Die Lausitzer

Von der ersten europäischen Gemeinschaft bis zu den "eingewanderten" Slawen
 
 
Tectum Wissenschaftsverlag
  • 1. Auflage
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  • erschienen am 28. Oktober 2015
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  • 234 Seiten
 
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978-3-8288-6311-8 (ISBN)
 
In der Schule haben wir gelernt, das heutige Deutschland sei schon immer von germanischen Stämmen besiedelt gewesen. Nur in historisch begrenzter Zeit, nämlich etwa vom sechsten bis zum zwölften Jahrhundert, hätten in Mitteldeutschland, dem heutigen Ostdeutschland, Slawen gewohnt. Die seien dort irgendwie "eingesickert". Wie aber kommt es, dass im Gebiet zwischen Elbe/Saale und Oder mehr als vier Fünftel aller Ortsnamen slawischer Herkunft sind? Noch deutlicher wird es bei den Flurnamen. Um dieser Frage nachzugehen, begibt sich Günter Wermusch auf eine Entdeckungsreise, die ihn bis in das zweite Jahrtausend vor der Zeitenwende führt. Er hinterfragt dabei Homers Epen über den Trojanischen Krieg, sucht nach der Identität von Gestalten aus dem Alten Testament und befasst sich mit der Auslegung antiker Inschriften, wie etwa auf der Nautenstele von Notre Dame. Immer wieder stößt er dabei auf die uralte Sprache der Véneter, in der sich schon die Troër, die Véneter in Oberitalien und auch die keltischen Gallier verständigt haben.
  • Deutsch
  • Baden-Baden
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  • Deutschland
  • 6,37 MB
978-3-8288-6311-8 (9783828863118)
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Günter Wermusch, geboren 1936 in Coswig/Anhalt, ist deutscher Historiker mit Studium in Moskau und Berlin. Zu seinen weiteren Veröffentlichungen zählen neben 32 Übersetzungen von Büchern aus dem Russischen und Englischen auch 11 eigene Werke, vornehmlich zu historischen Themen. Zusammen mit Dr. Klaus Goldmann verortete Wermusch 1996 das sagenhafte "Handelsemporium Vineta" in der Barther Region der Ostsee. Seit 1999 trägt Barth nun auch den Zusatz "Vineta-Stadt".

ERSTER TEIL:

Aus vorgeschichtlicher Zeit

2Die Helden von Troja

Nach Cato stammen die Veneter
von einem trojanischen Volk.

(Strabo: Geographika II, 1, 130)

Er gilt als der antike Dichter schlechthin, jener Mann namens Homer, der die "Ilias", das Epos über die letzten 50 Tage im Trojanischen Krieg, und die "Odyssee" verfasst haben soll. Ansonsten wusste man schon in der Antike nichts über ihn.

Umso mehr schoss die Fantasie ins Kraut. Insgesamt sind neun Lebensbeschreibungen des Epikers überliefert, die jedoch alle erst kurz vor und nach der Zeitenwende entstanden. Nicht weniger als sieben Städte erheben Anspruch, Homers Heimat gewesen zu sein. Am wahrscheinlichsten wäre noch das ionische Smyrna - das heutige Izmir - an der Westküste Kleinasiens, sofern man den Krieg um Troja als historische Tatsache anerkennt. Das taten fast alle antiken Autoren. Der griechische Philosoph Anaxagoras (um 500-428 v. Z.) gehörte zu den wenigen, die bezweifelten, dass dieser Krieg überhaupt stattgefunden hat. Ihm fehlte es einfach an Belegen. Die waren tatsächlich kaum zu erbringen.

Anhand der archäologischen Befunde haben sich die meisten Forscher darauf geeinigt, dass der Trojanische Krieg historische Tatsache ist und sich im 13. oder 12. Jahrhundert v. Z. zugetragen haben muss.

Näher will man sich nicht festlegen; denn über so weit zurückliegende Zeiträume hilft auch die Radiokarbonmethode nicht weiter. Da muss man schon mit Toleranzen zwischen plus und minus 100 Jahren rechnen.

Lassen wir es erst einmal dabei, um uns im fünften Kapitel der Frage noch einmal zu widmen. Das Epos selbst habe der Grieche Homer etwa zur Mitte des achten Jahrhunderts v. Z. niedergeschrieben, heißt es fast einmütig in modernen Abhandlungen.

Allerdings ist das nicht mehr als eine Hypothese. In dieser Zeit waren die Griechen nach fast 300 Jahren Unterbrechung erst wieder zu einer Schriftsprache gekommen. Nicht minder hypothetisch ist die Annahme, dass der Verfasser der "Ilias" und "Odyssee" ein Grieche war.

2.1Wer waren die Bewohner von Troja?

Die Bayreuther Philosophin Gertrud Kahl-Furthmann publizierte 1967 ein Buch mit dem Titel "Wann lebte Homer?"5

Sie stellte darin die These auf, die Sprache der Troër sei das Griechische gewesen (S. 171). Anderenfalls hätte Homer das vermerkt.

Das ist weit hergeholt. Das Griechische der homerischen Epen gab es im 13. oder 12. Jahrhundert v. Z. noch gar nicht. Bestenfalls ließe sich von Mykenisch sprechen. Dass aber andererseits die Troër die Sprache der Achaier kannten, erklärt sich schon aus den Handelsbeziehungen.

Schließlich gerät Kahl-Furthmann in Widerspruch mit sich selbst. Während sie einerseits annimmt, bei den Menschen, die um 1900 v. Z. in die Troas und in Griechenland eingewandert seien, müsse es sich um "stammverwandte Völkerschaften" handeln (S. 171), sieht ihr Bild an anderer Stelle (S. 103) gar nicht so aus.

Es geht um die bei Homer geschilderte Verbrennung der im Krieg Gefallenen. "In mykenischer Zeit wurden die Toten im Vaterlande im allgemeinen beerdigt und nicht verbrannt. Die Bekanntschaft mit dem Verbrennungsverfahren aber ist bei den Achäern durch die Beziehungen, welche zwischen Mykene und Troja lange vor dem Trojanischen Kriege herrschten, zu verstehen. Bei dem offensichtlich freiheitlichen Geiste der mykenischen Fürsten konnten ausländische Anregungen von dem einen oder anderen angenommen werden."Folglich waren die Troër Ausländer und keine Stammesverwandten der Griechen. Sie pflegten ihre Toten zu verbrennen und die Asche sowie die Knochen in Urnen zu bestatten.

Bei dem Epos selbst handelte es sich nicht um eine Kriegsberichterstattung in allen Details, sondern um das Werk eines Dichters. Homer hat es in einer nichtmykenischen Sprache verfasst. Es wurde erst später ins Griechische übersetzt.

Im Übrigen sind Homers Epen erst in Fassungen auf uns gekommen, wie sie um und nach 600 v. Z. auf den Feiern zu Ehren der Göttin Athene, den so genannten Pan-Athenae-Festen, von attischen Sängern, den Aoiden, zur Laute vorgetragen wurden. Ergänzt durch diese oder jene Überlieferungen entstand das Werk so, wie wir es kennen.

ABBILDUNG 3: DAS GEBIET UM TROJA

(Aus: Troja. Heinrich Schliemanns Ausgrabungen und Funde. Berlin 1982)

2.2?neter und Paphlagonier

Zehn Jahre währte der Krieg Trojas und seiner Verbündeten mit den Achaiern/Dana?rn bereits, als es zu den entscheidenden 50 Tagen kam. Bis zu den bei Homer geschilderten letzten Kämpfen in Troja selbst hatten sich die Angriffe der Achaier gegen Trojas anatolische Bündnispartner gerichtet.

Die "Ilias" bricht mit dem Tod Hektors und dem Totenfest ab. Über den Ausgang des Krieges erfährt man erst aus der "Odyssee."

Offenbar ist die Teilung in die zwei Bücher erst später erfolgt.

Für unsere Untersuchung wesentlich ist erst einmal, dass wir in der "Ilias" auf die historisch erste Erwähnung der Vénetertreffen.

Am Ende des zweiten Gesangs, wo von den Kriegern der Troër bzw. Dardaner und ihren Bundesgenossen die Rede ist, heißt es (851-852): "Weiter gebot Paphlagonen Pylaimenes, trotzigen Herzens, Her aus der Eneter Lande, wo wild aufwachsen die Mäuler...".

In der Fassung, in welcher die "Ilias" um das Jahr 600 und später niedergeschrieben wurde, kannten die Griechen das alte ? (?) das den Laut U bzw. V oder W wiedergab, nicht mehr.

Sie ersetzten es durch ?, das etwa einem He entspricht.

In der Übersetzung der "Ilias" von Johann Heinrich Voß (1751-1826), aus der hier zitiert wird, ist dies nicht berücksichtigt, er schrieb von Enetern.Paphlagonien war eine Landschaft in Anatolien südlich des Schwarzen Meeres. Homer zufolge war ein vom Heerführer Pylaimenes befehligtes Truppenaufgebot der Paphlagonier den Troërn zu Hilfe geeilt.

Strabo (XII, 3) schreibt: "Das jedoch, worin die meisten übereinstimmen, ist, dass die ?neter der bedeutendste Stamm der Paphlagonier waren...".

Allerdings steht es bei Homer anders. Er sagt, die Paphlagonier kamen aus dem Land der ?neter.

Eine Fehlübersetzung von Johann Heinrich Voß?

Nein, Strabo gebraucht fast die gleichen Worte, wo er Homer zitiert.

Der griechische Gelehrte Zenodotos (erste Hälfte des dritten Jahrhunderts v. Z.), der die erste wissenschaftliche Ausgabe von Homers Werken besorgte, schreibt denn auch: "Fern von ?nete her" kamen die Paphlagonier. Mit anderen Worten: Die Paphlagonier kamen aus einem Land der?neter. Federfuchserei? Nein, es ist durchaus nicht gleichgültig, ob die ?neter aus Paphlagonien kamen oder die Paphlagonier aus dem Land der ?neter.

In nachhomerischer Zeit werden die Troër bei dem griechischen Elegiker Kallinos von Ephesos (7. Jahrhundert v. Z.) Teukrer, eigentlich Teykroi (?e?????), genannt. Der Sage nach soll ein König namens Teukros über das Land geherrscht haben, wo sich die Flüsse Simois und Skamander vereinigt in das Meer ergießen und sich der Berg Ida in einer Ebene verliert. Von Teukros habe das dort ansässige Hirtenvolk den Namen Teukrer erhalten. Der König gab seine Tochter einem Königssohn namens Dardanos von der Insel Samothrake zum Weib und als Brautgabe einen Teil seines Landes. Der Enkel des Dardanos sei Tros gewesen; nach dem habe sich das Land schließlich Troas genannt, und seine Bewohner wurden zu Troërn. Unter Ilos, dem ältesten Sohn des Tros, sei die Burg Ilion erbaut worden. So erfährt man es aus dem "Bellum Troianum", dem aus sechs Büchern bestehenden Werk eines gewissen L. Septimius, das erst im vierten Jahrhundert nach der Zeitenwende verfasst wurde. Septimius beruft sich unter anderem auf den Annalisten Diktys von Kreta, der Augenzeuge der Vorgänge in Troja gewesen sein soll.

Das "Bellum Troianum" des Septimius war die wichtigste Quelle der im Mittelalter verbreiteten Trojasagen. Hiernach machte sich gar das Volk der Franken anheischig, von den Tro?rn abzustammen, womit denn der Nibelungenheld Hagen von Tronje sozusagen zu einer Wiedergeburt des Priamos-Sohnes Hektor wurde.

Natürlich sind Teukros, Ilos, Tros und Dardanos frei erdichtete Sagenhelden. Das betrifft auch den König Danaos und seine fünfzig Töchter, die Danaïden, sowie Danaë, die liebliche Tochter des Königs Akrisios von Argos. Anspruch auf trojanische Herkunft erhoben zuerst die Römer. Nach einer schon im siebenten Jahrhundert v. Z. nachweisbaren Sage soll Aeneas, der große Held von Troja, die letzten Troër in langer Irrfahrt nach Italien gebracht haben. Das erscheint denn doch übertrieben. Das Volk der Troër reduzierte sich ja nicht auf die Verteidiger der Burg. Wahrscheinlicher wäre, dass die Vornehmsten unter der Führung des Aeneas in Italien landeten. Bei den alten Römern war Troia gewissermaßen der Inbegriff für uradlige Herkunft. Der römischen Überlieferung zufolge soll Aeneas nach der Landung in Italien Lavinia, die Tochter des Königs von Latium, geehelicht und mit der eine Tochter namens Ilia gezeugt haben.

Ebenso heißt es, der greise Antenor sei nach nicht minder langer Irrfahrt mit seinen Getreuen in Italien gelandet und habe dort das Reich der Véneter, das heutige Venetien (Veneto) gegründet. Dieser Antenor ist bei Homer ein troischer Edler, dem...

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