Die blinde Contessa und ihre Maschine

Roman
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. Mai 2015
  • |
  • 240 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-98225-2 (ISBN)
 
Carolina Fantoni ist eine Träumerin. Und zwar eine so begnadete und eigenwillige, dass selbst ihr Vater und ihr Verlobter ihr nicht glauben wollen, als sie ihnen eines Morgens verkündet: »Ich erblinde.«
Die junge Contessa steht kurz vor der Hochzeit und führt ein unbeschwertes Leben - bis sie feststellt, dass sich die Welt um sie herum stetig verdunkelt und sie nun Tag für Tag auch einen Teil ihrer Freiheit verliert. Umso stärker zieht es Carolina hinaus an ihren See, in die kleine Gartenhütte, wo sie sich heimlich mit dem exzentrischen Tüftler Turri trifft. Nur er versteht Carolinas Drang nach Eigenständigkeit und macht für sie eine brillante Erfindung: Eine Schreibmaschine, auf der die blinde Contessa ihm und der Außenwelt Briefe tippen kann.
Erfindungsreichtum, Entdeckergeist und Imaginationskraft werden zu Carolinas Lebenselixier und lassen ihre Welt trotz der Dunkelheit, die sich um sie legt, in den hellsten Farben leuchten.
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  • 1,46 MB
978-3-492-98225-2 (9783492982252)
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An dem Tag, an dem Contessa Carolina Fantoni heiratete, wusste außer ihr nur ein einziger Mensch, dass sie erblinden würde - und es war nicht ihr Bräutigam.

Dabei hatte sie die anderen durchaus gewarnt.

»Ich werde blind«, mit diesen Worten war sie ihrer Mutter gegenüber herausgeplatzt, als sie sich in das wohltuend gedämpfte Licht der Familienkutsche begab und ihr noch die gleißende Wintersonne in den Augen brannte. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie bereits ihr peripheres Gesichtsfeld eingebüßt. Zwar spürte Carolina, dass ihre Mutter ihre Hand nahm, doch um ihr Gesicht zu sehen, musste sie den Kopf zur Seite wenden. Als ihre Mutter sie küsste, röteten sich ihre Augen vor Kummer und Mitleid.

»Ich war auch mal verliebt«, sagte sie und wandte sich ab.

»Papa«, hatte Carolina gesagt.

Ihr Vater hatte seine Lupe auf der vor ihm ausgerollten Landkarte abgelegt. Unter dem Vergrößerungsglas lauerte ein trauriges Meeresungeheuer. Es war mitten am helllichten Tag, doch die Blindheit verschleierte die Bücherregale, die hinter ihm in trügerischem Dämmerlicht aufragten. Nur das große Fenster über seinem Kopf und der Schreibtisch selbst waren noch hell und scharf umrissen.

»Nonna war blind, als sie starb«, sagte Carolina.

Ihr Vater nickte. »Und auch schon Jahre davor«, sagte er. »Aber ich habe es nie so richtig glauben können. Ihr entging nichts. Es war, als hätte sie irgendwo in einer Schatulle ein zweites Augenpaar gehabt.«

»Hat sie dir je erzählt, wie es passiert ist?«, fragte Carolina.

Ihr Vater schüttelte den Kopf. »Ich war ja noch klein.«

»Ich glaube, ich erblinde vielleicht auch«, sagte Carolina zu ihm.

Ihr Vater sah sie mit fragendem Blick an. Er überlegte einen Moment, dann schwenkte er die Hand vor ihrem Gesicht. Als sie der Bewegung mit den Augen folgte, grinste er breit.

»Ach, vorerst jedenfalls nicht!«

Auch Pietro hatte sie es erzählt, als ihre Mutter sie für eine Weile im Garten unter dem Sternenhimmel allein gelassen hatte, dessen Funkeln sie mit einer einfachen Drehung des Kopfes nach Belieben auslöschen oder wieder hervorzaubern konnte.

Pietro hatte nur lauthals gelacht.

»Was wirst du mir als Nächstes erzählen?«, hatte er sie zwischen seinen Küssen gefragt. »Bestimmt kannst du auch fliegen? Und dich in eine Katze verwandeln?«

»Ich kann schon jetzt manches nicht mehr sehen«, hatte sie ihm unbeirrt erklärt. »Jeweils an den Rändern.«

»Ich würde mich nicht wundern, wenn du mir als Nächstes eröffnest, du hättest das Küssen verlernt«, sagte Pietro und fand ihre Lippen.

In jenen Tagen bemaß Carolina das Fortschreiten ihrer Erblindung an der Größe ihres Sees. Als Geschenk für ihre Mutter hatte ihr Vater zum fünften Hochzeitstag ein Stück des Flüsschens, das durch ihr Anwesen verlief, gestaut. Doch als blutiger Laie in solchen Dingen hatte er das Sumpfland an den Ufern nur dürftig ausgehoben, und so war das Gewässer mit seiner Länge von dreißig Schritt und der halben Breite an keiner Stelle auch nur so tief, dass ein Mann ganz darin untertauchen konnte. Dennoch war seine junge Frau, die sich immer noch nach dem Meer zurücksehnte, an diesem Tag tapfer an seiner Seite durch den Morast gewatet, wenn auch nie wieder freiwillig dorthin zurückgekehrt. Zu Carolinas siebtem Geburtstag hatte ihr Vater das grasbewachsene Ufer mit Steinbänken versehen und auf der Wasserfläche Boote mit leuchtenden Lampions verteilt, um den See nunmehr seiner Tochter zu vermachen.

Diesmal erntete er aufrichtigen Dank. Das Geschenk wurde sogar mit einer Begeisterung aufgenommen, die anfänglich in Tyrannei ausartete: Carolina hatte schon in diesem zarten Alter ihre Liebe zur Abgeschiedenheit entdeckt und von diesem Geburtstag an die Erlaubnis eingefordert, ganz ohne Begleitung zum See gehen zu dürfen, der einen knappen Kilometer vom Haus entfernt lag und nur durch ein von Ranken überwuchertes Pinienwäldchen zu erreichen war. Was, so begründete sie ihren Wunsch, hätte sie sonst davon, etwas zu besitzen?

Vor dieser Logik kapitulierte ihr Vater und gab sein Einverständnis, auch wenn er die Bedenken ihrer Mutter keineswegs zerstreuen konnte, deren jahrelange Verdrängung sich in jüngster Zeit mit Schlaflosigkeit, Gedächtnisschwäche und wahrhaft unaussprechlichen Ängsten rächte.

Von diesem Tag an machte sich Carolina täglich auf zum See, der bei Regen mal silbrig vor ihr lag, mal schwarz oder grau oder mit einer festen Eisschicht - je nachdem, wie schnell das Wasser gefroren war, entweder durchsichtig wie Glas oder milchig weiß. In ihrem zehnten Lebensjahr hatte der Winter heftig und plötzlich eingesetzt, und der See war an den meisten Stellen so überirdisch klar gewesen, dass er Carolina seine am Grund verborgenen Schätze offenbarte: untergegangene Zweige, grüne Schlinggewächse, die leeren, schüsselförmigen Laichplätze der Fische sowie das ursprüngliche Flussbett. Mit einem von der Küchenmagd geliehenen Besen, der sich zum Schneefegen anbot, brach Carolina zu stundenlangen Erkundungsgängen auf und erschien an jenen Winterabenden mit roten Wangen und blauen Lippen zum Essen. Im folgenden Frühjahr hatte ihre Mutter darauf bestanden, dass ihr Vater Carolina am Ufer einen Unterschlupf baute, und so hatte er ihr nur wenige Schritte vom Wasser entfernt eine Hütte aus unbehandeltem, rot lasiertem Holz errichtet. Durch je ein Glasfenster in allen vier Wänden schien Licht in das kleine Zimmer herein. Den Boden bedeckten einige ausgetretene Teppiche, das Mobiliar war spärlich: ein altes Sofa mit schweren geflickten Steppdecken aus Samt, ein Schreibtisch und ein Stuhl. Das Zimmer war klein. Wenn er in der Mitte stand, konnte Carolinas Vater mit ausgestreckten Armen fast beide Wände berühren. Am Fuß eines schmalen Rauchfangs öffnete sich ein Kamin, davor stand ein Funkenschutz mit Meerjungfrauen aus Messing - ein weiteres gutgemeintes, doch wenig erfolgreiches Geschenk ihres Vaters an ihre Mutter, die jede Erinnerung ans Meer eher traurig stimmte als tröstete.

Kaum war die Hütte fertig, verlor das große Haus für Carolina jeden Reiz. Für den Rest ihrer Kindheit verbrachte sie mehr Nächte in ihrer Hütte als in ihrem eigenen Bett; wie eine Wühlmaus vergrub sie sich unter einem Haufen Decken aus Samt oder genoss im Sommer nackt die anhaltende Wärme nach Sonnenuntergang. In lauen Nächten riss sie die Fenster auf und spannte leichte Tücher vor die Öffnung, um die Insekten abzuwehren. Von draußen drangen die triumphierenden, hoffnungsvollen oder drohenden Rufe der Frösche und Vögel herein.

Da sie den See mit den Augen eines Kindes kennengelernt hatte, erschien es Carolina eine Zeitlang nur natürlich, dass sie ihn nicht mehr mit einem einzigen Blick überschauen konnte - nichts weiter als einer der vielen dummen Streiche ihres Körpers bei seiner geheimnisvollen Verwandlung in eine junge Frau. Die Kirche, die Entfernung zur Stadt und der einst riesige Ballsaal waren, sowie sie heranwuchs, allesamt geschrumpft. Wieso sollte das bei ihrem See anders sein?

Doch kurz nach ihrem achtzehnten Geburtstag, etwa um die Zeit, als sie sich mit Pietro verlobte, trübten sich die Ränder ihres Gesichtsfelds weiter ein. Aus der Ferne konnte sie Gestalten nur noch erkennen, wenn sie den Kopf genau in ihre Richtung drehte. Gleichzeitig verengte sich ihr Blick, als halte ihr ein unsichtbares Gespenst die Hände wie Scheuklappen links und rechts an die Schläfen, so dass dort nur noch Dunkelheit herrschte.

Turri hatte es natürlich sofort begriffen. Er hatte die Hände seitlich ans Gesicht gehalten und gefragt: »Meinst du, so?«

Carolina nickte.

Im ersten Moment riss er alarmiert die blauen Augen auf, dann wechselte ihr Ausdruck. Er sah ihr immer noch direkt ins Gesicht, doch sein Blick richtete sich in die Ferne, während er im Kopf die Bücher einer unsichtbaren Bibliothek durchging. Carolina hasste diese Miene: Manchmal währte sie nur Sekunden, doch oft bedeutete sie, dass Turri den Rest des Nachmittags für Carolina nicht mehr ansprechbar war.

Diesmal jedoch sammelte er erst einmal die Fakten. »Seit wann?«, fragte er.

»Seit einem halben Jahr«, antwortete sie. »Es fing vor Weihnachten an.«

Hinter den Seidentüchern in den Fenstern der Hütte sang ein Seetaucher ein paar Töne und sank dann in nachdenkliches Schweigen.

»Ich hab was darüber gelesen«, sagte Turri. »Erblindung kann von den Seiten her oder aus der Mitte heraus beginnen.«

»Aus der Mitte?«, fragte Carolina nach.

»Wie ein Schatten mitten in deinem Gesichtsfeld. Nur, dass er nicht wieder weggeht. Und die Dunkelheit breitet sich von dort weiter aus.«

»Aber bei mir ist es von außen«, antwortete sie.

»Das ist die andere Art.«

Carolina stiegen Tränen in die Augen, so dass alles vor ihr verschwamm. Sie war froh über eine Blindheit, die sie mit einer Handbewegung wegwischen konnte, und ließ es geschehen. Als die Tränen versiegten, saß Turri da und betrachtete sie wie ein neues mathematisches Problem.

»Wie lange wird es dauern?«, fragte sie.

»Es ist sicher von Fall zu Fall verschieden.«

Als sie ihn weiter anstarrte, senkte er den Blick. »Ich kann's nachschlagen«, sagte er.

»Danke.«

»Hast du's Pietro schon gesagt?«, fragte er.

Sie nickte.

Turri musterte sie noch eine Weile, dann lachte er kurz auf.

»Aber er weiß es nicht.«

Sie schüttelte den Kopf.

Turri nahm ihre Hand.

Ausnahmsweise ließ...

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