Trauma, Schuldgefühl und Wiedergutmachung

Wie Affekte innere Entwicklung ermöglichen
 
 
Klett-Cotta (Verlag)
  • 2. Auflage
  • |
  • erschienen am 27. September 2018
  • |
  • 192 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-608-10992-4 (ISBN)
 
Psychotherapeuten begegnen in ihrer Arbeit immer wieder Patienten mit Gefühlskonstellationen, die sich Veränderungen gegenüber als rigide erweisen. Der Autor zeigt in diesem Buch auf, wie aktive Versöhnungs- und Wiedergutmachungsprozesse in Gang gesetzt werden können. Erst die Auseinandersetzung mit Schuldgefühlen ermöglicht Trauer, Wiedergutmachung und echtes Verzeihen.

Menschen, die traumatischen Erfahrungen ausgesetzt waren, werden oft von quälenden Schuldgefühlen heimgesucht. Ihr psychisches Leiden kann klinisch als Folge ausbleibender oder misslingender Wiedergutmachung verstanden werden. Unserem natürlichen Bestreben nach Versöhnung, Vergebung und Wiedergutmachung stehen oft Groll, Zorn, Schuldgefühl und Scham im Wege.

Heinz Weiß entwickelt ein psychoanalytisches Modell der Wiedergutmachung: Erfragt, warum sie manchmal gelingt, manchmal scheitert, und welche Funktion Affekte dabei innehaben. In detaillierten klinischen Sequenzen untersucht Weiß, welche Funktionen diese Abwehrorganisationen übernehmen und wie sie im Behandlungsverlauf allmählich verändert werden können.

Dieses Buch richtet sich an:
- TraumatherapeutInnen
- PsychoanalytikerInnen
- PsychotherapeutInnen
weitere Ausgaben werden ermittelt
Heinz Weiß, Prof. Dr. med., ist Chefarzt der Abteilung für Psychosomatische Medizin am Robert-Bosch-Krankenhaus Stuttgart sowie Leiter des Medizinischen Fachbereichs und Mitglied des Direktoriums am Sigmund-Freud-Institut, Frankfurt a.M.

Vorwort


Dieses interessante und wichtige Buch eröffnet einen neuen Blick auf die Frage, wie schwer gestörten und traumatisierten Patienten zu helfen ist. Die Patienten waren häufig Opfer schlimmer Umstände wie Vernachlässigung, Gewalt und sexuellem Missbrauch. Das zugefügte Unrecht ließ ein Gefühl der Verwundung und des Schmerzes zurück, welches das Weltbild des Opfers grundlegend beeinflusst, ebenso wie diejenigen, die um Hilfe aufgesucht werden.

Wenn wir psychotischen und Borderline-Patienten im Praxisalltag begegnen, werden wir unvermeidlich mit verstörenden Tatsachen des Lebens und mit der schrecklichen Grausamkeit konfrontiert, die manche unserer Patienten erlitten haben, so dass wir nicht anders können, als ihretwegen betroffen reagieren. Wir fühlen mit dem leidenden Patienten und natürlich geben wir denen die Schuld, die darin versagt haben, einen sicheren Start ins Leben zu bieten, der für eine gesunde Entwicklung notwendig ist. Wenn wir unseren Patienten jedoch zuhören, kommt es oft zu der paradoxen Situation, dass sie sich selbst die Schuld geben und sowohl bewusst als auch unbewusst mit Schuld und Scham ringen müssen, die meist mit dem Trauma selbst verknüpft sind.

Gewiss spielte das Opfer manchmal eine Rolle bei der Entstehung oder Aufrechterhaltung des Traumas, aber selbst die, die völlig unschuldig Ziele von Missbrauch sind, werden mit einer problematischen Beziehung zu ihren verinnerlichten Objekten zurückgelassen, die extrem vielschichtig und in der Therapie manchmal nur schwer zu entwirren ist. Sie sind mit Figuren ihrer frühesten Jahre konfrontiert, die ihnen schädliche Erfahrungen zugefügt haben, aber die auch selbst beschädigt waren. Die Patienten empfinden Hass und werden oft in Phantasien hineingezogen und zu Taten getrieben, die von Rache geleitet sind und weiteren Schaden verursachen, so dass der Teufelskreis, in dem das Opfer den Verfolger hasst und umgekehrt, schwer zu durchbrechen ist.

Diese Themen bilden den zentralen Kern dieses wichtigen Buches, in dem Heinz Weiß die komplexen Zusammenhänge untersucht, die dazu führen, dass Schuld auftaucht und in Beziehung zur Wiedergutmachung und Dankbarkeit tritt. Was er mit bewundernswerter Genauigkeit und Sensibilität zeigt, ist, dass selbst bei schwer traumatisierten Patienten der Teufelskreis des Traumas, der zu Rache und Verfolgung führt, durchbrochen werden kann, wenn der Patient beginnt, seinen eigenen Anteil an der Entstehung der verfolgenden Situation zu akzeptieren. Erst wenn er mit seiner eigenen Schuld konfrontiert wird, kann er sich in eine Richtung bewegen, die ihm die Wiederherstellung seiner inneren Objekte ebenso ermöglicht wie die Schaffung einer gesünderen inneren Umgebung, was weitere Entwicklung in Gang setzen kann. Das wesentliche Konzept, das dieser Bewegung zugrunde liegt, ist das der Wiedergutmachung, das Weiß mit der Anerkennung von Schuld verbindet, welche die Voraussetzung dafür ist, dass Dankbarkeit entstehen kann.

Heinz Weiß besitzt alle Voraussetzungen, um ein Buch von solcher Sensibilität und Breite zu schreiben. Zu seiner klinischen Erfahrung als Psychoanalytiker mit den schwierigen Patienten, die er beschreibt, kommt die Erfahrung als Leiter einer modellhaften Tagesklinik hinzu, in der psychoanalytische Gruppen- und Einzeltherapie für Borderline- und andere schwer gestörte Patienten angeboten werden. Beides gibt ihm ein ebenso umfassendes wie tiefes Verständnis und befähigt ihn, dem Leser einen hervorragenden Überblick über diesen faszinierenden Bereich psychischen Lebens zu verschaffen.

Es ist wichtig hervorzuheben, dass dieser Ansatz die oft verheerenden Auswirkungen des von außen zugefügten Traumas keineswegs unterschätzt. Vielmehr ist bemerkenswert, dass sich die Analyse von Schuld, Wiedergutmachung, Vergebung und Dankbarkeit als fruchtbares Feld für eine Untersuchung in der Analyse herausstellt, insbesondere als etwas, wofür Patienten oft dankbar sind. Analytiker, die sich auf die Seite der Klagen ihrer Patienten in deren Protest gegen das ihnen Zugefügte stellen, helfen ihnen nicht wirklich dabei, verstanden zu werden. Vielmehr kann dadurch beim Patienten der Eindruck entstehen, er habe seinen Analytiker zu einem heimlichen Einverständnis mit einer einseitigen Version der Wahrheit dessen, was ihm zugestoßen ist und wie er darauf reagiert hat, manipuliert.

Die Verbindung zwischen Wiedergutmachung und Dankbarkeit ist einer der originellsten Aspekte der Arbeit des Autors, der zu Recht darauf hinweist, dass Dankbarkeit ein Thema ist, das in der Vergangenheit nicht ausreichend untersucht wurde. Natürlich hat der schwer traumatisierte Patient nicht das Gefühl, viel bekommen zu haben, für das er dankbar sein könnte, so dass Reaktionen von Vorwurf und Hass nahe liegender sind. Wenn es jedoch gelingt, die komplexen Beziehungen herauszuarbeiten, wird es für den Analytiker möglich, das Schuldgefühl zu verstehen, das gewöhnlich unter dem Hass liegt. Dies ist deshalb so wichtig, weil erst dadurch die Fähigkeit des Patienten, zu lieben und zu vergeben, freigelegt wird. Zunächst muss der Hass in der Übertragung erfahren und analysiert werden; wenn dann die dadurch angerichtete Beschädigung deutlicher zum Vorschein kommt, kann der Schuld begegnet werden. Paradoxerweise wird sie deshalb gemindert, weil der verursachte Schaden Sorge und Bedauern anwachsen lässt. Diese Bewegungen können dazu führen, dass Wiedergutmachungsbestrebungen einsetzen, die Beziehung mit dem traumatisierenden Objekt dann weniger schwarz-weiß gefärbt ist und sowohl gute als auch schlechte Aspekte anerkannt werden können.

Eine der wesentlichen Schlussfolgerungen, zu denen Weiß gelangt, ist die, dass Wiedergutmachung wie auch Dankbarkeit ein Bewusstsein von der Getrenntheit zwischen Selbst und Objekt erfordern. Es schließt die Anerkennung mit ein, dass das Objekt Gutes enthält, von dem wir Unterstützung erfuhren. Entscheidend, aber noch unbeantwortet ist die Frage, warum dies manchmal so unerträglich ist, dass dadurch Neid sowie der Wunsch, die Güte des Objekts zu zerstören, ausgelöst werden, während dies in anderen Momenten toleriert werden kann und Gefühle der Dankbarkeit zutage treten dürfen. All dies hängt an der Fähigkeit, die Realität zu tolerieren, und zwar sowohl die grausame Realität der äußeren Welt, die solch gewalttätige Reaktionen in uns hervorruft, als auch die gleichermaßen vielschichtige Realität innerer Wünsche und Phantasien.

Weiß räumt ein, dass wir weit entfernt davon sind, vollständig zu verstehen, wodurch es möglich wird, Realität und besonders Schuld zu ertragen. Ein Faktor - so seine Überlegung - könnte die Fähigkeit sein, Vergänglichkeit anzuerkennen, eine Fähigkeit, die er bei den Patienten, die es schaffen, mit Dankbarkeit in Kontakt zu kommen, beeindruckend findet. Wenn wir auf omnipotente Weise eine Phantasie endloser Güte errichtet haben, verliert Dankbarkeit ihre Bedeutung. Im Gegensatz dazu wird der Wert einer guten Erfahrung gesteigert, wenn wir wissen, dass wir uns nur für eine begrenzte Zeit daran erfreuen können.

Das Thema der Vergänglichkeit findet sich in einem wichtigen früheren Buch von Weiß über den Fluss der Zeit (Weiß 2009). Darin zeigt er, dass ein essentieller Aspekt der Realität die Anerkennung von Endlichkeit ist, die die Konfrontation mit unserer Sterblichkeit umfasst sowie die Unausweichlichkeit dessen, dass »alle guten Dinge zu einem Ende kommen«, auch das Lebens selbst (Money-Kyrle 1971). Wenn wir unsere Sterblichkeit nicht akzeptieren können, ist die Bewältigung der für Entwicklung so wesentlichen Aufgabe, die Trauer durchzuarbeiten, unmöglich. Vielleicht ist die Akzeptanz der Vergänglichkeit der Zeit der wichtigste Faktor, damit Neid Dankbarkeit weichen kann. Der neidische Kampf, Rache zu üben und das Trauma, das wir erlitten haben, rückgängig zu machen, kann manchmal aufgegeben werden, wenn anerkannt wird, dass es zu spät ist und nicht länger lohnt, sich darum zu bemühen, den angerichteten Schaden ungeschehen zu machen, anstatt ihn zu akzeptieren. Wir können uns dann mit dem, was das Leben uns an Freude gelassen hat, abfinden und dankbar sein für das, was wir haben.

Die Bedeutung der Wiedergutmachung liegt sicherlich darin, dass schlechte Objekte weniger schlecht werden, wenn sie in ihren Kontext gestellt und ihre Vielschichtigkeit besser verstanden werden kann. Auf diese Weise werden gute Objekte wiederhergestellt ...

»Die Schwierigkeit und gleichzeitige Faszination einer vom Trauma geprägten Therapeut-Patienten-Beziehung wurde [...] spürbar und erinnerte und erinnerte mich zudem an eigene Fälle aus der Beraterpraxis. So könnte es den LeserInnen der Lektüre ebenfalls ergehen.«
Monika Hirsch-Sprätz, socialnet., 17.01.2019

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