Krisen und Krisenintervention bei Kindern und Jugendlichen

 
 
Kohlhammer (Verlag)
  • 2. Auflage
  • |
  • erschienen am 16. Oktober 2019
  • |
  • 168 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-17-034176-0 (ISBN)
 
Welche kritischen Lebensereignisse belasten Kinder und Jugendliche, und wie gehen sie damit um? Durch welche Besonderheiten ist die Krisenbegleitung in dieser Lebensphase gekennzeichnet? Anhand ausgewählter Krisensituationen (Scheidung, Verluste, chronische Erkrankung sowie Suizidalität) werden Möglichkeiten aufgezeigt, wie die betroffenen Kinder und Jugendlichen in altersgemäßer Form unterstützt werden können. Dadurch trägt dieses Buch aus der Perspektive der Klinischen Entwicklungspsychologie dazu bei, eine eklatante Forschungslücke zu schließen.
überarbeitete Auflage
  • Deutsch
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  • Deutschland
  • 3,28 MB
978-3-17-034176-0 (9783170341760)
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PD Dr. Christiane Wempe war Privatdozentin für Entwicklungspsychologie an der Universität Mannheim und ist nun in eigener Praxis sowie als Ausbilderin für Kinder- und Jugendpsychotherapeuten und Supervisorin tätig.

1          Krisen und Belastungen, Krisenreaktionen bei Kindern und Jugendlichen


Christiane Wempe


1.1       Einführende Erläuterungen


Zunächst werden in diesem Kapitel die zentralen Begriffe »Stress«, »Krise« und »kritisches Lebensereignis« erläutert, sowie deren Folgen für die betroffenen Individuen aufgezeigt. Dabei werden diese Konzepte jeweils auch theoretisch eingeordnet (allgemeines Stressmodell und Life-event-Forschung). Im zweiten Teil werden typische Belastungen und kritische Ereignisse im Leben von Kindern und Jugendlichen näher beleuchtet. Der dritte Abschnitt befasst sich mit dem Konzept der Bewältigung im Kindes- und Jugendalter. Vor entwicklungspsychologischem Hintergrund werden jeweils die Besonderheiten beider Altersphasen herausgearbeitet.

Stressoren und Stressreaktion


Der allgemeine Stressbegriff ist sehr breit gefasst und wird häufig synonym mit »Belastung« oder »Anforderung« verwendet. Es existiert eine unübersichtliche Vielzahl an Definitionen, auch umgangssprachlich wird der Begriff fast inflationär gebraucht. Relativ übereinstimmend wird von Stress gesprochen, wenn die Ressourcen eines Individuums nicht zur Bewältigung der Anforderung ausreichen. Die Stressforschung differenziert zwischen situations- und reaktionsbezogenen Sichtweisen von Stress (Eppel, 2007). Situationsbezogene Ansätze konzentrieren sich auf die stressauslösenden Situationen, die als »Stressoren« oder »Stressquellen« bezeichnet werden. Darunter verstanden werden »Störgrößen, die unser Wohlbefinden beeinträchtigen und unsere Handlungsfähigkeit bedrohen« (Eppel, 2007, S. 22). Reaktionsbezogene Ansätze dagegen befassen sich mit der Art und Weise, wie die Betroffenen einer Belastung begegnen. Diese »Stressreaktionen« oder das »Stresserleben« werden definiert als »alle Prozesse, die bei betroffenen Personen als Antwort auf einen Stressor ausgelöst werden« (Eppel, 2007, S. 19).

Stressoren werden in der Forschung anhand verschiedener Kriterien klassifiziert, wie Valenz, Dauer oder Intensität. Bezüglich der Valenz lassen sich grob Distress und Eustress gegenüberstellen. Negative Stressoren (Distress, z. B. Verlusterfahrungen), die als bedrohlich erlebt werden, stehen aufgrund ihrer potentiell gesundheitsschädigenden Wirkung im Vordergrund des Forschungsinteresses. Aber auch positive Ereignisse (Eustress; z. B. Geburt eines Kindes), können aufgrund ihrer aktivierenden Wirkung als Stress wahrgenommen werden. Unter dem Aspekt der zeitlichen Dauer werden akute diskrete Ereignisse (z. B. ein Unfall), die zeitlich befristet sind, von chronischen Belastungslagen (z. B. eine schwere Erkrankung) unterschieden. Anhand der Intensität der potentiellen Belastungen werden üblicherweise drei Intensitätsstufen differenziert:

1.  daily hassles (Alltagswidrigkeiten, Mikrostressoren): längerfristig andauernde alltägliche Ärgernisse, Frustrationen und Irritationen, die als aufreibend und zermürbend erfahren werden, aber normalerweise bewältigbar sind (z. B. Zeitdruck).

2.  major events (Makrostressoren): schwerwiegende, aber zeitlich befristete Lebensereignisse, deren Bewältigung die Mobilisierung aller Ressourcen eines Individuums erfordert, aber irgendwann abgeschlossen ist (z. B. Trennung).

3.  Traumata: außergewöhnliche, extrem bedrohliche Ereignisse (z. B. Gewalterfahrung, sexueller Missbrauch, Flucht), die außerhalb der üblichen Erfahrung liegen und das Leben oder die körperliche Unversehrtheit des Individuums bedrohen. Da Traumata die normalen Anpassungsstrategien eines Menschen deutlich übersteigen und oft zu Sinnverlust und/oder Dekompensation führen, haben sie meist nachhaltige schädigende Folgen (posttraumatische Belastungsstörung).

Die Stressforschung wurzelt in der Biologie und versteht daher die Stressreaktion als ein natürliches menschliches Verhalten, das zum Überleben der Spezies beigetragen hat. Diese äußert sich in Fluchtverhalten oder Kampfbereitschaft (fight or fly). Die psychologische Stressforschung wird üblicherweise der Klinischen Psychologie oder der Gesundheitspsychologie zugeordnet. Hier hat sich das transaktionale Modell von Lazarus und Folkman (1984) durchgesetzt und dient heute üblicherweise als Grundlage für diesen Forschungszweig ( Abb. 1.1). Dieses Modell betont die Wechselwirkung zwischen Person und Anforderung. Die Kernaussage lautet, dass die subjektive Bewertung eines potentiellen Stressors wesentlich ihr Stresserleben bestimmt. Die kognitiven Bewertungsprozesse verlaufen dabei in mehreren Stufen: Zuerst erfolgt eine subjektive Bewertung der Situation, die entweder den Status einer »Herausforderung«, eines »Verlusts/Schadens« oder einer »Bedrohung« annehmen kann. In einem zweiten Schritt schätzt die betroffene Person die Ressourcen ein, die ihr zur Bewältigung dieser Belastung zur Verfügung stehen. Dies führt schließlich zu einer Neubewertung der Belastungssituation aus einer neuen Perspektive. Allerdings gibt es auch kritische Stimmen, welche die Bewertung des Stressors als Ergebnis des Bewältigungsprozesses verstehen (Hobfoll, 1989; zit. n. Filipp & Aymanns, 2018). Dieses nicht entwicklungspsychologisch fundierte Modell wird auch zur Erklärung von Stress bei Kindern und Jugendlichen herangezogen (s. Beyer & Lohaus, 2007).

Die Folgen von Stress sind vielfältiger Art und ziehen sich durch alle Bereiche menschlichen Erlebens und Verhaltens. Biologie und Medizin konzentrieren sich auf die körperlichen Folgen von Stress, sowie die zugrundeliegenden neurobiologischen Prozesse. Eine anfängliche kurzfristige körperliche Aktivierung und Mobilisierung der Widerstandskräfte in Reaktion auf ein belastendes Ereignis ist sinnvoll, um sich der Herausforderung stellen zu können. Erst eine langfristige Aktivierung, wie sie bei chronischen Belastungslagen auftritt, führt zu Erschöpfung und gesundheitlichen Beeinträchtigungen bei den Betroffenen (z. B. Schlafstörungen, Substanzmittelkonsum), die langfristig das Immunsystem schwächen (Filipp & Aymanns, 2018;

Abb. 1.1: Stressmodell nach Klein-Heßling (1997) (aus: Lohaus, Domsch & Fridrici, 2007, S. 7; reproduced with permission of Springer-Verlag Berlin/Heidelberg)

Seiffge-Krenke, 1998). Als besonders ungünstig hat es sich erwiesen, wenn ein entsprechender Ausgleich durch »daily uplifts« (kleine Freuden) fehlt (s. Eschenbeck, Lohaus & Kohlmann, 2007). Die psychologische Stressforschung hat sich dagegen speziell den Indikatoren der individuellen psychischen Anpassung und der Entstehung psychischer Störungen zugewandt. Ein populäres Beispiel ist das sog. »burn-out Syndrom«, im Sinne eines Erschöpfungszustandes, für das bestimmte Berufsgruppen prädestiniert sind.

Krisen und kritische Lebensereignisse


In der Klinischen Psychologie ist der Begriff »Krise« zur Bezeichnung von einschneidenden Veränderungen stark verbreitet. Der aus dem Griechischen stammende Begriff »krisis« bedeutet »Entscheidungssituation, Wende-, Höhepunkt einer gefährlichen Entwicklung« (Duden, 2001). Allerdings wird der Krisenbegriff sehr uneinheitlich verwendet, eine allgemeinverbindliche Definition existiert nicht. So wurde bereits 1988 von Fiedler kritisiert, ». daß das Konstrukt »Krise« in der Psychologie bislang weder eine inhaltlich konvergente Bedeutung noch eine formal ausreichende theoretische Basis hat« (S. 115). Und noch heute bemängelt Stein (2009) die Verwendung des Krisenbegriffs als »schwammig«. Ebenso uneinheitlich und wenig trennscharf sind Systematisierungen des Krisenbegriffs, wie sie gern in der klinisch-psychologischen Literatur vorgenommen werden, wie beispielsweise in Veränderungskrise, Verlustkrise und traumatische Krise (s. Stein, 2009). Mit dem etwas anders konnotierten Begriff der »psychosozialen Krise« will Stein auf ». eine exaktere Indikationsstellung für psychosoziale Krisenintervention« (2009, S. 22) hinweisen. Davon abzugrenzen sind psychiatrische Notfälle, die im Zusammenhang mit schwerwiegenden psychischen Störungen stehen und in den Bereich der psychiatrischen Notfallintervention fallen (z. B. Lasogga & Gasch, 2011; Rupp, 1996).

Unstimmigkeiten herrschen ferner bezüglich des Verlaufs von Krisen, der gern in Phasenmodellen abgebildet wird, die allerdings...

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