Golem und Dschinn

Roman
 
 
Hoffmann & Campe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 16. August 2013
  • |
  • 624 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-81233-6 (ISBN)
 
New York, 1899: Hier begegnen sich Chava und Ahmad, eine Frau aus Ton und ein Mann aus Feuer, deren Schicksal seit Jahrhunderten unauflöslich miteinander verknüpft ist. Chava ist ein Golem, zum Leben erweckt von einem skrupellosen Rabbi. Sie kann die Wünsche und Sehnsüchte der Menschen um sich herum spüren. Als ihr Meister stirbt, muss sie sich allein in New York zurechtfinden. Ahmad ist ein Dschinn, der eingeschlossen in einer Kupferflasche auf Umwegen nach Manhattan gelangt. Seine Neugier und seine Leidenschaft sind ihm schon einmal zum Verhängnis geworden. Ihm fällt es schwerer als Chava, sich in das menschliche Leben zu fügen. In einer kalten Winternacht kreuzen sich zufällig die Wege von Chava und Ahmad, von Golem und Dschinn. Sie entdecken ihre Seelenverwandtschaft: In der Welt der Menschen suchen beide nach Liebe und Freundschaft, und ständig schwebt die Gefahr, entdeckt zu werden, über ihnen. Als ein übermächtiger Feind auf den Plan tritt, müssen sie gemeinsam eine schicksalhafte Entscheidung treffen.
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 2,46 MB
978-3-455-81233-6 (9783455812336)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Helene Wecker wuchs in Libertyville, Illinois, einer Kleinstadt nördlich von Chicago, auf. Nach ihrem Anglistikstudium arbeitete sie in Minneapolis und Seattle in den Bereichen Marketing und Werbung. Danach studierte sie Kreatives Schreiben an der Columbia University in New York. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihrer Tochter bei San Francisco. Golem und Dschinn ist ihr erster Roman. Mehr Informationen unter: www.helenewecker.com

Kapitel 1


Das Leben des Golems begann im Frachtraum eines Dampfers. Es war im Jahr 1899, und die Baltika war unterwegs von Danzig nach New York. Der Meister des Golems, ein Mann namens Otto Rotfeld, hatte ihn in einer Kiste an Bord geschmuggelt und zwischen anderen Gepäckstücken versteckt.

Rotfeld war ein polnischer Jude aus Konin, einer geschäftigen Stadt an der Warthe. Als einziger Sohn eines wohlhabenden Möbelschreiners hatte er den Familienbetrieb nach dem vorzeitigen Tod seiner Eltern, die an Scharlach gestorben waren, früher geerbt als erwartet. Aber Rotfeld war ein hochmütiger Taugenichts, besaß keinerlei gesunden Menschenverstand, und es waren noch keine fünf Jahre vergangen, da hatte er die Schreinerei in Grund und Boden gewirtschaftet.

Rotfeld stand in den Ruinen seiner Existenz und zog Bilanz. Er war dreiunddreißig Jahre alt. Er wollte eine Frau, und er wollte nach Amerika.

Die Frau war das größere Problem. Abgesehen von seinem hochmütigen Auftreten war Rotfeld schlaksig und unansehnlich und neigte obendrein zu Anzüglichkeiten. Frauen waren nicht gern mit ihm allein. Nach Antritt seines Erbes hatten ihn ein paar Heiratsvermittlerinnen aufgesucht, aber ihre Kandidatinnen stammten aus ärmlichen Familien, und er hatte sie abgewiesen. Als schließlich alle begriffen hatten, dass von ihm als Geschäftsmann nichts zu erwarten war, erhielt er überhaupt keine Angebote mehr.

Rotfeld war zwar hochnäsig, aber er war auch einsam. Er hatte noch nie eine Liebschaft gehabt. Wenn er auf der Straße an würdigen Damen vorüberging, sah er den Abscheu in ihren Blicken.

Alsbald verfiel er auf die Idee, dem alten Yehudah Schaalman einen Besuch abzustatten.

Über Schaalman kursierten zahllose unterschiedliche Gerüchte, dass er ein in Ungnade gefallener, von seiner Gemeinde verstoßener Rabbi war; dass einst ein Dibbuk in ihn gefahren war und ihn mit übernatürlichen Kräften ausgestattet hatte; sogar dass er über hundert Jahre alt war und mit weiblichen Dämonen schlief. Aber in einem Punkt stimmten die Geschichten überein: Schaalman versuchte sich in riskanten kabbalistischen Künsten und war willens, seine Dienste für Geld zu verkaufen. Unfruchtbare Frauen suchten ihn mitten in der Nacht auf und wurden bald darauf schwanger. Bauernmädchen, die sich die Zuneigung eines Mannes wünschten, kauften Schaalmans Pülverchen und rührten sie in das Bier ihrer Angebeteten.

Doch Rotfeld wollte keine Zaubersprüche oder Liebestränke. Er hatte etwas anderes im Sinn.

Er ging zu der baufälligen Hütte des alten Mannes, die sich tief im Wald vor Konin befand. Ein Trampelpfad führte zu seiner Tür. Schmieriger gelblicher Rauch stieg aus einem Ofenrohr, der einzige Hinweis, dass die Hütte bewohnt war. Die Mauern der Hütte neigten sich einer nahen Schlucht zu, durch die sich ein Fluss wand.

Rotfeld klopfte und wartete. Nach einer Weile hörte er schlurfende Schritte. Die Tür wurde eine Handbreit geöffnet, und ein ungefähr siebzigjähriger Mann kam zum Vorschein. Er war – von ein paar Haarbüscheln abgesehen – glatzköpfig. Die Wangen über dem ungepflegten Bart waren von tiefen Furchen durchzogen. Er starrte Rotfeld an, als wolle er ihn auffordern, etwas zu sagen.

»Sind Sie Schaalman?«, fragte Rotfeld.

Der Mann antwortete nicht, sondern starrte ihn weiter an.

Rotfeld räusperte sich nervös. »Ich möchte, dass Sie mir einen Golem machen, der als Mensch durchgeht«, sagte er. »Es soll eine Frau sein.«

Der alte Mann lachte bellend. »Junger Mann«, sagte er, »wissen Sie, was ein Golem ist?«

»Eine Person aus Lehm«, antwortete Rotfeld unsicher.

»Falsch. Ein Arbeitstier. Ein schwerfälliger, hirnloser Sklave. Ein Golem soll beschützen und brutale Gewalt anwenden, für die Freuden des Bettes ist er nicht geeignet.«

Rotfeld wurde rot. »Heißt das, dass Sie es nicht können?«

»Ich sage nur, dass es eine lächerliche Vorstellung ist. Einen Golem zu machen, der als Mensch durchgeht, ist nahezu unmöglich. Zum einen bräuchte er – oder sie – ein gewisses Bewusstsein seiner Selbst, wenn auch nur, um mit jemand reden zu können. Ganz zu schweigen von einem Körper mit realistischen Gelenken und Muskeln …«

Der alte Mann verstummte und schaute an seinem Besucher vorbei. Er schien zu überlegen. Plötzlich kehrte er Rotfeld den Rücken zu und verschwand im Dunkeln der Hütte. Durch die offene Tür sah Rotfeld, wie er einen Stapel Papiere gründlich durchforstete. Dann wandte er sich von den Papieren ab, nahm ein altes ledergebundenes Buch in die Hand und blätterte darin. Er fuhr mit dem Finger über eine Seite und las etwas. Schließlich blickte er zu Rotfeld.

»Kommen Sie morgen wieder«, sagte er.

Als Rotfeld am nächsten Tag klopfte, öffnete Schaalman sofort. »Wie viel können Sie zahlen?«, wollte er wissen.

»Dann können Sie es also machen?«

»Beantworten Sie meine Frage. Das eine entscheidet über das andere.«

Rotfeld nannte eine Summe. Der alte Mann schnaubte. »Die Hälfte mehr, mindestens.«

»Aber ich habe fast nichts mehr!«

»Betrachten Sie es als Schnäppchen«, sagte Schaalman. »Denn steht nicht geschrieben, dass ein tugendsames Weib edler ist als Perlen? Und ihre Tugendhaftigkeit«, er grinste, »garantiere ich Ihnen!«

Drei Tage später brachte Rotfeld das Geld in einer großen Tasche. Am Ufer des nahen Flusses war ein frisches Loch ungefähr von der Größe eines Menschen ausgehoben. Ein lehmbeschmierter Spaten lehnte an einer Mauer.

Ein zerstreut dreinblickender Schaalman öffnete die Tür, als wäre er in einem entscheidenden Moment gestört worden. Lehm klebte an seinen Kleidern und hatte sich in seinem Bart verfangen. Er sah die Tasche und nahm sie Rotfeld kurzerhand ab.

»Gut«, sagte er. »Kommen Sie in einer Woche wieder.«

Bevor die Tür zuschlug, konnte Rotfeld noch einen Blick in die Hütte werfen und sah auf dem Tisch Teile einer dunklen Gestalt liegen – einen schlanken Torso, roh geformte Gliedmaßen und eine Hand mit eingezogenen Fingern.

»Wie hätten Sie die Frau denn gern?«, fragte Schaalman.

Dieses Mal ließ er Rotfeld in die Hütte. Das Innere wurde beherrscht von dem Tisch, den Rotfeld schon einmal kurz gesehen hatte, und der junge Mann konnte nicht umhin, verstohlen Blicke auf die daraufliegende Gestalt zu werfen: eine Gestalt in menschlicher Form, bedeckt mit einem Laken. Er sagte: »Wie meinen Sie das, wie ich die Frau gern hätte

»Ich erschaffe eine Frau für Sie und habe angenommen, dass Sie ein Wörtchen mitreden wollen.«

Rotfeld runzelte die Stirn. »Mir gefällt eine hübsche Figur, ich –«

»Nicht ihre körperlichen Eigenschaften, noch nicht. Ihr Temperament. Ihr Wesen.«

»Das können Sie auch festlegen?«

»Ja, ich glaube, das kann ich«, sagte der alte Mann stolz. »Zumindest kann ich bestimmte Richtungen vorgeben.«

Rotfeld dachte nach. »Ich möchte, dass sie gehorsam ist.«

»Das ist sie sowieso«, sagte Schaalman ungeduldig. »Ein Golem ist ein Sklave Ihres Willens. Was immer Sie ihr befehlen, wird sie tun. Sie will es auch gar nicht anders.«

»Gut«, sagte Rotfeld. Aber er war ratlos. Nachdem ihr Aussehen und Gehorsam erledigt waren, wusste er nicht recht, was er sich sonst wünschen sollte. Er wollte es schon Schaalman überlassen, das zu tun, was er für das Beste hielt – doch dann erinnerte er sich plötzlich an seine kleine Schwester, das einzige Mädchen, das er jemals wirklich gekannt hatte. Sie war ungemein neugierig gewesen, eine Last für ihre Mutter, weil sie ständig um sie herumwuselte und Fragen stellte. In einer seltenen Anwandlung von Großzügigkeit hatte der junge Otto sie unter seine Fittiche genommen. Gemeinsam waren sie ganze Nachmittage durch die Wälder gestreift, und er hatte ihr Antworten auf alle Fragen gegeben. Als sie zwölf Jahre alt war, ertrank sie an einem Sommernachmittag im Fluss, und Otto Rotfeld verlor den einzigen Menschen, der ihm im Leben wirklich etwas bedeutet hatte.

»Sie soll neugierig sein«, sagte er zu Schaalman. »Und intelligent. Ich mag keine dummen Frauen. Und oh«, fuhr er fort, da er an seiner Aufgabe wuchs, »sie soll anständig sein. Nicht … unzüchtig. Eine richtige Dame.«

Die Augenbrauen des alten Mannes schossen in die Höhe. Er hatte erwartet, dass sein Kunde mütterliche Güte oder einen gesunden sexuellen Appetit oder beides verlangen würde; die jahrelange Produktion von Liebeszaubern hatte ihn gelehrt, was Männer wie Rotfeld von Frauen wollten. Aber Neugier? Intelligenz? Er fragte sich, ob der Mann wusste, was er verlangte.

Aber er lächelte nur und spreizte die Finger. »Ich werde es versuchen«, sagte er. »Das Ergebnis wird vielleicht nicht genau so sein, wie Sie es wünschen. Mit Lehm sind die Möglichkeiten begrenzt.« Dann verdüsterte sich seine Miene. »Aber vergessen Sie nicht. Das eigentliche Wesen so eines Geschöpfs kann nur geringfügig verändert werden. Sie wird immer ein Golem bleiben. Sie wird die Kraft von einem Dutzend Männer haben. Sie wird Sie, ohne nachzudenken, beschützen und dabei anderen Schaden zufügen. Es hat noch nie einen Golem gegeben, der nicht irgendwann Amok gelaufen ist. Sie müssen bereit sein, sie zu vernichten.«

Am Abend, bevor Rotfeld in See stach, war der Golem fertig. Er ging mit einer Bierkutsche, die mit einer großen hölzernen Kiste, einem schlichten braunen Kleid und einem Paar Frauenschuhe beladen war, ein letztes Mal zu Schaalman.

Der alte Mann hatte offenbar lange nicht geschlafen. Seine Augen waren dunkle Höhlen, und er war...

»Ein schier unwiderstehliches Lesevergnügen. Immerzu geschieht etwas Neues und Erstaunliches, sodass einen das Ende dieses Roman nur widerwillig in die Wirklichkeit zurückkehren lässt. Süffige Lesegenuss.«
 
»Man muss wahrlich kein Freund
von Fantasy-Literatur sein, um sich von dieser grandios fabulierten Geschichte
begeistern zu lassen.«
 
»Helene Wecker verknüpft aufs
Spannendste jüdische und arabische Sagen und Legenden zu einem fanastischen
Lesevergnügen.«
 
»Die märchenhafte Geschichte der
US-Amerikanerin Helene Wecker vereint Poesie, Spannung und Action, aber auch
nachdenkliche Momente über die Schwierigkeit der Selbstfindung.«

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