Der Richter aus Paris

 
 
Hoffmann & Campe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 22. Juli 2013
  • |
  • 253 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-81220-6 (ISBN)
 
"Cohé nennen wir den Vogel auf Martiniqe. Seine Federn sind schwarz und blutgefleckt. Er bevölkert unser Leben wie ein Phantom, denn man kann ihm nicht auflauern, weil er sich kein Nest baut, sonder seine Eier in den Schoß der Erde legt. Deshalb nennen ihn unsere Zauberer auch Vogel der Finsternis, der im Flug die Seelen der Sterbenden auffängt, um sich daran zu laben. Wenn ein Kämpfer auf dem Schlachtfeld stirbt, kann der Cohé seinen letzten Atem erhaschen und ihn seinem Meister wiederbringen."

Fasziniert von Martinique, dieser französischen Insel in der Karibik wo mancher Bürger der Grande Nation ein Refugium gefunden hat, ist der Journalist Ulrich Wickert auf einen Fall gestoßen, der ihn nicht mehr losließ. Seine Recherchen führten ihn nach Vietnam, nach Algerien, in die Krisengebiete, in die der Arm der Pariser Justiz nicht reicht. Er erzählt eine Geschichte, die so unglaublich wie wahr ist.
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 2,01 MB
978-3-455-81220-6 (9783455812206)
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Ulrich Wickert, geboren 1942, ist einer der bekanntesten Journalisten Deutschlands. Er war als Korrespondent in den USA und Frankreich tätig, außerdem langjähriger Anchorman der Tagesthemen. Er lebt in Hamburg und Südfrankreich, wo er neben Kriminalromanen auch politische Sachbücher schreibt. Zu seinen zahlreichen Veröffentlichungen zählen unter anderem die Bestseller Vom Glück, Franzose zu sein, Gauner muss man Gauner nennen und Der Ehrliche ist der Dumme. In seiner erfolgreichen Krimiserie um den Richter Jacques Ricou erschien zuletzt Das Schloss in der Normandie (Hoffmann und Campe 2015). Seit ihrer Gründung ist Wickert Secrétaire perpétuel der Académie de Berlin, die den kulturellen Austausch zwischen Frankreich und Deutschland fördert.

Die Witwe


Jacques sah sie tanzen, geschmeidig und mit abwesendem Blick zum Rhythmus der Trommeln. Sie hatte ihren schlanken Körper in ein fröhlich buntes Madrastuch gewickelt. Gar nicht wie eine Witwe, dachte er und fragte sich, wie alt sie wohl sei – schwer zu sagen, irgendwo in den Dreißigern oder doch schon vierzig?

Loulou reichte ihm die Flasche Tafia, starken, beißenden Rum, wie ihn nur Schwarze vom Lande trinken, und ermunterte ihn zu einem weiteren Schluck: »Der Tod ist bei uns Anlass zu einem großartigen Gelage.«

Jacques wischte den Flaschenhals ab, trank das braune Gesöff, hustete und schüttelte sich. Trotz seines leichten Sommeranzugs war ihm heiß, er fühlte sich wie in einem türkischen Dampfbad. Immer leiser tönten die Trommeln, nur noch ein kleiner Schlag hier oder da. Aus dem Kreis in der Mitte der Lichtung lösten sich die Tanzenden, manche blieben schweißgebadet stehen, andere fielen schwer atmend auf die Holzbänke vor den Tischen und griffen gleich zu einer Flasche Bier. In die plötzliche Ruhe stieß der dumpf krächzende Ruf eines Vogels. Koo-hee! Koo-hee! Koo-hee! Jemand hob beschwörend die Hand und lauschte, die Umstehenden nickten. Und die Zamanas, Bäume hoch wie eine Kathedrale, flüsterten in der Brise der Nacht. Über ihnen sah Jacques den von Sternen übersäten Himmel.

Als er auf der Plantation Alizé von Gilles Maurel kurz vor der Dämmerung aus dem Leihwagen gestiegen war, hatte er nur das laute Schnarren von Grillen gehört und in der Ferne ein vereinzeltes Bellen. Der Wind blies angenehm zu dieser Stunde. Niemand hatte sich gezeigt. Er hatte keinen menschlichen Laut gehört.

Um den zweiten Stock des Herrenhauses der Habitation führte eine Galerie aus Gusseisen. Neunzehntes Jahrhundert, hatte Jacques gedacht, schön! Doch bevor er die Stufen zur Veranda bewältigt hatte, war die Terrassentür aufgeschlagen.

Ein großer Kreole in schwarzem Anzug war herausgetreten, den linken Arm um eine Holzkiste mit Flaschen. Jacques hatte gedacht, der muss jeden Tag mindestens eine Stunde an Geräten üben, sonst baut man solche Schultern nicht auf. Er wusste das, denn Muskeln hatte Jacqueline schon lange an ihm vermisst, und jetzt vermisste er sie, wie sie damals war vor sieben Jahren, als sie sich kennen gelernt hatten.

»Zur Trauerfeier kommen Sie zu spät«, sagte der Kreole, der die Rechte vorstreckte und sich als Loulou vorstellte. Gott, was für ein wilder Händedruck, Jacques zuckte zwar, ließ sich den kurzen Schmerz aber nicht anmerken. Er sah auf Loulous Hand. Sie war mächtig, aber bis hin zu den polierten Fingernägeln penibel gepflegt.

»Jacques Ricou. – Ich bin etwas zu spät gelandet. Frau Maurel …?«

Nur für einen Augenschlag senkte der Kreole den Blick, als wollte er das Schuhwerk von Jacques prüfen, dann sagte er: »Kommen Sie mit.«

Jacques folgte Loulou, der ihn ohne viel Federlesens zur Totenfeier in den tiefen Wald im Norden von Martinique führte. Und Loulou berichtete ihm in gepflegtem Französisch, was vorgefallen war.

Gestern Abend war Gilles Maurel gestorben, und heute am Mittag hatten sie ihn schon beerdigt. Das Radio-bois-patate, das schneller ist als die Eile des Windes, also die Buschtrommel, hatte die Nachricht im Schatten des Mont Pelée verbreitet. Als es dunkel geworden war und die Békés, die auf den Antillen geborenen weißen Pflanzer, sich von der Witwe verabschiedet hatten, waren die Einheimischen mit Bambusfackeln und zahlreichen Kisten Rum und Lorraine-Bier, mit gebratenen Hähnen und fetten Kaninchen weit in die Wildnis gezogen, wo die Männer Bänke und Tische aufgebaut hatten.

Die Kreolen nahmen ihn einfach nicht wahr, als er, Jacques, geführt von Loulou aus dem Wald auf die Lichtung trat. Der Tanz war schon hitzig entbrannt. Im Licht der Fackeln warfen die Körper lange, flatternde Schatten in die Bäume. Er fühlte sich unwohl, fremd, schon allein weil sein grauer Anzug viel zu elegant war. Eine modische Konzession an Jacqueline, seine Ex-Frau, die ihn hier als Pariser verriet. Nicht dass die Kreolen sich nicht ihrer Tradition gemäß gekleidet hätten, die Männer in Schwarz, die Frauen in bunten Kleidern aus Madrastüchern, einige der alten noch mit dem Kopftuch, dem Mouchoir de tête-coco-zaloye, um den Kopf, weil sie ihr Haar nicht gern dem verrückten Wind aussetzten. Grau und schwarz wirkt der Coco-zaloye, der eigentlich nur zur Hausarbeit getragen wird.

Jacques zog das frische, gefaltete Taschentuch hervor und wischte sich das Gesicht ab. Er fühlte sich blass und kränklich, mit fiebrigem Schweiß auf Oberlippe und Stirn. Loulou drückte ihn auf einen Platz am Ende der letzten Bank zum dunklen Wald hin, Jacques nickte, aber niemand am Tisch erwiderte den Gruß, und wen auch immer er anblickte, der hatte sich schon längst abgewandt.

Mitten auf dem Tanzplatz stand, allein und in Gedanken versunken, eine Kreolin: Amadée, die Witwe. Aber wie eine Hinterbliebene sieht sie wirklich nicht aus, dachte Jacques wieder, als er sie prüfend beobachtete. Statt Trauer strahlte sie Wärme und Gelassenheit aus, vielleicht sogar ein wenig Lebensfreude. Jacques atmete tief durch, ein Seufzer, als wollte er seine Gedanken vertreiben. Eine schöne Frau, und trotzdem offen und freundlich. Loulou trat auf sie zu und berührte ihren Arm – zärtlich, wie es Jacques schien. Sie blickte hoch.

Von den Tischen kamen lautes Lachen und Gesprächsfetzen. Einer rief: »Gilles, damit du weißt, wie ehrlich ich bin, habe ich dir heute zehn Sous ins Grab geworfen, als Abzahlung meiner Schulden. Den Rest erhältst du, wenn wir uns wieder treffen.«

Brüllendes Gelächter. Die Tafia-Flaschen klirrten.

Loulou führte Amadée an das Ende der Bank, Jacques erhob sich, knöpfte die Jacke zu und sagte: »Madame Maurel, ließe sich Trauer teilen, würde ich Ihnen gern etwas davon abnehmen. Lassen Sie mich dennoch mein Mitgefühl ausdrücken. Mein Name ist Jacques Ricou, und ich bitte um Entschuldigung, dass ich als Fremder ohne mein Zutun in diese intime Feier eingebrochen bin.«

Amadée lachte herzlich und unterbrach ihn: »Jacques, ich weiß nicht, was Sie von meinem Mann wollten. Sie kommen aber zu spät. Loulou meinte, Sie wirkten wie ein Verwandter von Gilles, also nehmen wir Sie als solchen in unsere Runde auf. Alles andere später.«

Sie griff nach seiner Hand, ließ die Trauergäste mitten auf einer Bank auseinander rücken, zog ihn neben sich an den Tisch und sagte in die Runde: »Seid nett zu ihm, Jacques gehört zur Familie.«

Und um ihre Worte zu bestärken, gab sie ihm eine Bise, einen Kuss von Wange zu Wange. Ihre trockene Hand hielt seine weiterhin mit leichtem Griff auf dem Tisch und ließ sie erst los, um die Tafia-Flasche zu ergreifen, einen Schluck zu nehmen und sie ihm weiterzureichen. Er trank, obwohl er in seinem Kopf schon jenes dumpfe Gefühl empfand, das er so gut kannte. Man Yise, eine gewaltige Frau, die Leichenwäscherin, als die Amadée sie vorstellte, reichte ihm mit breitem Lachen ein gebratenes Hähnchenbein, worüber Jacques fast verzweifelte, denn er mochte weder Hähnchen, noch mochte er mit den Fingern essen.

Gestern hatte er auf der Fahrt zum Flughafen Orly über das kalte Wetter geflucht, es war unter zehn Grad gewesen in Paris und hatte genieselt. Jetzt war sein Anzug durchgeschwitzt, der Kragen drückte, er war müde. Am Abend war er mit der üblichen Verspätung in Fort-de-France gelandet. Bis er in seinem Hotelbett gelegen hatte, war es weit nach Mitternacht – in Paris hatten schon die ersten Wecker geklingelt.

Vielleicht war es doch eine Schnapsidee, Gilles Maurel des Mordes zu verdächtigen. Einen Mann von über neunzig, der zu allem Überfluss auch noch gestorben war, bevor er ihn hatte sprechen können. Da er aber kein Mann war, der Schnapsideen verfolgt, konnte er sich die Fragwürdigkeit seiner Reise auch nicht eingestehen. Man muss allen, auch den unmöglichen Spuren nachgehen, lautete sein Prinzip, das er immer noch nicht für falsch hielt, schließlich hatte es ihn zum Erfolg gebracht – und dafür wurde er gefürchtet.

Nichts ist unmöglich, solange man es nicht versucht hat, pflegte er zu antworten, wenn jemand eine seiner Anweisungen als phantastisch abtun wollte.

Amadée ergriff noch einmal seine Hand, sagte: »Es ist genug Tafia da«, stellte die Flasche vor ihn, lachte und stand auf, während die Trommeln unter kräftigen Schlägen wieder zu dröhnen begannen.

Jacques spürte ihre Hand noch lange. Sie war trocken und sanft, so wie die von Jacqueline, die jedes neue Schönheitsmittel ausprobierte. Nicht nur kaum sichtbare Falten ließ seine Ex mit dem Wundermittel Botox wegspritzen, sondern auch die Feuchtigkeit auf der Handfläche. Sie hasste Schweißpatschen, wie sie sich ausdrückte. Du lieber Gott, Jacques schüttelte sich innerlich, Jacqueline! Deren Anwalt hatte wieder finanzielle Forderungen gestellt, obwohl sie es war, die ihn verlassen hatte und die schließlich auch nicht schlecht verdiente. Kein Wunder, die Wirkung von Botox hält höchstens sechs Monate vor. Er vermisste sie trotzdem, aber er vermisste sie nicht, wenn er daran dachte, wie sie sich mit ihren Freundinnen traf – wie einst zu Tupperware-Verkaufstees –, zu Meetings mit dem Schönheitsspezialisten, der mit der Botoxspritze die Damen einzeln im Nebenzimmer verarztete.

Entspann dich, versuchte Jacques sich zu beruhigen, entspann dich, du findest den Weg zurück ohnehin nicht allein.

Amadée und Loulou tanzten jetzt wie in Trance. Man Yise rüttelte an Jacques’ Arm und prustete kreolische Sätze heraus, die er nicht verstand, aber die Geste mit der Tafia-Flasche war eindeutig. Alle schauten ihn an. Er trank noch einen Schluck, was lauten Jubel...

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