Die Stille unter dem Eis

Roman
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 5. Oktober 2015
  • |
  • 288 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-97185-0 (ISBN)
 
Anna trampt durch Alaska. Als der junge Fischer Kyle sie auf der Straße aufsammelt und in seinem Pick-up mitnimmt, merken die beiden schnell, dass sie viel gemeinsam haben: Ihre Liebe zur wilden, einsamen Landschaft Alaskas, ihren starken Drang nach Unabhängigkeit und Abenteuer. Sie werden ein Liebespaar. Als man ihnen anbietet, den Winter in einem abgelegenen Leuchtturm auf einem kleinen Felsen vor der Küste Alaskas zu verbringen, stimmen sie zu. Seit der letzte Leuchtturmwärter zwanzig Jahre zuvor auf mysteriöse Weise verschwand, hat dort niemand mehr gewohnt. Das perfekte Abenteuer für das junge Paar. Doch in der Einsamkeit der Wildnis und dem immer gnadenloser hereinbrechenden alaskischen Winter wird mehr und mehr klar, dass beide ihre Geheimnisse hüten ...
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Piper ebooks in Piper Verlag
  • 2,07 MB
978-3-492-97185-0 (9783492971850)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Rachel Weaver arbeitete für den Alaska Forest Service, wo sie über Sing- und Greifvögel, Schwarz- und Braunbären forschte. Sie hat einen Abschluss in »Writing and Poetics« von der Naropa University in Boulder und lebt mit ihrem Mann und ihren Zwillingssöhnen in Colorado. Ihr Roman »Die Stille unter dem Eis« wurde vom amerikanischen Buchhandelsverband unter die »Top Ten Debuts« des Frühjahrs 2014 gewählt.

2

Als wir uns vor knapp über einem Jahr kennenlernten, war ich per Anhalter auf der Alcan unterwegs, der zweispurigen Straße, die durch Kanada nach Alaska führt. Kyle hielt in einem verbeulten blauen Truck neben mir am Straßenrand an. Er kurbelte das Fenster mit der einen Hand runter und half mit der anderen an der Scheibe nach. Mir fiel die Kraft in jedem seiner Finger auf. Seit drei Tagen hatte ich weder ein Auto noch einen Truck gesehen. Meine Füße taten weh, und die Stille der Tundra war laut geworden.

»Du bist ganz allein unterwegs?«, fragte er.

Meine linke Hand wanderte zu dem Pfefferspray in der Vordertasche meines Rucksacks.

»Fährst du nach Norden?«, fragte ich. Ganz offensichtlich tat er das, denn es gab nur zwei Richtungen, und er fuhr nach Norden.

»Was treibst du hier draußen ganz allein?« Er fragte auf eine Art, die mir wie echte Sorge vorkam. »Steig ein, sonst nimmt dich noch irgendein Verrückter mit. Wie heißt du?«

»Anna.«

»Kyle.«

Ich stand auf der Straße und sah ihn noch eine Weile an, bevor ich meinen Rucksack auf die offene Ladefläche warf, auf den Hinterreifen stieg und raufkletterte. Die Fahrertür ging auf, Schritte, und er stand neben der Ladefläche. Er hatte nichts Außergewöhnliches an sich, damals und heute nicht, ein sportlicher Körper unter einem Flanellhemd und einer Arbeitshose. »Du kannst auch vorne mitfahren.«

»Nein danke.« Ich setzte meine Kapuze auf und versuchte, es mir zwischen meinem Rucksack und einem Stapel Reifen bequem zu machen. Der Winter war noch nicht ganz vorbei.

Drei Stunden später hielten wir an, um zu Abend zu essen. Nachdem wir bei der Kellnerin bestellt hatten, verschwand ich auf die Toilette und hielt meine Finger unters heiße Wasser, damit sie warm genug wurden, um meinen Hamburger festzuhalten.

»Bis wohin fährst du?«, fragte ich, als ich zurück an den Tisch kam.

»Ganz rauf nach Neely. Und du?«

»Neely.«

»Es gefällt dir bestimmt. Doch, ich glaube, es liegt dir.«

»Lebst du dort?«

»Ich habe letztes Jahr von dort aus gefischt. Davor von Juneau und ein paar Jahre lang von Sitka aus. Neely mag ich am liebsten.«

Ich sah seine gebräunte Haut an, er musste den Winter irgendwo im Süden verbracht haben. Wieder fielen mir seine Arme auf und seine Schultern. Mit den Händen an der Tischkante wehrte ich mich gegen das, was mich zu ihm hinzog.

»Bleibst du die restlichen eintausend Kilometer auf der Ladefläche?«

Ich zuckte mit den Achseln. »Erst mal schon.«

Wir fuhren zwischen dem Ozean und den Bergen Richtung Norden. Während Kanada in Alaska überging, bröckelten die letzten zwei Jahre in kleinen unregelmäßigen Stücken von mir ab, bis ich zurück an jenem Morgen auf dem Eis war, über die Gletscherspalte spähte und mich über die Kante zwang. Nachdem ich es jahrelang vermieden hatte, steuerte ich jetzt direkt darauf zu. Ich hatte die Telefonnummer auf einen kleinen Zettel geschrieben, ihn in eine Tasche meines Rucksacks gesteckt und mich Richtung Norden aufgemacht.

Während Kyle uns näher und näher an den Ort brachte, wo es passiert war, kroch das Schuldgefühl seinen wohlbekannten Weg in mir hoch und begann, an mir zu nagen. Ich schloss meine Augen, während sich das Gefühl in mir ausbreitete, und fing zu summen an. Ich verlagerte mein Gewicht auf meinen Rucksack. Es half nichts. Ich atmete tief ein, konzentrierte mich auf die vorbeistreifenden Bäume und erinnerte mich daran, dass es sein musste, dass das meine letzte Chance war. Aber das half auch nichts. Er wurde sogar noch schlimmer.

Ich hatte das Gefühl, aussteigen zu müssen. Hatte das Gefühl, umdrehen und nach Süden laufen zu müssen. Ich beobachtete Kyles Nacken durch das Fenster, während wir weiterfuhren. Der sanfte Bogen aus Haut und Muskeln, eine Stabilität, die ich an Felswänden gesucht hatte, eine Stabilität, die ich in mir nicht finden konnte. Ich wollte in der Fahrerkabine sein, ich wollte jemanden neben mir haben. Deshalb klopfte ich an das kleine Fenster zwischen uns. Er fuhr rechts ran, ich kletterte auf den Beifahrersitz und richtete meinen Blick auf die gelbe Doppellinie, die sich in die Ferne erstreckte.

Einige Stunden später, das Lenkrad lässig in einer Hand, entspannt in den Sitz gelehnt, sah Kyle zu mir rüber und fragte: »Was treibst du so?«

»Ich bin unterwegs.«

Er sah mich an und grinste wieder. »Ach was?«

Ich nickte. »Utah, Colorado, Yosemite, Arizona, New Mexico.«

»Warum?«

Ich zuckte mit den Achseln. »Immer was Neues.« Ich hielt meinen Blick nach vorne gerichtet, spürte seinen auf mir.

»Alaska ist völlig anders.«

»Genau«, erwiderte ich und fragte nach einer Weile: »Was hast du vor dem Fischen gemacht?«

»Ich war eine Zeit am College, aber eigentlich wollte ich immer nur hierherkommen. Ich mochte Chicago nicht und hatte Glück. Gleich in meinem ersten Sommer habe ich einen Job auf einem guten Boot gekriegt und seither fische ich.«

»Wie ist das so?«

»Gut. Besonders bei richtig schlechtem Wetter mit Regen und meterhohen Wellen - so fühlt es sich an, zu leben, verstehst du? Fährst du hoch, um zu fischen? Du musst aufpassen, bei wem du anheuerst. Na ja, du kommst sicher klar, aber manche von den Typen sind nicht mehr dieselben, wenn sie den Hafen verlassen.«

»Ich fahr nicht hoch, um zu fischen.«

Kyle starrte mich ein paar Sekunden an und sah aus, als ob er noch mehr Fragen stellen wollte, tat es dann aber nicht.

In der Nacht campten wir am Straßenrand unter den spärlichen Bäumen der Tundra. Kein einziges Auto kam vorbei. Ich rollte meinen Schlafsack aus und stieg rein. Kyle rollte seinen drei Meter entfernt aus. Ein bisschen zu nah angesichts der Weite um uns herum.

»Warum bist du so viel unterwegs?«, fragte er, als er es sich in seinem Schlafsack bequem gemacht hatte.

»An wie vielen Orten hast du in den letzten drei Jahren gelebt?«

»In Juneau, Sitka, Neely und Mexiko.«

»Siehst du?«

Er rutschte in seinem Schlafsack hin und her, bis er sich auf einen Ellbogen stützen konnte. »Aber nur, damit ich auf verschiedenen Booten arbeiten konnte.«

»Genau. Immer was Neues.«

»Warum gibst du mir nicht einfach eine Antwort?«

»Hab ich doch. Mich hat da nichts mehr gehalten. Ich klettere. Ich bin auf alles gestiegen, was es dort gab, und dann bin ich weitergezogen.« Und irgendetwas hat mich immer hierher zurückgezogen, dachte ich, sprach es jedoch nicht aus.

»Aber im Südosten von Alaska kann man nirgends klettern, außer du willst auf die Gletscher. Versuchst du dich als Nächstes am Eisklettern?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Warum stellst du so viele Fragen?«

»Wenn du aufhörst, so geheimnisvoll zu sein, lass ich es bleiben.«

»Schlaf endlich.«

»Es ist noch nicht einmal dunkel.«

»Ich dachte, du hast schon viele Sommer in Alaska verbracht, dann müsstest du doch daran gewöhnt sein.«

»Anfangs ist es immer seltsam.«

Danach ließ er mich in Ruhe, und irgendwann schlief er ein. Ich betrachtete den Himmel und hörte eine Weile seinem Atmen zu, bevor ich aus meinem Schlafsack stieg und mir einen Weg durch die Tundra bahnte, wobei ich mich fragte, wie weit weit genug war. An einer vergleichsweise ebenen Stelle rollte ich meinen Schlafsack wieder aus und kletterte hinein.

Ich fing mit sämtlichen spanischen Verben an, die mir einfielen, und ging dann zu Küchenutensilien über. Tenedor, cuchara, cuchillo. Jede Nacht kämpfte ich gegen den Schlaf, diesen glitschigen Ort, von dem ich meistens um mich schlagend aufwache. Ein Mitbewohner hatte irgendwann einmal Spanischkassetten mit nach Hause gebracht. Was ich anfangs für eine gute Beschäftigung für verregnete Tage hielt, an denen ich nicht klettern konnte, wurde zu einer Obsession, einem Werkzeug, um die Nacht zu überstehen.

Ich betrachtete den Abstand zwischen Kyle und mir und überlegte, ob ich noch weiter weg gehen sollte. Schreiend war ich zwar noch nie aufgewacht, aber man konnte nie wissen. Es war genug Abstand zwischen uns, dass er es nicht sehen würde, wenn ich um mich trat, um freizukommen. Außer er wachte vor mir auf. Plato, taza, sustantivo. Um mich herum wurde die Nacht dunkler, und meine Augen taten vom ständigen Offenhalten weh.

Der Albtraum war stetig gewachsen. In den letzten zwei Jahren waren jede Nacht mehr Details dazugekommen, andere verschwanden kurz, nur um Wochen später wieder aufzutauchen. Es war aber immer kalt und dunkel und eng. Da war immer der Sturz, das Blut. In manchen Nächten bewegte sich das Eis, während ich drinsteckte, drückte so kalt auf meine Haut, dass es brannte. In anderen Nächten hörte ich meine Stimme, dünn und voller Angst, immer wieder ihren Namen rufen und das Eis, wie es ihn ohne Antwort zurückwarf. In manchen Nächten war ich mir nicht mehr sicher, wo oben und wo unten ist. Wo auch immer ich mich hinbewegte, war es noch dunkler als dort, wo ich vorher gewesen war. In den meisten Nächten hörte ich den Helikopter über dem Eis gegen Luft schlagen, während ich im Eis steckte, hörte ihn wegfliegen, während ich erfror, allein, eine Schicht nach der anderen.

Die spanischen Vokabeln halfen nichts in dieser Nacht in der Tundra. Genauso wenig wie sie in all den anderen Nächten halfen. Ich schlief trotz aller Mühe ein.

Beim zarten Licht am frühen Morgen...

»Rachel Weaver erzählt in einer knappen, ungeschönten Sprache vom persönlichen Scheitern, von Entwurzelung und Sinnsuche, unterdrückten Gefühlen und davon, wie schwer es ist, nicht nur anderen, sondern auch sich selbst zu verzeihen.«, Märkische Oderzeitung, 06.04.2017
 
»Ein beeindruckendes Debüt, das meisterhaft mit der Rauheit und Schönheit Alaskas spielt.«, Peiner Allgemeine Zeitung, 29.12.2015
 
»Eine atemberaubende Abenteuergeschichte.«, Passauer Neue Presse, 18.12.2015
 
»Rachel Weaver weiß, wovon sie schreibt, und es fröstelt den Leser entsprechend.«, Ruhr Nachrichten, 10.12.2015
 
»Authentisch, warmherzig und dramatisch, ein beeindruckender Roman.«, tanzschrift.at, 27.11.2015
 
»Ein Buch voller Intensität und unterdrückter Gefühle.«, Hamburger Morgenpost, 12.11.2015
 
»absolut lesenswert - vor allem an kalten Herbstabenden auf dem warmen Sofa.«, Hessische/ Niedersächsische Allgemeine, 26.10.2015
 
»grandiose Beschreibungen der Landschaft. (...) Unbedingt lesen, wenn Gletscher und Eiswelten Sie begeistern können.«, buchtipp-neuerscheinungen.de, 17.10.2015
 
»>Die Stille unter dem Eis< glänzt mit einem Mix aus Spannungs- und Liebesroman.«, Für Sie, 12.10.2015
 
»Ein unglaublich bezaubernder Roman über Vergebung.«, Library Journal
 
»Eine Geschichte über Vergebung, Liebe und Stärke, geschickt und wunderschön verflochten. Ich kann dieses Buch wärmstens empfehlen.«, Women's Adventure Magazine
 
»Ein beeindruckendes Debüt, das meisterhaft mit der Rauheit und Schönheit Alaskas spielt.«, Publishers Weekly
 
»In diesem unglaublich packenden Debüt wird die Liebesgeschichte zwischen einer Tramperin und einem Fischer Seite um Seite spannender, als sie beschließen gemeinsam als Wächter in einem abgelegenen Leuchtturm in Alaska zu arbeiten.«, O - The Oprah magazine
 
»Eine Geschichte, die mich trotz eisiger Gletscher nicht kaltgelassen hat. Das raubt den Atem: Wie man die bedrängende Enge inmitten tiefer Gletscherspalten fast spürt - und auf der nächsten Seite die grenzenlose Weite Alaskas.«, Emotion
 
»Die Schilderung des Alltags auf dem Leuchtturm, die Härte eines derart ausgesetzten Lebens und die Beschreibung der beiden nach Halt Suchenden machen den Roman zu einem Erlebnis.«, Bibliotheksnachrichten
 
»Wer sich auf den Roman einlässt, wird mit einer großartigen Erzählung belohnt über zwei Menschen, die ihren Weg finden müssen.«, Love Letter

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