Ohne Furcht und Tadel

 
 
Diogenes (Verlag)
  • 2. Auflage
  • |
  • erschienen am 23. März 2016
  • |
  • 992 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-257-60721-5 (ISBN)
 
Es ist nicht leicht für Guy Crouchback, in den Wirren des Zweiten Weltkriegs Offizier zu sein und Gentleman zu bleiben - besonders in London, wo ihm seine flatterhafte Exfrau andauernd über den Weg läuft. An der Front, auf Kreta und in Jugoslawien, entdeckt er in sich nicht Heldentum, sondern Menschlichkeit. Und er merkt: Auch Siege kann man verlieren.
  • Deutsch
  • 1,35 MB
978-3-257-60721-5 (9783257607215)
3257607210 (3257607210)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Evelyn Waugh, geboren 1903 in Hampstead, war Maler, Lehrer, Reporter und Kunsttischler, bis er in der Schriftstellerei sein Metier fand und zu einem der wichtigsten englischen Autoren des 20. Jahrhunderts wurde. Im Krieg diente Waugh als Offizier. Waugh, der seit seiner Studienzeit eine Neigung zu dandyhafter Extravaganz pflegte, liebte es, das Publikum durch kontroverse Äußerungen zu provozieren. Er starb 1966 in Taunton, Somerset.

{11}I Schwert der Ehre


1


Als Guy Crouchbacks Großeltern, Gervase und Hermione, in ihren Flitterwochen nach Italien kamen, hielten französische Truppen die Befestigungsanlagen von Rom besetzt, der Pontifex Maximus fuhr im of?fenen Wagen aus, und die Kardinale ritten im Damensattel auf dem Pincio spazieren.

Gervase und Hermione wurden in einer Reihe mit Fresken ausgemalter Palazzi willkommen geheißen. Papst Pius empfing sie bei einer Privataudienz und erteilte der Verbindung zweier englischer Familien, die für ihren Glauben gelitten, aber gleichwohl ein gutes Maß an materiellen Gütern behalten hatten, seinen ganz besonderen Segen. Die Kapelle in Broome hatte in all den Dürrejahren nie ohne Priester auskommen müssen, und die Ländereien von Broome erstreckten sich unvermindert und durch Hypotheken unbelastet von den Quantocks bis zu den Blackdown Hills. Vorfahren beider Familien waren auf dem Schafott gestorben. Die Stadt, mittlerweile von einer Welle illustrer Konvertiten überspült, erinnerte sich noch immer in aller Ehre ihrer alten Waf?fengefährten.

Gervase Crouchback strich sich über den Backenbart und fand respektvolle Zuhörer für seine Ansichten zur irischen Frage sowie zur katholischen Mission in Indien. Hermione stellte ihre Staf?felei inmitten der Ruinen auf, und während sie malte, las Gervase ihr laut aus den Gedichten von Tennyson und Patmore vor. Sie war hübsch und sprach drei Sprachen; {12}er entsprach allem, was Römer sich von einem Engländer erwarteten. Überall wurde das glückliche Paar gepriesen und umworben, doch es war nicht alles eitel Sonnenschein bei den beiden. Kein Zeichen oder Hinweis verriet ihren Kummer, doch wenn die letzten Wagen davonrollten und sie in ihre ehelichen Gemächer hinaufstiegen, klaffte ein trauriger Abgrund zwischen ihnen, entstanden aus Bescheidenheit, Zartgefühl und Unschuld, von dem keiner der beiden sprach, außer im Gebet.

Später gesellten sie sich in Neapel zu anderen auf eine Yacht, dampf?ten langsam die Küste hinauf und legten in wenig besuchten Häfen an. Und dort wurde, als sie eines Abends in ihrer Kabine saßen, endlich alles gut zwischen ihnen, und ihre Liebe fand freudige Erfüllung.

Vor dem Einschlafen spürten sie noch, wie die Maschinen stoppten und die Ankerkette hinunterrasselte, und als Gervase bei Morgengrauen an Deck kam, stellte er fest, dass das Schiff im Schutz einer hochragenden Halbinsel vor Anker lag. Er rief Hermione, und so standen sie Hand in Hand an der feuchten Heckreling, nahmen zum ersten Mal den Anblick von Santa Dulcina delle Rocce in sich auf und schlossen den Ort sowie seine Bewohner in ihr frohlockendes Herz.

Unten am Hafen wimmelte es von Menschen, als ob die Bewohner von einem Erdbeben aus dem Bett gescheucht worden wären. Klar drangen ihre Stimmen über das Wasser, die das fremde Schiff bewunderten. Steil ragten Häuser an der Hafenmauer auf; zwei Gebäude stachen aus den weißen und ockerfarbenen Mauern und rostbraunen Dachpfannen hervor; die kuppelgekrönte Kirche mit der verschnörkelten Fassade sowie eine Art Burg, die aus zwei Bastionen und einem zerfallenen Wachtturm bestand. Hinter der Stadt erstreckte sich der in Terrassen gegliederte, von Bauern beackerte Berghang, um weiter oben in ein Gewirr von Dorngestrüpp und {13}Felsbrocken überzugehen. Es gab ein Kartenspiel, das Gervase und Hermione im Schulzimmer immer gespielt hatten und bei dem derjenige, der mit einem bestimmten Trick durchkam, rief: »Alles mein!«

»Alles mein!«, rief Hermione, weil sie sehr glücklich war und von allem Besitz nahm, was sie sah.

Im Laufe des Vormittags gingen die Engländer an Land. Zwei Matrosen fuhren voraus, um jede Belästigung von Seiten der Einheimischen zu verhindern. Ihnen folgten vier Paare von Damen und Herren; dann die Diener mit Deckelkörben, Umhängen und Skizzenblöcken. Die Damen trugen Segelhüte und hielten die Röcke, damit sie nicht vom Kopfsteinpflaster schmutzig wurden; ein paar von ihnen trugen Lorgnetten. Die Herren schützten sie mit fransenbesetzten Sonnenschirmen. Es war eine Prozession, wie Santa Dulcina delle Rocce sie noch nie erlebt hatte. Sie bummelten durch die Arkaden, tauchten kurz in das kühle Zwielicht der Kirche und stiegen über die Stufen, die von der Piazza zu den Bastionen hinauf?führten.

Davon war nicht mehr viel übrig. Die große, mit Steinplatten belegte Plattform war aufgerissen, und überall wuchsen Pinien und Ginster. Der Wachtturm war voller Geröll. Aus den schön behauenen Steinen der alten Burg hatte man am Hang zwei Hütten gebaut. Aus ihnen kamen zwei Bauernfamilien geeilt, um die Besucher mit Mimosensträußchen zu begrüßen. Das Mittagspicknick wurde auf ausgebreiteten Decken im Schatten eingenommen.

»Enttäuschend, wenn man oben ist«, sagte der Besitzer der Yacht in entschuldigendem Ton. »So ist es immer mit solchen Orten. Am besten sieht man sie sich aus der Ferne an.«

»Ich finde es hinreißend«, erklärte Hermione, »und wir werden hier leben. Bitte, kein Wort gegen unsere Burg.«

Gervase lachte nachsichtig mit den anderen, doch später, {14}nachdem sein Vater gestorben war und er sich reich fühlte, wurde das Vorhaben verwirklicht. Gervase holte Erkundigungen ein. Die Burg gehörte einem älteren Anwalt in Genua, der sie gern verkaufen wollte. Bald erhob sich ein schlichtes eckiges Haus über den Burgwällen, und liebliche Levkojen gesellten sich zu Myrte und Pinien. Gervase tauf?te sein neues Haus >Villa Hermione<, doch bürgerte sich der Name bei den Einheimischen nie recht ein. In großen geraden Lettern wurde er in die Torpfosten eingemeißelt, doch Geißblatt wucherte darüber und überdeckte ihn. Die Leute aus Santa Dulcina sprachen stets vom >Castello Crauccibac<, bis die Familie diesen Namen schließlich übernahm, und an Hermione, die stolze Braut, erinnerte hier nichts weiter.

Doch unter welchem Namen auch immer, die Burg bewahrte ihren ursprünglichen Charakter. Fünfzig Jahre hindurch, bis Schatten sich über die Familie Crouchback legten, war sie ein Ort der Freude und der Liebe. Hier verbrachte Guy mit seinen Geschwistern seine glücklichsten Ferien. Guys Vater und Guy selbst verbrachten hier ihre Flitterwochen. Immer wieder wurde die Burg jungverheirateten Cousins und Freunden zur Verfügung gestellt. Das Städtchen veränderte sich ein wenig, doch weder Eisenbahn noch Landstraße erschlossen sich die glückliche Halbinsel. Noch ein paar andere Fremde bauten sich dort eine Villa. Das Gasthaus wurde vergrößert, man ließ so etwas wie sanitäre Anlagen einbauen, ein Café-Restaurant legte sich den Namen Hotel Eden zu, um ihn dann unversehens während des Abessinienkriegs in Albergo del Sol umzuwandeln. Der Tankstellenbesitzer wurde Parteisekretär der Faschisten am Ort. Doch als Guy an seinem letzten Vormittag zur Piazza hinunterstieg, entdeckte er nur wenig, was Gervase und Hermione fremd gewesen wäre. Schon jetzt, eine Stunde vor Mittag, war es sehr heiß, doch er marschierte so munter dahin wie seine jungvermählten {15}Großeltern an jenem Morgen heimlichen Frohlockens. Genau wie bei ihnen hatte auch bei ihm eine frustrierte Liebe ihre erste Erfüllung gefunden. Er war für eine lange Reise bepackt und gekleidet und befand sich bereits auf dem Rückweg in seine Heimat, um dort seinem König zu dienen.

Erst vor sieben Tagen, als er die Morgenzeitung aufschlug, war ihm die Schlagzeile über das russisch-deutsche Bündnis ins Auge gesprungen. Nachrichten, die Politiker und junge Dichter in einem Dutzend Hauptstädte erschütterten, brachten tiefe Befriedigung für ein englisches Herz. Acht Jahre der Schande und Einsamkeit waren vorbei. Acht Jahre lang hatte sich Guy, von Leben und Liebe verlassen, von seinen Kameraden zurückgezogen. Er hatte Treue und Pflichterfüllung entbehren müssen, die ihm innerlich hätten Halt geben sollen. Er hatte in Italien den Faschismus aus zu großer Nähe erlebt, als dass er die oppositionelle Begeisterung seiner Landsleute hätte teilen können. Er betrachtete ihn weder als Unheil noch als Wiedergeburt, eher als eine grobe Improvisation. Ihm missfielen die Männer, die rücksichtslos um ihn herum an die Macht drängten, doch englische Anschuldigungen klangen einfältig und unaufrichtig, und in den letzten drei Jahren hatte er nicht einmal mehr englische Zeitungen gelesen. Die deutschen Nazis hielt er für verrückt und böse. Ihre Einmischung hatte die Sache Spaniens entehrt, doch das Unglück, das im Jahr zuvor über Böhmen hereingebrochen war, hatte ihn völlig kaltgelassen. Als Prag fiel, wusste er, dass ein Krieg unvermeidlich war. Er erwartete, dass sein Vaterland sich in den Krieg stürzen würde, von Panik ergrif?fen, aus den falschen Gründen oder aus überhaupt keinem Grund, mit den falschen Verbündeten und schwach gerüstet. Doch jetzt war alles herrlich klar geworden. Der Feind jedenfalls stand nun deutlich vor Augen, riesig und hassenswert, und hatte jede Maske fallenlassen. Es war die Moderne in Waf?fen. Wie {16}der Kampf auch ausgehen mochte - es gab einen Platz für ihn darin.

Im Castello war jetzt alles geregelt. Die förmlichen Abschiedsbesuche waren gemacht. Vorgestern hatte er dem Arciprete, dem Podestà, der Ehrwürdigen Mutter des Klosters, Mrs. Garry in der Villa Duratura, den Wilmots im Castelletto Musgrave und der Gräfin von Gluck in der Casa Gluck einen Besuch abgestattet. Jetzt war nur noch eines zu tun, eine ganz private Angelegenheit. Fünfunddreißig Jahre alt, schlank und schmuck, durchaus als Ausländer, aber nicht unbedingt als Engländer erkennbar, jung in Herz und Schritt, war er auf dem Weg, um von einem...

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