass man die Grenze des Reiches von Narbo Martius überquert hatte, der Heimat der Erhobenen. Die Stadt selbst lag nur noch wenige Tagesmärsche entfernt. Die Aussicht auf eine baldige Heimkehr veranlasste die Männer, strammer zu marschieren und den Gefangenen den letzten Rest Kraft aus den Leibern zu schinden. Auf die Beruhigungsmittel wurde mittlerweile ohnehin vollständig verzichtet, denn man befand sich nun wieder im zivilisierten Bereich der Welt. Ein Aufstand der Gefangenen war keine große Gefahr mehr, denn im Umkreis von zwanzig Kilometern lagen drei Wachkasernen der Legion.

Die gesamte Karawane fieberte dem Tag der Ankunft entgegen. Nur auf eines ihrer Mitglieder traf dies nicht zu: Formicidus. Er war schlechter Laune. In seinem Kopf war der Gedanke an Rache, die er Tyr gegenüber ausüben wollte, zu einem regelrechten Drang geworden. Er hasste ihn aus tiefster Seele, verfolgte ihn nachts im Schlaf. Jedes schlechte Erlebnis, jedes Ärgernis, selbst die unentwegte körperliche Anstrengung projizierte er auf den Gefangenen. Er war der Abschaum, das Tier, das Geschwür im Bauch dieser Erde, das es wagte, nun bis zu seiner geheiligten Stadt vorzudringen.

Beim Marschieren warf er dem unverschämten Bastard mordlustige Blicke von der Seite zu. Wie er sich tragen ließ, auf einer Pritsche, als wäre er ein hoher Staatsdiener. Was bildete er sich ein? Und diese beiden Idioten, die ihn vor beziehungsweise hinter sich trugen, hatten ihre eisernen Masken nicht verdient. Man hätte sie ihnen schon vor dem Aussprechen des heiligen Eides so tief in den Rachen stecken müssen, dass sie daran erstickt wären.

Nein, Formicidus' Motivation zum Weitermarschieren war nicht die Freude auf Narbo Martius, auch nicht die Angst vor den Kommandanten. Er wurde von blankem Hass vorangetrieben wie ein Uhrwerk von den Rädern. Seine Muskeln waren mit Ärger gespannt und seine Augen brannten, wenn er sah, wie man die Wilden fütterte.

Tyr begann zu genesen, das fühlte er deutlich. Er hatte jegliches Zeitgefühl verloren, doch war ihm bewusst, dass die Karawane nun seit vielen Wochen unterwegs sein musste. Seine Prellungen waren verschwunden, sein Arm schien wieder ganz zu sein und seine linke Hand trug nun eine kleine, dezente Narbe. Eigentlich hätte er wieder gehen können, er hatte es des Nachts heimlich getestet, aber sollten die Eisengesichtigen ihn ruhig herumtragen. Und wenn sie nach Stunden des Marsches hechelten wie die verlausten Raubtiere seiner Heimat, war es ihm eine rechte Freude.

Da er sich besser fühlte, blieb ihm Zeit, seine Umgebung zu betrachten. Sie hatte eine erhebliche Veränderung durchlebt. Sie kamen durch Landschaften, denen der Mensch sein Zeichen aufgedrückt hatte auf eine Weise, die Tyr nicht kannte. Sie passierten riesige, rechteckige Felder, auf denen zahlreiche Männer und Frauen schufteten, während nur eine Handvoll Bewaffnete Befehle erteilte und sie bei ihrer Arbeit überwachte. Tyr sah Flüsse, die in geraden Linien flossen, eingezäunt von Steinplatten und Mauern, die er in so gutem Zustand noch nie gesehen hatte. Auch bemerkte er Häuser am Wegesrand, anders als die verfallenen Exemplare in Madras. Sie wirkten im Vergleich zu jenen in Narbo Martius schäbig, wie er später erkennen sollte, doch entlang der Route wurden sie von Tag zu Tag einladender und größer. Dasselbe traf auf den Trampelpfad zu, der nun mehr und mehr zur befestigten Straße wurde, je weiter sie vorankamen.

Die Laune der Legionäre, die Tyr trugen, besserte sich zusehends. Einmal war einer der beiden in der Nacht zu ihm an die Pritsche getreten und hatte ihm ein Stück gebratenes Fleisch in den Mund geschoben. Für Tyr war es wie ein zweites Erwachen gewesen. Dieser Geschmack! Sein Wohltäter, er trug eine Maske, die jener Kreatur gleichkam, die er als Kind erlegt hatte, verlor in seinen Racheplänen alle Bedeutung. An seinem Traum eines großen Blutvergießens hielt er dennoch fest. Tyr dachte gerade über diese Dinge nach, als die Karawane plötzlich stoppte und seine Träger beinahe in die Schlange der Gefangenen liefen. Unter den Legionären entstand ein aufgeregtes Gemurmel. Sie sahen sich hektisch um, schoben die Masken nach oben, umarmten sich oder schüttelten Hände, einer ließ sich sogar auf den Bauch sinken und küsste den Boden. In den Gesichtern standen Freude und Euphorie geschrieben. Von der Spitze der langen Menschenschlange her drang ein Ruf herüber, der Tyr, trotz der unbekannten Sprache, für immer im Gedächtnis hängen bleiben sollte.

"Narbo Martius! Narbo Martius!"

Nur einer der Eisengesichtigen fiel nicht in den Jubeltaumel ein. Er stand unweit von Tyrs Trage und starrte ihn aus hasserfüllten Augen an. Tyr erwiderte seinen Blick voll Trotz. Er war das Kriechen leid.

In diesem Augenblick, vor der Hauptstadt des Kreises der Erhobenen, wusste er noch nicht, dass die Zeit des Kriechens gerade erst begonnen hatte.

Die Gefangenen wurden in einem Kreis versammelt, während sich die Legionäre links und rechts neben ihnen positionierten. Langsam wurde das Gebilde aus Menschenleibern so zu einer breiten Schlange gequetscht, an deren Haupt die Kommandanten marschierten, allen voran die Centuria Culicida. Am hinteren Ende der Schlange gingen zwei Reihen Legionäre mit erhobenen Waffen. Einerseits sicherlich, um ihre Gefangenen in Schach zu halten, anderseits, um ihre Macht zur Schau zu stellen. Es war, wie jemand über Tyrs Kopf hinweg rief, eine Parade. Tyr erkannte den Zweck dahinter nicht, als seine beiden Träger die Pritsche auf den Boden stellten, ihm unter die Arme griffen und langsam auf die Füße stellten. Es gelang ihnen besser, als sie es erwartet hatten, weshalb ihm einer der beiden kraftvoll mit der Hand gegen den Hinterkopf schlug. Tyrs Zustand hatte sich in den letzten Tagen so erheblich gebessert, dass ihm das Stehen keine allzu großen Schwierigkeiten mehr bereitete. Ein Umstand, der seinen Trägern gerade bewusst geworden war.

Die tatsächlich Verwundeten wurden von der Parade abgezweigt und auf einem Umweg in die Stadt gebracht. Wollte man sich wirklich weiter um sie kümmern?

Tyr rümpfte die Nase und versuchte, sich im Gewirr Platz zu verschaffen. Ein erfolgloses Unterfangen und ein unappetitliches obendrein. Seine Mitgefangenen stanken, als wären sie vor langer Zeit gestorben. Also versuchte er, so gut es ging durch den Mund zu atmen. Er empfand dies alles als zutiefst würdelos.

Die Schlange setzte sich erneut in Bewegung und durchschritt das große, steinerne Portal, das ins Allerheiligste des Kreises der Erhobenen führte: Ihre...

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