Um 180 Grad

 
 
Urachhaus (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. Februar 2020
  • |
  • 304 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8251-6210-8 (ISBN)
 
Zum Davonlaufen findet Lennard die Besuche bei der schrulligen Frau Silberstein. Wenn die hübsche Lea nicht wäre, die er im Heim ab und zu trifft, wäre es dort ganz schön grau. Doch dann erfährt er vom Schicksal der alten Dame, die die Hölle von Auschwitz und das tiefste Schwarz überlebt hat, als sie in Lennards Alter war. Zwischen dem Jugendlichen und Frau Silberstein entwickelt sich eine leise Verbundenheit. Mit der Zeit erzählt sie Lennard immer mehr von ihrem eigenen Leben und den schrecklichen Erfahrungen im KZ und ihm wird klar: Wenn er ihr nicht zuhört, tut es niemand mehr. Außer vielleicht Lea, die sich, statt für ihn, immer mehr für Frau Silbersteins Geschichte interessiert ...
  • Deutsch
  • Stuttgart
  • |
  • Deutschland
  • 1,52 MB
978-3-8251-6210-8 (9783825162108)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Julia C. Werner, geboren 1971, schrieb bereits als Kind erste Geschichten auf der antiken Schreibmaschine ihres Großvaters. Sie studierte Soziologie, Psychologie und Spanische Literaturwissenschaft. Reisen durch Indien, Spanien und Mittelamerika inspirierten sie zu tiefgründigen, schicksalhaften Fragen, die sie in Liebesgeschichten mit spirituellem Hintergrund verarbeitet. "Um 180 Grad" ist ihr erstes Jugendbuch. Wenn sie sich nicht auf
Mallorca aufhält, lebt sie in Berlin.
PROLOG
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
QUELLEN UND BEZÜGE
DER HOLOCAUST ODER DIE SHOA
NACHWORT UND DANK
DIE AUTORIN

1


Kein Wort habe ich beim Mittagessen gesprochen, zu niemandem, und anschließend auch nicht. Klar haben wir Mist gebaut, das weiß ich, und ich hab's oft genug zugegeben. Aber heute ist der Tag, an dem ich mal wieder was lernen soll über die Welt, der ich ja so respektlos begegnet bin. Respekt ist ein Lieblingswort bei uns zu Hause.

»Trotzig wie ein kleiner Junge«, sagt meine Mutter, schleudert mir diesen Satz vor die Füße und bringt mich damit fast zum Stolpern. Sie wirft ihre langen Haare zurück und sieht nach vorne - wir haben es eilig.

Wir haben es eilig, weil ich dachte, ich könnte mich in letzter Sekunde drücken. Rein ins Zimmer, drinbleiben, fertig. Doch definitiv sind wir auf dem Weg zu einem Ort, den ich nie von innen sehen wollte. »Mann, ich bring das nicht!« Meine Stimme klingt erst seltsam dunkel, dann haut sie nach oben ab. Was ich sage, bricht nun öfter entzwei in Hoch und Tief, es klingt doppelt doof, und ich wollte doch gar nichts sagen, von mir aus den ganzen Tag nicht. Ich werde langsamer, meine Mutter auch, wir bleiben stehen und sie legt eine Hand auf meine Schulter. Wäre ich wirklich noch ein kleiner Junge, wie sie behauptet, würde sie sich zu mir herunterbeugen, um mir prüfend in die Augen zu sehen. Bald aber bin ich größer als sie. Nur noch ein paar Zentimeter. Ich mache mich los und gehe weiter.

»Hast du etwa Schiss?«, fragt sie hinter mir und holt mich ein. Ich stapfe durch einen Haufen verfärbter Blätter am Wegrand.

»Pfff«, mache ich und kann unser Ziel schon sehen.

Am frühen Nachmittag liegt der >Bunker< im Schatten. Die Mauern haben so eine Tarnfarbe, irgendwas zwischen Grau und Braun, und das Heim hat auch keinen Vorgarten und keinen einzigen Balkon, wie es bei fast allen Häusern hier normal ist. An einer Stelle weiter oben in der Wand sind ein paar Löcher zu sehen, vielleicht sind es Einschusslöcher. Bunker. Für mich passte der Name immer. Fast überall die Gardinen zugezogen, Gardinenbunker, so sagen auch manche zu dem Heim, das nicht nur nachts düster wirkt. In einem der Fenster steht schon seit Ewigkeiten ein Strauß vertrockneter Blumen. Den hat einfach jemand vergessen.

Noch ein paar Meter, fast sind wir da. Ein Typ pilgert auf dem Gehweg auf und ab, er trägt einen weißen Kittel und auf dem Kinn einen schmalen Bart, starrt auf sein Handy. Wahrscheinlich gehört er zum Heim dazu. Wir gehen an ihm vorbei und durch den Eingangstunnel bis zu der Tür, an der ich vor einem Monat panisch gerüttelt habe. Meine Mutter klingelt und lächelt mich an. Es sieht nett aus, ihr Lächeln, ich mag es fast immer. Jetzt nicht. Sie hat sich zu meinem Begleitschutz ernannt, damit ich nicht abhauen kann. »Komm schon. Es wird Zeit, Verantwortung zu übernehmen.«

»Oder ich kaufe mich noch frei. Der Schaden geteilt durch drei ergibt 500 für jeden.«

»Ja, rechnen kannst du, das weiß ich. Aber erstens hast du nicht so viel Geld, weil du dir gerade unbedingt ein teures Handy kaufen musstest, und zweitens: Schau es dir doch erst einmal an.« Der Türöffner summt. »Es braucht hier niemand zu erfahren, dass du das da draußen mit deinen tollen Freunden warst. Samuels Eltern haben bei der Heimleitung offiziell die Verantwortung übernommen, von mir aus kann das so bleiben.«

»Erpressung!«

»Erziehung.«

Am liebsten würde ich gegen die dämliche Wand hauen. So was nennen meine Eltern »wie besprochen«, auch so ein Lieblingsausdruck in ihrer viel gepriesenen >Diskussionskultur<. Als ich rief: »Zu den Halbtoten und Irren gehe ich nicht!«, da gab es kein Diskutieren mehr, da war ich schon wieder respektlos.

Unser Werk auf der Wand ist weg. Samuel wollte riesengroß das Wort >Sunshine< sprühen und hat schon vorher damit angegeben, dass er in seinem Graffiti-Workshop seinen Style, seinen >Tag<, seine besondere Schrift gelernt hat. Ein fettes, leuchtendes Sunshine vor einem blauen Himmel mit ein paar bunten Sternen drum rum. Jetzt ist nur noch ein verschwommener dunkelgrauer Umriss zu sehen, der wie eine schwere, große Wolke auf dem Gemäuer liegt. Nun haben die Leute hier Gewitter statt Sonnenschein. Mein Herz klopft. Meine Mutter hält immer noch die Tür auf.

Ich hole Luft und gehe an ihr vorbei. Ich habe ein komisches Gefühl im Bauch, eine Mischung aus schlechtem Gewissen, Schiss und Wut, vielleicht ist auch ein bisschen was von dem Adrenalin dabei, als alles passierte. Nur leider ist das, was jetzt kommt, kein Abenteuer. Bunker klingt ja noch spannend. Aber es ist nur ein langweiliges Alters- und Pflegeheim, jetzt überall wieder graubraun wie immer.

»Du bist also Lennard, der gerne einmal die Woche vorlesen mag!«, ruft Frau Kraftschick - so oder so ähnlich klingt ihr seltsamer Name, die Buchstaben auf dem Schildchen am weißen Blusenkragen kann ich auf den ersten Blick nicht richtig entziffern.

Gerne! Einmal die Woche! Mag! Sehr witzig.

Frau Kraftschick ist immer dienstags hier, in diesem Zimmer im ersten Stock. Dann kümmert sie sich um jene Bewohner, die keine Angehörigen oder kaum Besuch haben. Aha. Und wenn jemand kommt wie ich, der anscheinend nichts Besseres mit seiner Zeit anfangen kann, überschlägt sie sich vor Begeisterung. »Ist nicht so oft, dass ein Junge bei sooo eine tolle Aktion! Mitmachen! Will!«, ruft sie mit Pausen zwischen den Wörtern, Frau Kraftschick kommt wohl woanders her, so wie sie spricht, und sie streckt ihre Handflächen nach oben, als danke sie Gott im Himmel persönlich dafür. »Du bist in ein Alter von 14, ja?«

Ich nicke nur. Ihr Deutsch klingt lustig, aber ich werde aus Prinzip nicht lachen, nicht mal lächeln. Dummerweise hatte ich zu Hause von der Lesepatenschaft erzählt. >Lesepaten von jung bis alt für jung bis alt< - über die Kampagne haben wir in der Schule gesprochen. Wir sollen wissen, wie wichtig ehrenamtliches Engagement in der Gesellschaft ist, und ein paar haben sich gemeldet. Für mindestens ein Jahr. Das war echt das Letzte, was ich tun wollte. Doch jetzt bin ich hier, und meine Mutter hält es für ideal, dass für mich gleich drei Dinge auf einmal dabei sind, wie beim Überraschungsei: Ich kann Respekt lernen, Engagement zeigen und Schulden abarbeiten.

Frau Kraftschick nickt zurück. Ihre blauen Augen, die von mir zu meiner Mutter und zurück huschen, sehen wässrig aus, als würde sie gleich weinen, dabei kleben ihre Mundwinkel immer noch oben. Ich schaue weg, auf die kahle Wand, an der ein einsamer Kalender hängt. Auf dem Schreibtisch liegt ein Bleistift mit abgebrochener Mine, daneben ein Blatt weißes Papier, auf dem eine Telefonnummer ganz verloren steht. Und einen Computer gibt es natürlich, der ziemlich laut ist - nicht gerade das neueste Modell. Die Luft ist stickig und warm. Ich habe auf einmal Durst.

»Ich will .« Schon sehe ich aus den Augenwinkeln, wie meine Mutter den Kopf zu mir dreht.

Ich will das gar nicht machen! Ich werde von meinen furchtbaren Eltern dazu gezwungen, würde ich am liebsten sagen. Oder es schreien. Wobei die Idee, dass es gerade der Bunker hier sein sollte, natürlich von meiner Mutter kam. Sie würde also seelenruhig ein Bein über das andere schlagen und zu Frau Kraftschick sagen: »Nun ja. Nicht ohne Grund. Lennard möchte etwas gutmachen. Wir sollten das einfach probieren.«

Und dann? Wahrscheinlich wären sich beide schnell einig, dass das Abarbeiten der Schulden doch eine prima Sache ist .

Frau Kraftschicks Lächeln geht in ein Seufzen über. »Wenn ich denke an meine Söhne, die würden nie freiwillig lesen, niemals nicht. Die schauen Fernsehen und nur Handy, Handy, Handy .« Ein lautes Rauschen ist zu hören, wahrscheinlich kommt es aus dem großen Rohr, das an der Wand entlangläuft, und das Rauschen liefert sich mit dem Computer ein Geräusche-Wettrennen, etwas scheppert vor der Tür. Frau Kraftschick richtet sich auf und lässt sich gleich wieder in ihren Stuhl sinken. Nimmt mich in ihr wasserblaues Blickfeld, sieht dann meine Mutter an.

»Ja, wie denken Sie? Haben Sie Wünsche?«

Meine Mutter deutet auf mich. »Das entscheidet mein Sohn natürlich selbst.«

Ich studiere das Schildchen an Frau Kraftschicks weißem Blusenkragen: also K-r-a-w-c-z-y-k. Um Gottes willen, c-z-y-k, diese Sprache, wo die Frau herkommt, will ich nie lernen, und der Name wird also doch nicht wie Tschick geschrieben, wie ich im ersten Moment dachte. Tschick ist der Held aus meinem Lieblingsbuch, das ich zweimal gelesen habe. Die Geschichte ist einfach cool.

»Möchtest du zu einem Herrn oder einer Dame?«, fragt der Mund über dem Blusenkragen. »Ich habe hier eine Kartei mit Bewohnern, die sich freuen über Lesepaten.«

Ich zucke mit den Schultern, in der Hoffnung, dass diese Frau mit dem seltsamen Namen...

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