"Wie konntest du Mensch sein in Auschwitz?"

Drei Generationen versuchen zu verstehen
 
 
Westend (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 26. August 2017
  • |
  • 512 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-86489-653-8 (ISBN)
 
" Ich habe drei Leben gelebt auf drei unterschiedlichen Planeten."

Im Holocaust wurden Schicksale entschieden. Shalom Weiss erzählt aus seinem ersten Leben in der Geborgenheit seiner jüdischen Familie und aus seinem zweiten Leben in der Hölle von Auschwitz und Bergen-Belsen. Es gelingt ihm, seine persönliche Geschichte zu verallgemeinern und eine Brücke zu bauen zu den Generationen nach der Shoa. Hier wird auch das Leben der zweiten und dritten Generation Im Schatten der Shoa thematisiert. Dieses Buch ist voll mit Fragen, die an Vater und Großvater gerichtet sind. Sie fragen, wie er überlebt hat, wie er seinen Verstand behalten hat und wie er Mensch bleiben konnte.
  • Deutsch
  • Frankfurt am Main
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  • Deutschland
  • 8,98 MB
978-3-86489-653-8 (9783864896538)
3864896533 (3864896533)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Shalom Weiss hat drei Leben gelebt, auf drei unterschiedlichen Planeten. Die Kindheit innerhal der Familie, das zweite Leben im Vernichtungslager Auschwitz, später in Bergen-Belsen, und sein drittes Leben in Israel, wo er ohne Schulabschluss und Ausbildung bei den Erdölraffinerien in Haifa als einfacher Arbeiter begann und zum Generaldirektor dieser Raffinerien und zum Boss von mehreren Tausend Arbeitern wurde.
Inhalt
Vorwort 10

Einleitung zum Büchlein >Einer aus jeder Stadt< aus dem Jahr 1988 11

Erster Teil: Kindheit 13
Ein auserwähltes Volk 15 Das Kommen des Messias 19 Tante Katiza 24
Reb Leibisch 26 Kinder 33 So kommen die Kinder auf die Welt 36 Bei
der Patin 39 Die Reinheit der Mikwe und die Unreinheit des Hasses 45 In
der Schule 48 Reb Schlomo Oberländer 54 Doktor Eisenberg 58
Unruhen in der Welt 63 Gastfreundschaft 66 Der Rat der
Gemeindevorsteher 71 Mit den Gojim 73 Geld, Geld 77 Das Zelt der
Thora 87 Brot mit Salz 92 Pogrome 96 Unter Nichtjuden 99 Dieses
Pessachfest 105 Ghetto 109 Mutter 113 Vater 121 Falsche
Propheten 125 Konzentration 129 Ein Waggon voller Schafe
und Vieh 133 Bella gebiert 135

Zweiter Teil: Shoa 139
Am Ende des Gleises 141 Der Rauch aus dem Schornstein 145 Das Lager
der Zigeuner 148 Und die Zigeuner sind verschwunden 152 Wie isst
man? 154 Ein Samstag in Birkenau 159 Ein Lied über die Latrinen 162
Eine Unterhaltung unter Jungen 165 Zusammen 167 Transporte 169
Seife 172 Auf einer grünen Aue 175 Jungs unter Belagerung 178
Trzebinia 181 Essen oder Sterben 184 Onkel Miklosch 187
Zwangsarbeit 191 Todesmarsch 197 Durst 199 Sachsenhausen 202
Bergen-Belsen 205 Bremen-Farge 208 Die Rache eines Juden 211
Bergen-Belsen zum zweiten Mal 215 Viehfutter 217 Phantasien 220
Akiva 222 Letzte Stunden 224 Befreiung 227 Trauerfeier 230
Avraham, Avraham 233

Dritter Teil: Auferstehung 237
Jugoslawen 239 Nachrichten 246 Seefahrt 248 Auf dem Weg >nach
Hause< 252 Die Zerstörung des Tempels 255 Überlebende 257 Bei Tante
und Onkel 259 Die Tante macht sich Sorgen 263 Vorbereitungsbrigaden 266
Vor der Einwanderung 273 Alija - Einwanderung 278 Erster Tag im
Land 281 Ein Lied zum Frühstück 285 Givati 288 Ein israelischer
Soldat 291 Bunker und Vergnügen 293 Ein angenehmer Urlaub 298
Zur Ausbildung 301 Schön ist das Leben in der Armee 305 Man fährt nach
Amerika 309 In den Grenzgebieten 312 Die Geschichte von Lea 315
Eine eigene Wohnung 320 Man heiratet 325 Ruhe und Besitz 329

Vierter Teil: Versuch zu verstehen - Drei Generationen: Fragen und Antworten 335
Fragen zur Einleitung 337

Fünfter Teil: Mit den Überlebenden aufwachsen - Zweite und dritte Generation: Persönliche Eindrücke 447

Sechster Teil: Die Enkel 489

Anmerkungen 505

Reb Leibisch


Dem Gerechten muss das Licht immer wieder aufgehen und Freude den aufrichtigen Herzen.
Psalmen 97:11

Klein und bescheiden ist unsere orthodoxe Gemeinde und in zwei Lager gespalten, die sich beide nicht grün sind. Auf der einen Seite die alten Einwohner, die Aschkenasim,14 die aus ganzem Herzen Gegner der Chassidim sind, vereint in großen, meist vermögenden Familien. Nicht umsonst wurde ihretwegen im ganzen Land der Ruf unserer Gemeinde verbreitet als verschlossen, gefühllos und überaus materialistisch. All das, so die Spötter, als Ergebnis vom Genuss von gemästeten Gänsen, vom Fett der Erde, viel Korn und Most.15 In der Art, wie »Jeschurun fett wurde und bockte«.16

Ihnen gegenüber stehen die Sephardim,17 die erst vor kurzem als vereinzelte Familien aus Galizien und anderen östlichen Gegenden kamen, um hier ihr Auskommen zu finden, und ihre Beziehung zum Chassidismus blieb so wie in den Orten, aus denen sie kamen.

Das Zusammensein zweier entgegengesetzter Welten in einer Gemeinde (allerdings in getrennten Synagogen) hängt am Nichts18 und ist gefüllt von Zwietracht, Streit19 und sogar Hass. Sie sind sich in fast jeder Angelegenheit uneinig, wobei in den meisten Fällen die Aschkenasim obsiegen, weil sie in der Mehrzahl sind und das meiste Geld in die Kasse der Gemeinde geben.

Hinzu kommen die Einstellung und die Urteile des Gemeinderabbiners Reb Itzchak Eisik, der seine unversöhnliche Feindschaft und Abneigung für die Wege des Chassidismus nicht verbirgt.

Ihm gegenüber steht Reb Leibisch, der Richter, der für die Bedürfnisse der chassidischen Gemeindemitglieder kämpft. Aber weil er schwach ist mit seiner Bescheidenheit, seiner Nachgiebigkeit und Kompromissbereitschaft, vermeidet er jede Auseinandersetzung mit dem aggressiven Reb Eisik.

Man hat von diesem Reb Leibisch keinen großen Nutzen. Sogar als Vorleser oder Vorbeter, und bei Trauungen taugt er wegen seines Lampenfiebers nichts. Er traut sich nicht mal, die Neugeborenen zu beschneiden. Er beschäftigt sich hauptsächlich mit der Reinheit von Lebensmitteln nach der Lehre Hillels20 sowie der Festlegung der Gebetszeiten an Feiertagen.

Dennoch: In Fällen von finanziellen Katastrophen, von Hausunfrieden, bei Krankheiten und bei jedem Unglück, das Gott verhindern möge, wendet man sich an ihn (auch Neologen und sogar Gojim) um Rat und Gebet.

Und überhaupt ein >seltsamer Vogel< (so sagt Mutter) ist Reb Leibisch aus Galizien. Ein empfindsamer Mensch, bescheiden und demütig, ein echter Chassid im wahrsten Sinne des Wortes. Er versucht, freilich ohne großen Erfolg, mit aller Kraft, in der Kleidung und in der täglichen Sprache sich und seine Familie an die Gegebenheiten in unserer anzupassen, obwohl ihn das oft in ein ziemlich lächerliches Licht stellt. Aber bei sich zu Hause ist er frei, so als ob er sich in seinem Geburtsort, im galizischen Schtetl befände. Einige sagen, dass der Reb der Einzige in unserer Stadt ist, der Schtreimel21 trägt, aber nur bei sich zu Hause.

Von Zeit zu Zeit versucht Reb Leibisch, eine >kleine Schule< zu leiten, doch scheitert er immer wieder wegen seiner Zurückhaltung vor den Schülern unserer Gemeinde, die nur dem Stock gehorchen. »Wer die Rute spart, hasst seinen Sohn.«22

Vor einem Jahr war mein großer Bruder Avraham in der kleinen Schule, und ich saß als kleiner Junge auf der letzten Bank als unangemeldeter Schüler. Avraham erlaubte mir, ihn zu begleiten, wohin er auch ging, und seine Freunde, die anfangs dagegen waren, akzeptierten schließ­lich diese >unanständige Sitte<, mich überallhin mitzunehmen. Mitten in der Unterrichtsstunde kam ein nichtjüdisches Mädchen, eine Schickse, herein, die Gehilfin der Frau des Rebben Faige, und reichte Reb Leibisch den großen Schlüssel des Hauses. Da es nicht erlaubt ist, einen Gegenstand von einem Weib anzunehmen, entwickelte sich folgender Dialog:

  1. Reb Leibisch (in gebrochenem Ungarisch): »Hinlegen auf den Tisch.«
  2. Die Schickse: »Die Hochwohlgeborene hat mir aufgesagt, es dem Herrn zu geben.«
  3. Reb Leibisch: »Gut, leg es auf den Tisch.«
  4. Die Schickse: »Aber die Hochwohlgeborene sagte, es dem Herren zu geben.«
  5. Reb Leibisch: »Gut, leg es auf den Tisch.«
  6. Die Schickse: »Aber die Hochwohlgeborene .«

Dieses Zwiegespräch wiederholte sich unzählige Male zur Freude der Schüler und zum Vergnügen des Mädchens, das sich plötzlich im Mittelpunkt des Geschehens wiederfand. Das Schauspiel dauerte und dauerte, und am Ende sprang plötzlich mein Bruder Avraham auf, schlug mit seiner Faust auf den Tisch und rief: »Leg endlich den Schlüssel auf den Tisch, bei allen sieben Heiligtümern deiner Mutter!«

»Gut, wenn der junge Herr es sagt«, murmelte das Mädchen, legte den Schlüssel hin und verschwand eilig.

Wir, meine Brüder und ich, sind stets willkommen in Reb Leibischs Wohnung wegen der gesellschaftlichen Nähe zwischen unserer Mutter, die rabbinisch-aschkenasischen Ursprungs ist, und der Frau des Rabbiners Faige, auch sie Sprössling einer Rabbinerfamilie, aber mit chassidischen Wurzeln. Wir lieben es, dort zu sein, besonders an Regentagen in der Winterzeit, wegen der Freiheit, die man hat, in den Räumen wilde Spiele zu spielen und für ein Durcheinander zu sorgen, indem man die Möbel auf den Kopf stellt, was bei meiner Mutter, die sehr auf Ordnung und Sauberkeit achtet, nicht sein darf.

Wenn ich dort bin, verfolge ich mit Bewunderung (und Neid) die Art der ruhigen und zarten Bindung zwischen den Brüdern und besonders zwischen den Eltern und Kindern. Geradezu bezaubert bin ich von der zarten und ruhigen Beziehung zwischen Reb Leibisch und seinen Söhnen (und sein Benehmen gegenüber meinen Brüdern und mir ist übrigens nicht anders). Ihre Unterhaltung schließt nicht nur die regelmäßigen Unterrichtsstunden ein, für die er großes Interesse zeigt, ihre Leistungen überprüft und sie lobt, obwohl geschrieben steht: »Nur wenig lobt man den Menschen direkt.« Die meisten Lehren des Reb Leibisch beschäftigen sich mit den Pflichten der Menschen untereinander. Er stellt uns ruhig und sanft Fragen über die Moral und lehrt sie uns, indem er Geschichten von Gerechten erzählt.

Reb Leibisch begnügt sich nicht mit dem Lehren von Gesetzen und Vorschriften, sondern sorgt auch dafür, dass sie eingehalten werden. Und tatsächlich beteiligte ich mich auch nicht selten mit seinen Söhnen bei Wohltätigkeitsveranstaltungen und Krankenbesuchen und half kinderlosen Alten, Trauernden und vielen mehr.

Da gibt es die Geschichte mit dem Kirschbaum im Hof des Reb Leibisch, dessen Blätter im Frühling blühten, dessen Blüten aufgingen, aber, oh weh, er wird nicht Früchte tragen können, weil Würmer, die jetzt erst zu Tausenden ausgeschlüpft sind, angefangen haben, an ihm zu nagen, und jedes Blatt und jede Frucht zu fressen drohen. Das ist keine seltene Erscheinung, sie passiert in den meisten Höfen in der Stadt, aber statt, wie es erforderlich ist, Gift zu spritzen, bat Reb Leibisch seine fünf Söhne und alle meine Brüder, die Würmer mit zarten Händen aus den Blättern einzusammeln und sie gesund und ganz in Kartonbüchsen aus der Stadt zu bringen, an den Rand des Sumpfes, wo sie sich vermehren können, ohne einem Menschen zu schaden.

So etwas hat sein Ansehen natürlich nicht vermehrt und nur betont, wie schwach Reb Leibisch die Interessen der Gemeinde gegenüber dem aschkenasischen Rabbiner der Gemeinde vertrat. Von Zeit zu Zeit tauchte der Gedanke auf, Reb Leibisch gegen jemanden mit passenden Eigenschaften auszuwechseln, aber angesichts seiner Ehrlichkeit, seiner Bescheidenheit, seiner Gelehrsamkeit und Gottesfurcht - und da er Vater von fünf Söhnen war - kam es nicht einmal zu einer ersten Beratung.

Die Spaßmacher der Gemeinde aber, und davon gibt es unberufen viele, verpassen keine Gelegenheit, über ihn zu spotten und ihm mit ihren lächerlichen Fragen zuzusetzen.

An einem Samstagabend saß Reb Leibisch völlig nackt auf der Bank im Ankleidezimmer der Mikwe23 und störte dadurch Herrn Bremer, den Textilvertreter, beim Ankleiden. Dieser Bremer, der für seine Grobheit bekannt ist, wandte sich an Reb Leibisch mit erhobener Stimme, sodass alle Anwesenden es hören konnten, und sagte in der Sprache der Gojim und in abfälligem Ton: »Seine Heiligkeit möge Ihren fetten und weißen Hintern von hier entfernen!« Diese Geschichte bekam Flügel und amüsierte die ganze Gemeinde - Männer, Frauen und Kinder - den ganzen Samstag über und lange Zeit danach, bis sie durch eine neue Gemeinheit zur Seite verdrängt wurde.

Aber einmal im Jahr ändert sich das radikal - und zwar in der Nacht des Kol Nidre24 am Versöhnungstag. Schon in den zehn Tagen der Umkehr25 und besonders am Abend des heiligen Tages ändert sich alles aus Furcht vor dem »Tag des Gerichts«, der auf die ganze Gemeinde drückt. Alle sind wie Engel (die ja auch vor Gericht stehen), Zittern und Beben erfasst sie, und sie sagen (in ihrem Herzen): Jetzt ist der Tag des Gerichts da.

Eine heilige Atmosphäre legt sich schon seit Beginn des Monats Elul über unsere Gemeinde, wenn man in den Schofar, das Blashorn, bläst und mit großer Inbrunst das Lied singt: »Der Herr ist mein Licht und mein Heil.«26

Es hat...

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