Tod in Dorsten

 
 
neobooks Self-Publishing
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 17. Dezember 2017
  • |
  • 140 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7427-5970-2 (ISBN)
 
Zwei Leichen in zwei Tagen - eine Sensation in Dorsten. Vier Mitgliedern des Literarischen Arbeitskreise Dorsten erfüllten die gemeinsame Herausforderung hervorragend. Eine verzwickte Geschichte, verwirrende Fakten, falsche Fährten erschweren die Suche nach der Wahrheit, doch am Ende gelingt es den Vieren, das Knäuel zu entwirren.
  • Deutsch
  • 0,78 MB
978-3-7427-5970-2 (9783742759702)
Heike Wenig - Lyrik und meist Kriminalkurzgeschichten Werner Wenig - Lyrik und Kurzgeschichten, 1 Kriminalroman Hana Sejkora - vorwiegend Lyrik Sabina Eisenberg-Radomski - vorwiegend Kurzgeschichten

1




Es war der schönste 1. Mai seit Jahren. Kein Wölkchen war am tiefblauen Himmel zu sehen. Eine warme Brise wehte durch die Stadt, umschmeichelte die Häuser und Bäume und hinterließ, wo sie auf Menschen traf, eine Stimmung der Ruhe und des Wohlgefühls. Auch der zehnjährige Markus hatte es nicht eilig. Es war später Vormittag. Er schlenderte durch die Lippestraße und über den Marktplatz, kickte hier und da ein Steinchen vom Fußweg und ging durch die Gordulagasse. Dann balancierte er auf einem Mäuerchen am Südwall. Er wollte seinen Weg Richtung Essener Tor fortsetzen. Sein Ziel war sein Freund Heinz, der in der Alleestraße wohnte und mit dem er sich für einen Nachmittag an der Playstation verabredet hatte. 'Vielleicht sollten wir doch draußen etwas machen', überlegte Markus, 'ein Eis essen oder so. '

Markus kickte die vertrockneten Eicheln, die von den nun schattenspendenden Bäumen heruntergefallen waren, ins Gras.

Oh, da hatte er eine Eichel auf eine Gestalt geschleudert, die kurz vor dem Seniorenheim im Gras lag. Er wollte sich schon entschuldigen, da merkte er, dass die Gestalt weiter reglos liegen blieb. Wohl ein Betrunkener, dachte Markus, schlich aber doch näher heran. Ein Mann lag da auf dem Bauch, das Gesicht zur Seite gedreht, die Arme merkwürdig verrenkt, die Brille war ihm halb von der Nase gefallen. Markus erschrak. Der Mann schlief nicht. Das war deutlich zu sehen. Er hatte die Augen offen und blinzelte nicht einmal.

"Hallo!", rief Markus, doch die Stimme versagte ihm. Er räusperte sich. "Hallo!", rief er noch einmal. Er drehte sich hilfesuchend um. Einige Frauen und Männer gingen vorbei, nahmen kurz Notiz von ihm, drehten aber den Kopf schnell wieder zurück. "Hallo!", rief Markus wieder, diesmal viel lauter.

Eine junge Frau um die Dreißig verlangsamte ihren Schritt, schaute zu ihm hin und fragte: "Was ist los, kann ich dir helfen?"

"Hier liegt jemand", antwortete Markus mit brüchiger Stimme, "ich glaube, es geht ihm nicht gut." Die Frau kam zu ihm hin, warf einen Blick auf die Gestalt vor ihr und reagierte schnell. Sie zog ihr Handy aus der Tasche und wählte eine Nummer. "Christa Dreyer, im südlichen Teil des Westwalls, zwischen Klosterstraße und Essener Tor, liegt ein regloser Körper. Ich habe ." Sie unterbrach sich und beugte sich zu dem Mann herunter, streckte die Hand aus und fühlte am Hals seinen Puls. "Ich kann keinen Puls tasten. Schicken sie schnell . In Ordnung, ich bleibe hier."

Die Frau wandte sich Markus zu und sagte: "Der Rettungswagen kommt. Das hast du gut gemacht. Wie heißt du denn?"

"Markus, Markus Kappacher", antwortete Markus stockend. Jetzt konnte er den am Boden liegenden Mann nicht mehr ansehen. Er fühlte sich schwach und hätte sich gerne irgendwo hingesetzt, aber da war nichts.

Christa Dreyer sah auf den Mann hin- unter, dann gab sie sich einen Ruck und zog die in der Gesäßtasche seiner Hose sichtbare Geldbörse heraus. Markus riss die Augen auf.

"Wir wollen doch wissen, wer das ist, nicht wahr?" sagte Christa. Sie schlug das Portemonnaie auf, nahm einige Karten halb heraus, bis sie den Personalausweis gefunden hatte. Unter einer der Karten fand sie einige Visitenkarten. Sie ergriff eine und las: Rüdiger Hansken, Versicherungsmakler, Freiheitsstraße 176. Darunter einige Telefonnummern und eine Faxnummer sowie die E-Mail Adresse.

Sie holte aus ihrem Umhängebeutel einen Block und einen Stift heraus und notierte es sich. "Ich bin Journalistin", erklärte sie Markus, der alles mit großen Augen beobachtete. Dann setzte sie die Inspektion der Geldbörse fort, fand den Mitgliedsausweis eines

Sportvereins, einige Adressen und Telefonnummern, schrieb diese ab und steckte das Portemonnaie zurück. Sicherheitshalber fühlte sie noch einmal den Puls des Mannes, aber da war gar nichts.

Hilflos zuckte sie mit den Schultern. Das Warten auf den Notarztwagen kam ihr endlos vor. Endlich hörte sie eine Sirene, und bald darauf sah sie den Krankenwagen schnell näher kommen. Ein Sanitäter sprang auf die Straße, schulterte einen roten Rucksack und ging schnell auf die Gestalt im Gras zu. Auch er fühlte den Puls, schüttelte den Kopf und drehte die Gestalt langsam und vorsichtig herum.

"Der Notarzt kommt gleich", brummte er in Richtung Christa, die das Geschehen beobachtete. Jetzt konnte man den Mann vollständig sehen. Der Mund stand offen, die Augen blickten ins Unendliche. Der Sanitäter riss das Hemd des Mannes auf, öffnete seinen Rucksack und nahm ein kleines Gerät mit vielen Kabeln heraus. Die Enden der Kabel befestigte er mit Klebepunkten auf der Brust des Mannes, dann schaltete er das Gerät ein.

"Nichts", grummelte er vor sich hin.

Inzwischen war das Auto mit dem Notarzt gekommen, der sich sofort daran machte, den Körper des Mannes mit Hilfe des Sanitäters zu untersuchen.

"Was ist denn das?", entfuhr es dem Arzt, als er den Kopf des Mannes drehte. Auch Christa sah es: einen Einstich oder einen Schnitt seitlich am Hals. Der Arzt wartete, dass die Polizei kam. Die zentrale Rettungsleitstelle hatte diese bereits informiert.

In diesem Moment kam die Besatzung eines Streifenwagens. Die Polizisten sahen sich das Geschehen an und wurden sofort tätig. Sie drängten die kleine Schar Neugieriger hinter die Absperrung zurück. "Es gibt nichts zu sehen, bitte gehen sie weiter", riefen sie. Der Arzt bat die Polizisten, einen Sichtschutz in Richtung der Zuschauer aufzustellen, was auch sofort geschah. Auch Christa Dreyer zog sich mit Markus dahinter zurück. Dann begann der Arzt mit dem Sanitäter den Mann zu entkleiden. Sie inspizierten jede Oberfläche des Körpers, konnten aber weiter nichts mehr finden.


Als die Polizisten Christa entdeckten, sprachen sie diese an. "Haben sie die Leiche gefunden?"

"Nein", antwortete Christa, ich habe."

"Dann gehen sie weiter. Sie haben hier nichts zu tun. Gehen sie nach Hause."

"Ich habe aber.", wollte Christa protestieren, doch die Beamten wurden deutlicher: "Sie verlassen jetzt bitte den Tatort."

Christa gehorchte und ging zu Markus, der ängstlich einige Meter entfernt im Gras saß.

"Ist das ihr Kind?", bellte einer der Polizisten.

"Nein", sagte Christa wahrheitsgemäß.

"Du verlässt jetzt auch den Tatort", raunzte der Polizist Markus an.

"Der Junge hat den Toten gefunden", erwiderte Christa.

"Warum sagen sie das nicht gleich?", ereiferte sich der Polizist. "Sie und der Junge bleiben hier, bis die Kripo kommt, haben sie verstanden?"

Christa musste lächeln über die Wende.

"Schon klar", schmunzelte sie.


Inzwischen waren zwei grau aussehende Männer aus einem alten Ford ausgestiegen. Sie gingen zu der Leiche und ließen sich von dem Arzt und den Polizisten berichten. Christa sah, wie sie den Hals des Opfers betrachteten und die Köpfe schüttelten. Einer der Polizisten deutete auf Christa und Markus, was die beiden grauen Männer veranlasste, zu ihnen hin zu gehen.


"Sie haben die Leiche gefunden?", bellte der Ältere der beiden.

Christa ärgerte sich, dass sie sich nicht vorstellten.

"Sind sie die Bestatter?", fragte sie.

"Sehen wir so aus?", krächzte der kleine Graue.

"Ja", sagte Christa. "Sie sind wohl die Leichenträger?"

"Kriminalpolizei", tönte der große Graue.

"So? Das sieht man ihnen gar nicht an, Herr Kriminalrat", flötete Christa.

"Kriminaloberkommissar", kam die sofortige Antwort.

"Schluss jetzt mit dem Geplänkel", ging der kleine Graue dazwischen. "Erzählen sie mal, wie sie die Leiche gefunden haben." Christa und Markus berichteten.

"Haben sie irgendetwas Verdächtiges gesehen? Ist jemand weggerannt oder hat sich auffällig benommen?", fragte der große Graue.

Christa sah Markus an. Der machte große Augen. "Nö", sagte er schließlich zögernd, "nicht, dass ich wüsste."

"Ich habe auch nichts gesehen", ergänzte Christa. "Ich habe aber auch nicht darauf geachtet. Wir wollten dem, wie wir dachten, Betrunkenen helfen. Dass er tot ist, konnten wir nicht sehen."

"Fürs Erste wär's das mal", sagte der kleine Graue. "Wir müssen ihre Aussage zu Protokoll nehmen. Melden sie sich morgen früh um neun in der Kriminalinspektion im Polizeipräsidium Recklinghausen. Bringen sie ihren Sohn mit. Mein Name ist Hagedorn, Kriminalhauptkommissar Stefan Hagedorn. Das ist mein Kollege Kriminaloberkommissar Horst Gerpen."

Er wandte sich an einen der Streifenpolizisten. "Nehmen sie die Personalien der Frau." Er zog die Augenbrauen fragend hoch.

"Christa Dreyer", sagte Christa, "und der junge Mann da ist nicht mein Sohn."

"Wie heißt du denn?", fragte Kommissar Hagedorn zu Markus gewandt.

"Markus Kappacher", sagte Markus. "Morgen früh habe ich Schule", ergänzte er leise.

"Na gut", sagte der Kommissar, "dann kommen wir morgen Nachmittag zu dir nach Hause. Geh bitte nicht weg und warte auf uns. Deine Anschrift nimmt der Kollege hier gleich auf."

"Sie können dann gehen", sagte er zu Christa.

Die zögerte. "Ich glaube, es ist besser, wenn ich den jungen Mann hier nach Hause bringe", erklärte sie.

"Den bringt ein uniformierter Kollege nach Hause und übergibt ihn seinen Eltern", knurrte der Kommissar.

Christa strich Markus noch einmal beruhigend über den Kopf und trollte sich. Sie wusste auch schon...

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