Die andere Seite des Himmels

Roman
 
 
Hoffmann & Campe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 4. November 2013
  • |
  • 340 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-81232-9 (ISBN)
 
Kalifornien 1970. Bean Holladay und ihre älteste Schwester Liz sind Teenager, als ihre geniale Mutter mal wieder von der Bildfläche verschwindet. Für die Mädchen zunächst nicht weiter beunruhigend. Sobald Probleme am Horizont auftauchen, ergreift ihre Mutter die Flucht. Doch dieses Mal scheint die Sache ernst zu sein .

Nachdem die Fürsorge bei den Mädchen auftaucht, wissen sie, dass sie sich schnellstens aus dem Staub machen müssen. Mutterseelenallein legen sie den langen Weg nach Byler, Virginia, zurück, dem Heimatort ihrer Mutter. Dort betreten sie eine Welt, die anders ist als alles, was sie bisher erlebt haben. Sie lernen ihren verschrobenen, aber liebenswerten Onkel Tinsley kennen, erfahren erstmals, dass ihre Mutter aus einer wohlhabenden Familie stammt, und erkunden staunend das familieneigene Anwesen. Bean und Liz gefällt es in ihrer neuen Umgebung, sie merken jedoch bald, dass sie in dem konservativen Ort zuweilen anecken. Und weil sie sich nichts gefallen lassen, haben sie plötzlich den mächtigsten Mann der Gemeinde gegen sich. Ein mitreißender Roman über zwei mutige Mädchen, die sich gegen die Welt der Erwachsenen auflehnen.
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 1,04 MB
978-3-455-81232-9 (9783455812329)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Jeannette Walls wurde in Phoenix, Arizona, geboren. Sie studierte am Barnard College und arbeitete über zwanzig Jahre als Journalistin in New York. 2006 erschien ihr internationaler Bestseller Schloss aus Glas, der in 23 Sprachen übersetzt wurde. Eine Kinoverfilmung ist in Arbeit. Ein ungezähmtes Leben, die 2009 veröffentlichte Romanbiographie über ihre Großmutter, belegt seit Jahren die deutschen Bestsellerlisten. Walls lebt mit ihrem Mann in Virginia.

1


Meine Schwester rettete mir das Leben, als ich noch ein Baby war. Und das kam so: Mom hatte Krach mit der Familie und beschloss, mitten in der Nacht abzuhauen und uns mitzunehmen. Ich war erst ein paar Monate alt, also packte Mom mich in den Babytragesitz. Den stellte sie auf dem Autodach ab, während sie ein paar Sachen im Kofferraum verstaute, dann setzte sie Liz, die drei Jahre alt war, auf die Rückbank. Mom war damals in einer schwierigen Phase und hatte den Kopf voll – Wahnsinn, Wahnsinn, Wahnsinn, sagte sie später. Sie hatte komplett vergessen, dass ich noch auf dem Dach war, und fuhr los.

Liz fing prompt an, meinen Namen zu kreischen und nach oben zu zeigen. Zuerst verstand Mom nicht, was Liz meinte, doch dann begriff sie und stieg auf die Bremse. Der Tragesitz rutschte nach vorn auf die Motorhaube, aber da ich angeschnallt war, passierte mir rein gar nichts. Ich heulte nicht mal. Immer wenn Mom in den Jahren danach die Geschichte erzählte, die sie zum Schreien komisch fand und mit Vorliebe hochdramatisch nachspielte, sagte sie, Gott sei Dank habe Liz alle fünf Sinne beisammen gehabt, sonst wäre der Sitz im hohen Bogen runtergeflogen und mit mir wäre es aus gewesen.

Liz erinnerte sich lebhaft an die ganze Sache, aber sie fand sie nie lustig. Sie hatte mich gerettet. So eine Schwester war Liz. Und deshalb machte ich mir an dem Abend, als das ganze Chaos anfing, auch keine Sorgen, dass Mom seit vier Tagen weg war. Ich machte mir eher Sorgen wegen der Hühnerpastetchen.

Ich konnte es nicht ausstehen, wenn die Kruste von unseren Hühnerpastetchen verbrannte, aber die Uhr an unserem Minibackofen war kaputt, und deshalb starrte ich an dem Abend durch die kleine Glasscheibe vom Ofen, weil man nämlich, sobald die Pasteten anfingen, braun zu werden, aufpassen musste wie ein Luchs.

Liz deckte den Tisch. Mom war nach Los Angeles gefahren, zu irgendeinem Aufnahmestudio, wo sie für ein Engagement als Backgroundsängerin vorsingen wollte.

»Meinst du, sie kriegt den Job?«, fragte ich Liz.

»Ich hab keine Ahnung«, sagte Liz.

»Ich aber. Diesmal hab ich ein gutes Gefühl.«

Seit wir nach Lost Lake gezogen waren, einer südkalifornischen Kleinstadt in der Colorado-Wüste, war Mom sehr oft nach Los Angeles gefahren. Meistens blieb sie dann nur ein oder zwei Nächte weg, nie so lange wie diesmal. Wir wussten nicht genau, wann sie zurückkommen würde, und weil uns das Telefon abgestellt worden war – Mom lag wegen einiger Ferngespräche, von denen sie behauptete, sie hätte sie nicht geführt, im Clinch mit der Telefongesellschaft –, konnte sie uns nicht anrufen.

Trotzdem, es war noch nicht besonders beunruhigend. Moms Karriere hatte immer ganz schön viel von ihrer Zeit in Anspruch genommen. Als wir noch kleiner waren, engagierte sie einen Babysitter oder bat eine Freundin, auf uns aufzupassen, während sie irgendwohin düste, nach Nashville oder so. Deshalb waren Liz und ich daran gewöhnt, allein zu sein. Liz hatte das Sagen, weil sie schon fünfzehn war und ich gerade erst meinen zwölften Geburtstag gefeiert hatte, aber ich war kein Kind, das behütet werden musste.

Wenn Mom unterwegs war, aßen wir immer nur Hühnerpastetchen. Ich war ganz verrückt nach den Dingern und hätte sie jeden Abend essen können. Liz meinte, wenn man dazu ein Glas Milch trank, hatte man ein Abendessen, bei dem alle vier Nahrungsgruppen vertreten waren – Fleisch, Gemüse, Getreide und Milch –, und somit waren die Pastetchen die ideale Kost.

Außerdem machte es Spaß, sie zu essen. Du kriegtest dein eigenes Pastetchen in dem hübschen kleinen Aluförmchen und konntest damit machen, was du wolltest. Ich stieß gern den knusprigen Deckel auf und zermatschte ihn mit den Möhrenstückchen und den Erbsen und der gelben Soße. Liz fand es unappetitlich, alles zusammenzumatschen. Außerdem wurde die Kruste dann pampig, und was ihr an Hühnerpastetchen so gefiel, war der Kontrast zwischen der knusprigen Kruste und der glibberigen Füllung. Also ließ sie die Kruste ganz und schnitt sich für jeden Bissen niedliche kleine Tortenstückchen heraus.

Sobald die Kruste so richtig schön goldbraun war und die kleinen geriffelten Ränder ganz knapp davor waren, anzubrennen, meldete ich, dass sie fertig waren. Liz zog sie aus dem Minibackofen, und wir setzten uns an den roten Resopaltisch.

Wenn Mom nicht da war, spielten wir beim Abendessen oft Spiele, die Liz sich ausgedacht hatte. Eines hieß Schluck-und-Spuck. Dabei musste man warten, bis die andere den Mund voll mit Essen oder Milch hatte, und dann versuchen, sie zum Lachen zu bringen. Liz gewann fast immer, weil es ziemlich leicht war, mich zum Lachen zu bringen. Manchmal kam mir vor lauter Lachen die Milch aus der Nase geschossen.

Ein anderes Spiel, das sie sich ausgedacht hatte, war das Lügenspiel. Dabei musste eine von uns zwei Behauptungen aufstellen, von denen eine stimmte, die zweite nicht, und die andere durfte fünf Fragen dazu stellen und musste dann raten, welche Behauptung gelogen war. Meistens gewann Liz auch beim Lügenspiel, aber genau wie bei Schluck-und-Spuck war es eigentlich egal, wer von uns gewann. Hauptsache, wir hatten unseren Spaß. An dem Abend war ich ganz aufgeregt, weil ich dachte, ich hätte eine richtig harte Nuss auf Lager: Einem Frosch rutschen beim Schlucken die Augäpfel ins Maul, oder Froschblut ist grün.

»Kinderleicht«, sagte Liz. »Das grüne Blut ist gelogen.«

»Das gibt’s doch nicht! Woher weißt du das?«

»Wir haben in Bio Frösche seziert.«

Ich redete noch immer darüber, wie saukomisch und seltsam es doch war, dass ein Frosch seine Augäpfel zum Schlucken braucht, als Mom zur Tür hereinkam. Sie hatte eine weiße Schachtel mit einer roten Schleife drum in der Hand. »Limettentorte für meine Mädchen«, verkündete sie und hielt die Schachtel hoch. Ihr Gesicht glühte, und sie lächelte irgendwie albern. »Wir haben Grund zu feiern; von heute an ändert sich nämlich unser Leben.«

Während Mom die Torte anschnitt und die Stücke verteilte, erzählte sie uns, dass sie in dem Aufnahmestudio einen Mann kennengelernt hatte. Er war Plattenproduzent und hieß Mark Parker, und er hatte ihr erklärt, sie würde nur deshalb keine Engagements als Backgroundsängerin kriegen, weil ihre Stimme zu markant war und sie den Frontsängern die Schau stahl.

»Mark meint, ich bin nicht dafür geschaffen, hinter irgendwem die zweite Geige zu spielen«, erklärte Mom. Er hatte ihr erzählt, sie habe das Zeug zum Star, und an dem Abend hatte er sie zum Essen eingeladen, und sie hatten darüber geredet, wie sie ihre Karriere in Schwung bringen könnten. »Er ist so klug und witzig«, sagte Mom. »Ihr zwei werdet ihn lieben.«

»Ist er was Ernstes oder auch bloß so ein Blechklopfer?«, fragte ich.

»Ich warn dich, Bean«, sagte Mom.

 

Bean ist natürlich nicht mein richtiger Name, aber so nennen mich alle. Bean – das Böhnchen.

Meine Idee war das nicht. Als ich geboren wurde, gab Mom mir den Namen Jean, aber als Liz mich das erste Mal sah, nannte sie mich Jean Bean, weil ich so winzig wie ein Böhnchen war und weil es sich reimte – Liz reimt andauernd –, und dann einfach nur Bean, weil das kürzer war. Aber manchmal verlängerte sie Bean auch wieder und nannte mich Beaner oder Bean Head oder auch Clean Bean, wenn ich gerade gebadet hatte, Lean Bean, weil ich so dünn war, Queen Bean, einfach nur, um mir eine Freude zu machen, oder Mean Bean, wenn ich schlecht gelaunt war. Einmal, als ich von einem Teller verdorbenem Chili eine Lebensmittelvergiftung hatte, nannte sie mich Green Bean, und später dann, als ich über der Kloschüssel hing und mich noch schlechter fühlte, hieß ich für sie Greener Beaner.

Liz spielte unheimlich gern mit Wörtern. Deshalb gefiel ihr der Name unseres Städtchens auch so, Lost Lake – also verlorener oder auch verirrter See. »Komm, wir gehen ihn suchen«, sagte sie gern, oder: »Würd mich echt interessieren, wer ihn verloren hat«, oder: »Vielleicht sollte der See mal nach dem Weg fragen.«

Wir waren vier Monate zuvor, am Neujahrstag 1970, von Pasadena nach Lost Lake gezogen, weil Mom meinte, ein Tapetenwechsel wäre ein schöner Auftakt für das neue Jahrzehnt. Lost Lake war ein ganz nettes Örtchen, fand ich. Die meisten Leute, die da wohnten, waren Mexikaner, die Hühner und Ziegen in ihren Gärten hielten, wo sie praktisch auch selbst lebten, denn sie kochten draußen auf dem Grill und tanzten zu mexikanischer Musik, die aus ihren Radios dudelte. Hunde und Katzen schlichen auf den staubigen Straßen herum, und Bewässerungskanäle beförderten Wasser raus zu den Feldern. Keiner sah dich schief an, weil du die aufgetragenen Sachen deiner großen Schwester anhattest oder deine Mom einen alten braunen Dart fuhr. Unsere Nachbarn wohnten in kleinen Lehmziegelhäuschen, aber wir hatten einen Bungalow aus Zementsteinen gemietet. Es war Moms Idee gewesen, die Zementsteine türkisblau und Tür und Fensterbänke orangerot anzustreichen. »Lasst uns bloß nicht so tun, als wollten wir dazugehören«, sagte sie.

Mom war Sängerin, Songschreiberin und Schauspielerin. Sie hatte noch nie richtig in einem Film mitgespielt oder eine Platte aufgenommen, aber sie hasste es, wenn man sie als »angehende« Irgendwas bezeichnete, und, ehrlich gesagt, sie war ein bisschen älter als die Leute, die in den Filmzeitschriften, die Mom andauernd kaufte, so bezeichnet wurden. Moms sechsunddreißigster Geburtstag stand bevor, und sie jammerte, dass die Sängerinnen, die gerade so viel Furore machten, wie Janis Joplin und Joni Mitchell, mindestens zehn Jahre jünger waren als sie.

Trotzdem behauptete Mom immer, ihr großer...

»In "Die andere Seite des
Himmels" erzählt sie nun ebenso brillant von einer fiktiven Familie - von einer
verkorksten Kindheit und einer charismatischen, aber überforderten
Mutter.«
 
»Das Besondere ist, wie schon in
"Schloss aus Glas", der vorurteilfreie Blick auf diese Kindheit, die so anders
verläuft.«
 
»Eine schön erzählte und
ungewöhnliche Geschichte, die einen kaum loslässt.«
 
»Wer einmal Jeannette Walls
gelesen hat, ist ihr fortan verfallen.«

Dateiformat: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat EPUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

9,99 €
inkl. 19% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen