Das Lachen und der Tod

 
 
Blessing (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 19. August 2013
  • |
  • 320 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-07952-9 (ISBN)
 
Der Held und Ich-Erzähler dieses Romans, Ernst Hofman aus Amsterdam, ist von Beruf Komiker. Er lebt für den Applaus und von dem Gelächter seiner Zuhörer. Da seine verstorbene Mutter Jüdin war und er mit politischen Witzen auffällig geworden ist, wird er 1944 in einem Viehwaggon mit anderen Verfolgten in ein Konzentrationslager gebracht. Doch Ernst Hofman kann nicht anders, er bleibt selbst im Lager Komiker und erzählt, mit Billigung des Barackenältesten, abends den Mitgefangenen Witze, um sie vor der endgültigen Verzweiflung zu bewahren und von dem Grauen abzulenken.

Als der deutsche Lagerkommandant das erfährt, will er Hofman dazu bringen, abends vor den SS-Leuten als Kabarettist aufzutreten. Erst weigert sich der Komiker, doch dann verspricht ihm der Lagerkommandant, die Frau, in die sich Hofman auf dem Transport verliebt hat, am Leben zu lassen. Es ist ein diabolischer Vorschlag, der den Häftling an die Grenzen seines Gewissens und seines Überlebenswillens führt.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Blessing
  • 0,55 MB
978-3-641-07952-9 (9783641079529)
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Staub im Mund, überall Asche und Sand. Die Erde bebte - und über mir baumelte bedrohlich ein Querbalken, der aus der Verankerung gerissen war. Irgendwo in dem verlassenen Haus krachte es. Ich wusste nicht genau, wie weit es noch bis zur Front war, aber der Kanonendonner war nicht zu überhören - nicht zuletzt wegen der geborstenen Mauern und des Loches im Dach. Langsam richtete ich mich auf. Mir dröhnte der Kopf, wohl auch vom vielen Schnaps. Ich spuckte mehrmals aus, klopfte meine Uniformjacke ab und versuchte mir die Ohren mit der Kragenspitze zu säubern.

Es war schon Mittag. Ich hatte in einem Kinderbett geschlafen, auf der Bettdecke. Das eiserne Gitter am Fußende war verbogen und hing nach unten. Hatte ich es kaputt getreten? Auf dem Dielenboden, unter einer dicken Staub- und Schmutzschicht, lagen Kinderkleider, die Scherben eines zerbrochenen Bechers und ein verbeultes Blechauto, auf das ein Bild gefallen war. Ich griff nach meinem Tornister und stand auf. Um den Raum zu verlassen, brauchte ich gar nicht erst nach der Tür zu suchen.

Das Dorf war wie ausgestorben. Ich wusste nicht, wie dieser Ort in Frankreich hieß, aber sein Name war mehr oder weniger überflüssig geworden: Wohnhäuser, Läden, ein größeres Gebäude, das vielleicht einmal eine Schule gewesen war - alles war bis zur Unkenntlichkeit zerstört. Die Struktur des Dorfes bestand nur noch im Gedächtnis der Bewohner. Nicht einmal die Alten, deren Erinnerungen an ihr ganzes Leben nun unter den Trümmern lagen, würden sich hier noch zurechtfinden.

Vorsichtig stieg ich über Steinbrocken, Dachziegel, zerborstene Fenster, herausgerissene Balken und zersplittertes Holz hinweg. Mitten in dem Schutt fielen mir ein Kinderwagen, eine gesprungene Toilettenschüssel und ein Esstisch auf, dessen Beine nach oben zeigten. Ein paar Schritte weiter lugte zwischen Steinen das schmuddelige himmelblaue Abendkleid einer Dame aus besseren Kreisen hervor. In einem Patrizierhaus klaffte ein enormes Loch, durch das man ein Schlafzimmer mit zerfetzter hellgrüner Medaillon-Tapete sehen konnte, ein Doppelbett mit bordeauxroter Tagesdecke und einen Waschtisch mit Schüssel und Krug - ganz so, als wäre es das Puppenhaus eines Riesen.

Weiter vorn scharrte ein Hund. Doch noch eine Spur von Leben! Das Tier hatte ein kurzes weißes Fell mit schwarzen Flecken. Er pinkelte gegen eine niedrige Mauer und sprang fröhlich davon.

Ich kam zu einem Platz, besser gesagt zu einer freien Fläche mit ein paar Bäumen, die nichts als schwarz verkohlte Stümpfe waren. Dort ragten die Außenmauern einer ansonsten zerstörten Kirche hervor. Der Turm war zur Hälfte weggesprengt, die schwere Eichenholztür mit den Eisenbeschlägen hing schief in den Angeln, und das halbrunde Buntglasfenster mit der weißen Lilie - die Blume der Unschuld - hatte einen Sprung. Ich drückte sie auf .

. und schaute nach oben: Seltsam, dass man den Himmel sehen konnte. Alle Buntglasfenster waren geborsten oder lagen in Scherben auf dem marmornen Kirchenboden. Vor mir war, halb von Trümmern begraben, ein schwarzer gusseiserner Kronleuchter ohne Kerzen, der von Lichtstrahlen, in denen Staubpartikel tanzten, erfasst wurde. Mein Blick fiel auf die Madonna: Nicht einmal sie war unversehrt geblieben. Ihr linker Arm lag in Trümmern zu ihren Füßen, was sie nicht weiter zu stören schien.

Ich wischte Scherben und Schutt von einer der Kirchenbänke und setzte mich. Verzweiflung stieg in mir auf, mehr noch, ich wusste nicht, was ich getan hatte, wer ich überhaupt war. Nichts als Leere und Bitterkeit. Nach einer Weile zog ich die Pistole aus meinem Tornister - eine Luger, die einem gefallenen deutschen Offizier gehört hatte - und wog sie in meiner Hand.

Dann eben hier.

Es war wirklich absurd. Wie viele Möglichkeiten, den Heldentod zu sterben, hatte ich ungenutzt verstreichen lassen? Ich hätte bloß den Kopf über die Brustwehr strecken oder bei Angriffen als Erster aus dem Schützengraben springen müssen. Die Kugel, die für dich bestimmt ist, wurde längst geschmiedet  - wie oft war mir dieser Gedanke schon gekommen? Und genau diese Kugel trug ich nun selbst bei mir.

Ich lud durch und entsicherte, hielt mir den Lauf unters Kinn: kühler Stahl, der Geruch von Waffenfett. Ein Spatz flatterte an den Pfeifen der herabgestürzten Orgel vorbei und ließ sich auf einer der vorderen Bänke nieder. Ich brauchte nur den Finger zu krümmen, und schon wäre alles vorbei. Das große Nichts - vielleicht hatte wenigstens das noch etwas Schönes oder Poetisches, jetzt, da alles um mich herum seine Form und seinen Glanz verloren hatte. Noch wagte ich es nicht, den Abzug zu drücken. Ich schloss die Augen und versuchte an nichts mehr zu denken.

»Das ist nicht dein Ernst, junger Mann.«

Eine tiefe Männerstimme mit einem starken französischen Akzent. Ich schlug die Augen wieder auf. Vor mir stand ein Priester in einer langen schwarzen Soutane, die linke Hand schwer auf eine Krücke gestützt.

»Glaub mir, der Tod ist kein Ausweg!«

Ich zögerte. Ich brauche nur den Finger zu krümmen. Jetzt. Jetzt!

Ich stieß einen Schrei aus, sprang auf, zielte in die Luft und drückte wie von Sinnen ab. Drei Mal, vier Mal, fünf Mal. Nach zweimaligem Klicken warf ich die Waffe weg. Ich schrie und lachte, laut und höhnisch.

Der Priester rührte sich nicht. Er schaute mich bloß an, als hätte ich gerade ein Theaterstück aufgeführt. Stille trat ein. Ich fühlte mich leer und zerschlagen.

»Gut so!«, sagte der Priester und schaute nach oben. »Ich kann nur hoffen, dass du es nicht auf Gott abgesehen hattest.« Seelenruhig ging er zu der Pistole, hob sie auf und betrachtete sie eine Weile. »Was hat dich hierher verschlagen? Hast du dich verirrt? Bist du geflohen, desertiert?«

Ich holte tief Luft. »Ich habe Heimaturlaub, Hochwürden.«

Er kniff die Augen zusammen. »Heimaturlaub. Warum bist du dann nicht in dein Dorf zurückgekehrt?«

»Das ist eine lange Geschichte.«

»Wie heißt du?«

»Reinhardt. Julius Maria Reinhardt.«

»Hast du schon was gegessen? Vermutlich nicht. Los, komm mit!«

Er drehte sich um, stützte sich auf seine Krücke und schwankte ans andere Ende der Kirche. Das linke Bein zog er bei jedem Schritt nach. Ich folgte ihm mechanisch. An einer Wand hing ein großes Holzkreuz, man sah noch die Löcher von den Nägeln. Davor lag eine Figur, die bronzenen Arme ausgebreitet, begraben unter einem Deckenbalken, der ihn vermutlich im Fallen gestreift und mitgerissen hatte. Der Priester blieb kurz stehen. »Traurig, nicht wahr? Seit zwei Wochen liegt er nun so da. Aber ich belasse es dabei, denn ich werde Jesus ganz bestimmt nicht ein zweites Mal ans Kreuz nageln!«

Hinter der Kirche ragte immer noch stolz das alte Pfarrhaus empor, was man getrost als Wunder bezeichnen konnte. Ein paar Steinbrocken waren aufs Schieferdach gefallen, mehr nicht. Auch auf dem Friedhof lagen keinerlei Trümmer, er war in einem erstaunlich guten Zustand. An seinem äußersten Rand entdeckte ich ein Dutzend frischer Gräber, auch kleine, alle noch ohne Gedenkstein.

Durch eine Seitentür betraten wir das Pfarrhaus und gingen durch einen schmalen Flur, vorbei an einem randvoll mit Wasser gefüllten Zinkeimer. Ein nasses, um den Henkel geknotetes Seil lag in einer Pfütze auf dem Ziegelboden. Das Küchenfenster bot einen unverstellten Blick auf das verwüstete Dorf. Auf der Anrichte stand ein Petroleumkocher mit einem uralten, verrußten Kessel, darin duftender Kaffee. Der Priester schenkte zwei Becher ein und schob mir ein Brett mit einem Stück Brot hin.

»Willst du sonst noch irgendwas? Es gibt Blutwurst, Zwieback, Aprikosenmarmelade, Pökelfleisch und Corned Beef.« Er öffnete einen Vorratsschrank, vollgestopft mit Lebensmitteln. »Ich habe hier bestimmt noch dreißig, vierzig Konserven mit Soldatenverpflegung stehen. Auch deutsche Ware.«

»Deutsche?«

»Ja, von katholischen Deutschen vermutlich.« Er grinste. »Dieses Dorf ist mindestens zehn Mal von verschiedenen Truppen besetzt worden. Deutsche, Franzosen, Engländer - alle sind sie hier gewesen. Als Geistlicher bin ich unparteiisch. Die Soldaten kommen, um zu beten, und stecken mir alles Mögliche zu. Ein paar Iren haben mir sogar eine Flasche Whiskey dagelassen. Und jetzt befindet sich das Dorf - oder besser gesagt, was noch davon übrig geblieben ist - wieder in euren Händen. Seit einer Woche ist es ruhiger, die Front hat sich etwas weiter nach Süden verlagert, auch wenn sich der Kanonendonner heute früh wieder ganz nah angehört hat. Aber nun iss, mein Junge, iss!«

Ich nahm von dem Brot und der Marmelade.

»Sie sprechen aber gut Deutsch.«

»Ich komme aus Lothringen, mein Vater hat deutsche Wurzeln. Englisch zu sprechen fällt mir deutlich schwerer. Ich hatte auch schon Senegalesen hier. Wenn die kein Französisch können, bin ich aufgeschmissen.«

»Warum leben Sie immer noch hier?«

»Wo soll ich sonst hin? Dies ist mein Zuhause.«

»Sind noch andere im Dorf geblieben?«

»Wie du vielleicht bemerkt hast, sind am Dorfrand ein paar wenige Häuser stehen geblieben. Dorthin sind in den letzten Tagen einige wenige zurückgekehrt. Lucius, der Totengräber, kommt manchmal zum Tee. Er bringt mir frisches Wasser und kümmert sich um den Friedhof. Eigentlich müsste er jeden Moment hier sein. Aber vorläufig bin ich ein Hirte ohne Herde.«

Im Wohnzimmer roch es nach Mottenkugeln. Die Einrichtung war schlicht: verschossene beige Vorhänge und kaputter Stuck an...

"Ich bewundere Webeling, der nach seinen gründlichen Recherchen das Leben und Sterben in den Lagern so wirklichkeitsgetreu beschrieben hat."
 
"Über das Dritte Reich und den Holocaust wurden bereits unzählige Bücher geschrieben. Das Lachen und der Tod ist eines der besten!"
 
"Auf völlig neue Art und Weise werde ich bei Pieter Webeling mit dem Holocaust konfrontiert. ... Dieses Buch habe ich verschlungen."
 
"Eines der erschütterndsten und schönsten Bücher, die ich je gelesen habe."
 
"Webelings Roman dringt in Bereiche vor, die selbst historische Zeitzeugen oft aussparen." (de Volkskant)
 
"Ein wunderschönes, packendes Buch darüber, wie Humor einen Menschen in der Hölle rettet." (Youp van't Hek, holländischer Komiker)

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