Siebzehn

 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 7. Januar 2019
  • |
  • 384 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Adobe-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7460-5241-0 (ISBN)
 
... plötzlich nimmt Vlado die Hände aus seinen Manteltaschen und streckt sie nach ihm aus.
"Du willst Marina?" kreischt er. "Ich bringe dich zu Marina, kleiner Junge. ... ich bringe dich zu deiner Schwester!"
Vlado bewegt sich auf ihn zu, und Dragan macht einen weiteren Schritt zurück.
Gerade als sein Fuß ins Leere tritt, erinnert sich Dragan, dass er über einem zehn Meter hohen Abgrund steht.
Die Bewegung ist angesetzt, das Gewicht verlagert. Es gibt kein Zurück mehr. Wie im Zeitlupentempo kippt der Junge nach hinten über den Felsvorsprung und segelt in die Tiefe ...

Eine Geschichte über das Erwachsenwerden und -sein; über Hass, der nicht ohne Liebe sein kann; eine Geschichte über den Tod und andere Morde; eine Geschichte über, doch nicht für Kinder; eine Liebesgeschichte in und eine Liebeserklärung an Kroatien.
1. Auflage
  • Deutsch
  • 0,41 MB
978-3-7460-5241-0 (9783746052410)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Christof Willen schreibt seit vielen Jahren mit Leidenschaft Kurzgeschichten, Texte und Gedichte, und wenn die Zeit abseits der Arbeit reicht, auch Romane wie SIEBZEHN.
Er ist 1986 geboren und lebt mit seiner Tochter in Wohlen bei Bern/Schweiz.
SIEBZEHN ist sein zweiter Roman.
Zuletzt von ihm veröffentlicht wurde "Die Schicksalsweberin" ("Bodos Manuskript" und "Bodo und Peer").

Skarpina

Der braune Drachenkopf - Scorpaena porcus - ist ein Fisch aus der Familie der Skorpionfische. Er lebt einzelgängerisch in felsigen, oft veralgten Habitaten in Tiefen von fünf Metern bis achthundert Metern. Er hat einen gedrungenen, leicht hochrückigen Körper. Die Farbe ist meist braun oder rotbraun. Der braune Drachenkopf kommt unter anderem in der Adria vor.

1.


Die Glockenklänge dringen leise durch die Stille, unregelmäßig und blechern. Dunkel, schwer und träge klingen die Schläge der Kirche des Svetac Petar; etwas heller, beinahe leicht und etwas weiter weg, gesellt sich das Bimmeln vom Friedhof dazu.

Kein Wind geht. Die Luft flirrt, und die Hitze hängt wie ein bleischweres Tuch über der Stadt. Heiß drückt der Himmel auf die Erde. Selbst das Meer liegt da wie ein tiefblaues Papier, getränkt mit Tinte, reglos, als würde die Hitze selbst die kleinsten Wellen niederdrücken. Wo die Sonne auf Metall trifft, gleißt glühendes Licht auf. Nicht hinschauen! Sonst schießt ein stechender Schmerz durch die Augen direkt ins Gehirn. Die alten Steinmauern der Häuser reflektieren die Hitze. Die Kühle, die wohl hinter den Gemäuern angenehm und erfrischend wartet, kühlt nur in der Erinnerung. Draußen ist davon nichts zu spüren.

Staub hängt unsichtbar in der Luft und kratzt beim Schlucken in der Kehle. Die Farben leuchten grell und wirken wie gebleicht. Das Grün der Bäume, der Reben und der seltenen Grasflächen ist längst einer gelblichen Dürre gewichen. Zu lange brennt die Sonne schon unbarmherzig vom Himmel, zu lange regnet es nicht mehr.

Die Luft ist salzig, es riecht nach trockenen Kiefernnadeln, nach Harz, manchmal ganz schwach nach Salbei, nach Lavendel oder nach Rosmarin. Und manchmal nach Fisch oder dem brackigen Wasser am Rande des Hafenbeckens, wo die kleinen Krebse seitlich über nass gespülte Steine huschen.

Der Himmel leuchtet in einem weißlichen Hellblau, und keine einzige Wolke bildet einen Kontrast zu der Himmelsdecke, die monochrom über der Insel, ja über der ganzen Adria hängt und prophezeit, dass es keinen Regen geben wird.

Wieder dringen die Glockenklänge scheppernd vom alten Kirchturm her über die Stadt. Sie echoen über das Hafenbecken, in dem träge und verlassen Segelschiffe und Fischkutter dümpeln, sie dringen in enge Gassen und überdeckte Hinterhöfe, sie klettern über Anhöhen und verhallen in den Senken und Reben.

Eine halbe Stunde, nachdem der erste Glockenschlag erklang, weiß die ganze Stadt, was es geschlagen hat.

Stari Grad, die alte Stadt, schmiegt sich an eine langgezogene Bucht, die sich, wie mit einem Messer geschnitten, zwischen die Häuser zwängt. Rund um die Stadt ziehen sich weite Flächen aus Reben dahin, regelmäßig, rechteckig, durchbrochen von hellen Kieswegen. Weiter hinten erheben sich Hügel mit niedrigem Buschwerk, etwas höher mit schroffen, gelbweißen Felsen. Im Norden schmiegt sich ein bewaldeter Hügel an die Stadt; auf dessen Spitze ragt ein weißes Steinkreuz in den Himmel.

Die Stadt ist alt, wie es ihr Name sagt. Man sagt, sie sei die älteste Stadt in Kroatien. Überbleibsel zeugen davon, dass sich bereits die Griechen fast vierhundert Jahre vor Christus hier niederließen. Daher stammt auch ihr zweiter Name, Pharos.

Viele Häuser sind aus dicken Steinmauern gefertigt und gebaut für die Ewigkeit.

Aus den Türen in diesen Mauern schleichen nun Menschen, trotz der Hitze.

Beinahe verstohlen kommen sie leise aus schmalen Türöffnungen, schauen sich um und zucken zusammen, wenn das Tor hinter ihnen knarrt oder in den Angeln kreischt. Es ist still, andächtig still. Jedes Geräusch in dieser Stille erscheint als Eindringling, tut weh.

Hier geht eine Tür auf und eine gebückte Gestalt tritt auf die gepflasterte Straße vor der Hafenmauer. Dort steigen ein Mann und eine Frau langsam die Stufen einer Treppe hinunter und schauen sich um. Vor der Bäckerei am Stjepana Radic Platz, die Fenster dunkel, steht bereits eine Gruppe zusammen und diskutiert leise. Andere gesellen sich zu ihr. Die Glocken schlagen erneut und als wäre dies ein Zeichen, auf das sie gewartet hat, setzt sich die Gruppe in Bewegung. Richtung Kirche.

Alle haben sie etwas gemeinsam. Sie tragen Schwarz. Nur die Touristen fallen auf, farbig, rothäutig, die Kameras vor den Bäuchen.

Andächtig nähern sich auch von der anderen Seite des Hafenbeckens Menschen. Sie versammeln sich vor der Schule, kommen aus Priko oder Malo Selo, oder von Rudine herunter und auch aus Jelsa, Vrboska und den umliegenden Dörfern. Ihre Autos parken bei der Schule; sie wissen, dass beim Friedhof nicht genügend Platz sein wird. Nun gehen sie am Touristenbüro vorbei, an den leeren Marktständen und verschwinden in den Gassen, die zur Kirche führen.

Die Glockenschläge werden seltener, leiser.

Kinder sind auch unter denen, die sich leise der Kirche nähern. Auch sie sind in Schwarz gekleidet. Auch sie gehen still. Viele von ihnen gezwungenermaßen, denn sie verstehen zwar wohl, worum es geht, aber nicht, weshalb man auf dem Weg zur Kirche, zum Friedhof, nicht herumtollen darf. Zwei Knaben versuchen es, ein lautes Lachen, ein kurzes Hüpfen. Doch sie werden von den Vätern sofort gemaßregelt.

Aus vielen Häusern tröpfeln Menschen, ducken sich der Hitze wegen in den Schatten und gehen gebeugt, damit die Sonne ihnen nicht erbarmungslos ins Gesicht brennt; andere warten bereits oben beim Friedhof unter den dichten Kronen der Seekiefern, schauen über die Stadt unter ihnen oder schielen verstohlen in Richtung Friedhof.

Je näher die Menschen der Kirche kommen, umso dichter werden die Trauben. Die ganze Stadt scheint sich in Richtung Kirche und Friedhof zu bewegen. Trotz der Hitze, trotz der Trockenheit, die wie Sandpapier in der Kehle kratzt und wie zu starker Schnaps brennt.

Trotz der Tatsache, dass sie um diese Zeit üblicherweise in einem kühlen Keller, in einer Konobar sitzen und bei einem Bevanda über alte Zeiten reden, bis es an der Zeit ist, nach draußen zu gehen und die Arbeit wieder aufzunehmen, die der Mittagshitze wegen hatte ruhen müssen.

An diesem Tag ist das anders. An einer Beerdigung spielen Arbeit und Klima keine Rolle; da weichen die eigenen Interessen in den Hintergrund, da zählt die Gemeinschaft, die Anteilnahme, das Zusammensein. Denn nur so trotzen sie seit jeher allen Widerwärtigkeiten des Lebens: indem sie zusammenhalten.

Und wenn es die Beerdigung der siebzehnjährigen Tochter eines angesehenen Arztes der Stadt ist, dann gelten all diese Grundsätze erst recht. Und noch ganz andere.

Von der Kirche des heiligen Stjepan aus geht es weiter durch die engen Gassen, oft hintereinander, weil die Mauern der Häuser so nahe beieinander liegen, dass man sich oben von Fenster zu Fenster beinahe die Hand reichen kann. Wäsche hängt zum Trocknen an Schnüren zwischen den alten Steinmauern. Katzen schlafen gleichgültig auf Mauervorsprüngen, schauen kurz auf und schließen die Augen wieder. Kapernstauden hängen aus winzigen Spalten im Stein und leuchten grün. Langsam gehen die Menschen auf der Vukovarska Cesta, die für den Verkehr gesperrt wurde, auf den Friedhof zu. Nur noch die hellen Glockenklänge der dortigen Kapelle ertönen in der bleischweren, heißen Stille. Und das Zirpen der Zikaden. Es ist beeindruckend und wirkt mindestens ebenso bedrückend, als der Menschenstrom den von Kiefern gesäumten Weg von der Straße zum hochgeht: Wortlos, schwarz, die Köpfe gesenkt.

Die Türen der kleinen Kapelle stehen offen, über dem Ziegeldach hängt die einzelne Glocke im Mauerbogen unter dem Kreuz und bewegt sich einige Male hin und her, dann erklingt ihr Läuten. Gräber mit Blumen, die in der Hitze leiden, säumen den Mosaikweg zur Kapelle.

Die Kapelle bietet nicht allen Platz, und da die Beisetzung sowieso im Freien stattfindet, entscheiden sich die Kirchenoberhäupter, den ganzen Gottesdienst draußen durchzuführen. Zu diesem Zweck stehen auf dem Friedhof kleine Lautsprecher auf wackeligen Stützen. Sie rauschen und knacken, und manchmal pfeift es unangenehm. Überall befinden sich hölzerne Staffeleien, an denen Blumenkränze hängen; die Blumen welken bereits, auch wenn sie im Schatten hoher Bäume stehen.

Wer unmittelbar neben der offenen Tür zur Kapelle steht, spürt einen leicht kühlen Luftzug. Es riecht etwas feucht, modrig.

Immer dichter stellen sich die Menschen aneinander, denn immer knapper wird der Platz um die Grabsteine und Grabfelder, die allesamt mit schweren Steinplatten zugedeckt sind. Ihre Größen verraten, dass darunter Urnen ruhen und nicht Särge. Es kommt selten vor, dass der Friedhof zu klein ist, um die Trauergäste einer Bestattung aufzunehmen. Es kommt aber auch selten vor, dass die ganze Stadt sich versammelt, um den Angehörigen ihre Anteilnahme kund zu tun.

Wieder knackt es in den Lautsprechern. Kleine Zapfen fallen vereinzelt aus den Ästen der Pinien, die an der steinernen, zerfurchten Friedhofsmauer stehen. Die...

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