Fußballtöchter

Roman
 
 
Querverlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 27. Februar 2012
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-89656-526-6 (ISBN)
 
Susi will nur eins im Leben: Fußball spielen. Doch 1970 herrscht ein offizielles Verbot für 'Damenfußball' auf Vereinsplätzen. Auch im privaten Umfeld bekommt sie Steine in den Weg gelegt. Frauen und Fußball - das ist in den Augen ihres Vaters ein Unding. Zum Glück hat sie fußballbegeisterte Freundinnen, die bereit sind, zusammenzuhalten und alles zu tun, um kicken zu können. Doch in dem schwäbischen Dorf ist die aufkeimende Frauenbewegung noch lange nicht angekommen, und zusammen mit Gerda, Hannelore und den anderen Mitspielerinnen muss Susi lernen, sich auch außerhalb des Fußballplatzes durchzusetzen. Und sie verliert ihr Herz nicht nur an Fußball ... Fußballtöchter ist ein bewegender Roman über die Stärke von Frauen, die selbstbewusst und mutig ihr Recht erstreiten: auf dem Spielfeld wie im Leben.

Elke Weigel, geboren 1963, lebt und arbeitet in Stuttgart. Sie ist Diplom-Psychologin und Tanztherapeutin. Zum Fußballspielen hat sie keinerlei Talent entwickelt, obwohl sie in ihrer Kindheit kickte und alle wichtigen Spiele im Fernsehen ansah. Sie hat einige Kurzgeschichten sowie Fachpublikationen veröffentlicht. Fußballtöchter ist ihr erster Roman.
  • Deutsch
  • 0,71 MB
978-3-89656-526-6 (9783896565266)
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1

Sonntag, 21. Juni 1970

"Susi!" Paps brüllte zum dritten Mal.

Susi hatte ihn längst gehört. Sie drehte den Knopf der Waschmaschine auf "Stopp" und unterbrach damit das Schleuderprogramm. Die nasse Wäsche räumte sie aus der Trommel in einen Korb, setzte ihn auf ihre Hüfte, packte den Wäscheständer mit der anderen Hand und zerrte das Gestell hinter sich her von der Waschküche in die Garage. Dort tropften schon Bettlaken von einem zweiten Ständer. Susi warf wahllos ein paar Hemden über dünne Stangen.

Als sie das Garagentor öffnete, schallte die Stimme ihres Vaters wieder durch den Garten.

"Susi! Verdammt noch mal, wo bleibt mein Bier!"

Susi machte kehrt, angelte zwei Bierflaschen aus dem Kasten neben der Tür zur Waschküche und beeilte sich, ins Wohnzimmer zu kommen. Von Weitem hörte sie die aufgeregte Stimme des Reporters aus dem Fernsehapparat: "In Mexiko-Stadt laufen jetzt die Spieler im Azteken-Stadion ein. Über hunderttausend Zuschauer sehen voller Erwartung dem Endspiel entgegen. Die fröhlichste und farbenfrohste WM ."

Die Jalousien waren heruntergelassen; der Fernseh­apparat tauchte den Raum in einen bläulichen Schimmer. Einen Moment blieb Susi auf der Türschwelle stehen, damit sich ihre Augen an das dämmrige Licht gewöhnen konnten. Ihr bot sich ein vertrautes Bild dar: Die Füße in Filzpantoffeln auf einem runden, afrikanischen Lederhocker, lümmelte ihr Vater im Unterhemd in seinem Sessel und streckte die Hand nach den Bierflaschen aus.

"Wo bleibst du denn so lange?" Paps ließ den Bügelverschluss aufschnappen und trank. Susi rückte den Beistelltisch näher an den Sessel heran, beschäftigte sich mit gespielter Fürsorglichkeit, um ihr Nervosität zu überdecken.

"Wo ist Martin?" Sie versuchte, ihre Stimme beiläufig klingen zu lassen.

"Psst!" Paps deutete mit der Bierflasche auf den Bildschirm, wo gerade die Nationalhymne erklang und die Kamera die Gesichter der Spieler von Nahem zeigte. Seine Fingernägel waren schwarz gerändert; er roch nach Metall und Schmieröl. Am Wochenende machte er Überstunden, denn er brauchte Geld für "Anschaffungen", wie er es nannte. Als Nächstes kaufte er bestimmt einen Farbfernseher.

"Wollte er nicht mit dir das Spiel ansehen?" Susi nahm den Marmoraschenbecher vom Sims, dabei spähte sie durch die Schlitze der Jalousien zur Straße.

"Er holt Zigaretten. Und jetzt lass mich gucken. Raus hier."

Susi stellte den Aschenbecher neben ihrem Vater ab. Dann hörte sie die Haustür aufgehen und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.

"Was soll eigentlich der Mist in der Garage?", schnauzte Martin. Er hinkte den Flur entlang und stieß seinen Stock stärker auf, als notwendig war. Susi ließ sich davon nicht beeindrucken. Ihr Bruder setzte seine Behinderung ein, wie es ihm günstig schien: um den Rasen nicht mähen zu müssen, um ein Auto zu bekommen, und wie jetzt, um Paps auf seine Seite zu ziehen. Dabei konnte er zwei Packungen HB aus seiner Jackentasche angeln und sehr gut ohne Stock zur Garderobe gehen. Susi verbat sich jedes mitleidige Gefühl für diesen Kleinstadt-Elvis mit den breiten Koteletten. Sie setzte ein unschuldiges Gesicht auf und ging an ihm vorbei in die Küche.

Martin schimpfte weiter. "Mach deine Wäsche gefälligst woanders."

"Könnt ihr nicht einmal ruhig sein? Gleich beginnt das Spiel!", rief Paps.

Martin warf seine Jacke auf die Ablage unter der Garderobe.

"Ich konnte nicht hineinfahren. Jetzt heizt sich mein Auto ."

"Psst! Der Anpfiff."

Martin ließ sich aufs Sofa sinken und öffnete das zweite Bier. "Schwesterlein, streich mir ein Leberwurstbrot mit Essiggurke und mach die Küchentür zu."

Susi hörte, dass der Ton lauter gedreht wurde. Sie hängte Martins Jacke an den Haken und tastete nach dem Autoschlüssel, den sie vorsichtig herauszog und in ihrer Hand verbarg. Leise ging sie zur Haustür, warf noch einen Blick zurück ins Wohnzimmer - die Männer waren längst vom Fußballspiel in den Bann gezogen - und huschte hinaus.

Aus der Waschküche holte sie ihre Sporttasche und rannte zu Martins schwarzem VW-Käfer. Sie stieg ein, löste die Handbremse und ließ den Wagen die Einfahrt hinunterrollen. Erst als sie sich sicher war, außer Hörweite zu sein, startete sie den Motor. Vergnügt drehte sie das Autoradio an.

"Pelé, Alberto. Ein Pass zu Rivalino ."

Susi lächelte. Paps und Martin hofften, Brasilien würde Italien schlagen, denn sie hatten sich immer noch nicht davon erholt, dass "sie" im Halbfinale gegen Italien verloren hatten.

Susi nutzte die Gelegenheit, ihr eigenes Spiel zu spielen.

Die Straßen waren wie leergefegt und in wenigen Minuten hatte sie den "Adler" erreicht. Das alte Gasthaus am Marktplatz lag gegenüber dem Rathaus und bildete den eigentlichen Mittelpunkt Beinsteins. An einer Stange neben der Tür schwebte der Reichsadler aus Schmiedeeisen und blitzte in der Junisonne. Gemalte Hopfenranken zierten die Balken des Fachwerks, die Kassetten leuchteten weiß. Hier wurde die Politik des Ortes gemacht. Nach Feierabend trafen sich die Männer, um die Tagesereignisse zu diskutieren, und zum Frühschoppen nach dem Gottesdienst am Sonntag. Unter der Woche aßen hier die Büroangestellten zu Mittag, sonntags die Familien, die es sich leisten konnten, und im Festsaal wurden Hochzeiten gefeiert und Versammlungen abgehalten. Als neueste Geschäftsidee bot der Wirt gemeinsames Fernsehen anlässlich der WM an. Paps hatte sich das nicht entgehen lassen, aber seit die Deutschen nur den dritten Platz belegt hatten, bevorzugte er seinen eigenen, wie er meinte, neueren Apparat. Susi vermutete, dass der wirkliche Grund, warum er heute nicht hinging, die Kommentare der anderen Männer waren, die er für Idioten hielt. Zu Hause hatte er recht, denn Martin widersprach ihm nie.

Aus den geöffneten Fenstern der Gaststube hörte Susi undeutlich die Stimme des WM-Kommentators und die typische Geräuschkulisse einer Fußballübertragung. Susi wartete mit laufendem Motor; sie hupte nicht, denn sie wollte keine Aufmerksamkeit erregen. Es dauerte nicht lange, bis Hannelore herauskam.

Sie sprang zum Auto, warf ihre Sporttasche auf den Rücksitz und stieg ein. Alles an Hannelore war kompakt und energiegeladen, ihre Haare standen wie unter Strom in die Höhe. Sie klappte den Blendschutz herunter, sah in den Spiegel und fuhr sich übers Gesicht.

"Puh, hab ich geschuftet!"

Als ihre Mutter vor neun Jahren starb, ging Hannelore mit fünfzehn von der Schule ab, um im "Adler" zu arbeiten, was sie mit Schwung und guter Laune tat. Sie kochte, bediente und putzte; Hannelore war ein Wirbelwind.

"Beeil dich, die Zeit ist knapp", sagte sie und streckte den Kopf aus dem Fenster. "Jetzt gib schon Gas!"

Susi fuhr los und bog, ohne zu blinken, ab. Bereits nach wenigen Minuten erreichten sie das Neubaugebiet, wo kleine Einfamilienhäuser mit spitzen Ziegeldächern, Garagen und Blumengärten standen. Gehwegen säumten die Straßen, eine Neuerung, die es in der Altstadt nicht gab. Hier wohnten die "besseren" Familien. Oberhalb der Siedlung lag am Waldrand der Sportplatz. Das Vereinsheim des SC-Beinstein bestand aus einer verrosteten Blechbaracke; blaue Farbe blätterte in großen Stücken ab und gab den grauen Untergrund frei. Ein paar Meter entfernt, unter den Tannen, stand ein Toilettenhäuschen aus morschem Holz. Gerade als Susi den VW parkte, schwang die Tür des Häuschens auf, Gerda sprang heraus und schloss den Haken mit spitzen Fingern. Sie trug Sandalen und einen Rock, der so kurz war, dass Susi sich fragte, wie sie sich damit setzen konnte.

"Widerlich, der Gestank!" Gerda umarmte Susi und Hannelore. "Wann wird endlich mit dem Neubau begonnen?"

Susi lachte. "Feine Begrüßung, Frau Etepetete. Ich weiß es nicht."

Plötzlich drängte es sie, ihre schlichte Baumwollhose mit der Sporthose zu vertauschen. In Gerdas Gegenwart fühlte sie sich schäbig und spürte ihre Herkunft, die Gerda sicher als "einfache Verhältnisse" bezeichnet hätte. Gerda, die Tochter des Bürgermeisters, studierte in Stuttgart und alles an ihr war "sehr": sehr schön, sehr anspruchsvoll und sie war sehr viel gebildeter als Susi. Das schüchterte Susi ein, sie fühlte sich unzureichend und gleichzeitig konnte sie die Augen nicht von Gerda lassen. Ständig fragte sie sich, was Gerda von ihr halten mochte. Sah sie nur ein großes Mädchen mit braunem Strubbelhaar und einer knabenhaften Figur? Oder registrierte sie das, was Susi an sich selbst in Ordnung fand: eine Frau mit viel Kraft und Talent zum Fußballspielen? Wenn sie gut gelaunt war, fand Susi sogar ihren Mund nicht zu groß, sondern hübsch geschwungen.

Hannelore dagegen kannte keine Minderwertigkeitsgefühle.

"Atme mal tief durch", flüsterte sie Susi ins Ohr.

Susi spürte, wie sie rot wurde. Sie gab Hannelore einen Stoß gegen die Schulter und wandte sich an Gerda.

"Wo sind die anderen?"

Gerda flocht ihre Haare zu einem festen Zopf und kniff die Augen zusammen, damit die Sonne sie nicht blendete.

"Da kommt Doris schon. O je, sie hat die Kinder dabei."

Ein rotes Mofa knatterte im Schneckentempo heran, das Vorderrad wackelte und Doris rief: "Halte dich gut fest, Oliver. Halte dich gut fest!"

Doris' Gesicht glühte und unter ihrem Kopftuch blitzten rote Haare hervor.

"Meine Mutter hat einen Gichtanfall, es tut mir so leid, dass ich die beiden...

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