Zeit zu handeln

Den Werten einen Wert geben
 
 
Hoffmann & Campe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 22. Juli 2013
  • |
  • 255 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-85094-9 (ISBN)
 
Ulrich Wickert stellt die Grundsatzfrage: Wann haben Werte in unserer Gesellschaft einen Wert? Es ist Zeit zu handeln. Mehr als 60 Jahre nach dem Bekenntnis zur Demokratie wächst in den letzten Jahren bei vielen Menschen das Unbehagen, weil sie glauben, die Orientierung zu verlieren. Die Angst gegenüber allem vermeintlich Fremden nimmt ebenso zu wie die globale Verunsicherung angesichts der stetig wachsenden Zahl von Möglichkeiten, unter denen es auszuwählen und zu entscheiden gilt. Welche Maßstäbe gelten der Gemeinschaft als Richtlinien? Wie lassen sich ethische Werte wie Zivilcourage, Toleranz, Gerechtigkeit oder Solidarität mit Inhalt füllen? Und können bei zunehmender Individualisierung althergebrachte Tugenden wie Pflichtgefühl und Verantwortungsbewusstsein noch sinnstiftend auf eine moderne zivile Gesellschaft wirken? Ulrich Wickert gibt anhand zahlreicher Beispiele eine Zustandsbeschreibung unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit. Er versucht, Werte und ihre Rolle in der Gesellschaft so zu definieren, dass sich Einzelinteressen und der Sinn für die kollektive Identität gleichermaßen verwirklichen lassen. Viele Bürger sind davon überzeugt, dass es Zeit ist, selbst zu handeln. Und Ulrich Wickert gibt Denkanstöße, um den Werten wieder einen Wert zu geben.
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 1,99 MB
978-3-455-85094-9 (9783455850949)
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Ulrich Wickert, geboren 1942, ist einer der bekanntesten Journalisten Deutschlands. Er war als Korrespondent in den USA und Frankreich tätig, außerdem langjähriger Anchorman der Tagesthemen. Er lebt in Hamburg und Südfrankreich, wo er neben Kriminalromanen auch politische Sachbücher schreibt. Zu seinen zahlreichen Veröffentlichungen zählen unter anderem die Bestseller Vom Glück, Franzose zu sein, Gauner muss man Gauner nennen und Der Ehrliche ist der Dumme. In seiner erfolgreichen Krimiserie um den Richter Jacques Ricou erschien zuletzt Das Schloss in der Normandie (Hoffmann und Campe 2015). Seit ihrer Gründung ist Wickert Secrétaire perpétuel der Académie de Berlin, die den kulturellen Austausch zwischen Frankreich und Deutschland fördert.

Kapitel 1 Werte in Zeiten abrupten Wandels


Zum Zustand unserer Gesellschaft

Von der Hysterie eines verwöhnten Volkes


»Was frisst die Europäer auf? Killer-Cornflakes.« Mit dieser Schlagzeile machte sich die International Herald Tribune auf ihrer ersten Seite lustig über das, was die Bewohner des alten Kontinents plagt. Voller Ironie vermerkt T. R. Reid: »Eine Schale Cornflakes kann dich umbringen – nicht zu reden von einem Schinkenbrot oder einem T-bone-Steak. Geimpft werden kann dich umbringen. Economy Class fliegen kann dich umbringen, und Business Class ist auch nicht viel besser. Das Gummi-Entchen im Bad kann dich (und deine Kinder) umbringen. Und leg ja das Handy weg, bevor es dich umbringt!«[3]

Es ist nur wenige Jahrzehnte her, da galten die Amerikaner den Europäern als Hygiene-Hysteriker, die sich nach jedem Handschlag die Finger desinfizierten und sich vor einer Reise nach Deutschland zum Beispiel fragten, ob man Wasser dort ohne Seuchengefahr trinken könne. Jetzt wundern sich die immer noch gesundheitsbewussten Amerikaner – von ihnen stammen immerhin der Jogging-Wahn und Health-food – über die Zukunftsängste der Europäer. Ja, die Amerikaner erkennen in der Alten Welt plötzlich eine Kultur der Angst, die eine Mischung aus echten Gesundheitsproblemen, Trends in der Umweltzerstörung, Antiamerikanismus und Pessimismus darstellt.

»Es ist eine Frage der Gefühlslage«, meint Mart Saarma, Biologe am Helsinki-Institut für Biotechnologie. »Die Amerikaner scheinen pragmatisch mit neuen Ideen und Erfindungen umzugehen. Die Europäer neigen dazu, sich zu sorgen. Das führt zum Verlangen, immer auf der sicheren Seite zu sein, bis etwas Neues als absolut ungefährlich bewiesen ist.«[4]

Amerikaner und Kanadier nehmen täglich genmanipulierte Produkte zu sich: Mais, Sojabohnen und andere Lebensmittel. Eine Studie der National Academy of Sciences hat festgestellt, dass diese neuen Arten nicht anders sind als die traditionellen. Aber als im Frühjahr 2000 eine für europäische Landwirte bestimmte Samenlieferung aus Kanada versehentlich einen geringen Anteil – weniger als ein Prozent – genmanipulierter Samen enthielt, warnten die europäischen Medien vor »Ansteckung« und »Vergiftung«.

Auf der Suche nach einer Erklärung für das unterschiedliche Verhalten von Europäern und Amerikanern folgert Philip Lader, US-Botschafter in London: »Nur noch fünfzehn Prozent der Bevölkerung gehen zur Kirche …«, und dies könnte ein »menschliches Bedürfnis nach anderen überlebensgroßen Zielen auslösen. Vielleicht hat es mit dem beinah religiösen Eifer der Gegnerschaft zu genmanipuliertem Essen zu tun.«

Diese Erklärung mag erstaunen, aber so ganz falsch ist sie nicht. In jenen Zeiten, in denen Glauben vor Wissen kam, fiel es dem Menschen leichter, in die Zukunft zu schauen. Nach dem Motto: »Der Herr wird’s schon richten.« Mit der Ablösung der Religion als Sinnstifter überfielen den Menschen Zweifel. Was ist richtig, was falsch? Und je komplizierter die Welt wird, desto undurchschaubarer erscheint die Gegenwart – und erst recht die Zukunft, in der die Ursachen für unsere Ängste verborgen liegen. Zwar herrscht in Europa ein Wohlstand, wie es ihn in der Geschichte dieses Erdteils noch nie gegeben hat. Auch waren die Güter noch nie so gleichmäßig verteilt wie zu Beginn des dritten Jahrtausends. Noch nie waren Kriege, Seuchen, Hungersnöte oder auch Zwang, Unterdrückung und Diktatur so fern von jeder Wirklichkeit wie jetzt. Und dennoch herrscht Angst vor der Zukunft.

Das Leben scheint immer weniger überschaubar. Und das beginnt, wo es besonders erfahrbar und deshalb äußerst bedrohlich ist, zunächst in der eigenen Umgebung. Plötzlich ist das eigene Auto in einem gutbürgerlichen Wohnviertel aufgebrochen worden; oder eine Mitarbeiterin erzählt noch unter Schock, drei »Glatzen« hätten ihr Auto stehlen wollen, die Wegfahrsperre jedoch nicht knacken können und deshalb den Wagen zu Schrott getreten. Plötzlich erfährt man nicht aus der Lokalzeitung, sondern von einem Bekannten, dass er in der S-Bahn zusammengeschlagen worden ist, oder von der Mutter eines Schülers, dass ihr Sohn mit Schlüsselbeinbruch im Krankenhaus liegt, weil ein Mitschüler ihm seine modische Jacke wegnehmen wollte.

Widersprüche, die man nicht so einfach klären kann, nehmen zu. So wird ein »neues Gründerzeitalter« proklamiert, weil dem Internet die gleiche Bedeutung beigemessen wird wie der Stahlindustrie im 19. Jahrhundert. Damals wurde der technische Wandel zur Grundlage für Wohlstand und Reichtum in der westlichen Industriewelt. Und heute …? Mit Hilfe von Aktienverkäufen entstehen Hunderte Unternehmen der New Economy, für die es keinen deutschen Begriff mehr gibt. Was auch nicht mehr notwendig erscheint, da das Internet Englisch spricht. Und die Börsenkurse, die wie Lotto-, nein, wie Roulettegewinne anmuten, ziehen immer mehr Menschen aller Schichten in ihren Bann. Die Banken spielen dabei eine unselige Rolle, denn ihnen geht es nicht in erster Linie um die Solidität der verkauften Aktien, sondern um den Gewinn, den sie damit machen. Aber das erfahren die wenigsten Kleinanleger. Es dauerte auch nicht lange, da ordnete sich die Welt wieder: Die aufgeblähten Phantasiepreise der Internet-Aktien stürzten ins Bodenlose. Die meisten der modernen »Roulettespieler« nahmen ihre Verluste leise weinend hin; denn wer zuvor monatelang lauthals mit einer Kurssteigerung nach der anderen angegeben hatte, der wollte nun die Blamage nicht zugeben. Doch auch wer keine dieser Aktien mit Luftkursen besitzt, fühlt sich verunsichert, denn er kann der Klage über den Verfall nicht entgehen, weil die Medien voll davon sind.

Ohnehin bringen die Medien häufig Missbehagen ins Haus. Nachdem die Meinungsmacher nicht wissen, ob nun eine neue Eiszeit oder eine Klimaerwärmung droht, zitieren sie Wissenschaftler, die vor einem generellen Temperaturanstieg warnen. Deiche müssten erhöht werden, heißt es, weil das Meer flache Küsten gefährde. Der einzelne Bürger fühlt sich angesichts eines solchen Szenarios hilflos, denn selbst die Regierungsbeteiligung der Umweltpartei führte zu keinem politischen Umdenken. Immer verwirrender werden die Zeiten. Dinge geschehen, die man weder dulden noch erdulden möchte. Doch es fehlen die Mittel oder Leitlinien, die dem Bürger die Möglichkeit gäben, dagegen anzugehen.

Wut kommt auf angesichts von Brandanschlägen auf Häuser, in denen Ausländer wohnen, oder der Zunahme des Rechtsextremismus: Junge Menschen erschlagen Ausländer, treten sozial Schwache tot. Doch die öffentliche Betroffenheit lässt die Medien über die Stränge schlagen. Die monatelang nicht aufgeklärte Explosion einer Granate in einer Gruppe zum Teil jüdischer Russlanddeutscher wurde zum Anschlag von Rechtsextremen, ohne dass ein Beweis dafür erbracht worden wäre. Der vermeintlich von Rechtsextremen begangene Mord an dem Kind Joseph im ostdeutschen Sebnitz wurde von der Justiz durch die vorübergehende Verhaftung von drei Jugendlichen und durch die besonders unkontrollierte Berichterstattung einiger Zeitungen zu einem nationalen Trauerspiel.

Und dann sagen uns Wissenschaftler: »Die Brandanschläge und Menschenjagden sind aber nicht bloß gemein motivierte neofaschistische Verbrechen, die aus einer brisanten Mischung aus politischen Gründen und individuellen Motiven begangen werden, sondern identitätsstiftende Aktionen, die mit symbolischer Bedeutung aufgeladen sind.«[5]

Die Gewalttat – bis hin zum Mord – schafft Identität und Selbstbewusstsein? Doch auch das Handy oder Klamotten mit Modemarke schaffen Identität. Es kommt nur darauf an, welcher Gesellschaftsschicht der Jugendliche entstammt. Schüler spielen auf dem Schulhof, nur einer darf nicht mitmachen. Das gehöre zum Alltag, meint Ilona Wilhelm, Lehrerin und stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Hamburg: »Mitschüler, die keine Markenkleidung tragen, werden beschimpft und ausgegrenzt. Das ist die unterste Form von Mobbing.«[6]

Junge Menschen erkennen im Allgemeinen nicht den Widerspruch, der darin besteht, Individualität, die jeweils etwas ganz Eigenes, Besonderes ist, erreichen zu wollen mit Hilfe von Massenartikeln aus der Mode, deren Besitzwert durch die Werbung hergestellt wird; eine Werbung, die funktioniert, indem sie ganz gewöhnliche Produkte zu Statussymbolen erhebt. Diese Symbole stellen den Besitzer über die anderen, erhöhen ihn, und damit ist er »wer«. Gerade in der Zeit der Pubertät, wenn Jugendliche ihre Persönlichkeit entwickeln, danach suchen, wer sie sind, und ihre Stellung in der Gesellschaft ertasten, messen sie ihre Persönlichkeit am Besitz von Wertgegenständen, nicht aber an gesellschaftlichen Werten. Und wer über wenig Selbstbewusstsein verfügt, der fühlt sich besonders schnell verunsichert und folgt dem Gruppendruck. Damit niemand glaubt, die Eltern könnten sich Designer-Klamotten für ihren Sprössling nicht leisten, beugen sie sich erst recht dem Modezwang. Nun erfinden allerdings Kinder den Konsumzwang nicht, sondern er wird ihnen von den auch an mangelndem Selbstbewusstsein leidenden Eltern weitergegeben.

Die Verwirrung nimmt überall zu: sei es im Verhalten von Vorbildern oder staatlichen Einrichtungen, das uns noch ausführlich beschäftigen wird, sei es bei den von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Medien vermittelten Leitlinien, auf die wir ebenfalls zurückkommen, sei es in der Sprache, sei es bei der Definition von Werten.

Ein eklatantes...

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