Skagboys

Roman
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 28. Oktober 2013
  • |
  • 832 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-11228-8 (ISBN)
 
Die Vorgeschichte des Kult-Bestsellers »Trainspotting«

Mark Renton sollte glücklich sein. Er ist jung, smart, hat eine hübsche Freundin und Spaß am Studium. Doch im Großbritannien der Achtziger ist kein Platz für ihn und seine Freunde. Man hat ihnen Arbeit, Bildung und Wohlstand versprochen, aber nun ist niemand da, um diese Versprechen auch einzulösen. Als Marks Familie auf tragische Weise zerbricht, gerät sein Leben außer Kontrolle.

Dies ist die Geschichte der jugendlichen Außenseiter Mark Renton, Spud Murphy, Franco Begbie und Sick Boy. Eine Geschichte über Drogen, Armut und das Scheitern - aber auch über das Leben, die Freundschaft und vielleicht ein bisschen Liebe.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 2,17 MB
978-3-641-11228-8 (9783641112288)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Irvine Welsh, geboren 1957 in Leith bei Edinburgh, schreibt Romane und Kurzgeschichten und gilt als einer der wichtigsten Autoren der Underground-Literatur. Sein Debütroman Trainspotting und die gleichnamige Verfilmung mit Ewan McGregor machten ihn international bekannt. Viele weitere Romane folgten.

Prolog: Auszüge aus dem Entzugstagebuch

Journal-Eintrag: Die Sache in Orgreave

Selbst diese Holzbohle von einer Couch kann nicht verhindern, dass mein Körper in einen erlösenden Schlaf sinkt. Es erinnert mich an mein Zimmer im Studentenwohnheim in Aberdeen: Ich liege im Dunkeln und bade förmlich in dem befreienden Gefühl, diese Angst los zu sein, die sich nachts in meiner Brust ansammelte wie der zähe Schleim in der seinen. Denn ganz gleich, was ich draußen höre - Autos, die nachts durch die engen Gassen der Sozialsiedlung brettern und mit ihren Scheinwerfern in dieses muffige Zimmer leuchten, Besoffene, die die Welt besingen und verfluchen, oder fürchterlich jaulende Katzen beim Liebesspiel -, ich weiß, dass ich diese Geräusche nicht hören muss.

Kein Husten.

Kein Schreien.

Und vor allem nicht dieses Klopfen: Tapp, tapp, tapp .

Keine besorgt flüsternden Stimmen, an deren Aufgeregtheit du erkennst, ob du diese Nacht noch ein Auge zumachen wirst oder nicht.

Nur die einlullende, dunkle Stille und diese Holzbohle von einer Couch.

Kein. Verdammtes. Husten.

Es fängt nämlich immer mit einem Husten an. Nur einem. Dann versuchst du, ihn mit reiner Willenskraft dazu zu zwingen, sich zu beruhigen - keine Chance. Dein beschleunigter Puls sagt dir, dass du im Unterbewusstsein bereits auf dieses Blaffen gewartet hast. Wenig später folgt das zweite Husten - der schlimmste Moment -, und deine Wut verlagert sich von der Quelle des Hustens hin zu denen, die dem Hustenden zu Hilfe kommen.

Lasst es doch einfach bleiben, verdammt noch mal!

Aber klar, durch diese papierdünnen Wände hört man das ganze Theater: erst das erschöpfte Seufzen, dann das Klicken des Lichtschalters und schließlich die nervös trippelnden Schritte.

Wenig später setzen die Stimmen ein - das leise gemurmelte Bitten und Flehen, die Beruhigungsformeln -, und die Prozedur beginnt: die Lagerungsdrainage und das Abklopfen zur Ableitung des Bronchialsekrets.

Tapp . tapp . tapp .

Tapp . tapp . tapp .

Der fürchterliche Rhythmus der großen Hände meines Vaters, wie sie seinen dünnen, krummen Rücken abklopfen - hartnäckig und kraftvoll. Fast schon brutal. Kein Vergleich zum ängstlich behutsamen Klopfen meiner Mutter. Dazu immer wieder ihr Flüstern, ihre verzweifelten Worte, um ihn zu ermutigen.

Ich wünschte, sie würden ihn im Krankenhaus lassen. Ihn verdammt noch mal einfach dort lassen. Ich jedenfalls betrete dieses Haus erst wieder, wenn er für immer verschwunden ist. Es ist so wundervoll hier auf dieser Couch, in diesem Hafen der Ruhe, wo ich all das vergessen und Geist und Körper ins Reich des Schlafs gleiten lassen kann.

»Komm schon, Junge! Hoch mit dir! Na mach schon!«

Die raue Stimme meines Vaters reißt mich aus dem Schlaf. Mir tut alles weh, meine Gliedmaßen sind steif. Er hat sich über mich gebeugt, guckt grimmig und wedelt mit seiner Zahnbürste herum. Er ist noch nicht komplett angezogen, man kann den blond-grauen Pelz auf seiner Brust sehen. Ich brauche drei ganze Sekunden, um mich zu sammeln - muss die Augen dreimal auf- und zuklappen, bis ich kapiere, dass ich auf der Couch meiner Oma in Cardonald liege. Ich habe mich erst vor ein paar Stunden hingehauen. Eigentlich wäre es noch pechschwarze Nacht, aber mein alter Herr hat die kleine Tischlampe angeknipst, die das Zimmer nun in ein schlappes aquamarinblaues Licht taucht. Ich weiß, dass er recht hat: Wir müssen uns auf den Weg machen, um den Bus am St. Enoch's Square zu erwischen.

Ich weiß auch, dass sich alles geben wird, wenn ich erst einmal in Bewegung bin, auch wenn ich etwas zerknittert aussehen mag

ZUM TEUFEL MIT DIESEM SCHEISS!

Ich werd schon klarkommen, sobald ich meinen Arsch in Bewegung gesetzt hab, auch wenn ich wie ne verdammte Vogelscheuche ausseh. Zuerst will ich meine Oma aber nach nem Bügeleisen fragen, will die fiesen Falten aus dem navyblauen Fred Perry bügeln, bevor ich es über meinen schmächtigen Körper mit der käseweißen Gänsehaut ziehe. Doch mein alter Herr will davon nichts wissen. »Vergiss das Bügeleisen«, sagt er und wedelt wieder mit seiner Zahnbürste in der Luft herum. Dann verlässt er das Zimmer in Richtung Bad und schaltet an der Tür die Deckenleuchte an. »Das wird heut keine Modenschau. Also gib Gas, Junge!«

Eigentlich brauch ich seine Antreiberei nich. Das Adrenalin schießt mir durch den Körper und bringt mich auf Touren. Das Spektakel heute werd ich mir auf keinen Fall entgehen lassen! Auch Granny Renton ist schon auf den Beinen. Sie will sich verabschieden. Klein, schmächtig, mit weißen Haaren und abgestepptem Morgenmantel steht sie da, eine Reisetasche in der Hand, und mustert mich mit durchdringendem Blick. Nachdem sie mich nen Moment lang über ihre Brillengläser hinweg angestarrt hat, fängt sie an, meinen Dad im Flur vollzulabern. »Wann fährtn der Bus? Von wo fährtn der los? Wann kommtn ihr an?«, säuselt sie mit besorgter Singsang-Stimme.

»Geh wieder . zurück ins . Bett . Ma«, knurrt mein Dad, den Mund voller Zahnpasta und Spucke. Ich schlüpf währenddessen schnell in meine Klamotten: Hemd, Jeans, Socken, Sneaker und Jacke. Danach geh ich zum Kaminsims rüber und schau mir die gerahmten Bilder an, die dort zusammen mit den vier Ehrenmedaillen von Opa Renton stehen. Das Victoria-Kreuz ist auch dabei. Ich glaub, das war für die Normandie. Er hätte es wahrscheinlich nicht gemocht, dass die Teile so zur Schau gestellt werden. Bewahrte sie immer in einer Tabakdose auf. Wir mussten ihn regelrecht anbetteln, damit er uns die Dinger mal zeigte. Dazu muss man sagen, dass mein Opa von Anfang an ehrlich zu mir und meinem Bruder Billy war, wenn es um die Teile ging: Hat uns geradeheraus gesagt, dass das mit den Orden alles großer Bullshit wär. Viele mutige Typen wären trotz ihrer Heldentaten leer ausgegangen, während jede Menge Wichser für nichts und wieder nichts ausgezeichnet wurden. Ich erinnere mich noch daran, wie ich ihn mal im Urlaub, in einem Gästehaus unten in Blackpool, deswegen gelöchert hab: »Aber du warst doch n mutiger Soldat, oder, Opa? Ich meine, wie du da bei der Invasion den Strand hoch bist und so . da braucht man doch schon Mumm.«

»Ich hatte Angst, mein Junge«, antwortete er mit düsterer Miene. »Vor allem aber war ich wütend. Wütend, dass ich überhaupt da war. Verdammt wütend. Ich wollte diese Wut rauslassen und dann möglichst schnell wieder nach Hause.«

»Aber dieser Kerl musste doch gestoppt werden, Dad!«, schaltete sich mein alter Herr ein. »Das haste selbst gesagt!«

»Weiß ich doch, weiß ich doch. Ich war ja schon stinksauer, dass man diesem Mistkerl anfangs so viel hat durchgehen lassen.«

Die beiden Bilder von meinem Großvater auf dem Kaminsims unterscheiden sich etwas. Auf dem einen wirkt er wie ein Lausbub in Uniform, der gerade mit seinen Kumpels zu nem Abenteuer aufbrechen will. Das zweite Foto wurde einige Zeit später gemacht. Da lächelt er auch, aber das spitzbübische Grinsen vom ersten Bild is verschwunden. Sein Lächeln sieht nich erzwungen aus oder so, aber irgendwie schwer erarbeitet.

Granny kommt zurück und verharrt nen Moment, als sie mitkriegt, dass ich mir gerade die Bilder von Opa anschaue. Kann sein, dass sie irgendwas in mir sieht - eine Ähnlichkeit im Profil oder so -, das Erinnerungen an die Vergangenheit weckt. Sie schleicht sich an mich ran, legt ihren Arm um meine Hüfte und flüstert: »Macht den Mistkerln die Hölle heiß, Junge!« Sie riecht gut, aber irgendwie auch alt - als würde sie sich mit Seife waschen, die sie mal vor dreißig Jahren gekauft hat. Als Dad reinkommt und wir uns fertig machen, fügt sie noch hinzu: »Aber pass auf dich auf, Junge. Und pass auch auf meinen Buben auf.« Damit meint sie meinen Vater. Schon komisch, dass sie ihn immer noch so nennt. Der Mann is schließlich steinalt. Bald fünfzig!

»Komm schon, Junge, Taxi wartet«, sagt er und wirft einen Blick durchs Fenster. Das Getue meiner Grandma scheint ihm peinlich zu sein. Dann dreht er sich doch noch um und küsst sie auf die Stirn. Sie wendet sich zu mir, nimmt meine Hand und flüstert mit ernster Stimme: »Du bist der Beste, Junge, der Beste von alln.« Das sagt sie jedes Mal. Eigentlich schon, seitdem ich ein kleines Kind bin. Hat mir immer ein tolles Gefühl gegeben. Bis ich rausfand, dass sie das zu all ihren Enkeln und sogar zu den Nachbarskindern sagt! Ich bin mir zwar sicher, dass sie es jedes Mal ehrlich meint, aber trotzdem .

Der Beste von alln.

Sie lässt mich los und reicht meinem Dad die Reisetasche. »Und verlier mir ja nich die Thermoskanne, David Renton«, zetert sie.

»Ja, Mutti, hab doch gesagt, dass ich n Auge drauf hab«, antwortet er kleinlaut, als wäre er wieder ein Teenager. Als er gerade gehen will, hält sie ihn zurück. »Ich glaub, du hast da was vergessn«, sagt sie. Dann huscht sie zur Anrichte rüber, holt drei kleine Gläser raus und schenkt Whisky ein. Mein Vater verdreht die Augen. »Aber Ma .«

Sie ignoriert seinen Protest und hebt ihr Glas, sodass wir nachziehen müssen. Ich hasse Whisky, und so früh am Morgen erst recht, aber mir bleibt keine Wahl. »Auf uns, die unsren und unsere Totn!«, krächzt sie.

Mein Dad schüttet das...

»Atemberaubend, erschütternd, berauschend, weise und zutiefst menschlich. Womöglich Welshs größtes Werk!«
 
»Welsh, der immer noch ein Meister des Dialogs ist, zeigt sich hier als begnadeter Sozialgeschichtsschreiber ... Ein Hammer von einem Roman!«
 
»Skagboys ist ein brillant witziges, unheimliches, mitreißendes Buch - mit all der Energie von Welshs Debüt Trainspotting, aber einem größeren Sinn für politisches und soziales Engagement.«
 
»Schlicht und ergreifend ein Meisterwerk.«
 
»Literarischer Punkrock mit vollem Einsatz.«

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