Overworld

Ein Mirador-Roman
 
 
Piper Verlag GmbH
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 1. Dezember 2017
  • |
  • 432 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-97881-1 (ISBN)
 
Los Angeles im Jahr 2050: Overworld ist das beliebteste Virtual-Reality-Spiel der Welt. Als Marisa Carneseca die Einladung erhält, an dem exklusiven Overworld-Turnier Forward Motion teilzunehmen, ist sie begeistert. Für Marisa ist dies die einmalige Chance, sich als professionelle Spielerin zu etablieren und ihrer Familie finanziell unter die Arme zu greifen. Doch Forward Motion hat auch eine dunkle Seite - und die ist gefährlicher, als Marisa es sich vorgestellt hat. Das Turnier wird beherrscht von Machtkämpfen und Korruption. Als Marisa dem mysteriösen Untergrundkämpfer Alain begegnet, wird ihr klar: Die einzige Möglichkeit, lebend aus diesem Spiel herauszukommen, ist, es zu gewinnen ...
  • Deutsch
  • 0,64 MB
978-3-492-97881-1 (9783492978811)
3492978819 (3492978819)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Dan Wells studierte Englisch an der Brigham Young University in Provo, Utah, und war Redakteur beim Science-Fiction-Magazin »The Leading Edge«. Mit »Ich bin kein Serienkiller« erschuf er das kontroverseste und ungewöhnlichste Thrillerdebüt der letzten Jahre. Nach seinen futuristischen Thrillern um die »Partials« war »Du bist noch nicht tot« der lang erwartete neue John-Cleaver-Roman. Mit der »Mirador«-Saga führt Dan Wells in eine neue Welt.

Kapitel 1


Mari, wo steckst du? Wir werden überrannt!

Marisa Carneseca schnitt eine Grimasse und blinzelte die Nachricht weg. Ich komme, so schnell ich kann, sendete sie zurück. Gib mir noch eine Minute.

Eine Minute?, antwortete ihr Vater. Unser Lebensunterhalt ist gefährdet, wir könnten sogar das Haus verlieren, und du brauchst eine Minute?

Ja, erwiderte Marisa. Ich bin fast fertig und komme sofort. Sie verdrehte die Augen und bereute es sofort. Das Djinni konnte unwillkürliche Augenbewegungen kompensieren, und eine dramatische Geste wie diese war mindestens so verhängnisvoll wie ein ungeschickter Wischer über einen Touchscreen. Vor allem hatte sich Marisa größte Mühe gegeben, ihre Ungeduld besonders wirkungsvoll zum Ausdruck zu bringen. Apps und Symbole wirbelten im Gesichtsfeld umher und verstreuten sich in alle Ecken des eleganten Cafés, in dem sie saß. Sie blinzelte hektisch, um die Symbole wieder richtig anzuordnen. Das Wichtigste war die Liste mit den Essensbestellungen. Jeder, der im Solipsis-Café etwas orderte, hinterließ eine digitale Spur, und sie hatte dem Netzwerk des Cafés beigebracht, alle Bestellungen durch ihr Djinni zu leiten, durch den implantierten Supercomputer, der unmittelbar mit dem Gehirn verbunden war. Die Bestellungen erschienen im Sekundentakt auf der Liste, die ihr Djinni direkt in das Gesichtsfeld projizierte. Für sie entstand dabei der Eindruck, die Liste schwebe vor ihr in der Luft, auch wenn es außer ihr selbst niemand sehen konnte.

Das war auch gut so, denn es war höchst illegal, ein fremdes Netzwerk auszuspionieren.

Marisa fand die Unterhaltung mit ihrem Vater und zog sie ins Zentrum des Blickfelds. Am Ende blinkte eine erboste Nachricht, die auf eine Antwort wartete. Gleich beginnt der Ansturm zur Mittagspause, morena, hatte er gesendet. Ohne dich schaffen wir es nicht.

Ich weiß doch, dass mittags viel zu tun ist, gab sie zurück. Was glaubst du, warum ich hier bin?

Weil . weil du in der Hauptgeschäftszeit nicht helfen willst?

Dieses Mal beherrschte sich Marisa und schloss die Augen, statt sie noch einmal zu verdrehen. Entnervt ballte sie die Hände zu Fäusten. Typisch für ihren Vater, Nachrichten mit Auslassungszeichen zu schicken! Sie hörte förmlich, wie er mitten im Satz eine Pause machte.

Schließlich öffnete sie die Augen wieder und richtete den Blick auf den Kaffeehaustisch und den Salat. Sie hatte Schuldgefühle, weil sie sich hierher abgesetzt hatte. Schließlich wurde sie wirklich gebraucht, wenn im San Juanito, dem Restaurant der Familie, die Mittagsgäste einfielen. Zu dem schlechten Gewissen trug die Tatsache bei, dass sie sich einen Salat bestellt hatte. Das hätte sie gern vermieden, aber es war nötig, wenn sie sich längere Zeit im Café aufhalten wollte. Sie richtete den Blick auf die Wand. Dicht dahinter, keinen Meter entfernt, stand der Server des Solipsis-Cafés auf einem Schreibtisch und bemerkte nicht, dass sie ins Netzwerk eingedrungen war. Ein direkter Hack wäre leicht zu entdecken gewesen. Deshalb musste sie in der Nähe der Maschine sitzen. Sie war nicht als Benutzerin eingeloggt, sondern schöpfte lediglich die W-Lan-Signale ab, die der Server empfing. Abermals betrachtete sie die Liste der Bestellungen und hoffte auf das Auftauchen derjenigen, auf die sie wartete. Sonst erlitt ihr Vater womöglich tatsächlich einen Gehirnschlag. Immer noch nichts. Wenigstens hatte ihr Vater bisher nicht herausgefunden, wo sie sich gerade aufhielt .

Bist du etwa in der Stadt?, sendete ihr Vater. Du schaffst es nie, rechtzeitig hier zu sein!

Kopfschüttelnd blickte Marisa zur Decke hinauf. Die GPS-Überwachung war ein Teil der Kontrollen, die ihre Eltern eingeführt hatten, nachdem sie ihr das Djinni geschenkt hatten. So hatten sie es auch bei Marisas Geschwistern gehalten. Die meisten Überwachungsprogramme der Eltern hatte sie schon vor Jahren ausgehebelt, aber bei den wirklich offensichtlichen Daten wie der Standortbestimmung musste sie vorsichtig sein. Dort konnte man sie viel zu leicht der Lüge überführen, und die Strafe würde schnell und erbarmungslos folgen. Einmal hatten die Eltern sogar schon ihr Djinni abgeschaltet und alle Verbindungen nach draußen gekappt. Wenn sie daran dachte, lief es ihr immer noch kalt über den Rücken. Eines Tages konnte sie alles einmal selbst bezahlen und tun und lassen, was sie wollte. Im Augenblick aber waren die Dienste für ihre Verhältnisse noch viel zu teuer.

Selbst diesen Salat konnte sie sich kaum leisten.

Du bist nicht nur in der Stadt, sondern sogar im Solipsis-Café!, wetterte ihr Vater.

Ja, gab sie zu.

Da kostet ein Salat zehn Yuan!, schimpfte er. Wir können uns kein Mittagessen leisten, das sechzig Dollar kostet!

Ich weiß.

Hast du das etwa auf mein Konto buchen lassen?

Papi .

Du kommst auf der Stelle nach Hause, muchacha!

Soll ich den Salat vergammeln lassen?, gab sie zurück. Immerhin hat er sechzig Dollar gekostet.

Einige Sekunden lang herrschte Schweigen. Marisa stellte sich vor, wie er gerade allen Umstehenden laut brüllend erklärte, was er von ihr hielt - sicherlich ihrer Mutter und möglicherweise auch den Geschwistern, die bereits für die Schicht im San Juanito zwangsrekrutiert waren. Eigentlich sollten alle helfen, aber nur das Problemkind Marisa war so rücksichtslos, sich am Sonnabend trotz des Hochbetriebs abzusetzen. Grimmig betrachtete sie den Salat, den sie noch nicht angerührt hatte, spießte mit der Gabel ein Stück Paprika auf und schob es trotzig in den Mund. Dann riss sie überrascht die Augen auf.

»Santa vaca, schmeckt das köstlich!«, entfuhr es ihr. Dann sah sie sich sofort um und fürchtete, jemand hätte ihren Ausruf gehört. Die meisten anderen Gäste starrten jedoch ins Leere und lasen oder sahen sich über die Djinnis Filme an. Nur ein Mann in einem Geschäftsanzug warf ihr einen seltsamen Blick zu. Marisa richtete die Aufmerksamkeit wieder auf den Salat und wäre am liebsten im Erdboden versunken.

In ihrem Djinni poppte eine Nachricht von Sahara auf. Sahara war Marisas beste Freundin und ihre Teamgefährtin bei VR-Wettkämpfen. Wo bist du?

In der Hölle, antwortete Marisa.

Nein, da habe ich schon nachgesehen. Sahara wohnte über dem Restaurant. Sie hatte das Apartment von Marisas Eltern gemietet und konnte jederzeit unten nachsehen. Dein Dad ist fuchsteufelswild.

Vorsicht, warnte Marisa sie. Wenn du dich zu oft blicken lässt, musst du noch als Kellnerin einspringen.

Das hat er schon mehr als einmal versucht, erwiderte Sahara.

Deine ID hat sich nicht gerührt, meldete sich Marisas Vater. Warum bewegst du dich nicht? Setz dich sofort in den Zug und komm nach Hause! Habe ich mich nicht deutlich genug ausgedrückt?

Marisa schloss die Nachricht und betrachtete abermals die vorbeilaufende Liste der Bestellungen. Ich bin in der Stadt, sendete sie an Sahara und nahm noch eine Gabel Salat. Das ist die teuerste Überwachung, die ich je gemacht habe, aber Teufel, schmeckt das köstlich!

Im Solipsis?, riet Sahara.

Natürlich.

Da habe ich noch nie gegessen.

In der Nähe schwebte ein Kellnernuli, im Grunde nur ein Wasserkühler mit vier Rotoren und einem Sensor. Es richtete den Sensor auf Marisas Glas, beschloss, dass ihr nachgeschenkt werden musste, und spendierte ihr einen Schuss kaltes Wasser, bevor es zum nächsten Tisch weiterzog.

Ich esse den Salat mit gegrillter Paprika, berichtete Marisa und schob sich einen weiteren Happen in den Mund. Die Paprika ist köstlich, obwohl Dads Paprika ehrlich gesagt sogar noch besser schmeckt. Aber das Dressing ist unglaublich gut.

Wie unglaublich kann so etwas schon sein? Es ist doch nur ein Salatdressing, widersprach Sahara.

Marisa nahm den kleinen Plastikbecher, in dem die Soße serviert worden war, und goss noch einen Schuss davon auf den Salat. Es ist wie ein Koalababy, das zum ersten Mal die Mutter sieht und durch einen Regenbogen Freudentränen weint, und jeder Tropfen wird von Engeln geküsst, ehe er sachte auf dem Salat niedergeht.

Das ist die unappetitlichste Beschreibung von Essen, die ich je gehört habe, sendete Sahara zurück.

Glaub mir, antwortete Marisa, wenn du einmal hier gegessen hast, willst du für ewig jede Mahlzeit mit Koalatränen würzen.

Ich muss bald los, antwortete Sahara. Meinst du, du findest ihn?

Schweigend betrachtete Marisa die Liste mit den Bestellungen. Sie war auf der Suche nach Grendel, einem Hacker aus den dunkelsten Winkeln des Netzes. Er war ein Verbrecher, ein gefährlicher obendrein. Allerdings hatte Marisa eher ein persönliches Interesse an ihm. Sie betrachtete den linken Arm, der von der Schulter an abwärts aus einer Prothese bestand. Den eigenen Arm hatte sie mit zwei Jahren bei einem Autounfall verloren, und die...

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