Der Fisch ist ein einsamer Kämpfer

Roman
 
 
Hoffmann & Campe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 14. März 2013
  • |
  • 176 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-81110-0 (ISBN)
 
"Auf einmal fand ich, dass es mir gut geht."
Topolina liebt die Kunst. Sie liebt Bücher. Aber Menschen liebt sie nicht. Die frühere Künstlerin arbeitet als Putzfrau in der Wohnung einer Pariser Familie. Eines Tages findet sie dort unter der Bettdecke eine Nachricht des kleinen Sohnes für sie. Es ist nur eine harmlose Bitte, doch sie stellt Topolinas Leben auf den Kopf.
"Guten Tag, Madame, kannst du bitte das Wasser von meinem Fisch auswechseln? Ich kann das nicht." Mit dieser Botschaft beginnt der Briefwechsel zwischen Topolina und dem achtjährigen Sohn ihrer Arbeitgeberin, von dem sie nur ein Foto kennt. Sie verstecken ihre Zettel füreinander an wechselnden Orten - unter dem Kopfkissen, in der Waschmaschine, in Hosentaschen. Obwohl sich Topolina von den Menschen zurückgezogen hat, erobert der Junge ihr Herz und bringt sie sogar dazu, ihr künstlerisches Schaffen wieder aufzunehmen. Bald wird Topolina nur noch von einem Wunsch beseelt: den Jungen leibhaftig kennenzulernen. Doch für dieses Vorhaben muss sie über einen dunklen Schatten springen, den die Vergangenheit auf ihr Leben wirft.
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 2,29 MB
978-3-455-81110-0 (9783455811100)
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Ich liebe niemanden. Außer mich selbst, wenn überhaupt. Das wechselt von Tag zu Tag. An einem ist es erträglich, am nächsten bin ich von mir gelangweilt. Mit mir zu leben ist anstrengend, mit den anderen zu leben wird mir schnell unerträglich. Dabei interessieren sie mich. Ich finde gern heraus, wie sie leben und was sie denken, warum sie so leben, wie sie leben. Auch, wen sie lieben. Ich würde zum Beispiel gern wissen, wie sie es anstellen, zu lieben oder zu leiden, wenn man sie nicht liebt.

Das sehe ich bei den Leuten, für die ich arbeite. Vormittags gehe ich putzen, nachts arbeite ich in einer Bar. Ich mache Sandwichs.

Davor war ich Malerin und Bildhauerin.

Aus dieser Zeit ist mir der Sinn für Kleidung, für ihre Struktur geblieben. Auch dafür, wie sie sich anfühlt oder anhört. Das Gewebe der feinen, einheitlich weißen Wolle meiner Stola löst in mir ein Gefühl aus, das vom Hals auf den ganzen Körper ausstrahlt, sobald sich bei einer Bewegung die Falten verschieben. Der festonierte und mit rotem Faden hervorgehobene Saum an einer meiner Westen weckt unendliches Wohlbehagen, wenn meine Finger ihn betasten und darüberstreichen. Kleidung ist für mich wie eine verwirrende Haut, mit der ich endlos spiele: Die Überraschung des leichten Schauers warmer Seide oder die leichte Berührung eines Ärmels auf meinem nackten Arm lassen mein Herz vor Glück schneller schlagen. Die Falten, das Wogen von indischen Stoffen über meinen Beinen, die winzigste Wahrnehmung des über die Hüfte gleitenden Knotens einer Tunika erregen mich, als würde ein Fieberwind durch meinen Körper streichen.

Madame ist reizend. Ich sage »Madame«, nicht »Madame Léger«, weil es nicht dasselbe ist. Über »Madame« freut sie sich, und ich behalte meine Arbeit, obwohl ich spüre, dass es für sie schwierig ist. Dass sie sich sagt: »Eigentlich könnte ich die Hausarbeit auch selbst machen.«

Ich arbeite gerne dort. Ich mag den Geruch der Wäsche in der Maschine. Wenn sie wäscht, nicht wenn sie trocknet: Wenn sie trocknet, ist auch ihr Geruch trocken, fast salzig. Der Geruch der schmutzigen, nassen, mit Seifenlauge durchtränkten Wäsche ist hingegen ein schwerer Geruch, der mich schwindlig macht. Ein Geruch von schmutzig und sauber zugleich.

Ich bin neugierig auf Leute. Für Madame Léger mache ich Sachen, die ihr Spaß machen, Sachen, bei denen ich mir sicher bin, dass sie sie bemerkt. Wie ihre Kosmetika der Größe nach aufzustellen: Das bringt sie zum Lachen. Sie hat mir gesagt, ich soll sie nach ihrer Funktion ordnen, aber ich weiß, dass sie als Erstes immer das Flakon ganz rechts nimmt, es reizt sie ein bisschen, weil es nicht so geordnet ist, wie sie es gern hätte – auf einer Seite die Mittel für das Gesicht, dann die für den Hals, die Augen und die Lippen. Auf der anderen Seite die für den Körper und dahinter alles für die Haare, so wie sie es täte, wenn sie sie selbst einräumen würde.

Sie denkt, ich benutze keine Kosmetikprodukte. Es stimmt, ich bin nachlässig angezogen, unfrisiert, nicht geschminkt. Dabei hat sie mich nur zweimal gesehen. Ich habe die Schlüssel, und sie schreibt mir ein paar Zeilen: Vorratsschrank aufräumen oder Besteckkasten sauber machen.

Ich schreibe ihr auch. Sie hat extra eine Schiefertafel gekauft. Das ist praktisch.

Ich arbeite gerne bei Madame, weil ich das Gefühl habe, zu Hause zu arbeiten, nur dass es nicht mein Zuhause ist. Bei mir ist es nicht so ordentlich, aber zu mir kommt niemand. Ich bin gern an Orten, wo Leute leben: Madame hat einen Mann und Kinder. Ich räume die Sachen der Kinder auf, wenn ich kann, aber meistens ist alles, was sie betrifft, erledigt. Es gibt nur wenig Spuren von ihnen, außer Sachen zum Bügeln.

Ich habe noch nie irgendwem erzählt, dass ich niemanden liebe. Immerhin liebe ich manche Bücher. Auch Fotos. Muybridge liebe ich sehr. Ich finde, seine Fotos sind richtig lebendig. Sie sind sogar das Lebendigste, was ich kenne. Ein schreitender Mann. Die Bewegung ist aufgegliedert und jeder Muskel abgebildet.

Früher waren die Bistros mein bevorzugter Lebensort. Ich traf dort Freunde, wir lebten nachts. Unser Stammbistro war der Fernfahrertreff in der Rue des Plantes. Fernfahrer gab es dort keine, es gab vor allem abgebrannte Künstler und die ganze Fauna, die nachts lebt, von der man nicht weiß, was sie tagsüber treibt. An der Wand hing ein Gemälde von Alberto Giacometti. Giacometti sah ich mir in Beaubourg an, besonders gern seinen Schreitenden Mann. Er ist das Gegenteil von Muybridges Mann, er besteht nur aus Strichen: kein Muskel, kein Körper. Ich ging um ihn herum: Ich weiß noch, wie ich überlegte, dass es schwierig ist, um diesen schreitenden Mann herumzuschreiten, nicht weil er nicht still stehen würde, Giacomettis Schreitender. Es ist eher so, dass er den Betrachter beeindruckt und auf Abstand hält. Ich mochte auch das Porträt seiner Mutter: Es ist verschwommen, wie eine Frau, die man nicht darstellen kann. Striche und noch mehr Striche: Man bekommt einen Eindruck, aber nichts, woran sich irgendeine Realität festhalten könnte.

Ich habe immer für Museen geschwärmt.

Die Wirtin des Fernfahrertreffs hatte das Gemälde von Albertos Bruder Diego angenommen, als der seine Rechnung nicht bezahlen konnte. Sie hat uns erzählt, sie hätte es für 300 Francs versichert. Wir haben uns angeschaut, das weiß ich noch. Wir wussten, dass es auf jeden Fall mehr wert war als die ganze Kneipe. Wir waren alle Bildhauer, Maler, Grafiker oder andere werdende Künstler, und wir sagten uns, solange kein Händler unter uns wäre, könnten wir weiter unter dem Giacometti schlemmen.

Als ich jung war, dachte ich, ich würde andere Menschen lieben. Dann verschwanden sie, ohne dass es mir größeren Kummer bereitet hätte. Ich bin vierundsechzig, und ich arbeite, weil ich mich sonst langweilen würde. Ich habe mich entschieden, Putzfrau zu sein, weil ich so die Gegenwart von Leuten spüren kann, ohne ihnen zu begegnen.

Madame denkt, dass ich zu alt bin, um Kosmetika zu verwenden. Ihre benutze ich nie.

Vielleicht ist es eine Form von Liebe, dass ich sie nicht benutze. Vielleicht ist es eine Form von Liebe, dass ich dann und wann den Räucheraal aus ihrem Kühlschrank esse. Nicht jedes Mal, dann und wann. Sie läuft weit, um ihn bei einem Libanesen in der Nähe der Place Maubert zu kaufen. Ich glaube, sie denkt, dass sie den Aal verliert. Einmal hat sie mich angerufen und gefragt, ob ich ihn nicht in ihrem Einkaufsbeutel gesehen hätte. Ich glaube, sie hat sogar mit ihrem Wahrsager darüber gesprochen.

Ich kenne Madame Léger nicht. Ich kommuniziere mit ihr über Nachrichten auf der Mailbox. Sie sagt: »Ich habe eine Verabredung.« Dann sagt sie: »Es ist eine wichtige Verabredung.« Am nächsten Tag sagt sie: »Sie müssen die Erde der Fuchsie erneuern, sonst geht sie ein.« Ich weiß, dass sie zu einem Wahrsager geht. Es gibt eine Audiokassette, darauf steht der Name des Wahrsagers, seine Adresse, sein Beruf Wahrsager, Medium, Astrologie, Tarot und Konsultation vom 13.September. Ich habe sie mir angehört.

Einmal hat sie mir sogar eine Nachricht hinterlassen und gesagt, die Fuchsie stehe nach Meinung ihres Wahrsagers für ihr Sexleben, man müsse sich darum kümmern. Ich nahm an, dass ich mich um die Fuchsie kümmern soll.

 

Sandwichs zubereiten macht unsichtbar. Abends in der Bar erzählen die Leute in meiner Gegenwart, was sie wollen, sie denken, dass ich nicht zuhöre, oder es ist ihnen egal: Es ist, als würde ich nicht existieren.

Ich vertrage es sowieso nicht, wenn man mich anschaut.

Ich mag es, dass man mich nicht sieht. Den anderen zu sehen ist völlig unwichtig, wenn man ihn nicht liebt. Ich frage mich, ob ich Leute kenne, die lieben. Ich frage mich, ob man das Bild liebt, das einem widergespiegelt wird, wenn man den anderen ansieht. Ich frage mich sogar, ob man jemanden wirklich sehen kann. Das ist vielleicht genauso unmöglich, wie den eigenen Rücken zu sehen.

Es ist nicht so, dass ich mir selbst übertriebene Beachtung schenken würde, es ist vielmehr so, dass mich meine Nichtbeachtung der Welt zum einzigen Zentrum meines Interesses macht. Die Welt interessiert mich nur, weil ich sie anschauen, sie sehen kann und verstehe, wie die Leute leben. Sie sollen mir nur nicht zu nahe kommen. Manchmal packt mich Panik: Ich stelle mir vor, wie mich ein Kostümstoff berührt, und das reicht, um vor Unbehagen zu erschauern. Das reicht, damit die Erinnerung an einen trockenen, rauen und faden Wollgeruch in mir aufsteigt.

Deswegen bin ich allein. Ich kann zwischen einer Person und einer anderen nicht unterscheiden. Mir scheint, ich kann sogar zwischen einem Mann und einer Frau keinen richtigen Unterschied machen. Als ich jung war, wachte ich manchmal mit einer Frau auf. Manchmal mit einem Mann.

Ich bin jetzt vierundsechzig: ein komisches Gefühl. Ab und zu serviere ich die Sandwichs im Saal, dann trage ich Schuhe mit niedrigen Absätzen. Ich ertrage es nicht, mit ganz flachen Sohlen zu laufen, dann habe ich das Gefühl, nach hinten zu fallen. Lieber würde ich nach vorne fallen, aber das wird kaum passieren. Für die Arbeit nehme ich einen Hocker. Ich setze mich drauf und schaue.

In der Bar ist es anders. Madame würde staunen: Manchmal schminke ich mich, und ich kleide mich, sagen wir, zeitgemäß. Kein Vergleich mit der Schmuddel-Liese, die in ihre Latschen schlüpft, sobald sie die Wohnung betritt. Ich liebe es, Madames Kleider zu ordnen, auch wenn ich nichts davon anziehen würde. Sie trägt Blumenmuster, aber solche, die ich nicht ertragen kann. Auf eines bin ich stolz: Ich habe mir eine Linie bewahrt, die eines Nullprozentjoghurts würdig ist, und...

»zutiefst poesievolle
Geschichte, die fasziniert und verzaubert«
 
»Poetische
Schilderung.«
 
»Dieses Buch ist ein Kleinod.
[.] Wunderschön erzählt und voller Weisheit.«

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