Blutsbrüder

 
 
Ravensburger Buchverlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 1. Februar 2011
  • |
  • 256 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-473-38432-7 (ISBN)
 
Darius und Hakan sind seit der Grundschulzeit befreundet und vertrauen einander blind - auch bei gemeinsamen Aktionen gegen Neonazis. Doch Hakans neueste Idee entfacht Streit: Obwohl er selbst türkischer Herkunft ist, will er Front machen gegen die Türken und Araber, die im Viertel für Ärger sorgen. Bald spitzen sich die Ereignisse dramatisch zu. Und als die Gewalt eskaliert, muss Darius sich entscheiden
Aufl.
  • Deutsch
  • Ravensburg
  • |
  • Deutschland
  • 0,18 MB
978-3-473-38432-7 (9783473384327)
3473384321 (3473384321)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Michael Wildenhain wurde 1958 in Berlin geboren, wo er nach wie vor lebt. Nach einem Maschinenbaupraktikum studierte er u.a. Philosophie und Informatik, engagierte sich in der Hausbesetzerszene und in verschiedenen antirassistischen Initiativen. Während der letzten Jahre war er nicht nur als Gastprofessor für Literarisches Schreiben am Leipziger Literaturinstitut tätig, sondern auch als Fußballjugendtrainer. 1983 erschien seine erste Erzählung "zum beispiel k." und 1994 sein erstes Jugendbuch im Ravensburger Buchverlag, "Wer sich nicht wehrt", eine Geschichte über rechtsradikal motivierte Gewalt an einer Schule, die auf einen authentischen Fall Bezug nimmt. Heute schreibt Michael Wildenhain Romane für Jugendliche und für Erwachsene, außerdem Theaterstücke, Drehbücher und Lyrik. Für sein Werk wurde er schon mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Ernst-Willner-Preis in Klagenfurt, dem Hans-im-Glück-Preis (1994) und dem Alfred-Döblin-Preis (1997). 2002 war er Stadtschreiber von Rheinsberg und 2006 Writer-in-Residence an der Queen Mary University in London.
  • Intro
  • Impressum
  • GEGENWART
  • 1
  • 2
  • VORGESCHICHTE
  • 3
  • GEGENWART
  • 4
  • 5
  • VORGESCHICHTE
  • 6
  • GEGENWART
  • 7
  • 8
  • 9
  • Autoreninformation

1

NAZIS SIND BRAUN- SCHEISSE AUCH!

Darius drückt die Kanten des letzten Plakats gegen die Hauswand, bis das feste Papier an der Fassade haftet. Die wenigen Worte sind trotz des geringen Lichts gut zu erkennen. Er zuckt die Schultern und lächelt.

Ein bisschen fett, denkt er, ein bisschen dick aufgetragen, aber was soll's, vielleicht hilft's. Und vielleicht hat Hakan Recht: einen groben Keil für grobe Klötze.

Noch einmal fährt er mit dem leimverschmierten Quast über die schwarze Schrift auf dem flammend roten Grund. Er verteilt den Kleister, streicht über die dampfenden Hundehaufen (»sind doch hübsch geworden«, Alina) und über die Faust, die das Hakenkreuz zerschlägt, als er im Augenwinkel eine Bewegung wahrnimmt- und bemerkt, dass Hakan die anderen warnen will. Darius registriert, dass Jan-Niklas gehetzt auf seine Uhr schaut, sieht, wie Simon den zweiten Eimer mit Tapetenkleister unschlüssig abstellt und die Arbeitshandschuhe von den Fingern streift. Er hört, wie Alina leise ruft: »Beeil dich!«, sieht, wie sich Tomtom hastig bückt, um seine Schuhe zu binden, und erkennt trotz der nur mäßig hellen Straßenlaternen, dass Cora und Marvin blass geworden sind. Er lässt den Leimquast fallen, hastet vor bis zur Ecke des Hauses und folgt mit den Augen Hakans ausgestrecktem Arm.

Jenseits der sechs Fahrbahnen versammeln sich zwanzig, vielleicht dreißig Personen auf einem künstlichen Hügel, der die dahinter gelegene Sportanlage vom auch nachts noch dichten Verkehr der breiten Straße abschirmt. Die Gruppe auf der Böschung hat Darius und die anderen bereits entdeckt. Das dürfte, denkt er, knapp werden.

Gleich werden sie uns jagen. Gleich werden sie uns einkreisen. Längst wissen sie, wer die Plakate in ihrem Viertel geklebt hat: auf denen ihre Treffpunkte und Kneipen und ihre Läden angeprangert werden, in denen sie ihre Klamotten, ihre Stiefel und CDs kaufen, ihre Bücher und Waffen. Nicht gut, denkt Darius, gar nicht gut.

Als zeige ein Heer seine Stärke, schwärmt die Gruppe auf dem künstlichen Hügel aus. Beschienen vom Flutlicht des Fußballfeldes, wirken die Gestalten auf der Böschung wie kantige Scherenschnitte, Silhouetten vor dem nächtlich dunklen Himmel, meist mit kahl geschorenem Kopf. Skinheads wie aus dem Bilderbuch. Unwillkürlich lächelt Darius erneut.

Als rege sich ein schlafendes Tier, ziehen die grell angestrahlten Gestalten mit einer wie abgestimmten Bewegung ihre Bomberjacken aus und kehren die Innenseite nach außen. Das eben noch leuchtende Orange weicht einer Farbe, die nicht genau zu erkennen ist, Schwarz oder Dunkelblau, Uniform einer zu allem entschlossenen Armee.

Noch bevor die Meute losrennt, spürt Darius in seinem Hals ein Würgen, eine Empfindung, die er kennt. Keine Angst, keine Furcht, einen vertrauten Ekel, der sich einstellt, sobald er in eine Situation ähnlich dieser gerät. Etwas in ihm weiß früher als er, was er tun muss. Ein Gefühl, das ihm sagt, wie er sich zu verhalten hat- ein Gefühl, das ihm widerlich ist, eine Abscheu vor sich selber hervorruft, ein Gefühl, auf das er sich dennoch verlassen kann. Ein Instinkt, den er schon als kleiner Junge gespürt und den er nie verstanden hat, etwas, das ihm bedeutet zu handeln: kalt, hart, entschlossen, überraschend und schnell.

Die Gruppe auf dem Hügel, die dunkel Uniformierten stürzen die Böschung hinab: auf Darius und Hakan, Jan-Niklas und die anderen- Alina, die nun losläuft, Simon ist bei ihr- zu.

»Nein«, sagt Jan-Niklas leise, »nicht in die Straßenbahn.«

Die Ersten, Cora, Tomtom und Marvin, sind schon an der Tür des Triebwagens. Sie stoppen abrupt und bleiben unsicher stehen.

Noch trennen sie und die Verfolger gut fünfzig, sechzig, siebzig Meter, die gesamte Breite des Platzes, auf dem die Straßenbahnen enden und wenden, noch scheint der Abstand zu garantieren, dass die Tram losgefahren sein wird, ehe der erste Verfolger die Flüchtenden erreicht.

Seltsam, denkt Darius, niemand ruft. Keine Geräusche, bis auf die eiligen Tritte der Stiefel, das kurze Reißen der Turnschuhsohlen am von der Hitze des Tages noch klebrigen Asphalt. Niemand, kein Fahrgast, keiner der Wartenden, benachrichtigt per Handy die Polizei.

Wieder blickt Jan-Niklas auf die Uhr. »Die Tram fährt erst los, wenn die S-Bahn schon zwei, drei Minuten da ist.« Unruhig wedelt er mit den Armen. »Hab nachgeschaut, im Internet. Die wartet, auf die Umsteiger.« Er deutet mit dem Kopf hoch zu den S-Bahn-Gleisen.

»Kontrollfreak«, murmelt Alina und gibt ihm einen flüchtigen Kuss. Danach grinst sie ihn an und Darius zuckt zusammen. Sie mag ihn, natürlich mag sie ihn- keine Chance: Trotz allen Streits sind die beiden immer noch zusammen.

Für Momente wähnt er sich hoch oben über dem Platz. Die Menschen und die Bahnen, die Gleise und Gebäude sind klein und zwischen den Verfolgern und ihnen, der flüchtenden Gruppe, meint er, den Abstand zu erkennen: in Metern und Sekunden- das könnte reichen, denkt er.

Beinahe ist Darius erleichtert, obwohl Simon »Weiter!« zischt und Richtung S-Bahn-Eingang rennt, obwohl die anderen mit ihm rennen, ähnlich gehetzt und überhastet: Marvin voran, Tomtom mit schon wieder offenen Schuhen, Jan-Niklas, groß und schlaksig, Alina, blond und hell.

Nur Cora, dunkle Locken, stockt einen Moment erschrocken in der Bewegung. Hält inne wie gelähmt, als sich die Verfolger keilförmig auffächern, Meter um Meter aufholen, still wie große Schatten die Trambahngleise überqueren, die weißen Absperrgitter diesseits der Gleise übersteigen, darüberspringen und die Verfolgung aufnehmen, als hätten sie seit Wochen darauf gewartet.

»Die kriegen uns nicht«, sagt Hakan.

Er sagt es seltsam ruhig, als schwebe auch er über dem Platz, als fühle auch er, was Darius empfindet, als wisse auch er, was zu tun sei im Moment der Gefahr.

Sie sehen einander an, nicken kaum merklich- gemeinsam packen sie Cora an den Armen und ziehen sie hinter sich her, zerren sie die Treppen hinauf zum S-Bahnsteig. Kaum dass Darius die letzten Stufen hochspringt, fährt die Bahn wie angekündigt in den Bahnhof ein.

Hinter Darius ist nur noch Alina. Sie ist am Fuß der Treppe gestolpert, hat sich das Knie angeschlagen, Hände und Unterarm aufgeschürft und blutet aus einem Riss am Ellenbogen. Sie zieht das eine Bein nach und wird trotz ihres vor Anstrengung verzerrten Gesichts langsamer auf der Treppe. Obwohl sie die Zähne zusammenbeißt, wirkt es, als wolle sie aufgeben, sich einfach auf den Boden setzen, Schluss.

Renn schon, denkt Darius.

In ihren Augen erkennt er die Tränen. Leise sagt er: »Du schaffst es!« Und stumm fügt er hinzu: Streng dich an, gib dir Mühe!

Auf dem Bahnsteig befinden sich kaum Leute. Ein Pärchen, das eben noch geknutscht hat, drückt sich erschrocken hinter den Fahrscheinautomaten. Tomtom, dicht gefolgt von Simon, Cora und Marvin, läuft auf den Kurzzug zu, der mit einem Ruck im hinteren Abschnitt des ungepflegten S-Bahnhofes hält.

Darius beobachtet, wie die Wartenden zögern. Wie sie doch noch in den Zug steigen. Wie Fahrgäste umkehren, sich abwenden, die Richtung ändern, um zum entfernteren Ausgang zu gehen. Er bemerkt, wie der Zugabfertiger zaudert, sich entschließt, den Vorgang für harmlos zu halten- Jugendliche, na und?-, wie weitere Fahrgäste die S-Bahn verlassen oder, als Cora, Marvin, Simon, Jan-Niklas, danach Tomtom an verschiedenen Türen in die Waggons springen, zum Ende des durchgehenden Zuges laufen, als biete ihnen die Nähe der zweiten, unbesetzten Zugführerkabine im hinteren Wagen Schutz.

Darius sieht, wie Tomtom eine Tür blockiert, damit die S-Bahn nicht abfährt. Hört, wie Hakan Alina zuruft: »Los, mach! Nun mach schon!« Bemerkt, dass die Fahrgäste ihre Köpfe auf die Zeitung, das Buch, die Handtasche senken, so tun, als schauten sie aus dem Fenster, oder die Augen schließen, als seien sie müde und müssten schlafen. Einige, immerhin, suchen nach ihrem Handy.

»Kein Empfang«, wird Jan-Niklas in zwei Minuten sagen. »In der S-Bahn gibt es oft keinen Empfang.«

Alina stolpert wieder. Sie fällt über die letzte Stufe, schlägt mit Knien und Händen auf den Beton des Bahnsteigs.

Hakan ist bei ihr. Hilft ihr nicht auf, sondern reißt sie hoch und zerrt sie hinter sich her.

Jetzt blockieren auch Cora, Marvin und Jan-Niklas die Eingangstüren des Zuges.

Der Abfertiger auf dem Bahnsteig spielt mit seinem grauen Mikrofon, mit dem er Anweisungen gibt. Fahrig und unentschlossen tasten seine Finger nach einem Knopf an der Säule, wo er die Lautsprecher des Bahnhofs an- oder ausschalten kann. Weitere Personen steigen aus der S-Bahn und verlassen die Station am entfernten Ausgang.

Auf dem unteren Treppenabsatz, noch fehlen vierundvierzig Stufen, Darius hat mitgezählt, auf dem Treppenabsatz vorm Zugang zum Bahnsteig tauchen die ersten Bomberjacken...

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