Weißer Asphalt

Roman
 
 
hanserblau (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 19. August 2019
  • |
  • 192 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-446-26516-5 (ISBN)
 
So viel Wut und keine Wahl - vier Freunde in einer unerbittlichen Welt

Wo Härte und Brutalität Tugenden sind und Dealen die aussichtsreichste Karriere darstellt - könnte da die Liebe der einzige Ausweg sein? Als die Gewalt eskaliert, müssen sich vier junge Männer entscheiden. Gelingt ihnen der Ausbruch aus den vorgezeichneten Leben?
In seinem Romandebüt erzählt Tobias Wilhelm packend und klug in einfachen, direkten Worten, die Wucht und Kraft entwickeln. Und deren Emotionalität die Leser verändert zurücklässt.
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
  • 1,56 MB
978-3-446-26516-5 (9783446265165)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Tobias Wilhelm, geboren 1988 in Wiesbaden und aufgewachsen im Rhein-Main-Gebiet, lebt in Berlin. Er studierte Drehbuch und Dramaturgie in Babelsberg und schreibt für Musikmagazine über Hip-Hop.

Um 6:15 klingelte mein Wecker, und ich quälte mich aus dem Bett. Rauchend stand ich am Fenster und sah den frühen Zug vorbeifahren. Noch eine Stunde Zeit. Nach dem Duschen aß ich im Bademantel drei Toastbrote, mein Vater erinnerte mich an den Termin mit dem Bewährungshelfer. Dann zog ich mich an.

Unser Haus stand inzwischen einsam am Ortsrand, dort, wo das Industriegebiet anfing. Der Rest von unserem Block war schon vor ein paar Jahren abgerissen worden, um Platz für die breite Teerstraße und neue Lagerhallen der Fabriken zu schaffen. Doch bis auf die Straße war bisher nichts gebaut worden, stattdessen wucherte das Unkraut auf der Sandwüste, die sich bis zum Bahnhof zog. Außer Lkw-Fahrern, die sich im Stehen neben ihren Lastern die Zähne putzten, traf man hier kaum noch jemanden, doch heute kam mir nach ein paar Metern mein alter Nachbar, aus dem Stockwerk unter uns, mit seinem Dobermann entgegen.

»Morgen!«, murmelte ich.

»Grüß dich!«, erwiderte er heiser.

Obwohl es Hochsommer war, fühlte sich die Morgenluft noch kühl an. Ich schloss den Reißverschluss meiner Trainingsjacke.

Rechts von mir ragten die Schornsteine der Chemiefabrik auf, die unten am Rhein stand. Wie zu jeder Uhrzeit quoll aus ihnen auch jetzt dicker weißer Rauch. Die Straße machte an dieser Stelle eine scharfe Biegung, dahinter lag das Dorf. Je näher ich kam, desto besser konnte ich die Aufbauarbeiten für die Kerb beobachten. Breitschultrige Männer in fleckigen Latzhosen schoben Bierbänke und Tische zusammen, der Truck mit dem Autoscooter bahnte sich langsam seinen Weg durch die engen Gassen, der Kerbebaum wurde aufgestellt.

Als ich an der Bahnhofskneipe vorbeilief, schaute ich auf den Boden. Der Blutfleck war kaum zu sehen, nur noch eine dunkle Färbung auf dem etwas helleren Asphalt.

Gegenüber von meinem Gleis, dort, wo die Züge in Richtung Mainz fuhren, saß wie immer um diese Zeit Dana, die Augen geschlossen, fette Kopfhörer auf den Ohren. Um ihre Hand trug sie noch den dicken weißen Verband. Mein Zug fuhr mit einem leisen Surren ein.

Hussein, der nach seiner Mischung aus Schweiß und kaltem Rauch roch, hatte mir einen Platz frei gehalten, kurz öffnete er die Augen, als ich seinen Rucksack zur Seite stellte, pennte aber sofort weiter. Nachdem wir den Ort hinter uns gelassen hatten, zog der Campingplatz vorbei, anschließend nur noch Wald und Felder, ein paar Käffer, dann die nächste Stadt, in der meine Schule lag.

Von Stunde zu Stunde breitete sich die Müdigkeit immer schwerer in mir aus, es gelang mir kaum, meine Augen offen zu halten. Als endlich die Glocke zur großen Pause schrillte, atmete ich erleichtert auf, streckte mich gähnend.

Ich stand mit Hussein am Rande des Sportplatzes, in der Pause jagten hier immer dieselben Jungs dem Ball hinterher, und baute den ersten Joint des Tages. Gebannt sah Hussein mir dabei zu, wie ich den Klebestreifen des Papes anleckte, vorsichtig feststrich, lächelte, als ich den brennenden Joint nach ein paar Zügen an ihn weitergab.

Viele unserer Lehrer hatten Angst vor Hussein, da er über die meisten Dinge mehr wusste als sie und sie oft auflaufen ließ oder vorführte. Wenn er während dieser Auseinandersetzungen in Rage geriet, spuckte er beim Reden und fuchtelte wild mit den Händen herum. Mit den anderen aus unserer Klasse, unserem ganzen Jahrgang hatte ich wenig zu tun. Sie interessierten mich nicht.

Die restlichen Schulstunden vergingen ebenso langsam wie die ersten. Hussein begann eine Seite seines Blocks in winzige Fetzen zu zerreißen, und als es endlich zum Schulschluss klingelte, warf er das Konfetti mit Schwung in die Luft und schrie: »Wochenende!«

Dann gingen wir zum Bus.

Sobald der Zug abbremste und langsam in mein Dorf einfuhr, sah ich den Autoscooter bereits bunt blinken, die meisten anderen Stände waren auch schon aufgebaut. Ich gab Hussein zum Abschied die Hand und stieg aus. Ein paar Fabrikarbeiter standen am Gleis gegenüber, rauchten, tranken Feierabendbier. In der Unterführung roch es schon wieder nach Pisse, und ich hielt die Luft an, bis ich auf der anderen Seite angelangt war.

Fabios Fiat stand auf dem Bahnhofsparkplatz, von ihm selber war jedoch nichts zu sehen. Ich bog nach rechts ab, ging an der mit Holzbrettern vernagelten Wartehalle vorbei. Ein paar Meter weiter lehnte der Wirt an dem rauen Putz der Bahnhofskneipe und rauchte. Ich nickte ihm zu und war schon fast an ihm vorbeigegangen, doch er winkte mich zu sich heran.

»Die Russen waren gestern da, haben nach euch gefragt!« Er zog gierig an seiner Kippe.

»Wie viele?«

»So fünf, sechs. Vielleicht waren draußen noch mehr. Da standen 'ne Menge Autos rum.«

Ich nickte.

»Bin immer noch sauer übrigens. Der ganze Boden voll. Das war 'ne Sauerei!«

»Wenn die anfangen .« Ich zuckte mit den Schultern und ging einfach weiter.

Zu Hause erwartete mich bereits mein Vater mit Hemd und frisch gebügelter Hose, was nur zu besonderen Anlässen vorkam. Dann gingen wir zum Jugendclub, dort fand einmal im Monat das Treffen mit dem Bewährungshelfer statt. Der Club blieb während der Kerb eigentlich geschlossen, doch der Bewährungshelfer hatte einen eigenen Schlüssel und ließ uns hinein. Während er sich nach meinem Befinden erkundigte, schaute er über den Rand seiner Lesebrille hinweg und lächelte. In seinem Mundwinkel klebte ein Krümel, und ich überlegte kurz, ob ich es ihm sagen sollte, ließ es jedoch bleiben. Als der Small Talk abgehakt war, zog er einen Packen mit Unterlagen hervor und überflog sie kurz. Es waren die Ergebnisse meiner Pisstests der letzten Wochen, außerdem ein Schreiben der Schule.

»Ja, das ist ja alles erfreulich«, sagte er und meinte damit, dass in meiner Pisse keine Drogen gefunden worden waren und die Schule mir bescheinigte, dass ich nicht unentschuldigt gefehlt hatte.

Er fragte noch dies und das, erkundigte sich bei meinem Vater nach meinem Verhalten zu Hause. Der Krümel wippte, immer wenn er sprach, rhythmisch auf und ab. Als die Zeit um war, schob er uns zur Tür hinaus. Draußen wartete bereits Sascha auf seinen Termin, und wir klatschten uns ab.

Mein Vater beklagte sich nach ein paar Schritten über sein schmerzendes Bein. Deshalb lief ich alleine zu Plus, um Essen für das Wochenende zu kaufen. Als ich vor dem Kühlregal die verschiedenen Buttersorten begutachtete, haute mir jemand auf die Schulter. Hinter mir stand Ariano und grinste. Ich erzählte ihm, dass die Russen uns suchen würden, doch er zuckte nur mit den Schultern, zog sein T-Shirt hoch und grinste noch breiter - in seinem Hosenbund steckte eine Schreckschusspistole.

Nach dem Einkaufen setzten wir uns draußen auf die Laderampe, ich begann einen zu bauen. Ariano steckte mir einen Stöpsel seines Discmans ins Ohr, zeigte mir einen neuen Techno-Song, den er am Computer im Jugendclub produziert hatte.

»Is' gut. Voll gut!«

Er freute sich über das Lob und öffnete eine Packung Honeypops, die wir trocken aßen. Ariano liebte Honeypops. Er hatte nie verstehen können, dass ich die mit Schokolade lieber mochte. Nachdem der Joint aufgeraucht war, verabschiedeten wir uns, und ich ging die Gleise entlang in Richtung Zuhause.

Knapp hinter dem Ortsschild hörte ich das Klackern von Rollschuhen. Dana überholte mich, bremste scharf ab, drehte sich um hundertachtzig Grad, rollte dann langsam auf mich zu. Sie trug ein enges Sportoberteil, das ihre großen Brüste noch größer wirken ließ. Ich musste mich zwingen, ihr beim Sprechen regelmäßig ins Gesicht zu sehen.

Im letzten Sommer, da war sie noch mit Fabio zusammen gewesen, waren wir zu dritt ins Schwimmbad gegangen. Die meiste Zeit hatten wir kiffend auf einer Decke unter einem Baum verbracht, ich war völlig breit eingeschlafen.

Als ich aufwachte, waren die beiden nicht mehr zu sehen gewesen. Nach einer Weile war ich aufgestanden, um sie zu suchen. Bei den Umkleidekabinen hatte ich merkwürdige Geräusche gehört und mich genähert. Vor der Kabine, aus der sie zu kommen schienen, war ich in die Hocke gegangen und hatte durch den Spalt zwischen Kabinenwand und Fußboden geschaut. Ich sah Dana auf dem Boden knien, Fabio stand vor ihr. Ihr Oberkörper bewegte sich rhythmisch zu einem schmatzenden Geräusch vor und zurück. Seitdem hatte ich mir oft einen auf sie runtergeholt. Auch schon davor, um ehrlich zu sein.

»Hast du Gras?«, fragte sie mich.

Unschlüssig wiegte ich den Kopf hin und her. »Nur bisschen was.«

Sie legte den Kopf schief, lächelte mich an. »Krieg ich was ab?«

Vor dem Treppenhaus zog sie ihre Rollschuhe aus, tapste auf Socken hinter mir her in den zweiten Stock. Ich schloss die...

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