Amygdala

 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 12. November 2018
  • |
  • 232 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7481-3514-2 (ISBN)
 
Amygdala ist eine Sammlung unterschiedlicher Genres wie Kurzkrimis, Märchen für Erwachsene, Fantasy, Liebesgeschichten, Gedichte und ihre Hintergrundgeschichten, Tagebuchaufzeichnungen und reale Geschichten zum Schmunzeln, zum Gruseln, zum Wundern und Staunen.
1. Auflage
  • Deutsch
  • 0,30 MB
978-3-7481-3514-2 (9783748135142)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Gisela Wielert lernte noch vor Beginn des geplanten Studiums Fachrichtung Physik mit dem Ziel Gesundheitsingenieur ihren Mann kennen und ist seit 1971 verheiratet.
Sie haben einen Sohn und leben auf Land in der Nähe von Lübeck.
Beruflich war sie als Arztsekretärin, zwischenzeitlich Chefarztsekretärin an der Uni Lübeck, tätig. Nebenberuflich arbeitete Wielert 10 Jahre als Buchhalterin für bis zu 4 Restaurants gleichzeitig. Vom 1998 bis 2014 Tätigkeit als Managerin in einer Klinik für Ästhetisch-Plastische-Chirurgie.
Ihre Schreibbegeisterung begann früh. Seit ihrem 17. Lebensjahr sind circa 100 Gedichte entstanden, viele Kurzgeschichten, Tagebuchaufzeichnungen mit Schreibmaschine ohne Seitenzahl, 2,3 kg. und Essays.
2013 kam ein Kinderbuch für ihr Enkelkind hinzu.
Bisher erschienen im Buchhandel:
"Durch die Zeiten" Band I und II und
"Samba für Charles B." (Lyrik).

Unbehagen


Das Unwetter hat in den frühen Morgenstunden begonnen. Als sie erwacht, ist es da. Sie tritt ans Fenster und sieht in bleischweres Grau. Wie tot liegt die kleine grüne Hallig unter ihrem Blick. Ein aufgebrachter Wind schleudert dicke Wasserfluten gegen die menschliche Eilandbefestigung und unerschöpflicher Regen klatscht an die Fensterscheibe. Trostlosigkeit kriecht aus den Winkeln des Raumes und zwingt ihre Stirn ans Glas. Sie spürt den prallen Aufschlag der Tropfen und eine Erinnerung wird in ihr wach.

Sie ist klein, besucht noch nicht die Schule und soll für ihre Großmutter ein Rezept vom Arzt abholen. Sie ist den Weg schon häufig gegangen. Sie kennt das Haus, klingelt. Eine Frau im weißen Kittel öffnet, reicht ihr die Hand, lächelt sie an. Öffnet für sie eine weitere Tür, lässt sie eintreten.

"Warte bitte hier." Die Tür wird geschlossen, sie ist allein. Sie steht zwischen schmucklosen weißgetünchten Wänden, an die sich Bänke und Stühle geordnet reihen. Ein mit Zeitschriften beladener Tisch in der Zimmermitte. Ein Fenster, unweit davor eine Blumenbank. Niemand außer ihr wartet. Geräusche dringen nicht durch die Tür, nicht durch das Fenster. Einzig von der Wanduhr erfährt sie ein eintöniges Ticken, unterbrochen von einem tonaufwärts ziehenden kurzen Schnarren, wohl jeweils zur vollen Minute.

Ihre Augen finden nichts, womit ihrer Langeweile Einhalt geboten werden könnte. Mit kleinen Kinderschritten durchmisst sie die schmale Gehfläche zwischen Tür und Fester. Die Stille des Raumes beginnt ihr Bewusstsein für Zeit und Auftrag aufzuheben. Ihre Sinne empfinden vielmehr stumme Unerträglichkeit eines Wartens auf Erlösung. Schon zieht ihr Herz rhythmische Schlussfolgerungen; unruhig heftig pocht es, als könnte damit der Vorgang beschleunigt werden, der darin besteht, ihn auszuhalten.

Ihre Fantasie bereitet ihr Vorstellungen, die eine regennasse Straße versagt: Mag kein Weiß, will keine Leere, keinen Regen, bin vergessen, niemand fragt nach mir, bin hinter geschlossenen Türen allein, so muss es sein, wenn jemand richtig eingesperrt ist. Diese Gedanken hüllen sie in eine zarte Traumgeborgenheit, aus der sie erschrocken erwacht, als die Uhr zur vollen Stunde schlägt. Bereits beim ersten Gong fühlt sie panisches Entsetzen über ihre tatsächliche Anwesenheit hier, in diesem Raum, der ihr wenige Sekunden zuvor körperlos unbedeutend geworden war. Augenblicklich spürt sie quälendes Verlangen auf ihr Vorhandensein aufmerksam zu machen und wagt es dennoch nicht, weil größer als ihre Furcht abwartend weiter zu verharren, ihre Angst vor möglichen Konsequenzen ist. Wenn sie zu Recht wartet, wäre es beschämend, sich unbeherrscht zu benehmen. Und wie blamiert wäre sie dann vor den Eltern, die es überhaupt für unschicklich halten, von der eigenen Person ein Aufsehen zu machen. Darum beißt sie die Zähne fest zusammen und strafft ihre Rückenmuskeln.

Es gibt keine Möglichkeit diese Unsicherheit, vielleicht aus irgendwelchen Gründen doch vergessen zu sein, vorschnell zu beenden. Und sie sieht sich die Nacht hier verbringen, ohne Essen, ohne Trinken, ohne zärtliche Küsse der Eltern. Schließlich beginnt sie in ohnmächtiger Hilflosigkeit zu weinen. Ihre Stirn fällt gegen das Fensterglas und spürt die prasselnden Tropfen, die unter ihr die Straße mit kleinen Pfützen übersät. Da draußen, denkt sie ist Straße, sind Regen und Pfützen und Freiheit. Irgendwann kommt die weißgekleidete Frau ganz selbstverständlich zu ihr, lächelt sie freundlich an, gibt ihr, worauf sie gewartet hat.

"Warum schreibst Du Deine Erzählung nicht bei uns fertig? Da bist Du total ungestört; nur Wasser, ein wenig Landwirtschaft, wenig Leute, verstehst Du, kein TV, kein Telefon. Zehn Tage lang gehört Dir das Haus allein.

Gute Gründe, die Einladung anzunehmen.

Bei ihrer Ankunft vor vier Tagen schien die Sonne. Die Hallig wirkte wie ein kleiner grüner, hübsch dekorierter Hügel in unübersehbar viel Meer. Einige Leute geleiteten sie zuvorkommend und wortsparsam zum Haus der Freunde. Ein Bauerhaus, wie die übrigen auch, nur die Kühe fehlten davor. Die Innenarchitektur hatte allerdings nichts mit der äußeren Schale gemein. Sie stand im Wohnraum und sah sich einer Flut von Weiß gegenüber. Sämtliche Zwischenmauern der unteren Etage waren entfernt worden, so dass die ansehnliche Gesamtfläche mindesten 180, wenn nicht 200 Quadratmeter betrug. Blickfang: Jean-Maries schwarzer Konzertflügel, den er sicher nach akustischen Gesichtspunkten in die Raummitte platziert hatte. Viele Meter hinter ihm, in die linke Zimmerecke eingenistet, entdeckte sie einen schlichten weißen Kamin. Die Küche des Hauses versteckte sich hinter einem Mauervorsprung. Sie erwies sich als modern und recht komfortabel ausgestattet. Das kleine Gäste-WC war separat. In der ersten Etage gab es vier Schlafräume und ein Badezimmer. Wo das Bad komfortable Einrichtungsmaßstäbe aufwies, und ähnlich wie die Küche einen gediegenen Luxus ausatmete, da spielten die Schlafräume die Gegenmelodie: Sie überraschten durch äußerste Sparsamkeit. Rohe Matratzen bestückt mit Kopfkissen und Federbetten lagen auf dem Fußboden. An nackten weißen Wänden steckten Nägel, teilweise mit Bügeln versehen. Ein Raum, wohl der von den Freunden benutzte, wirkte bewohnter. Hier hingen Kleidungsstücke und der Fußboden war mit Notenheften, Handtüchern und Unterwäsche übersät. Ein Holztisch stand am Fenster, auf ihm das Werk von A. E. Poe daneben Fachzeitschriften, Aktenordner und stapelweise Papiere. Unter dem Tisch stand eine Holzkiste mit Büchern vollgestopft.

Auf dem Hausboden fanden sich ein alter Küchentisch, diverse Stühle, eine abgetragene Wohnzimmergarnitur, daneben nützliche Kleinigkeiten wie Taschenlampe, Doppelstecker, Verlängerungsschnur. Sie trug davon nach unten, was sie brauchte; ließ die Gegenstände unter der Treppe stehen. Die Luftveränderung hatte sie hungrig und müde gemacht. Sie aß sich satt, hörte noch einige Tonbandausschnitte aus Jean-Maries Konzerten und ging dann schlafen.

Ziemlich früh am Morgen erwachte sie. Draußen vor der Tür stand verabredungsgemäß ein kleiner Eimer Milch, ein Laib Brot und Eier. Sie frühstückte. Der volle Magen machte sie denkmüde und zufrieden. Sie verspürte keinerlei Hemmungen, sich in die warme Spätmaisonne zu legen, statt zu arbeiten. Schließlich schaffte sie es, sich gegen Abend einen Arbeitsplatz einzurichten. Damit ging auch dieser Tag zu Ende.

Am zweiten Tag erwachte sie in aufgeräumter Ferienstimmung und nach einem reichhaltigen Frühstück überkam sie eine satte Behaglichkeit, die körperlich müde und geistig ausdruckslos werden lässt. Mittags hatte sie einen Sonnenbrand. Sie blieb im Haus. Gegen Abend fror sie, wogegen Tee mit viel Rum half. Unter dieser Wirkung schrieb sie ein Gedicht über die Vorzüge der Einsamkeit, obwohl ihr bewusst war, dass sie keinen Natursinn besaß und ihr momentanes Alleinsein schamlos mit Faulenzerei auskostete.

Der dritte Morgen brachte kühle sonnenlose Wende und sie empfand leichtes Unwohlsein, wie häufig bei wechselndem Wetter. Draußen war es unausstehlich windig und im Haus weiß und leer.

Unschlüssig unzufrieden trat sie auf der Stelle. Ein Leseversuch scheiterte, Klavierkonzerte mochte sie nicht hören; das am Abend geschriebene Gedicht ging in Fetzen auf. Schließlich am Spätnachmittag fielen die Würfel gegen die freiwillige Einsamkeit. Sie machte sich das Eingeständnis Kinderstimmen zu vermissen, laute Rufe und Forderungen an ihre Adresse. Sie vermisste ihre Arbeitsecke, die bunt, chaotisch, voller Krimskrams, Spinnengewebe und Staub angefüllt war. Sie vermisste jede Zuhause noch so negativ empfundene Einzelheit, weil alles miteinander ihr Leben ausmachte.

Einmal entschlossen ihre Kartause aufzugeben, hatte sie es eilig hinüber zum Nachbargrundstück zu kommen. Mit dem Eigentümer, der Besitzer eines Motorbootes war, verabredete sie Zeit und Preis für die Überfahrt auf das Festland für den nächsten Tag.

Dieser nächste Tag ist heute und heute ist alles anders: Heute ist Erinnerung an weit Zurückliegendes. Heute ist auch Erinnerung an gestern und an die Gefühle der Erleichterung ihres Entschlusses fortzugehen, was das Wetter jetzt nicht zulässt. Und schließlich ist heute bereits wieder so nahe morgen, doch ohne Gewissheit darüber, was das Morgen bringen wird. Sinnlos, darin achselzuckend hilflos zu verharren. Das hat sie damals getan. Wie wird sie heute handeln?

"Einen Schritt vor den nächsten setzen!" Und ihr fällt ein, wie gut Jean-Marie Chopin interpretiert. Sie duscht, hört die Musik, frühstückt. Nie hat der Kaffee ihr hier besser geschmeckt, nie war eine erste Zigarette am Tag würziger. Heute ist ein guter Tag zum Schreiben, geht es ihr durch den Kopf und vergessen sind Wetter und...

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