Gebrauchsanweisung für Brüssel und Flandern

 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
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  • erschienen am 20. Mai 2015
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  • 208 Seiten
 
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978-3-492-97195-9 (ISBN)
 
Die Flamen, das sind überzeugte Weltbürger und geborene Gastgeber. Siggi Weidemann steckt uns an mit seiner Liebe zu Flandern, einst reichstes Land Europas, wo sich französische Lebensart und flämischer Geschäftssinn ideal vereinen, das beschwingt, barock und fröhlich daherkommt- kurz: mediterran. Er nimmt uns mit in die Schaltstelle Europas, nach Brüssel, die Mode-, Art-nouveau- und Comicstadt, und zu den drei schönen Schwestern Brügge, Gent und Antwerpen; zu den Seebädern der Belle Époque an die Nordseeküste und zum Arkadien von Pieter Brueghel; in die Heimat der Beethovens und von Hieronymus Bosch. Er geht der Wirkung des Trappistenbiers, dem Sprachenstreit und dem langen Ringen der Flamen um Identität nach. Und er zeigt uns das größte Diamantenzentrum der Welt.
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  • 3,50 MB
978-3-492-97195-9 (9783492971959)
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Siggi Weidemann studierte Kunstgeschichte und Archäologie und pendelt fast sein halbes Leben zwischen Amsterdam und Hamburg. 1983 war er zum ersten Mal in Flandern und auf Anhieb von Land und Leuten begeistert. In Den Haag arbeitete er als akkreditierter Korrespondent und war dabei jahrelang auch für Brüssel zuständig. Der mehrfach ausgezeichnete Journalist ist Autor der Süddeutschen Zeitung und veröffentlichte zahlreiche Bücher, bei Piper zuletzt die »Gebrauchsanweisung für Brüssel und Flandern«.

Bruegels flämisches Arkadien

Vielleicht war es die Sonne, die einfach nicht hinter den Hügeln untergehen wollte. Vielleicht war es die Fahrt über die holperigen Feldwege, vielleicht auch der Weinberg, über dem sich das wehrhafte Schloss Gaasbeek erhebt. Ganz sicher aber war es der Anblick der wetterfesten Reproduktionen des flämischen Malers, die am Wegesrand standen und die mir alle so bekannt vorkamen, besonders eins, Pieter Bruegels »Bauernhochzeit« in Sint-Anna-Pede. Der Mann, der vor der restaurierten Scheune auftaucht, grüßt und erkundigt sich, ob ich, da ich nun vor der Bauernscheune stehe, wisse, dass dort - vor beinahe einem halben Jahrtausend - Pieter Bruegel eine Bauernhochzeit miterlebt und gemalt habe. Es riecht ländlich, nach Pflanzen, nach Gemächlichkeit - und dann legt sich ein Schalter in meinem Bewusstsein um.

Vor dem Brüsseler Stadttor, dem Hallepoort, fand Bruegel sein »flämisches Arkadien«. Eine idealisierte Landschaft, in der Frohsinn und Heiterkeit sowie Ordnung zwischen Herrschern und Beherrschten herrschten. Der Blick reichte damals nicht über die eigene Kirchturmspitze. Anders als regional wurde hier nie gedacht.

Wer sich aufmacht, Flanderns äußersten Südwesten zu besuchen, der kommt ins Pajottenland. Ihren wunderlichen Namen verdankt diese Region der zu Lebzeiten Bruegels landestypischen flämischen Kopfbedeckung: den Strohhüten, op zijn pajots. Paillote ist das französische Wort für Strohhut. In der sanft hügeligen Landschaft des Pajottenlandes hat der Maler offensichtlich die Menschen für seine Volkskirmes und Bauernhochzeit, für seine Winterbilder und das vielfigurige Gewusel im bunten Treiben des Volkes gefunden. Im Wechsel von reger Stadt und bäuerlichem Fabelland hat er die Flamen tragisch und lustig, weise und närrisch, mystisch und sinnlich und stets auf der Suche nach Vergnügungen und Gott zugleich gemalt. Hier in Flämisch-Brabant entstand eine Art Menschheitsalbum der flämischen Renaissance, ein Panorama ländlicher Kultur und ein Spiegelbild des damaligen Lebensgefühls.

Flandern, diese europäische Region mit wachsendem Selbstbewusstsein, hat manche Künstler von Weltrang hervorgebracht. Etwa Jan van Eyck (um 1390 - 1441) oder Hans Memling (1435 - 1494), die ebenso bewundert werden wie der barocke Großmaler Peter Paul Rubens (1577 - 1640) oder sein Zeitgenosse Anthonis van Dyck (1599 - 1641). Auch dem surrealistischen Sonderling René Magritte (1898 - 1967) oder dem dekadent-geheimnisvollen Fernand Khnopff (1858 - 1921), dem Expressionisten James Ensor (1860 - 1949) werden viel Anerkennung zuteil. Aber der weltweit bekannteste und beliebte Brabanter Maler ist Pieter Bruegel der Ältere (um 1530 - 1569). Kaum einer genießt so hohes Ansehen wie er, der die Tradition des Brabanter Meisters des Absurden, Hieronymus Bosch, virtuos weiterführte. Unter dem Einfluss der Renaissance machten bei Bruegel die höllischen Visionen Platz für die ironischen Darstellungen des täglichen Lebens, und mit den menschlichen Schwächen, den Lustbarkeiten und den Leidenschaften, vor allem aber mit seinen atmosphärischen Bauernbildern malte er sich in Seelenleben und Sehnsüchte der Menschen hinein.

Bis er sein Arkadien fand, führte ihn sein Weg an zahlreichen Meilensteinen vorbei. Die Lebensgeschichte Bruegels ist geprägt von allem, was sein Zeitalter bewegte: wissenschaftliches Interesse an der Natur und die Entdeckung der Neuen Welt, apokalyptische Vorhersagen und finsterer Aberglaube, Humanismus und Reformation. Mit etwa fünfundzwanzig Jahren unternimmt der Malermeister seine Italienreise (1552 - 1554) und gehört als »Fiammingo a Roma« (Flame in Rom) zu jener großen Schar von Künstlern aus dem Norden, die in Rom, Neapel, Florenz oder Venedig waren, um die zwei Kulturen »zu sehen und davon zu lernen«, die den menschheitlichen Höhepunkt markieren: die klassische griechische und die italienische, die der Renaissance.

Was der Reisende Bruegel zu sehen bekam und was er lernte, prägte nicht nur das Wetter, sondern auch die Launen von Wirten, Gaunern und Auftraggebern. Bruegel gehörte wie andere flämische und Brabanter Maler zu den Wanderern und Pilgern, deren Blick in die Ferne gerichtet war. Sie fühlten sich im Europa der Renaissance als Weltbürger, weil es noch keine Staaten gab und ihr Aufbruch der Selbstfindung galt. Das erklärte Ziel: Den »Schönheitscanon« der Italiener zu erlernen und alles, wenn möglich, noch zu übertreffen. Bei den Darstellungen römischer Ruinen und imaginärer Gefilde, zeigt »Fiammingo« Bruegel sein Talent. Die bis in die Turmspitzen ausgeführten Bruegellandschaften waren in Italien sehr populär, führten sie doch die frische Renaissance aus der örtlichen Beschränktheit in die weite Welt hinaus. Bilder, die für den Export bestimmt waren, wurden auf Leinen gemalt, damit sie aufgerollt und leichter transportiert werden konnten. Sonst verwendete man Holztafeln als Bildträger.

Der Flame Karel van Mander (1548 - 1606), der ebenfalls in Rom studierte, beschreibt in seinem »Schilder-Boek« zahlreiche Künstlerviten. Über die Arkadienwanderungen Bruegels berichtete er: »Er hatte viel nach den Sachen von Hieronymus Bosch gearbeitet und malte auch viel Spukbilder und humoristische Szenen, weswegen er von vielen >Pieter der Drollige< genannt wurde . Er ging häufig hinaus zu den Bauern, wenn Kirmes oder eine Hochzeit stattfand. In Bauerntracht verkleidet und brachte Geschenke mit unter dem Vorgeben, zur Verwandtschaft der Braut oder des Bräutigams zu gehören. Es machte Bruegel großes Vergnügen, die Art der Bauern bei Prasserei, Saufen, Unzucht, Tanzen, Springen und anderen spaßhaften Dingen zu beobachten, die er sehr hübsch und komisch mit der Farbe wiederzugeben verstand.« Der französische Dichter Charles Baudelaire (1821 - 1867) weigerte sich, »das teuflisch amüsante Pandämonium Bruegels des Drolligen anders als eine Art von besonderer, satanischer Begnadung zu deuten«.

Auch seine zwei Söhne haben zur Namensbekanntheit des alten Bruegel, der als eine epochale Erscheinung zwischen Renaissance und Barock und als Held des Volkes gefeiert wurde, beigetragen. Jan (1568 - 1625) und Pieter (1564 - 1638), ebenfalls bekannte Maler, sorgten dafür, dass es viele Brueghels gibt: Sie gründeten das Unternehmen Brueghel und kopierten mit mehr oder weniger begabten Kollegen im Antwerpener Atelier die Arbeiten des Vaters. Im Gegensatz zu heute war das Kopieren populärer Werke in den Künstlerstädten Antwerpen, Brüssel und Brügge wie auch anderswo eine akzeptierte Praxis und die Frage »Original oder Kopie?« spielte eine untergeordnete Rolle. Über die Anzahl der kopierten Werke gibt es nur Schätzungen, aber es müssen Hunderte gewesen sein, die auch auf Jahrmärkten verkauft wurden. Allein vom »Bauernadvokat« sind zweiundneunzig Versionen, von der »Anbetung der Könige im Schnee« achtunddreißig, von der »Volkszählung zu Bethlehem« dreizehn und von der »Winterlandschaft mit Schlittschuhläufern« gar hundertdreißig Kopien bekannt. Diese Arbeiten wurden mit Bruegel, Brueghel oder Breugel signiert und diese Namensvariationen sorgen für Irritation. Hier die einfachste Fassung: Der Vater heißt Pieter Bruegel der Ältere, der »Bauern-Bruegel«. Seine Söhne sind Pieter Brueghel der Jüngere, der »Höllenbrueghel«, und Jan Brueghel der Ältere, der »Samtbrueghel«. Im Unterschied zum Vater werden Söhne und Enkel mit »h« geschrieben. Insgesamt vier Generationen umfasst die Brueg(h)el-Dynastie. Pieter der Jüngere steht als ein recht steifer Kopist des Alten in den Kompendien. Sein Bruder Jan, der mit Rubens in Rom studierte, gilt dagegen als fortschrittlicher Künstler.

Dank der brueg(h)elschen Bilderflut kennen wir zwar alle unseren Bruegel d. Ä., aber trotz seines Ruhms wissen wir nicht viel über sein Leben. Er wurde zwischen 1525 und 1535 irgendwo bei Antwerpen geboren und war Mitglied der Antwerpener Sankt-Lucas-Gilde. Seine arkadischen Darstellungen bilden das Dekor für seine comédie humaine, das Lustspiel von flämischen Dorfplätzen und Landschaften. Mit dem Jahrmarkt der Eitelkeiten und des Selbstbetrugs treibt er seinen Spott, und das fasziniert. Und wir trivialisieren seine Malerei, wenn wir seine Arbeiten mit dem Blick von heute betrachten. Für die Menschen damals hatte alles eine andere Bedeutung, ob es sich nun um die gemeinsamen Mahlzeiten, die Liturgie in der Kirche, die Farben, die geweihten Statuen, die Kunst oder um das Wetter drehte.

Die Nachfrage nach Bruegelbildern war überwältigend und auch seine Radierungen wurden in großen Auflagen verkauft. Bruegel und andere Maler lebten nicht nur von Großaufträgen. Sie malten auch Alltagswerk, das in Ausstellungshallen zum Kauf angeboten wurde. Das war bereits Albrecht Dürer bei seiner Flandernreise 1520 - 21 aufgefallen. In seinen Reisenotizen ist zu lesen, dass alle Bevölkerungsschichten, von Gastwirten, Soldaten und Hausknechten über Musikanten bis zu den reichen Kaufleuten, Bilder oder Zeichnungen erwarben und sich porträtieren ließen. Vielleicht hängt in mancher alten flämischen Familie noch der eine oder andere Brueg(h)el überm Kamin. Schließlich wurde vor einigen Jahren auch ein Rembrandt auf einem Flohmarkt...

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