Tatörtchen 2019

6 kurze Krimis aus derSchweiz
 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 20. November 2019
  • |
  • 300 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7494-6377-0 (ISBN)
 
Tatörtchen sind kurze Krimis, die im Rahmen eines Projekts der Schweizer Schreibschule «schreibszene» im Jahr 2019 entstanden sind.
1. Auflage
  • Deutsch
  • 0,53 MB
978-3-7494-6377-0 (9783749463770)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Florence Eff

DER IMPULS

Bilanz eines Mörders

Der Knall war ohrenbetäubend. Noch viel schlimmer war die darauffolgende Stille. Zwar herbeigesehnt, jetzt einfach beängstigend und endlos. Atmen, warten, nichts.

Irgendwann gelang es ihm, den Kopf zu senken, an sich herunterzuschauen. Seine Füsse steckten in den braunen Pantoffeln, deren ausgebeulter Manchester-Stoff die Form seiner Füsse angenommen hatte. Die Zehen liessen sich bewegen, so weit so gut.

Alles sah aus wie immer: die Zierkissen auf dem Sofa ordentlich drapiert, die Esszimmerstühle untergeschoben. Jetzt setzte sogar die Küchenuhr ihr dezentes Ticken fort. Eine Normalität, die ihm angesichts der Umstände wie blanker Hohn erschien.

Was hatte er getan? Er hatte es getan. Er hatte sie umgebracht. Das zwischenzeitlich angetrocknete Blut an seiner rechten Hand, das er nun entdeckte, schrie es ihm entgegen. Eine Mischung aus Staunen, Ungläubigkeit, Faszination und Panik stieg in ihm auf.

Noch immer stand er einfach nur da, schaute auf seine Hände, drehte die Handflächen nach oben, dann wieder nach unten. Er hatte seine Hände schon immer als hässlich empfunden, nun kamen sie ihm wie die Klauen des Todes vor und erschienen ihm eigenartig fremd.

Unter dem Nagel des rechten Zeigefingers, bemerkte er einen dunklen Rand. Normalerweise hätte er den Dreck sofort weggemacht, er konnte es nicht ausstehen. Er nahm sich vor, das danach sofort zu erledigen. Danach. Nach was denn eigentlich?

Es bestand kein Zweifel, da lag sie, beinahe bis zur Unkenntlichkeit entstellt, in ihrem eigenen Saft. Eine Lache aus Blut, Urin, Hirnmasse oder Innereien; wer wusste das schon so genau.

Die noch erkennbaren grösseren Gliedmassen eigentümlich verdreht. Ihm fiel unweigerlich das knackende, schabende Geräusch ein, das die Beine von Puppen jeweils von sich gaben, wenn man sie bis zum Anschlag nach hinten oder Richtung Kopf drückte. Mit dem entscheidenden Unterschied, dass, wenn man sie losliess, sie in ihre Ursprungsform zurückschnellten. Die Ursprungsform - an die war hier und jetzt nicht mehr zu denken.

Mangelnde Impulskontrolle hatten sie es genannt. Ein Ausdruck, der ihn nun schon jahrelang begleitete. Er konnte sich nicht mehr vorstellen, wie das gewesen war, als er davon noch nie etwas gehört hatte. Wie schön musste das gewesen sein! Wie unbelastet und frei er damals gelebt haben musste.

Alle, all diese Psychiater und Psychologen, seine Mutter, seine Lehrer, alle, so schien es, fokussierten sich nur noch darauf. Auf die mangelnde Impulskontrolle, unter der er offenbar litt. Alles drehte sich nur noch darum.

Er als Mensch, als Individuum, existierte nicht mehr, der Fokus hatte sich verschoben. Das Ziel war, das offenbar Unausweichliche zu verhindern. Ihm begreiflich zu machen, was nie geschehen durfte.

Mangelnde Impulskontrolle, die Worte wiederholten sich endlos in seinem Kopf. Die unzähligen Therapien, Gespräche und Abklärungen, sie hatten nur einen Zweck gehabt: zu verhindern, dass genau das passierte, was nun passiert war.

Es war umsonst gewesen, er hatte versagt, er hatte sie umgebracht. Fast hätte er ob dieser grenzenlosen Tragik laut gelacht.

Warum, warum nur? Warum war es nun trotzdem so weit gekommen? Er hatte sich immer Mühe gegeben, so zu leben, wie man es von ihm erwartete.

Er hatte zugehört und an sich gearbeitet. Versucht, zu verstehen, was allen anderen offenbar instinktiv klar war: was Gut und was Böse war, was man durfte und was nicht. Gefühlt und begriffen hatte er es nie.

Den Blick seiner Mutter vor Jahren, an diesem Tag im Mai, als das Schicksal seinen Lauf genommen hatte, vorwurfsvoll und doch traurig, diesen Blick würde er nie vergessen.

Wie sie ihn angesehen hatte, nachdem sie aus dem Lehrerzimmer gekommen war. Und danach zu Hause, als sie einander am Küchentisch wortlos gegenüber sassen und das Abendessen einnahmen. Er hatte keine Ahnung, was vor sich ging, aber es hatte nichts Gutes zu bedeuten, so viel war ihm sofort klar gewesen.

Sie hatte es nicht einfach, das wusste er. Das Geld war knapp, und abends nach der Arbeit war sie meist müde. Das letzte, was er wollte, war, ihr Sorgen zu bereiten.

Dass sie ihn nun ansah, mit einer Mischung aus Mitleid, Enttäuschung und Kummer, das hatte sie nicht verdient. Er wollte es wiedergutmachen. Sollte er sich schämen, wie sie es ab und zu von ihm verlangte? Wie schämte man sich überhaupt? Er hatte keine Ahnung.

Ihr Verhalten irritierte ihn zutiefst. War es richtig oder falsch, was er gemacht hatte? Warum hatte sie ihn nicht mehr lieb, obwohl sie kurz zuvor beim Lehrer noch für ihn eingestanden war?

Mit fester Stimme hatte er sie sagen gehört:

«Nein, nicht mein Max, sicher nicht, er kann keiner Fliege etwas zu Leide tun ...!», und dabei hatte sie eine Entschlossenheit an den Tag gelegt, die ihn überraschte und die er kaum von ihr kannte.

Die Worte waren durch die Tür des Lehrerzimmers bis zu ihm in den Flur vorgedrungen, gedämpft zwar, aber doch klar und deutlich. Er erinnerte sich daran, dass er ihr am liebsten um den Hals gefallen wäre, und dass sein Herz klopfte, als wäre er ums Schulhaus gerannt.

Als er sich traute, durch das trübe Fenster einen Blick in den Raum zu werfen, hielt sie jedoch den Kopf gesenkt, die Hände lagen in ihrem Schloss. Ihr gegenüber sass der Klassenlehrer, der auf sie einredete. Sie nickte nur ab und zu.

Als die Türe aufschwang, hörte er den Lehrer nur noch bruchstückhaft sagen:

«Mangelnde Impulskontrolle ... Sie müssen etwas unternehmen, haben Sie gehört ... heute glimpflich ausgegangen ... fehlender Vater ... Therapie, sonst bringt er eines Tages noch jemanden um!»

Am Küchentisch, er konnte sich noch genau erinnern, hätte er seiner Mutter gerne erklärt, was vorgefallen war. Er wünschte sich, dass sie ihn verstehen würde, vielleicht sogar stolz auf ihn sein würde.

Dass sie begreifen würde, warum er den Jungen auf dem Pausenhof geschlagen hatte. Dass dieser Junge seiner Klassenkameradin das gehäkelte Stofftier, ein Schaf, das sie so sehr liebte und immer bei sich trug, aus der Hand geschlagen und danach laut gelacht hatte.

Dass ihn die nackte Wut gepackt hatte. Dass er es als himmelschreiend ungerecht empfunden hatte. Dass es für ihn nicht auszuhalten gewesen war, mitanzusehen, wie die zierliche Jasmina da gestanden hatte, das Schaf vor ihr im Dreck.

Wie sie mit den Tränen gekämpft hatte, und wie er nicht anders gekonnt hatte, als sich auf den Jungen zu stürzen und ihm die Faust in sein feiges Gesicht zu schlagen.

Aber seine Mutter hatte ihn nie danach gefragt.

Stattdessen lernte er, mit starken Gefühlen umzugehen, wie sie es nannten. Frustrationstoleranz aufzubauen. Psychiater und Psychologen, die es nur gut mit ihm meinten, ihn auf die richtige Bahn bringen wollten. Er sollte Mitgefühl lernen, versuchen, sich in das Opfer einzufühlen, Empathie entwickeln.

Anfänglich hatte er noch den Drang, ihnen zu sagen, dass er ja mitgefühlt habe, dass es eben genau das gewesen sei, was ihn dazu veranlasst habe, den Jungen zu schlagen.

Aber bald gab er es auf, es schien niemanden wirklich zu interessieren. Offenbar fehlte ihm das Gespür für Recht und Unrecht oder er hatte ein falsches und man musste es ihm neu beibringen. Sein eigenes Wertesystem taugte nichts, so sah es aus.

Also gab er sich Mühe. Er versuchte zu begreifen, was man von ihm wollte, wie er sich zu verhalten hatte. Damit er sich in die Gesellschaft einfügen konnte, damit nichts derartiges mehr passierte. Damit er seine Mutter nie mehr enttäuschen musste.

Aber in ihm drin, irgendwo tief in der Mitte seines Körpers, befand sich ein undefinierbares Etwas, dass sich dagegen auflehnte. Wer wagte es zu bestimmen, was für alle Menschen richtig oder falsch zu sein hatte? Und aus welchen Gründen?

Und warum konnte sich etwas richtig anfühlen, wenn es falsch war? Wenn er je Vertrauen in sich gehabt hatte, hatten sie es zerstört und den letzten Funken davon ausgelöscht.

Eine Zeit lang ging alles gut. Alle schienen zufrieden. Sein ganzes Leben drehte sich jetzt nur noch um ihn und die Anderen.

Er war von einem Tag auf den anderen zum Problem geworden, zum Sonderfall. Es galt, ihn davon abzuhalten, jemandem etwas anzutun. Er merkte genau, wie sie ihn ansahen, lächelten, lobten - und in ihren Köpfen ein ganz anderes Bild von ihm hatten.

Und irgendwann war da diese Mauer, unsichtbar, eine Mauer, die ihn umgab, ihn trennte, ihn aber auch schützte.

Nicht selten begann er sich zu fragen, was eigentlich passieren würde, wenn er nun tatsächlich tun würde, was man von ihm dachte. Sachen, auf die er von selbst nie gekommen wäre.

Wenn er dem Bild, das die anderen von ihm hatten, gerecht werden würde. Ob das dann nicht einfacher wäre?

Er müsste nicht mehr krampfhaft versuchen, es allen recht zu machen. Und es wäre sicherlich eine Erleichterung, wenn er den Weg, den man ihm prophezeite, gehen würde. Er würde im Grunde genommen ja nicht mal jemanden enttäuschen, denn sie hatten es ja alle vorhergesehen. Sie würden dann...

Dateiformat: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat EPUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

7,99 €
inkl. 7% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen