Der nützliche Freund

Kriminalroman
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 7. Dezember 2015
  • |
  • 320 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-97423-3 (ISBN)
 
Jacques Ricou, der grimmig-charmante Pariser Richter, untersucht den Tod von Marc Leroc, einer Schlüsselfigur im größten Korruptionsfall der deutsch-französischen Geschichte. Unvermittelt gerät Jacques in einen Sumpf aus Verrat und politischen Intrigen- in dem auch das Leben seiner Freundin Margaux auf dem Spiel steht. Ulrich Wickert glänzt als Kenner französischer Lebensart und zeigt sich einmal mehr als brillanter Krimiautor.
  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
Piper ebooks in Piper Verlag
  • 2,37 MB
978-3-492-97423-3 (9783492974233)
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Ulrich Wickert, geboren 1942 in Tokio, ist einer der bekanntesten Journalisten Deutschlands. Er machte sich mit kritischen Beiträgen beim Fernsehmagazin MONITOR einen Namen, bevor er für vierzehn Jahre als ARD-Auslandskorrespondent aus Washington, New York und Paris berichtete. Fünfzehn Jahre lang moderierte er die Tagesthemen und galt in dieser Zeit wegen seiner stilistisch geschliffenen, stets mit Ironie gespickten Texte als beliebtester Moderator des deutschen Fernsehens. Heute lebt er in Hamburg und Südfrankreich und ist Autor zahlreicher Sachbücher und Kriminalromane. www.ulrichwickert.de

Café crème mit Margaux

 

Ein oder zwei Café crème und ein oder zwei Croissants, mehr brauchte er morgens nicht. Margaux hatte das Wochenende bei ihm in seiner neuen Wohnung in der Rue de Belleville verbracht, und nun frühstückten sie im altehrwürdigen Bistro Aux Folies, das der auvergnatische Bistrowirt Gaston gerade übernommen hatte.

»Das hätte man auch ein bisschen präziser aufbereiten können.« Margaux regte sich über den Artikel in Libération auf, in dem von der Pressekonferenz des Verlages mit Marc Leroc berichtet wurde. Sie knüllte die Zeitung zusammen und warf sie auf den leeren Bistrostuhl neben sich.

»Worum geht's denn?«, fragte Jacques, ließ seine Zeitung sinken und nahm einen Schluck aus der Tasse vor ihm.

»Es geht nur um eine Geschichte, hinter der auch ich gerade her bin«, sagte Margaux, die über andere Journalisten häufig sehr streng, manchmal gar abfällig urteilte. Mach dir nichts draus, hatte sie Jacques einmal gesagt. Wir Journalisten sind so. Und da Margaux unter den Zeitungsleuten in Paris einen guten Ruf als harte Rechercheurin mit Stil hatte, konnte sie sich manch bösen Kommentar über schlechte Artikel anderer erlauben.

»Wenn du hinter etwas her bist, dann ist das meist mehr als irgendeine Geschichte. Zeig mal!«

»Ist jetzt nicht so wichtig. Es geht noch mal um die schwarzen Kassen von France-Oil und die Frage, wer daraus Geld empfangen hat. Mich interessiert besonders die deutsche Komponente. Wenn du so willst, handelt es sich im weitesten Sinn um Korruption bei internationalen Geschäften. Natürlich kann das eine ganz große Geschichte werden. Und ich sitze als Einzige an der Quelle, glaube ich. Ein heißes Thema! Vielleicht das heißeste, das ich je angefasst habe.«

»Also doch! Ist da was für einen Untersuchungsrichter drin?«, fragte Jacques.

»Noch nicht. Ich sage dir schon rechtzeitig, wenn's so weit ist. Aber diese Pressekonferenz vom Verlag ist gut gelaufen.«

»Woher weißt du das denn?«

»Vom Autor persönlich. Der ist allerdings am Anfang sehr nervös gewesen und schon bei der Antwort auf die erste Frage ins Stocken geraten. Zum Glück hat sein Verleger dann gleich die Gesprächsführung übernommen.«

»Und wie lautete diese erste Frage?«

»Es ging um den Beweis dafür, dass der deutsche Bundeskanzler im Auftrag des französischen Präsidenten von France-Oil mit einigen Millionen bestochen worden ist. Und der Verleger hat schlicht geantwortet, dass in Lerocs spannendem Lebensbericht bewiesen wird, was der deutsche Bundeskanzler bekommen hat.«

»Damit haben sich deine Kollegen doch hoffentlich nicht zufrieden gegeben?« Jacques sah sie fragend an.

»Natürlich nicht. Jeder von uns weiß doch über die Einzelheiten des Leuna-Deals Bescheid, also auch darüber, dass France-Oil ein paar Milliarden an die Treuhandgesellschaft gezahlt hat, an diese Behörde, die von der deutschen Regierung eingesetzt worden war, um staatliches Eigentum der DDR zu verhökern. Aber Leroc hat schließlich erklärt, er könne und werde beweisen, wo heute noch Geld, das damals veruntreut wurde, aus schwarzen Kassen fließt.«

Margaux nahm die Zeitung wieder vom Stuhl und schlug sie auf. »Hier sind ein paar der wichtigsten Fragen und Antworten zitiert. Gegen Ende des Geplänkels wurde es sogar ziemlich interessant. >Sind Sie nicht selber in diesem Fall zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden? Wenn ich mich nicht täusche: wegen Untreue? Über Sie sind die Schmiergelder gelaufen. Warum haben Sie das alles in Ihrem Prozess nicht offengelegt?< Leroc antwortete: >Weil ich in dem Prozess zum Sündenbock erklärt worden bin. Sie kennen ja die französische Justiz. Die Topmanager haben alle Schuld auf mich abgeschoben. Die wurden dann zwar auch verurteilt, sogar zu Gefängnis und Millionen an Geldstrafen. Aber von den Strafen hat keiner von ihnen auch nur einen Tag abgesessen, geschweige denn einen Centime gezahlt.<«

Jacques wollte ihr die Zeitung aus der Hand nehmen. »Wenn das wirklich stimmt, was dieser Leroc sagt .«

Aber Margaux unterbrach ihn: »Hör doch erst mal zu, wie es weitergeht.«

Jacques nickte.

»Leroc hat gesagt: >Durch meinen Bericht wird das politische System in Deutschland ins Wanken kommen. Ich werde eine bisher unbekannte Geldquelle aufdecken.< Darauf fragt ein Journalist: >Was heißt Geldquelle?< Und die Antwort: >Millionen, die auf einem Konto bei einer Bank in einer Steueroase liegen und für politische Zwecke abberufen werden. Meist in bar.< Nächste Frage: >Warum kommen Sie damit jetzt erst raus?< Leroc: >Die meisten Beweise habe ich erst nach mühseliger Arbeit zusammenstellen können. Und ein zusätzlicher Zeuge wird spätestens beim Erscheinen meines Buches öffentlich aussagen.< Frage: >Wer ist dieser Zeuge? Hat er einen Namen? Wie ist er in die Sache verwickelt? Und: Weshalb trauen Sie ihm?< Lerocs Antwort: >Wir haben viel zusammen gearbeitet. Ich würde sagen, er ist sogar ein Freund.<« Margaux sah von der Zeitung auf. »Jetzt kommt sozusagen der letzte Satz, der natürlich von einer Journalistin stammte: >In diesem Fall wohl ein nützlicher Freund.< Danach hat der Verleger die Pressekonferenz abgebrochen und auf das Erscheinen des Buches in zehn Wochen verwiesen.« Margaux stand auf. »So, das war's.«

»He, du kannst doch jetzt nicht gehen. Erzähl mir erst, was du über den nützlichen Freund zusätzlich herausgefunden hast«, entrüstete sich Jacques.

»Nix. Das muss dir jetzt erst mal reichen«, sagte Margaux und raffte ihre Tasche und den dünnen Mantel zusammen. »Ich muss jetzt los.«

Sie gab Jacques einen Abschiedskuss auf den Mund.

Gaston beobachtete sie aus einem Augenwinkel und fragte: »Kommst du heute Abend, ich gebe doch hier meinen Einstand?«

»Natürlich komme ich. Jacques hat es mir schon gesagt. Es wird vielleicht ein bisschen später. Ich habe um sieben noch einen Termin.«

Gaston schaute ihr hinterher, bewunderte ihre sportliche Figur und den energischen Gang, mit dem sie die Rue de Belleville hinuntereilte und im Eingang zur Métro verschwand.

»Noch einen Crème, Monsieur le juge?«, fragte der Bistrowirt, als Jacques kurz von seiner Lektüre aufschaute.

»Habe ich schon zwei?«

»Nein, du hattest erst einen Crème und ein Croissant.«

»Dann bring mir noch mal beides.«

»Herrlich warmer Frühling«, plauderte Gaston weiter, »schön, dass man schon draußen sitzen kann.«

Als Jacques nichts sagte, zwirbelte Gaston an seinem auvergnatischen Bart, der nach rechts und links außen und an den Enden nach vorn gezwirbelt wurde, und ging.

»Voilà, Monsieur le juge.« Ein paar Minuten später stellte er die Tasse und den Teller vor Jacques ab, nahm das benutzte Geschirr hoch und fragte: »Seid ihr eigentlich wieder zusammen?«

Jacques seufzte, schüttelte den Kopf, weil er nicht antworten wollte, sagte dann aber doch: »Ach, das ist mal so, mal so.«

Ein guter Wirt weiß, wann er zu schweigen hat. Gaston stellte sich an die Tür zu seinem Bistro und schaute sich das zunehmende Gewimmel auf der Straße an.

Als Jacques bezahlte, erinnerte Gaston auch ihn an die Fete am Abend: »Du gehörst doch zu den Stammgästen aus dem alten Bistro. Du musst kommen!«

»Und ob ich komme, ich bringe vielleicht noch ein paar Leute mit. Aber bei mir wird es wohl auch ein bisschen später, neun, halb zehn. Bei Gericht gibt's heute eine Coupe de Champagne, Marie Gastaud wird in ihr neues Amt eingeführt. Und da sie mich mitgenommen hat, gehört sich ein Act de présence.«

»Im Palais de justice?«

»Auf der Ile de la Cité. Die alten Büros sind zwar ein bisschen dunkler als die modernen am Gericht in Créteil, aber ich brauche jetzt kaum zehn Minuten mit der Métro.«

»Nimmst du nicht deinen Dienstwagen?«

»Hier finde ich sowieso keinen Parkplatz, also lasse ich ihn meist in der Dienstgarage.«

 

-

 

Bisher war Marie Gastaud Präsidentin des Gerichts von Créteil gewesen, an dem sich auch Jacques Ricou als Untersuchungsrichter seit vier Jahren durch allerhand skandalöse Fälle gewühlt hatte. Jedes Mal, wenn sie ihn zu sich rief, ging er mit gemischten Gefühlen in ihr Büro. Sie wirkte mit ihrer Betonfrisur und den langweiligen, aber teuren Seidenkleidern wie die Ehefrau eines erfolgreichen Bourgeois, der die ererbte Porzellanmanufaktur seiner Familie in Limoges in alter Tradition weiterführt. Aber Jacques hatte immer wieder festgestellt, dass sie mehr war als nur eine strenge Mutter von zwei Kindern, die die Aufnahmeprüfung in die ENA geschafft hatten, und die Ehefrau eines hohen Beamten. Marie Gastaud leitete ihr Gericht immer so unabhängig, wie es unter dem jeweiligen Justizminister möglich war. Jacques schätzte ihr feines juristisches Gespür und ihre schützende Hand.

Und die konnte er immer wieder brauchen. Denn unter französischen Politikern galt er als ein unerträglich harter Hund. In der Öffentlichkeit dagegen wirkte er wie ein Vorbild für Mut. Besonders für Mut vor dem Herrscherthron.

Einmal hatte er sogar - wenn auch vergeblich - den Staatspräsidenten vorgeladen, um ihn wegen einer Untersuchung von politischer Korruption der konservativen Partei zu befragen. Schließlich war der Präsident zur Zeit der finanziellen Unregelmäßigkeiten Parteivorsitzender gewesen. Zwar hatte Marie Gastaud Jacques damals vorgeworfen, das sei eine Schnapsidee, denn der Präsident werde nicht aussagen, stattdessen würde ihn solch eine Ladung in der Öffentlichkeit belasten. Aber Jacques hatte ihr geantwortet, man müsse allen, auch den unmöglichen, Spuren nachgehen. So laute...

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