Schöne Ruinen

 
 
Blessing (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 1. April 2013
  • |
  • 464 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-10253-1 (ISBN)
 
Eine herzzerreißende, komische und verrückte Liebesgeschichte

Ein verschlafener Ort an der ligurischen Küste im Frühjahr 1962: Pasquale hat von seinem Vater eine Pension geerbt, und wenn er nicht gerade in der Brandung steht, um mühsam einen Strand anzulegen, vermisst er ein Felsplateau, auf dem ein Tennisplatz entstehen soll. Denn Pasquale hat eine Vision: Er will aus Porto Vergogna einen glamourösen Ferienort machen, der Touristen aus aller Welt anlockt, am liebsten aus Amerika.

Dann checkt tatsächlich eine junge amerikanische Schauspielerin in seiner Pension ein, und Pasquale verliert sein Herz an sie. Mit ihr kommt die Welt nach Porto Vergogna - die Verheißungen des fernen Amerika, der Glamour von Cinecittà und schließlich sogar ein sturzbesoffener Richard Burton. Und als die Amerikanerin wieder abreist, ist für Pasquale nichts mehr, wie es war. Ein Steinchen ist ins Mittelmeer gefallen, das noch Jahrzehnte später seine Wellen an die Pazifikküste spült, als der alte Pasquale in Kalifornien nach dieser längst verlorenen Liebe seines Lebens sucht - zusammen mit einem abgebrühten Hollywood-Produzenten, dessen resignierter Assistentin und einem selbstverliebten Möchtegern-Drehbuchautor, der zufällig Italienisch kann. Ein erfrischender und lebenskluger Roman voller Witz und Dolce Vita um hochfliegende Träume, tiefe Abgründe und die Ironie unserer Existenz.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Blessing
  • 1,28 MB
978-3-641-10253-1 (9783641102531)
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1

Die todkranke Schauspielerin

April 1962

Porto Vergogna, Italien

Die todkranke Schauspielerin erreichte sein Dorf auf dem einzigen direkten Weg: in einem Motorboot, das in die Bucht steuerte, am Steindamm vorbeischlingerte und gegen das Ende des Piers rumpelte. Nach einem Augenblick des Zögerns streckte sie im Heck des Boots eine schlanke Hand aus, um nach der Mahagonireling zu greifen; mit der anderen hielt sie den breitkrempigen Hut auf ihrem Kopf fest. Überall um sie herum zerbrach das Sonnenlicht in flackernde Scherben.

Zwanzig Meter entfernt beobachtete Pasquale Tursi die Ankunft der Frau wie in einem Traum. Oder vielmehr, wie er später denken sollte, im Gegenteil eines Traums: einer Entladung von Klarheit nach einem Leben im Schlaf. Pasquale richtete sich auf und unterbrach seine Tätigkeit, die in diesem Frühjahr wie üblich in dem Versuch bestand, unterhalb der Pensione seiner Familie einen Strand anzulegen. Bis auf Brusthöhe im kaltenLigurischen Meer stehend, ließ Pasquale katzengroße Steinbrocken fallen, um den Wellenbrecher zu verstärken, damit das Wasser nicht seinen kleinen Haufen Bausand wegspülte. Pasquales »Strand« war nur so breit wie zwei Fischerboote, und der Grund unter der dünnen Sandschicht bestand aus schartigem Fels. Trotzdem war es die größte Annäherung an ein flaches Stück Küste im gesamten Dorf: diesem Schatten einer Gemeinde, die kurioserweise - oder vielleicht aus naiver Hoffnung - als Porto bezeichnet worden war, obwohl die einzigen regelmäßig ein- und ausfahrenden Boote der Handvoll hier beheimateter Sardinen- und Sardellenfischer gehörten. Der andere Teil des Namens, Vergogna, bedeutete Schande und war ein Relikt aus der Gründungszeit des Dorfs im siebzehnten Jahrhundert, als Seeleute und Fischer hier Frauen mit einer gewissen moralischen und kommerziellen Flexibilität finden konnten.

An dem Tag, als er die wunderschöne Amerikanerin zum ersten Mal erblickte, steckte Pasquale auch bis auf Brusthöhe in Tagträumen, die das schmuddelige kleine Porto Vergogna als aufstrebenden Urlaubsort und ihn selbst als eleganten Geschäftsmann darstellten, einen Mann von unbegrenzten Möglichkeiten zu Beginn einer glorreichen Moderne. Überall sah er Zeichen von il Boom - die Zunahme von Reichtum und Bildung, die Italien verwandelte. Weshalb also nicht auch hier? Erst jüngst war er nach vier Jahren im betriebsamen Florenz in das rückständige Dorf seiner Kindheit zurückgekehrt, beseelt von den bedeutenden Neuerungen aus der Welt dort draußen - eine glitzernde Ära war angebrochen, eine Ära der blitzenden Macchine, der Fernsehgeräte und Telefone, der doppelten Martinis und Frauen in engen Hosen -, einer Welt, die davor nur im Kino zu existieren schien.

Porto Vergogna war ein Nest aus einem Dutzend alter, weiß getünchter Häuser, einer verlassenen Kapelle und dem einzigen kommerziellen Betrieb des Orts - dem winzigen Hotel mit Café, das Pasquales Familie gehörte -, die sich alle in einen Spalt der Steilhänge drängten wie eine Herde schlafender Ziegen. Hinter dem Dorf türmten sich die Berge zweihundert Meter hoch zu einer Wand aus schwarzem, furchigem Fels auf. Darunter ruhte das Meer in einer steinigen, wie eine Garnele gekrümmten Bucht, aus der jeden Tag die Fischer hinausfuhren. Hinten durch die Klippen und vorn durch das Meer abgeschnitten, war das Dorf nie für Wagen oder Karren erreichbar gewesen, und daher gab es nur einige wenige schmale Wege zwischen den Häusern: ziegelgesäumte Straßen, die nicht einmal so breit wie Gehsteige waren, abschüssige Gassen und steile Treppen, sodass man überall im Ort auf beiden Seiten Mauern berühren konnte, wenn man die Arme ausstreckte und dabei nicht gerade auf der Piazza San Pietro, dem kleinen Dorfplatz, stand.

Alles in allem hatte Porto Vergogna also durchaus eine gewisse Ähnlichkeit mit den bezaubernden Bergdörfern der Cinque Terre im Norden, nur dass es kleiner, abgelegener und nicht so malerisch war. Die Hoteliers und Gastronomen im Norden hatten sogar einen eigenen Spitznamen für das winzige, in die Steilklippen geklemmte Nest: culo di baldracca - Hurenarsch. Doch trotz der Verachtung vonseiten der Nachbarorte war Pasquale inzwischen ganz wie sein Vater früher davon überzeugt, dass Porto Vergogna eines Tages genauso florieren würde wie die übrige Riviera di Levante, der Küstenstrich südlich von Genua, zu der auch die Cinque Terre zählten, oder die größeren Touristenstädte wie Portofino an der eleganten Riviera di Ponente. Zwar waren die seltenen ausländischen Touristen, die es mit dem Boot oder zu Fuß nach Porto Vergogna verschlug, meistens verirrte Franzosen oder Schweizer, aber Pasquale hegte die Hoffnung, dass die Sechzigerjahre eine Flut von Amerikanern bringen würden, angeführt vom bravissimo Präsidenten John Kennedy und seiner Frau Jacqueline. Doch um zur Destinazione turistica primaria zu werden, wie Pasquale es sich erhoffte, musste sein Dorf attraktiv für diese Urlauber sein. Und dazu brauchte es erst einmal einen Strand.

Und so stand Pasquale brusttief im Wasser und balancierte einen großen Stein unterhalb seines Kinns, als das rote Mahagoniboot in die Bucht schaukelte. Sein alter Freund Orenzio steuerte es im Auftrag des vermögenden Winzers und Hoteliers Gualfredo, der im Tourismus südlich von Genua das Sagen hatte, dessen nobles, zehn Meter langes Sportboot allerdings nur selten den Weg nach Porto Vergogna fand. Pasquale beobachtete, wie das Boot pendelnd zur Ruhe kam, und ihm fiel nichts anderes ein, als zu rufen: »Orenzio!« Sein Freund war verwirrt von der Begrüßung; sie kannten sich, seit sie zwölf waren, doch sie waren keine Brüller, er und Pasquale, eher . Wahrnehmer, Lippenkräusler, Brauenhochzieher. Grimmig nickte Orenzio zurück. Er verstand keinen Spaß, wenn er Touristen im Boot hatte, vor allem Amerikaner. »Das sind ernste Leute, die Amerikaner«, hatte er Pasquale einmal erklärt. »Noch misstrauischer als die Deutschen. Wenn man zu viel lächelt, glauben die Amerikaner, dass man sie übers Ohr haut.« Heute machte Orenzio ein besonders mürrisches Gesicht und schielte kurz nach hinten zu der Frau im Heck, deren lange, hellbraune Jacke fest um ihre dünne Taille geschlungen und deren Gesicht fast völlig unter dem Schlapphut verborgen war.

Dann wandte sich die Frau mit einer leisen Bemerkung auf Englisch - Amerikanisch - an Orenzio, die vom Wasser weitergetragen wurde. »Entschuldigen Sie, was macht der Mann da?«

Pasquale wusste, dass der englische Wortschatz seines Freundes begrenzt war und er deshalb aus Unsicherheit Fragen in dieser furchtbaren Sprache meist so knapp wie möglich beantwortete. Orenzio sah kurz zu Pasquale, der einen großen Stein für den Bau seines Wellenbrechers in den Händen hielt, und versuchte sich mit einer Spur von Ungeduld an dem englischen Wort für Strand. Doch statt beach wurde daraus bitch. Die Frau neigte den Kopf, als hätte sie sich verhört. Pasquale wollte aushelfen und murmelte, dass der bitch für die Touristen war, »per i turisti«. Doch die schöne Amerikanerin schien ihn gar nicht zu beachten.

Pasquales Traum vom Tourismus war ein Erbe seines Vaters. In den letzten zehn Jahren seines Lebens hatte sich Carlo Tursi darum bemüht, dass die fünf größeren Orte der Cinque Terre Porto Vergogna als sechsten im Bunde aufnahmen. (»Wäre viel netter«, meinte er immer. »Sei terre, die sechs Länder. Cinque Terre kommt den Touristen doch so schwer über die Zunge.«) Doch dem winzigen Porto Vergogna fehlte der Reiz und der politische Einfluss der fünf größeren Nachbarorte. Während die fünf mit Telefonleitungen und schließlich sogar mit einer Bahnlinie, die durch Bergtunnel führte, verbunden und von den Saisontouristen und ihrem Geld überschwemmt wurden, verkümmerte der sechste wie ein überzähliger Finger. Carlos zweiter fruchtloser Ehrgeiz war, dass diese wichtige Bahnlinie um einen Kilometer und einen Tunnel verlängert wurde, um Porto Vergogna mit den größeren Küstenstädten zu verbinden. Doch dazu kam es nicht, und da die nächste Straße durch die terrassenförmigen Weinberge hinter den Cinque-Terre-Klippen führte, blieb Porto Vergogna abgeschnitten, allein in seinem Spalt in den schwarzen, runzligen Felsen, von denen nur steile Fußpfade hinab zum Meer führten.

Pasquales Vater war zehn Monate vor der Ankunft der glanzvollen Amerikanerin gestorben. Ein schneller und stiller Tod hatte Carlo beim Lesen seiner geliebten Zeitungen ereilt - in Form eines in seinem Gehirn geplatzten Blutgefäßes. Immer wieder spielte Pasquale die letzten Minuten seines Vaters durch: Er schlürfte einen Espresso, zog an einer Zigarette, lachte über eine Meldung in der Mailänder Zeitung (Pasquales Mutter hob die Seite auf, konnte aber nichts Lustiges darin entdecken) und sank zusammen, als wäre er eingenickt. Pasquale war an der Universität Florenz, als er die Nachricht vom Tod seines Vaters erhielt. Nach der Beerdigung bat er seine nicht mehr junge Mutter, nach Florenz zu ziehen, doch schon die Vorstellung empörte sie. »Was wäre ich für eine Ehefrau, wenn ich deinen Vater verlassen würde, weil er tot ist?« Damit stand fest - zumindest für Pasquale -, dass er in die Heimat zurückkehren und sich um seine gebrechliche Mutter kümmern musste.

Also zog er wieder in sein altes Zimmer im Hotel. Vielleicht hatte er Schuldgefühle, weil er Carlos Ideen früher belächelt hatte, jedenfalls...

"Was für eine wunderbare Story!"
 
"Schöne Ruinen von Jess Walter ist ein zauberhafter Roman für Italien-Fans."
 
"Brüllkomisch und herzzerreißend romantisch!"
 
"Gute-Laune-Roman über Liebe, die ewig währt."
 
"Schöne Ruinen ist eine Liebesgeschichte, klug und lustig erzählt. ... Ein Roman über die Ironie des Schicksals - und was man wirklich vom Leben erwartet."
 
"Feinster Witz und Dolce Vita."
 
"Schöne Ruinen ist ein erfrischender Roman voller Witz."

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