Der Schwarze Engel

Historischer Roman
 
Uwe Westfehling (Autor)
 
Lübbe (Verlag)
1. Auflage | erschienen am 17. März 2011 | 450 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8387-0251-3 (ISBN)
 
Anno 1600: Angst regiert in der Ewigen Stadt. Denn ein Mörder geht um. Seine Opfer: junge Frauen. Grausam verstümmelt liegen sie in dunklen Gassen, stets mit einer Zeichnung dekoriert: dem Porträt der Toten, das mit satanischen Symbolen versehen ist. Satan in Rom? Das abergläubische Volk will es glauben. Berto Vanga nicht. Der geheimnisvolle Privatermittler mit einer schillernden Vergangenheit wird vom Vatikan zur Aufklärung der Fälle herangezogen. Die Suche führt ihn in Spelunken und Paläste, in Ateliers und Katakomben und in den Bann einer gefährlichen Frau ¿
Allgemeine Reihe
1. Aufl. 2011
Deutsch
0,63 MB
978-3-8387-0251-3 (9783838702513)
3838702514 (3838702514)
weitere Ausgaben werden ermittelt
FÜNFTER TEIL: PALAZZO SANTERRA (S. 349-350)

»Was tun wir jetzt?«, wollte Gina wissen. Die Nonna murmelte unwillig: »Frag nicht so viel!« Unter dem Rand des Kopftuchs hervor spähten ihre Augen wachsam in die Umgebung. Nonnen und Dienstboten, Pilger und Bettler. Es war viel Volk unterwegs in den Gassen von Rom. Die beiden ließen den Vormittagsschatten des Kolosseums hinter sich und hatten nun den Campo Vaccino mit seinen Trümmern zur linken Hand. Ein Teil der Stadt, den die Alte mied, weil sie schlechte Erinnerungen damit verband. Etwas, das sie oft erwähnte, worüber sie jedoch niemals ausführlicher sprach. Auf der anderen Seite ragte bald die Petrussäule über die Dächer.

Früher hatte die Nonna ihren Enkeltöchtern oft erzählt, wie man die Statue des Apostels dort oben aufgestellt hatte. Damals warst du vier Jahre, sagte sie dann stets zu Gina, da kannst du dich natürlich nicht erinnern. Ärgerlicherweise hatte sie Recht. Olimpia dagegen pflegte aufzutrumpfen, dass sie sich sehr gut erinnern könne. Aber Einzelheiten wusste auch sie nicht zu berichten. »Die Sbirren!«, zischte die Alte so leise, dass nur das Mädchen es hören konnte. Tatsächlich: Da marschierte ein Trupp Wachen aus einem Torweg hervor, in seiner Mitte einen unglücklichen Missetäter, der sich offenbar widersetzt hatte, denn er hatte Schrammen und Flecken im Gesicht.

Der Zug verschwand in Richtung Tor di Nona. »Die Luft ist wieder rein«, kommentierte die Nonna. Plötzlich blieb sie stehen und schnaubte: »Schau nur!« Auf einem bunt drapierten Podest stand ein Mann im Flickengewand des Arlecchino und mit weißem Turban. Er schrie etwas in die Menge. Es klang wie: »Seht den großen Fantabus!« Dann erschien ein anderer, der einen leuchtend roten, reich mit Goldkordeln verzierten Rock trug. »Der Zahnzieher!«, flüsterte Gina mit Schaudern. Es war ein brutal aussehender Kerl mit einer zotteligen weißen Perücke. Er schwenkte eine große Zange durch die Luft, ein Ding, bei dessen bloßem Anblick einem schon die Zähne wehtaten. Aber wieder einmal hatte die Nonna mehr erfasst, denn ihre Aufmerksamkeit galt bereits den beiden Menschen, die sich anschickten, das Podest zu erklimmen. Ein Dicker mit Glatze, der sich die Wange hielt.

»Der Bugiardone!«, rief Gina. Und ein Mädchen mit Kopftuch. »Tizia«, knurrte die Nonna. »Hängt jetzt also mit ihm herum.« Gina hatte nie gefragt, wie das Verhältnis der Alten und der Jungen weitergegangen war, aber der Ton ihrer Großmutter ließ nichts Gutes vermuten. Der Bugiardone bot den Zuschauern ein Bild des Jammers. In Tränen aufgelöst, wand er den mächtigen Leib, während seine Begleiterin ihn nach Kräften beruhigte. Der Zahnzieher hielt einen Vortrag darüber, wie schlimm es sei, dass die Kranken immer wieder bis zum Äußersten zauderten, ehe sie ihn aufsuchten. Dann machte er sich mit Brachialgewalt ans Werk. Das Jammern seines Opfers war zweifellos bis an den Lateranspalast zu hören.

»Gib auf seinen Gehilfen Acht!«, raunte die Nonna. »Der schleicht herum und hält nach Geldbörsen Ausschau, nach denen er grabschen kann.« Aber Gina war viel zu gefesselt vom Schauspiel auf dem Podest. Es wirkte wie ein Ringkampf auf Leben und Tod. Als der Zahn endlich heraus war und triumphierend herumgezeigt wurde, überreichte der Bugiardone dem Zahnzieher widerwillig eine Münze und verschwand erstaunlich schnell im Gedränge. »Er hat bezahlt!«, vermerkte die Nonna erstaunt. »Komm, wir wollen ihm nach …« Sie wusste offensichtlich genau, wo sie den Alten finden würde: unter den Bögen an San Giuseppe. Er schien schon wieder ganz wohlauf zu sein, obgleich ihm noch Blut und Speichel aus dem Mund tropften.

»Na, du alter Schurke«, eröffnete die Nonna das Gespräch, »das hast du ja fein hingekriegt!« Gina verstand nicht, was sie meinte. Der Bugiardone grinste wehleidig. »Hatt dich schon gesehen«, lispelte er. »Schön, dass es dich noch gibt.« Die Alte brummte übellaunig: »Was bist du doch für ein Drecksack. Immer noch dieselben Spielchen.« »Oh, nicht solche Worte hier, wo der Apostel im Kerker geschmachtet hat!« »Schnickschnack! Glaubst du, ich hätt nicht gemerkt, was ihr beiden da getrieben habt?« Gina wollte schon fragen, was das heißen sollte, aber in diesem Augenblick stieß Letizia zu ihnen. Da hielt sie lieber den Mund. »Meine Enkeltochter!«, verkündete der Bugiardone. »Wer weiß!«, sagte die Alte sarkastisch. Gina dachte: Wenigstens hat sie die Marotte mit den Katzenöhrchen abgelegt. »Her damit!«, brummte der Dicke.

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