Ostseewut

Ein Kiel-Krimi
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 9. März 2015
  • |
  • 320 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-96800-3 (ISBN)
 
Als eine Urlauberin von einem Ausflug nicht zurückkehrt, wendet sich ihr Mann an die Kieler Polizei. Kriminalhauptkommissarin Olga Island findet heraus, dass die verschwundene Frau mit dem Rad zu einem Künstler unterwegs war, doch dort kam sie offenbar nie an. War der Streit des Ehepaars am Vorabend wirklich so harmlos, wie der Mann der Vermissten behauptet? Dann melden sich immer mehr verschreckte Radfahrer, die eine Gestalt mit Wolfsmaske in der Nähe des Radwegs gesehen haben wollen ...
  • Deutsch
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Piper ebooks in Piper Verlag
  • 1,22 MB
978-3-492-96800-3 (9783492968003)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Kirstin Warschau, geboren 1965 in Kiel, arbeitete als Diplomarchivarin in verschiedenen norddeutschen Archiven, ehe sie in Berlin Pädagogik und Psychologie studierte. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Kiel. »Ostseewut« ist ihr vierter Kriminalroman um die Ermittlerin Olga Island.

3


Das Kind lag auf dem Wickeltisch und schrie. Sein Gesicht war puterrot, und es strampelte, als ginge es um sein Leben. Und darum ging es ja im Grunde auch. Wie konnte die große, warme, weiche und normalerweise trostspendende Person es nur wagen, in diesem Moment die Windel zu wechseln? Die Kleine war aufgewacht und hatte Hunger, und zwar genau jetzt. So eine bodenlose Frechheit, das mit der Windel. So etwas durfte sich kein Kind gefallen lassen. Deshalb strampelte Smilla, so wild sie nur konnte, und brüllte, was Lunge und Stimmbänder hergaben.

»Ich komm ja schon, bin doch gleich fertig.« Olga Island warf das prall gefüllte warme Plastikpäckchen in den Windeleimer. Mit geübtem Griff hangelte sie nach dem Waschlappen in der kleinen Schüssel mit Wasser, die in sicherem Abstand auf dem Regal stand. Bis vor wenigen Minuten hatte Smilla friedlich in ihrem Bettchen geschlafen. Olga hatte schon warmes Wasser in die Schüssel gefüllt, aber dann war ein Anruf von der Dienststelle gekommen, der ein paar Minuten gedauert hatte. Smilla war aufgewacht und das Wasser in der Waschschüssel deutlich abgekühlt. Als das hungrige Kind den kühlen Waschlappen spürte, war es eine halbe Schrecksekunde lang still, um dann richtig loszulegen. Was für eine Gemeinheit: neben dem Hunger auch noch ein kalter Waschlappen am Hinterteil, wie konnte eine Mutter einem Kind das antun?

»Hast ja recht«, murmelte Olga und tupfte die Haut mit einem Zellstofftuch trocken. »Aber gleich gibt's was zu futtern.«

Mit einigen Verrenkungen schaffte sie es, dem strampelnden und brüllenden Kind die Windel umzulegen. Sie biss sich auf die Unterlippe und versuchte, nicht an die Nachbarn zu denken. Wahrscheinlich verdrehten Herr Bokel in der Wohnung unter ihr und Frau Wankowski eine Etage höher längst genervt die Augen. Wenn das Kind so weiterschrie, würde schon bald einer von beiden gegen die Heizungsrohre bollern oder mal wieder bei ihr klingeln. Doch dann fiel ihr ein, dass Frau Wankowski zwei Wochen Urlaub auf Bali machte und Herr Bokel sicher wie jedes Wochenende einschließlich Montagabend bei seiner Freundin in Hamburg weilte. Heute war Montag, und Bokel war bestimmt noch nicht da. Freie Bahn also für Smillas Sangeskünste. Die Wände zum Nachbarhaus waren offenbar ausreichend dick, jedenfalls hatte sich von dort noch niemand beschwert.

Während des Telefonats hatte Olga ein Gläschen Pastinakenbrei aufgeschraubt und in heißes Wasser gestellt. Die Gläser aus dem Bioladen am Belvedere waren oft ihre Rettung. Sicher war es keine große Sache, das bisschen Babybrei selbst zu kochen, aber sie kam einfach nicht dazu. Außerdem hatte sie den Eindruck, dass Smilla, warum auch immer, den gekauften Brei sowieso viel lieber aß als selbst gemachten.

Schon wieder klingelte das Telefon. So war es eben, wenn man im Homeoffice arbeitete. Im Display sah sie, dass der Anruf aus der Dienststelle kam, und zwar vom Apparat ihrer Kollegin Karen Nissen.

»Moin, Olga, Karen hier.«

Smilla schrie.

»Alles gut bei dir?«

»Klar.«

Smilla brüllte.

»Kind gerade wach?«

»Wie hört es sich denn an?«

»Ich will gar nicht lange stören .«

Kriminalkommissarin Karen Nissen hatte selbst zwei Kinder, die allerdings längst schulpflichtig waren. Ihr Mann war bei der Schutzpolizei, für sie war es also auch nicht immer leicht, Dienstzeiten und Kinderbetreuung unter einen Hut zu bringen. Aber Karen war damals fünf Jahre zu Hause geblieben, bis die Kinder aus dem Gröbsten raus gewesen waren, und Olga beschlich manchmal das Gefühl, dass Karen sich ein bisschen darüber lustig machte, dass ihre Kollegin trotz Baby weiterarbeitete.

Manchmal verstand Olga die Frauen nicht. Wenn es um Kinderkriegen und Arbeiten ging, waren sie selten solidarisch, ja, manchmal war sogar Neid spürbar, sinnloses Gehacke, Schadenfreude, Unverständnis. Dabei wäre es doch besser, sich zusammenzutun, aber so waren Menschen im Alltag nun mal nicht gestrickt.

»Warte kurz«, sagte Olga, setzte das Headset auf, packte Smilla in den Kinderstuhl und schob sie an den Tisch. Sie hockte sich daneben, prüfte die Temperatur des Pastinakenbreis und begann, ihn dem Kind in den Mund zu schaufeln. Smilla gab Ruhe und schmatzte.

»Tut mir leid, dass es bei dir gerade nicht so passt«, sagte Karen Nissen, »aber ich habe da einen Typen in der Leitung, der ruft seit heute Morgen immer wieder an. Ich kann nichts für ihn tun, denn wir sind nicht die richtige Adresse. Zweimal habe ich ihn schon abgewimmelt. Jetzt besteht er ausdrücklich darauf, Kriminalhauptkommissarin Olga Island aus Berlin zu sprechen. Vielleicht kann ich ihn durchstellen, und du redest mal kurz mit ihm?«

»Was ist denn sein Problem?«

»Seine Frau ist ihm irgendwie abhandengekommen.«

»Aha?«

»Total penetranter Typ, echt.«

»Sonst was Neues bei euch?«

»Immer noch der tote Richter aus Eutin. Wir kommen nicht richtig voran. Die Innenministerin wird langsam nervös, dauernd ruft einer ihrer Staatssekretäre an.«

Detlef Hellwig, ein Richter am Plöner Amtsgericht, war vor einer Woche tot aus dem Kellersee bei Eutin gefischt worden. Alles deutete darauf hin, dass er beim Segeln von Bord seiner Jolle gestürzt und ertrunken war. Aber es gab Zeugen, die behaupteten, er sei auf seinem Boot nicht allein gewesen. Ein Angler wollte eine junge Frau und einen dicken, kahlköpfigen Mann an Bord des Schiffes gesehen haben. Außerdem gab es Gerüchte, dass Hellwig gute Kontakte ins Lübecker Rotlichtmilieu gehabt habe.

»Und du frisst dich weiter durchs Archiv?«, fragte Karen Nissen - vermutlich um den Anrufer, den sie in der Leitung hatte, noch ein wenig zappeln zu lassen.

»Wie die berühmte Made im Speck«, antwortete Olga Island und lachte. Auch ihre Kollegin musste kichern.

Seit der Geburt ihrer Tochter arbeitete Olga Island in Teilzeit. Ihre Vorgesetzten hatten ihr freundlicherweise ermöglicht, dass sie hauptsächlich von zu Hause aus tätig war. Lorenz, ihr Exfreund, hatte sich kurz vor der Niederkunft aus ihrem Leben verabschiedet. Per SMS hatte er ihr mitgeteilt, dass er sich doch nicht in der Lage sehe, von Berlin nach Kiel überzusiedeln. Im nachfolgenden Telefonat hatte er ihr erklärt, dass so ein Umzug für ihn das Ende einer Karriere als aufstrebender internationaler Künstler bedeutet hätte. Er könne sich nun doch nicht vorstellen, ein Leben in der Provinz zu führen, und außerdem seien ihm massive Zweifel an seiner Vaterschaft gekommen. Olga hatte sich geweigert, weiter mit ihm zu diskutieren. Die Zweifel an seiner Vaterschaft waren durchaus berechtigt, dennoch hatte die Art und Weise der Trennung Olga verletzt.

Smilla war rosig, blond und blauäugig mit fast vier Kilo Geburtsgewicht exakt vier Wochen vor dem errechneten Geburtstermin auf die Welt gekommen. Und nun war Olga eindeutig klar, dass ihr Kollege Jan Dutzen der Vater des Kindes sein musste. Smilla war ihm wie aus dem Gesicht geschnitten. Doch Olga liebte ihr wunderbares Kind und fand nicht, dass es irgendetwas zu bedauern oder gar zu bereuen gab.

Jan Dutzen hatte sie auf der Wochenstation im Krankenhaus einmal besucht. Mit Blumenstrauß und Pralinenkasten war er an ihrem Bett aufgetaucht und hatte steif und nervös die Grüße und Glückwünsche der Kollegen übermittelt. Er hatte Smilla verlegen angesehen, zu schwitzen angefangen und sich schnell wieder verabschiedet. Das Nächste, was Olga von ihm gehört hatte, war, dass er wenige Tage später bei ihrem Chef Thoralf Bruns das Sabbatjahr beantragt hatte, auf das er schon lange hingearbeitet hatte. Der Chef hatte die Auszeit genehmigt, und Dutzen war kurz darauf zu einer Weltreise aufgebrochen.

Zurzeit durchquerte er offenbar gerade die Sahara von Ost nach West. Er schrieb seitenlange E-Mails, die er in langen, einsamen Nächten in sein Laptop hackte. Diese im wahrsten Sinne des Wortes trockenen Reiseberichte schickte er, wie Olga dem Adressfeld der E-Mails entnehmen konnte, als Rundmail an seinen großen Bekanntenkreis. Sosehr sie auch darauf wartete, sie erhielt nie ein persönliches Wort. Und das machte sie allmählich wütend. Sie hatte überhaupt keine Lust mehr, irgendetwas von dieser Reise zu hören. Deshalb löschte sie konsequent alle Mails, die sie von Jan Dutzen bekam. In Smillas Geburtsurkunde stand: »Vater unbekannt«.

Olga würde ihr Kind allein großziehen.

Es war, wie es war.

Und eigentlich kam sie ja auch ganz gut klar. Ihre Arbeit bestand bis auf Weiteres darin, die Ermittlungsakten von alten, unaufgeklärten Todesfällen durchzusehen. Dabei ging es darum festzustellen, ob sich nach jahrelangen, ins Leere laufenden Ermittlungen vielleicht neue Sichtweisen auf die ungelösten Fälle eröffnet hatten. Immer wieder ging sie mit der Frage an die Akten heran, ob es nicht irgendeine Möglichkeit gab, im betreffenden Fall noch einen winzigen Schritt weiterzukommen, um ihn womöglich doch noch aufzuklären. In Schleswig-Holstein gab es derzeit etwa fünfzig noch nicht abschließend geklärte Todesfälle, wenn man ab der Nachkriegszeit rechnete. Die Ergebnisse der vergeblichen Ermittlungen waren in über eintausend umfangreichen Aktenordnern festgehalten. Diese Akten ruhten in den Archiven von Polizei und Staatsanwaltschaften. Olga holte sie nach und nach hervor und sah sie durch.

Im Grunde war es so, dass man sie irgendwie beschäftigen musste, denn im normalen Dienst einer Mordkommission war eine Frau mit Baby auf einer halben Stelle nicht einplanbar. Komischerweise machte ihr das ganze Aktenstudium derzeit gar nichts aus. Sie kümmerte sich um ihr Kind,...

»Kirstin Warschau versteht es meisterhaft, nie zu viel zu verraten. Und so ist Spannung bis zur letzten Seite mit einem dramatischen Ende garantiert.«, LandGang

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