Apokalyptika - Erster Akt: Böse Geister

 
 
Edel Elements (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 7. Dezember 2017
  • |
  • 95 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-95530-918-3 (ISBN)
 
In einer von nuklearem Feuer verbrannten Welt leben die Menschen wie einst in primitiven Stammesgesellschaften, während das Wissen der Vorzeit im Überlebenskampf verloren ging. Die allgegenwärtige Strahlung - bekannt als böse Geister - fordert unzählige Leben. Auch der junge Stammesmann Tyr fällt ihr zum Opfer und muss um sein Leben und seinen Platz in der Sippe fürchten. Sollte er verbannt werden, droht ihm ein Leben in der verstrahlten Ödnis.

II. Die Jagd


Durch den frühen Tod ihres neuen Häuptlings und den vorhergehenden Kampf verunsichert, waren die Mitglieder der Sippe wenig auf das Schicksal ihres schwächsten Gliedes bedacht. Tyrs Leid trug nicht dazu bei, sie in Hoffnung schwelgen zu lassen und ihren Hunger zu mildern, also vermieden sie jeden Kontakt zu ihm, selbst in Gedanken und Worten. Es schien fast, als wollten sie ihn und die bösen Geister, die sich in seinen schmächtigen Leib gefressen hatten, einfach vergessen. Schließlich klangen ihnen Vergils Worte unvergänglich in den Ohren nach. Und keiner von ihnen wollte das grausame Los des kleinen Jungen teilen.

Dies galt freilich nicht für seine Mutter und den neuen Häuptling Balder, die treu an seinem Lager Wache hielten und ihm die Ungnade eines einsamen Todes ersparen wollten. Liebevoll hielten sie seine zitternden Hände, wischten ihm mit warmem Wasser die Stirn und träufelten ihm sanfte Worte ins Ohr. Die Frau, die von Tag zu Tag älter zu werden schien, wich selbst in der Nacht nicht von der Seite ihres letzten Verwandten auf Erden. Jeden Morgen, wenn Balder kam, um nach ihr und dem Jungen zu sehen, rechnete er damit, ihn leblos in den Armen seiner Mutter aufzufinden. Doch obwohl Tyr entsetzliche Schmerzen hatte, trat dieser Tag nie ein. Mit der Zeit ließen die Blutungen im Mund nach, Verdauung und Sehkraft regulierten sich wieder und selbst die schwarzen Flecken zogen sich zurück. Nur auf der Brust des Kindes hielt sich eines der Scheusale tapfer und hinterließ eine großflächige, entstellende Narbe.

Auch die Kräuterfrau wurde auf dieses Phänomen aufmerksam. Sie warf die Hände über dem faltigen Haupt zusammen und dankte den gnädigen Göttern, dass sie ihre Sippe mit solch einem Glück gesegnet hatten. Diese Worte jedoch stießen bei den anderen Bewohnern der Höhle auf strikte Ablehnung. Schließlich waren die Vorräte vollends zur Neige gegangen und einen kranken Jungen, der sich zugegebenermaßen tapfer ans Leben klammerte, durchzufüttern, wenn selbst die Gesunden durch den Mangel um ihre Zukunft bangten, erschien ihnen nicht schlüssig. Auch Balders aufopferungsvolle Pflege missfiel ihnen, da er als Sippenführer Aufgaben von größerer Bedeutung zu erfüllen gehabt hätte. Insgeheim tuschelten die Frauen, er täte dies nur, um bei der unglücklichen Sigyn Leidenschaft für sich zu wecken. Gerade dies wurde tatsächlich zum Hauptproblem, da Balder in seiner neuen Position ein heiß begehrter Junggeselle war.

Von alldem wusste Tyr zu seinem eigenen Glück kaum etwas, als er eines Morgens, gut zwei Monate nach dem schicksalsträchtigen Duell in der Haupthalle, mit klarem Verstand erwachte. Er fuhr sich mit seinen dünnen Fingerchen durch das schweißnasse Haar und überlegte fieberhaft, wie lange er geschlafen hatte. Zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit konnte er wieder klare Gedanken fassen, der Alptraum aus Schmerzen schien sein unseliges Werk vollendet zu haben. Was nicht bedeutete, dass er sich nun von alldem erlöst fühlte. Im Gegenteil, er verspürte seinen Körper als Tollhaus, in dem eine ungezählte Meute von Raubtieren ein wüstes Schlachtfest feierte. Trotzdem war dies eine deutliche Verbesserung.

Als er seinen Blick durch die niedrige Höhle schweifen ließ, sah er in das Gesicht seiner Mutter, die nur wenige Meter von ihm entfernt auf dem Erdboden schlief. Sie war in ein dünnes Fell gewickelt, ihr Haupt lag auf einem Bündel Tücher. Ihr Atem flutete stoßweise den Raum und Tyr verspürte ein heimatliches Gefühl, als er ihrem leichten Schnarchen lauschte. Aufgrund des fehlenden Tageslichts wusste er zwar nicht, dass es gerade Morgen wurde, aber irgendwie musste seine innere Uhr die letzten Wochen heil überstanden haben. Er war sich sicher, dass auf der Oberfläche gerade ein neuer Tag anbrach.

Dass er damit recht behalten sollte, zeigte sich, als Balder sich in diesem Moment durch den Vorhang der Pforte zwängte und Tyr einen Blick auf ihn erhaschte. Die ohnehin dunkle Haut des Mannes war unter der Augenpartie dunkler als sonst, er schien wenig geschlafen zu haben. Sein von Müdigkeit erschlafftes Gesicht gewann jedoch augenblicklich wieder an Spannung, als er den Jungen aufgerichtet auf seinem Lager vorfand.

"Bei Asgards goldenen Schlössern! Tyr, du bist wach?"

Der Häuptling war so erstaunt, dass sein lauter Ruf weder die richtigen Worte enthielt, noch den Schlaf seiner neuen Geliebten zu fördern vermochte. Sie schoss erschrocken empor. Als sie ihren Sohn aufgerichtet sah, brach sie in Tränen der Freude aus und umarmte ihn aufs Herzlichste.

"Mein Junge.", war das Einzige, was immer und immer wieder brüchig über ihre Lippen kam. Balder eilte zum Eingang des Zimmers. "Ich hole die Kräuterfrau, sie muss das Wunder mit eigenen Augen sehen! Bei allen siegreichen Asen, ich kann es kaum fassen."

Es dauerte nicht lange, da sammelte sich eine große Traube tuschelnder Menschen um den Eingang des Schlafgemachs. Hatte man die jubelnden Worte der Weisen vor einigen Tagen noch als einen Aufruf zur Standhaftigkeit verstanden, war das Erstaunen groß, dass das Kind tatsächlich zu genesen schien. Und dies war fast unvorstellbar, schließlich kannten sie den Verlauf dieser Krankheit nur allzu gut.

Nach einiger Zeit bildete die Sippe eine Art Spalier, durch das die ehrenvolle Alte, völlig ungemäß ihres Standes, von Balder hinter sich hergezogen wurde.

"Er ist gänzlich bei Bewusstsein und hat sich aus eigener Kraft aufgerichtet. Es ist Leben in seinen Augen, seht es selbst, Ehrwürdige."

Die Stimme des Anführers war von ehrlicher Freude getränkt, denn er hatte dem vermeintlich verlorenen Sohn seiner Geliebten schon vor langer Zeit eine Kerbe in seinem Herzen zugewiesen. Und nun schien diese nicht verwaisen zu müssen.

Als die Kräuterfrau den Raum betrat, fand sie eine um Jahre verjüngte Frau und einen erschöpften, aber lebendigen Jungen vor. Sie wirkte verzückt, er eher entsetzt. Schließlich assoziierte er den Anblick der Weisen stets mit der Götterwelt, was auch ihr eine gewisse Heiligkeit bescherte. Ihr thermoplastischer Kopfschmuck wippte bei jedem Wort, das ihre faltigen Lippen verließ.

"Wie geht es dir, mein Kind? Bist du von langem Schlaf erwacht?"

Tyr nickte mit schreckgeweiteten Augen. Seine Lippen zitterten. Er hatte vorher nie geahnt, wie viel Respekt er der Alten entgegenbrachte. Nun kam sie näher auf ihn zu, die Meute hinter ihr hielt gespannt den Atem an. "Es ist ein Wunder, mein Kind. Ein Wunder! Bist du dir dessen im Klaren?"

Tyr wusste nicht, wie er reagieren sollte. Zum Glück schien man keine Antwort von ihm zu erwarten, denn die Kräuterfrau fuhr fort: "Bisher hat noch kein Mann und keine Frau einen solch schweren Biss der Geister überlebt. Dies gilt nicht nur für unsere Sippe, sondern für den ganzen Stamm. Verstehst du, was ich dir damit sagen will?"

"Muss ich sterben?"

Die alte Frau ließ ein kehliges Lachen ertönen und beugte sich zu dem verängstigten Kind herunter. "Nein, mein Junge. Ich denke, bei Wotans Raben, dass du die Geister gezähmt hast, die deinen Körper bewohnen."

Tyr rutschte unruhig hin und her. Allein der Gedanke an diese Kreaturen, die ihm so viel Leid gebracht hatten, machte ihn nervös. Dazu noch dieser Trubel, der um ihn gemacht wurde. Das alles war zu viel für ihn. Trotzdem versuchte er, der Situation Herr zu werden, und fragte mit bebender Stimme: "Und was bedeutet das?"

Die Alte setzte ein diebisches Lächeln auf und fuhr mit ihren knochigen Fingern über seine Wange. "Die bösen Geister beißen dich nicht mehr, sie haben dich als ihrer würdig anerkannt."

Langsam, überaus langsam, verzogen sich Tyrs dünne Lippen zu einem triumphierenden Lächeln. "Sie können mir nichts mehr antun?"

"Nein, ich denke nicht, mein Kind." Die Kräuterfrau kniff ihm tadelnd in die Wange und spuckte ihm über die Schulter, ein liebevolles Zeichen des Spottes. "Aber glaube ja nicht, du wärst nun etwas Besonderes. Merke dir meine Worte - merke sie dir für den Rest deines Lebens! Du bist deiner Familie Blut, deiner Sippe Kraft und deines Stammes Leben. Für dich allein bist du nur ein Sack Haut, mit Knochen und Fleisch gefüllt. Nur die Gemeinschaft ermöglicht es uns, in dieser Welt zu überleben, und unser Häuptling Balder wird dir das nötige Rüstzeug mitgeben, Familie, Sippe und Stamm dienstbar zu sein. Hast du das verstanden?"

Das Lächeln des Kindes wich einem ernsteren Ausdruck, doch sein Haupt nickte zustimmend.

"Aber du wirst - gesetzt den Fall, dass ich recht habe - von besonderem Nutzen für uns sein, denn du kannst die verbotenen Orte aufsuchen, wo wir von den tödlichen Bissen der Geister niedergestreckt werden. Du wirst das Auge und das Ohr unserer Sippe sein und uns unbezahlbare Dienste bei der Jagd leisten."

Irgendetwas in den Worten der Frau ließ Tyr ein aufgeregtes Kribbeln im Magen verspüren, vielleicht war es auch nur sengender Hunger, der ihn auf diese Weise subtil erreichen wollte. Im Grunde war es auch völlig egal. Es fühlte sich gut an, sehr gut sogar.

Nun trat Balder näher an die Weise heran.

"Ich möchte dich um einen großen Gefallen bitten, Ehrwürdige."

Die alte Frau ließ von Tyr ab und wandte sich ganz dem Häuptling zu. "Was liegt dir auf dem Herzen, Sippenführer? Möchtest du meinen Schiedsspruch ablehnen und mich ersuchen, den Jungen einem anderen in Obhut zu übergeben? Ich denke, dein Freund Donar wäre sehr enttäuscht von einer solchen Entscheidung und würde an Wotans Tafel wüten wie zu Lebenszeiten nicht."

Balder jedoch machte eine abwehrende Handbewegung und antwortete:...

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