In Zeiten der Liebe und des Krieges

Die Korff-Saga
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 1. Februar 2018
  • |
  • 400 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-97820-0 (ISBN)
 
Im Sommer 1912 erschüttert der Mord an einem Leutnant die angesehene Wiener Familie Korff. Hat Maxim Korff ihn umbringen lassen, um seinen Bruder vor einem Duell mit dem Offizier zu schützen? Schließlich ist der erfolgreiche Unternehmer es gewohnt, die Dinge nach seinen Vorstellungen zu regeln. Dass er seinen Aufstieg vor allem der naturwissenschaftlichen Begabung seiner Frau Livia und dem Vermögen ihrer Familie verdankt, nagt an Maxims Selbstwertgefühl, weshalb er immer wieder außerehelich Bestätigung sucht. Livia, zutiefst unglücklich und einsam, genießt daher die Aufmerksamkeiten des deutschen Burgschauspielers Renè Desny. Und obwohl sie Maxim nach wie vor liebt, beginnt sie eine Affäre mit dem charmanten Mann. Doch dies sind nicht die einzigen dunklen Geheimnisse, die die Familie Korff in den Abgrund zu reißen drohen - zu einer Zeit, als ganz Europa vor dem Abgrund steht ...
weitere Ausgaben werden ermittelt
Michael Wallner spielte nach seiner Ausbildung am Wiener Max Reinhardt-Seminar am Burgtheater und am Berliner Schillertheater. 1982 erhielt er den Schauspielerpreis beim Norddeutschen Theatertreffen. Seit 1987 arbeitet er als freischaffender Theater- undOpernregisseur und inszenierte unter anderem in Düsseldorf, Frankfurt, Bochum, Wien, Hamburg und Lübeck. Wallner erhielt die Kainz-Medaille der Stadt Wien für die Regie von "Krieg". Seit 2000 lebt er als freier Autor in Berlin. Sein Bestseller "April in Paris" wurde in über 20 Sprachen übersetzt.

2


Donaukiesel


Katrin Hierzer war erst fünfundzwanzig, diente der Familie Korff aber schon seit acht Jahren. Angefangen hatte sie als Küchenhilfe, war zum Zimmermädchen avanciert, und vor einem Jahr hatte der gnädige Herr ihr einen überraschenden Vorschlag gemacht.

»Zum Bettenmachen und Ofenanzünden sind Sie mir zu schade, Kathi.« Vom Fenster seines Studierzimmers aus hatte er auf die Donau hinuntergeschaut. »Zu jeder Jahreszeit sieht das Wasser anders aus, ich staune immer wieder.«

»Wollen Sie mir etwa kündigen?«.

Er hatte sich umgedreht und sie aus lebendigen, wachsamen Augen betrachtet. Die Augen des gnädigen Herrn hatten einen hellen Ton, ähnlich wie Bernstein. Er hielt den blonden Bart so kurz gestutzt, dass man ihn bei schwacher Beleuchtung kaum sah. Maxim Korff war groß auf eine besondere Art. Betrat er einen Raum, drehten sich die Menschen nach ihm um. In seiner Freizeit ruderte er und spielte Tennis, in jüngeren Jahren hatte er sämtliche Viertausender der Alpen bezwungen. Er kleidete sich etwas nachlässig, mit Ausnahme der Schuhe; Korff putzte seine Schuhe selbst.

»Wenn Sie weiter so dumm fragen, überlege ich mir das mit Ihrer Beförderung noch einmal«, hatte er sie zurechtgewiesen. »Für ein Zimmermädchen sind Sie mir zu gut und auch schon ein bisschen zu alt.« Ein Zwinkern. »Ich mache Sie mit sofortiger Wirkung zur Hausdame.«

Korff hatte recht. Wenn man als Zimmermädchen nicht rechtzeitig heiratete oder eine bessere Stellung fand, schuftete man bis an sein Lebensende. »Was habe ich als Hausdame zu tun?«

»Das wird Ihnen alles meine Frau erklären.« Er hasste Details, sofern sie den Haushalt betrafen.

»Danke. Ich werde mit der gnädigen Frau reden.«

Das war erst vor zwölf Monaten gewesen, doch Katrin kam es wie die Erinnerung an ein anderes Leben vor. In nur einem Jahr hatte sie sich den Respekt der Dienerschaft und der Familie erworben. Gäste, die zu Besuch in die Außenfestung kamen, behandelten Katrin wie ein Familienmitglied. Die Damen suchten ihren Rat in modischen Fragen, die Herren waren auf eine Art galant, als ob sie zur guten Gesellschaft gehören würde.

Die Korff-Villa wurde die Außenfestung genannt, weil sie von der Familie hauptsächlich in der schönen Jahreszeit bewohnt wurde, während man in den dunklen Monaten im Stadtpalais in der Jasomirgottstraße lebte, nur einen Steinwurf vom Stephansdom entfernt. Zurzeit herrschte der schwere, träumerische Wiener Sommer. Es lebte sich angenehm in dem schönen Haus über der Donau, inmitten der Ausläufer des Kahlenberges. Die Korff-Villa hatte nicht nur Blick auf das Wasser, sondern einen direkten Zugang zum Strom und stellte damit eine Ausnahme dar, über die sich keiner der anderen Anwohner freuen konnte. »Das einzige Hindernis, das uns vom Fluss trennt, ist der Kaiser«, lautete ein beliebter Spruch im Kahlenbergerdorf. Auch die Korffs mussten damit leben, dass die Franz-Josefs-Bahn dem Uferverlauf folgte und damit das Grundstück mitten durchschnitt. Maxim hatte vor Jahren bei der kaiserlichen Staatsbahn erstritten, dass er an der nordöstlichen Ecke des Parks einen Tunnel graben durfte, der unter der Bahnlinie hindurch bis ans Ufer führte. Somit erfreuten sich die Korffs ihres eigenen privaten Donaustrandes.

Katrin folgte dem Mädchen, das die Limonadenkrüge hinunter in den Pavillon brachte, wo die Badegesellschaft Zuflucht vor der Sonne suchte.

»Wissen Sie, ob Maxim uns später zum Essen die Ehre gibt, Kathi?«, fragte Theodor Zeska, kaum dass sie eintrat.

»Herr Korff hat telefoniert, dass es später werden könnte«, antwortete sie und beaufsichtigte das Mädchen beim Eingießen der Limonade.

»Dann weiß er es also schon«, rief Zeska, der langjährige Kompagnon der Korffs. Er hatte die Physiognomie eines satt gefressenen Bären, doch jedermann wusste, Zeska war ein gefährlicher Mensch. Seine kleinen Augen leuchteten. »Maxim kennt den Ausgang des Duells bestimmt bereits.«

Die Zusammensetzung der Sommergesellschaft änderte sich selten. Julius und Abel Hahn waren unter den Gästen, Vater und Bruder der gnädigen Frau. Der stets korrekte Abel trug trotz der Hitze Weste, Krawatte und Jacke, während sein Vater einen blau gestreiften Badeanzug vorzog. Nach dem Schwimmen hatten seine nackten Füße Pfützen auf den Dielen gemacht, in die er hin und wieder mit den Zehen hineintappte. Seine Zigarre war ausgegangen. Katrin zündete ein Streichholz an.

»Danke, das ist lieb«, sagte der alte Mann und sah sie aus klugen Augen an. »Wie geht es Ihnen, Kathi?«

»Danke der Nachfrage, Herr Geheimrat.« Sie ließ das Schwefelholz brennen, bis die Flamme fast ihre Finger berührte.

Julius Hahn blies es aus. »So, jetzt darfst du mich küssen, mein Schatz.« Auf die verblüfften Mienen der anderen lachte er. »Lautet das Sprichwort nicht so?«

»Vater, bitte.« Mit einem Blick entschuldigte sich sein Sohn bei Katrin.

»Spar dir dein Vater, bitte«, konterte Julius. »Ich kannte Kathi schon, da steckte sie noch in den Kinderschuhen.«

»So lange wohl nicht, Herr Hahn.«

Julius setzte sich rauchend im Korbstuhl zurecht. »Wie lange sind Sie jetzt im Haus meines Schwiegersohnes?«

»Acht Jahre.«

»Herrgott, wo ist die Zeit geblieben?« Er paffte versonnen. »Zwölf Jahre sind wir schon in dieses neue Jahrhundert hineingeschlittert, aber man hat noch keine so rechte Ahnung, was daraus werden soll.«

»Was soll denn aus einem Jahrhundert werden?«, rief Zeska. »Gut verdienen werden wir, leben und uns amüsieren werden wir wie eh und je. Nicht wahr, mein Schatz?« Er streichelte das Knie seiner Frau.

»Wie eh und je.« Camilla Zeska trug einen bodenlangen, durchbrochenen Mantel mit aufgestickten Pfauenmotiven über dem Badeanzug. Ihre Stimme erinnerte an ein schwirrendes Insekt. Camilla hatte früher eine Karriere als Sängerin angestrebt, war aber nach ein paar Jahren klug genug gewesen, sich für die Ehe mit dem reichen Geschäftsmann zu entscheiden.

Julius betrachtete die Zigarrenglut. »Krieg oder Frieden. Ich tippe darauf, dass das 20. Jahrhundert ein kriegerisches sein wird.«

»Das glaube ich nicht. Unsere Majestät wird gewiss als Friedenskaiser in die Geschichtsbücher eingehen.« Camilla schloss den Mantel über ihren Beinen.

»Und was geschieht, wenn man dem Kaiser einen Krieg aufzwingt?« Julius wurde unterbrochen, da Raphael Hofteuffel gerade den Pavillon betrat.

»Ich bitte meine Verspätung zu entschuldigen, aber die aktuellen Ereignisse .« Hofteuffel stockte, da er jemanden in der Runde entdeckte, für dessen Ohren die Neuigkeit nicht gemacht war.

Julius verstand sofort. »Xandi, warum gehst du nicht schwimmen?«, fragte er das fünfzehnjährige Mädchen, das der Unterhaltung bisher gelangweilt gefolgt war.

»Muss ich wirklich?«, fragte Alexandra ihren Vater.

»Es ist so ein herrlicher Tag«, antwortete Abel ausweichend.

»Ich weiß eh, wovon ihr redet«, erwiderte das Mädchen trotzig. »Von Onkel Ludwig.«

»Wenn du ans Ufer kommst, richte meiner Tochter aus, dass sie sich bald in ein Donauweibchen verwandeln wird, wenn sie so lange im Wasser bleibt«, sagte Julius.

Während die Anwesenden lachten und einen Blick zum Fluss warfen, wo Livia Korff im glitzernden Fluss ruhige Schwimmstöße ausführte, schickte Julius seine Enkelin aus dem Pavillon.

»Erzählen Sie schon«, forderte er den Neuankömmling auf.

Raphael Hofteuffel war stämmiger geworden, seit er die Professur an der naturhistorischen Fakultät angenommen hatte und nicht mehr so häufig auf Reisen war. Er hatte ein breites, sonnenverbranntes Gesicht mit freundlichen schwarzen Augen. Der weit geschnittene Leinenanzug konnte seine kräftigen Muskeln nicht verbergen. Raphael war ein gut aussehender Mann, doch es fehlte ihm die Aura, die seinen besten Freund Max umgab. Maxim Korff war ein Mann des Mittelpunktes. Wo er auftrat, bildete sich das Zentrum des Geschehens. Raphael stellte eher eine Randfigur dar. Er war damit stets zufrieden gewesen, bis auf einen einzigen Punkt: Vor Jahren hatten sowohl Maxim als auch Raphael der blutjungen Livia Hahn Avancen gemacht. Schon während Hofteuffel um Livia geworben hatte, musste er gewusst haben, dass sein Freund das Rennen machen würde. Maxim gewann Livias Liebe, dazu die Unterstützung ihres Vaters und das große Geld, das hinter dem Bankhaus Hahn stand.

»Machen Sie es nicht so spannend.« Julius stampfte mit dem nassen Fuß auf.

»Wie es aussieht, hat das Duell gar nicht stattgefunden.« Raphael bedankte sich, als Katrin ihm ein Glas Limonade reichte.

»Hat Ludwig etwa gekniffen?«, fragte der alte Mann.

»Im Gegenteil. Er war heute Morgen pünktlich um halb fünf in den Praterauen, zusammen mit seinen Sekundanten. Ludwig soll es allerdings erbärmlich gegangen sein, plötzlicher Durchfall während der Nacht.« Hofteuffel setzte sich neben das Ehepaar Zeska.

»Wundert mich nicht, dass der arme Teufel die Scheißerei kriegt, wenn er gegen einen Mann wie Pankau antreten soll. Entschuldigen Sie meine Ausdrucksweise«, sagte Julius in Camillas Richtung.

»Es ist aber doch unvorstellbar, dass der Leutnant zurückgesteckt hat«, mischte sich Zeska ein. »Das Renommee seines Regiments steht auf dem Spiel, wenn er sich der Ehrenpflicht entzieht.«

Während die Herren die Merkwürdigkeit eines nicht stattgefundenen Duells besprachen, gab Katrin dem Mädchen Anweisung, den Kirschkuchen von oben aus dem Haus zu holen. Katrin wusste mehr über die...

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