Das verborgene Lied

Roman
 
 
Diana Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 14. Oktober 2013
  • |
  • 576 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-11293-6 (ISBN)
 
Unheilvoller Klang der Vergangenheit

In einem einsamen Cottage auf den Klippen von Dorset lebt die betagte Dimity Hatcher. Niemand ahnt, mit welcher Tat aus Liebe und Eifersucht sie einst eine ganze Familie zerstörte. Über siebzig Jahre bleibt ihr Geheimnis unentdeckt, bis eines Tages ein junger Mann vor ihrer Tür steht. Zach ist auf der Suche nach seinen Wurzeln, die ihn an die Küste Dorsets führt. Mithilfe der unnahbaren Hannah, Dimitys Nachbarin, kommt er nach und nach der verheerenden Wahrheit auf die Spur .

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Diana
  • 1,07 MB
978-3-641-11293-6 (9783641112936)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Katherine Webb, geboren 1977, wuchs im ländlichen Hampshire auf und studierte Geschichte an der Durham University. Heute lebt sie in der Nähe von Bath, England. Nach dem großen internationalen Erfolgsdebüt »Das geheime Vermächtnis« folgten zahlreiche Romane wie »Das fremde Mädchen« oder »Italienische Nächte«, die die Autorin auch in Deutschland zu einer festen Größe auf der SPIEGEL-Bestsellerliste machten.

1

Der Wind blies so kräftig, dass sie sich wie zwischen zwei Welten hin und her gezogen fühlte, gefangen in einem so lebendigen Wachtraum, dass die Ränder verliefen und sich schließlich völlig auflösten. Der Sturm pfiff um die Ecken des Häuschens, heulte dumpf im Kamin und brauste draußen durch die Bäume. Doch lauter als all das war die See, deren Wellen ans steinige Ufer krachten und am Fuß der Klippe an den Felsen brachen. Das tiefe Dröhnen schien bis in ihre Brust hochzusteigen, wie rhythmische Basstöne, die durch den Boden drangen und ihre Knochen vibrieren ließen.

Sie hatte in ihrem Sessel vor dem herabgebrannten Kaminfeuer gedöst, zu alt und müde, um aufzustehen und sich die Treppe hinauf ins Bett zu schleppen. Doch jetzt hatte der Wind das Küchenfenster aufgestoßen und rüttelte es derart heftig hin und her, dass jeder Schlag der letzte sein könnte. Der Rahmen war morsch, schon seit Jahren hielt nur ein Keil aus gefalteter Pappe das Fenster geschlossen. Der Lärm drang in ihren Traum und weckte sie, und sie zögerte noch an der Schwelle des Schlafes, als die kalte Nachtluft hereinwehte und an ihren Füßen immer höher stieg wie eine eisige Flut. Sie musste aufstehen und das Fenster zuklemmen, ehe die Scheibe zerbrach. Sie öffnete die Augen und konnte die nächtlich grauen Umrisse des Raums recht gut erkennen. Draußen jagte der Mond über den Himmel, überholt von flinkeren Wolken.

Zitternd ging sie zum Küchenfenster. Der Sturm hatte schon eine Salzkruste auf der Scheibe hinterlassen. Die Knochen in ihren Füßen schmerzten, ihre Hüften und ihr Rücken waren vom Schlafen im Sessel steif geworden, und es kostete sie einige Anstrengung, die Gelenke in Bewegung zu bringen. Der hereinwehende Wind spielte mit ihrem Haar und ließ sie frösteln, aber sie schloss trotzdem die Augen, um ihn zu riechen, denn der Geruch der See war ihr so lieb, so vertraut. So roch alles, was sie kannte - ihr Zuhause und ihr Gefängnis und sie selbst. Als sie die Augen wieder öffnete, schnappte sie nach Luft.

Celeste war da. Dort draußen auf den Klippen stand sie, mit dem Rücken zum Haus, dem Meer zugewandt, im silbrigen Mondlicht. Das Wasser des Ärmelkanals tobte in aufgewühlten Wogen, Gischt wurde von weißen Schaumkämmen hochgepeitscht und an die Küste geschleudert. Sie spürte ein paar Tröpfchen davon hart und beißend im Gesicht. Wie kam Celeste dorthin? Nachdem sie vor so vielen, vielen Jahren spurlos verschwunden war? Aber sie war es, ganz sicher. Dieser lange, gerade Rücken, der geschmeidig in ihre üppig gerundeten Hüften überging, die ausgestreckten Arme mit den gespreizten Fingern. Ich spüre gern, wie die Luft sich bewegt. Ihre Worte, gesprochen mit diesem seltsamen, kehligen Akzent, schienen wie ein Flüstern durch das Fenster zu dringen. Ihr dunkles Haar und das lange, unförmige Kleid flatterten hinter ihr im Wind. Der zarte Stoff presste sich gegen ihren Körper und zeichnete seine Konturen nach. Dann tauchte plötzlich ein ganz deutliches Bild auf - von ihm, wie er Celeste skizzierte und immer wieder kurz aufblickte mit dieser beängstigenden Intensität, dieser beharrlichen Konzentration. Sie schloss die Augen wieder und kniff sie fest zu. Die Erinnerung war heiß geliebt und unerträglich zugleich.

Als sie die Augen wieder öffnete, saß sie in ihrem Sessel, und das Fenster schepperte, der Wind wehte noch immer herein. War sie also gar nicht aufgestanden? War sie nicht zum Fenster gegangen und hatte Celeste dort draußen gesehen? Sie wusste nicht mehr, was wirklich gewesen und was nur ein Traum war. Ihr Herz hämmerte bei dem Gedanken, dass Celeste zurückgekommen war - dass sie herausgefunden hatte, was wirklich geschehen war. Im Geiste blitzte der hitzige, zornige Blick der Frau vor ihr auf, der alles sah, der sie einfach so durchschaute. Und plötzlich wusste sie es. Eine Vorahnung, hörte sie die Stimme ihrer Mutter sagen, spürte ihren säuerlichen Atem so deutlich am Ohr, dass sie sich nach Valentina umsah. Schatten lagen in den Ecken des Raumes und starrten sie an. Ihre Mutter hatte manchmal behauptet, diese Gabe zu besitzen, und auch bei ihrer Tochter stets nach Anzeichen dafür gesucht, jeden Hauch von Hellsichtigkeit gefördert. Vielleicht geschah nun endlich das, worauf Valentina gehofft hatte, denn in diesem Augenblick wusste sie, dass Veränderung kam. So sicher, wie die See tief war. Nach all den langen Jahren kam der Wandel. Jemand kam. Die Angst schlang ihre schweren Arme um sie.

Die frühe Morgensonne schien durch die hohen Schaufenster der Galerie herein und wurde blendend vom Boden zurückgeworfen. Es war bereits Spätsommer, aber diese Sonne versprach einen schönen, warmen Tag. Doch als Zach die Eingangstür öffnete, lag eine steinerne Kühle in der Luft, die noch vor einer Woche nicht zu spüren gewesen war, ein feuchter Geruch, der den Herbst ankündigte. Zach atmete tief ein und reckte das Gesicht der Sonne entgegen. Herbst. Das Ende des Sommers, das Ende der glücklichen Schwebe, die er so genossen hatte, indem er so tat, als würde sich nichts ändern. Heute war der letzte Tag, und Elise würde abreisen.

Er blickte in beide Richtungen die Straße entlang. Es war erst acht Uhr, und auf dieser Straße von Bath war kein einziger Mensch zu sehen. Die Gilchrist Gallery lag in einer schmalen Seitenstraße, nur etwa hundert Meter von der Great Pulteney Street entfernt, einer großen Hauptstraße. Nah genug, um leicht gefunden zu werden, hatte er gedacht. Nah genug, dass die Leute sein Ladenschild entdecken würden, wenn sie dort vorbeigingen und zufällig einen Blick in die Seitenstraße warfen. Und das Schild war auch von der Kreuzung aus gut zu sehen - er hatte sich selbst vergewissert. Nur leider blickten überraschend wenige Leute nach links oder rechts, wenn sie die Great Pulteney Street entlanggingen. Aber es war ohnehin noch zu früh für einen Einkaufsbummel, beruhigte er sich. Die Menschen, die am Ende der Straße in Strömen die Kreuzung überquerten, waren ihrer Kleidung und dem zielstrebig eiligen Gang nach auf dem Weg zur Arbeit. Ihre gedämpften Schritte hallten durch die stille Luft der schmalen Straße zu ihm herauf, durch scharf gezeichnete, tiefschwarze Schatten und gleißende Flecken Sonnenlicht. Das Geräusch schien die Stille vor Zachs Tür traurig hervorzuheben. Eine Galerie sollte sowieso nicht auf Laufkundschaft setzen, sagte er sich. Eine gute Galerie war ein Ort, den die richtigen Leute gezielt aufsuchten. Er seufzte und ging wieder hinein.

Zachs Galerie war ein Juwelierladen gewesen, ehe er die Räume vor vier Jahren angemietet hatte. Beim Umbau waren winzige metallene Kettenglieder und Schließen unter dem Ladentisch und hinter den Sockelleisten zum Vorschein gekommen, kleine Stückchen Gold- und Silberdraht. Eines Tages fand er sogar einen Edelstein, hinter einem Regal in einem schmalen Spalt zwischen dem Holz und der Wand. Er fiel ihm mit einem kleinen, dumpfen Geräusch auf den Fuß, als er das Regal ausbaute - ein kleiner, glitzernder, makellos reiner Stein, vielleicht ein Diamant. Zach behielt ihn und betrachtete ihn als gutes Zeichen. Vielleicht war das ein Irrtum gewesen, und der Stein hatte ihn stattdessen mit einem Fluch belegt, dachte er jetzt. Vielleicht hätte er den ehemaligen Juwelier ausfindig machen und ihm den Edelstein zurückgeben sollen. Die Ausrichtung des Ladens war perfekt, ein wenig erhöht mit den riesigen Fenstern nach Südosten. Sie fingen die volle Morgensonne ein, ließen das Licht aber auf den Boden der Galerie fallen und nicht auf die Wände, an denen die empfindlichen Kunstwerke hingen. Selbst an düsteren Tagen wirkte der Raum hell, und er war gerade groß genug, sodass man ein paar Schritte zurücktreten und die größeren Stücke aus angemessener Entfernung betrachten konnte.

Nicht, dass zurzeit viele große Stücke in der Galerie hingen. Vergangene Woche hatte Zach endlich das Landschaftsgemälde von Waterman verkauft, einem seiner zeitgenössischen ortsansässigen Künstler. Es hatte schon so lange im Fenster gehangen, dass Nick Waterman allmählich fürchtete, die Farben könnten verblassen. Mit diesem Verkauf hatte er den Künstler gerade noch davon abhalten können, sich mit seiner kompletten Sammlung eine andere Galerie zu suchen. Seiner kompletten Sammlung. Zach schnaubte leise. Drei Stadtansichten aus verschiedenen Blickwinkeln auf den Hügeln um Bath und eine beinahe kitschige Strandszene mit einem Mädchen, das mit einem irischen Setter spazieren ging. Nur die Farbe dieses Hundes hatte Zach dazu bewogen, das Bild zu nehmen: ein fabelhaftes Kupferrot, das lebhaft aus der ansonsten flauen Szene hervorloderte. Der Verkauf letzte Woche, von dem Galerie und Künstler jeweils die Hälfte erhielten, hatte Zach genug Geld gebracht, um die überfällige Steuer für sein Auto zu bezahlen, sodass er es wieder fahren konnte. Gerade rechtzeitig, um Elise mehr zeigen zu können, ein paar richtige Tagesausflüge zu unternehmen. Sie waren zu den Höhlen in Cheddar gefahren, zum Safari-Park in Longleat, und hatten ein Picknick im Savernake Forest gemacht. Langsam drehte er sich einmal um die eigene Achse und betrachtete den Rest seines Bestandes. Sein Blick glitt über einige kleine, aber schöne Bilder von diversen Künstlern des zwanzigsten Jahrhunderts, ein paar neuere Aquarelle von ansässigen Künstlern und blieb dann am Herzen der Sammlung hängen: drei Zeichnungen von Charles...

"Ihren stimmungsvollen Romanen ist die Authentizität anzumerken. (.) Gänsehaut garantiert!"
 
"Bestsellerautorin Katherine Webb versteht es, die Leserinnen bis zur letzten Seite zu fesseln!"
 
"Ein toller Mix aus Tragik und Leidenschaft."

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