Tod in der Walpurgisnacht

Kriminalroman
 
 
btb (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. November 2013
  • |
  • 608 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-11249-3 (ISBN)
 
Wenn die Maifeuer brennen, kommt die Wahrheit ans Licht .

Veronika Lundborg und ihr Mann Claes Claesson trauen ihren Augen nicht, als beim alljährlichen Walpurgisnachtfeuer plötzlich die brennende Leiche eines Mannes zum Vorschein kommt. Während Claesson sich des Falls annimmt, beginnt auf Lundborgs Station die junge Ärztin Hilda den ersten Teil ihrer praktischen Ausbildung. Durch Zufall stößt die junge Frau auf die Krankenakte ihrer Mutter, die vor Jahren angeblich an einer Blutvergiftung gestorben ist. Doch als sich dann herausstellt, dass der Tote aus der Walpurgisnacht Hildas Mutter damals ins Krankenhaus gebracht hatte, kommt eine unglaubliche Geschichte ans Licht .

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
btb
  • 0,72 MB
978-3-641-11249-3 (9783641112493)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Kapitel 3

Hilda, Dienstag, den 1. Februar 2011

Hilda riss ihr Rad aus dem Fahrradständer. Es standen nur wenige Räder unter dem Wellblechdach, natürlich waren die meisten Leute mit dem Bus oder dem Auto gefahren. Erst neulich war ihr aufgefallen, dass der Bus immer noch das Fortbewegungsmittel für Frauen war – die Krankenschwestern und Sekretärinnen nahmen »die Öffentlichen«, während ihre Männer mit dem Auto fuhren. In Lund fuhren alle mit dem Rad. Doch hier standen reihenweise glänzende Karossen zwischen den kahlen Vogelbeerbäumen, die den Parkplatz in verschiedene Abschnitte aufteilten. Sogar die Autos wirkten, als würden sie in der rauen Luft zittern.

Sie zog den Sattelschutz über, stieg auf und radelte langsam und unsicher am Eingang des Krankenhauses vorbei zum Fahrradweg Richtung Stadtzentrum. Der Schnee lag in gräulichen Rinnen und entblößte zum Teil getaute, unebene Eisplacken. Die Räder rollten halb und rutschten halb; glatt war es und unberechenbar, was für eine blöde Jahreszeit! Immerhin gab es noch Tageslicht, obwohl es schon später Nachmittag war. Sie musste nicht das Fahrradlicht einschalten, das war ja schon mal etwas.

Nachdem Veronika gegangen war, hatte sie Schluss gemacht. Sie hatte die Mappe zusammengeklappt, sich schnell umgezogen, ausgestempelt und den Fahrstuhl nach unten genommen. Sie musste sich abkühlen und brauchte Ruhe.

Jetzt schaffte sie es mit Mühe und Not, den kurzen Weg zum Rondell an der östlichen Einfahrt zum Stadtzentrum zu bewältigen. Februar und März waren eine schreckliche Übergangszeit, weder Winter noch Frühling. Sie dachte an Sam. Wenn sie ihn doch nur finden könnte, sie sehnte sich danach, mit ihm zu sprechen. Über früher reden. Worte für den Schrecken finden. Vielleicht erinnerten sie sich ja an unterschiedliche Dinge. Sie hatten niemals über das gesprochen, was da geschehen war, warum sollten sie auch? Es tat schließlich weh. Auf jeden Fall hatte sie selbst versucht, nach vorn zu schauen. Ihr Leben als Erwachsene konnte sie beeinflussen und so gut wie möglich gestalten. Es zu ihrem Leben machen. Zumindest bildete sie sich das ein. Aber es gab so viele Lücken und seltsame Dinge. Patienten wollen eine Erklärung, am liebsten eine Diagnose. Sie wollte auch eine Erklärung. Die Leere in ihr hallte wider, und die Angst kroch in ihr hoch, wenn sie an früher dachte. Aber es gab auch Sanftes, warme Umarmungen und viel Lachen.

Waren ihr Weltbild und das von Sam eher gleich, oder unterschieden sie sich? Vielleicht konnte er das Bild vervollständigen. Zwar war er bereits ausgezogen, als die Mutter starb, aber da gab es noch so vieles, was davor geschehen war und woran sie sich nur dunkel erinnerte. Vielleicht konnte er mit plausiblen Erklärungen aufwarten.

Ihr Eifer wuchs, plötzlich hatte sie das Gefühl, nicht mehr weiterleben zu können, wenn sie nicht bald erfuhr, wie das mit Papa, Sam und Mama alles zusammenhing. Ihre Schultern verspannten sich bei dem seelischen Balanceakt und weil sie versuchte, sich auf der Straße zu halten.

Völlig ohne Sinn schob sich plötzlich der Gedanke an Fredric Lido zwischen all ihre Überlegungen über das Leben. Als ob sie ihr Gewissen noch mehr beschweren wollte!

Wenn das eine echte und nahe Beziehung war, dann sollte sie sich ihm natürlich anvertrauen. Sie sollte Fredric anrufen oder ihm zumindest eine Mail schicken, denn die Geschichte, dass sie die Krankenakte von ihrer Mutter gefunden hatte, war natürlich nichts, was man mit einer SMS abtat. Aber sie hatte keine Lust mit ihm zu reden. War an dieser Beziehung nicht irgendetwas völlig falsch? Das wollte ihr schlechtes Gewissen ihr natürlich sagen. Tu etwas! Reiß dich zusammen und trenne dich. Einfach nichts tun geht nicht.

Seit sie in Oskarshamn war, hatte sie ihn erst einmal angerufen, was schon viel besagte. Er, der so schlau war, wie er immer betonte, sollte das dann doch selbst begreifen, fand sie. Superschlau war er, das Ass des Studienjahrgangs.

Sie konnte nicht gut Schluss machen, und noch weniger konnte sie akzeptieren, wenn jemand mit ihr Schluss machte. Wahrscheinlich lag da das Problem. Sie versuchte, sich ihn ins Gedächtnis zu rufen. Das ging nur langsam, aber es ging. Lockige Haare, die voll und glänzend waren und doch viel weicher, als man meinen würde. Sie fuhr in Gedanken mit den Fingern durch diese Haare, wie sie es oft getan hatte. Und dann hatte er immer beide Arme um sie gelegt und sie an sich gezogen.

Aber diesmal tat er es nicht. Er tat es nicht, weil sie es nicht einmal in ihren Gedanken wollte. Oder vielleicht weil sie nicht damit rechnete, dass er so folgsam war. Zwar war er schlau, aber nicht sonderlich einfühlsam. Er würde sie nicht wegschieben, sondern einfach nur mit hängenden Armen dastehen, den Kopf voller wichtiger Gedanken zu neuen Experimenten, die er im BMC, dem Biomedizinischen Centrum an der Sölvegatan in Lund, direkt neben dem Krankenhaus, durchführen würde. Sie sah ihn schon in dem weißen Laborkittel mit der Pipette in der Hand an einem Tischabzug.

Es regte sich rein gar nichts in ihr. Wenn sie versuchte, das Gefühl zu beschwören, wenn sie miteinander schliefen, blieben ihre Überlegungen idiotischerweise daran hängen, wo es am besten war. Nicht die Stellungen oder die Berührungen, sondern ob sie in ihrer Wohnung in Lund oder in seinem schmalen Bett am Tornavägen hemmungsloser fickten. Weder im Kopf noch sonst wo wollten sich irgendwelche Gefühle einstellen. Alles blieb leer.

Der Fahrradweg war zu Ende, und die Straße ins Zentrum hinein war so glitschig, dass sie abstieg und schob. Der Bürgersteig war eigentlich gestreut, aber es fühlte sich nicht gut an, dort mit dem Rad zu fahren. Ihre Fingerspitzen waren zu Eiszapfen geworden, die leicht abbrechen konnten, und die Füße in den dünnen Stiefeln waren taubgefroren. Trotzdem ging sie schnell, von Ungeduld getrieben.

Ihre Gedanken kehrten wieder zu Sam zurück. Die ganze Zeit sehnte sie sich danach, dass sie einander wiederfinden würden.

Die Fingerhandschuhe genügten nicht, sie sollte sich Fäustlinge und ein Paar dickere Stiefel anschaffen. Diese waren nicht einmal bequem, sondern flach und dünn. Aber schick. Das war ja manchmal genauso wichtig.

Sie hatte schon fast vergessen, dass es hier, dreihundert Kilometer weiter nördlich, mehr schneite als in Lund. In Skåne hingegen wehte ein rauer Wind. Sie hatte noch nie die Ski mit nach Lund genommen, die standen immer noch im Schuppen am Axel-Munthes-Stig in Oskarshamn. Bei Robert und Britta-Stina.

Ein Wollschal, der sich um den Hals schmiegte, und eine dicke und winddichte Mütze wären auch nicht dumm. Sie könnte heute einfach in einen Laden gehen und sich welche kaufen. Aber wo? Sie kannte sich in Oskarhamns Läden nicht mehr aus, es fiel ihr nicht gleich ein passendes Geschäft ein, und plötzlich war sie sehr müde.

Nicht heute, dachte sie. Ich muss versuchen, Sam zu erreichen. Sie sah ihn die Schultern bis zu den Ohren hochziehen, sich zusammenkrümmen und in der Kälte schnattern und dann fast verlegen unter der Haartolle hervorkucken. Oder ganz einfach aus Scham. Sie erinnerte sich, dass er oft den Blick schweifen ließ, als gäbe es etwas, wofür er sich schämte, als hätte er ungewollt irgendetwas falsch gemacht. Er hatte nur allzu oft ungerechte Beschuldigungen über sich ergehen lassen müssen.

Ein Taugenichts, sagten ein paar der Alten im Dorf. Flink und witzig, sagten andere. Als sie klein waren, hatte sie sich immer für Samuel geschämt, und gleichzeitig hatte er ihr leidgetan. Sie, die Schwester des Taugenichts.

Ganz sicher fror Samuel in diesem kalten Winter. Er hatte immer so viel im Kopf gehabt, dass ihm ganz egal gewesen war, was er anzog. Er nahm einfach das, was Mama ihm hingelegt hatte. Bestimmt machte er es immer noch so, dass er sich das Nächstbeste griff, was er selbst beim Ausziehen auf den Boden hatte fallen lassen. Vielleicht nur eine dünne Jeans und ein Hemd, oder ein verwaschenes T-Shirt, oder einen zu klein gewordenen Pullover, bei dem die Hände aus abgewetzten und schmuddeligen Bündchen herausstaken. Und dann nur eine alte Sommerjacke, obwohl es Winter war. Das schnitt ins Herz. Es war eine so wahnsinnig traurige Vorstellung, dass sie es kaum aushielt. Sie wollte, dass es genau andersherum wäre, dass mit Samuel alles in Ordnung wäre. Dass er es gut hatte. Dass ihm warm war und seine Wangen rosig. Aber nicht, dass er sich mit Alkohol wärmte, bloß nicht!

Aber warum sollte er das auch, nur weil er Künstler war? Und weil er an dem Abend vor zwei Jahren, als sie sich das letzte Mal gesehen hatten, sternhagelvoll gewesen war? Damals hatte sie keine Lust mehr gehabt, ihn öfter zu treffen.

Ein Auto dröhnte an ihr vorbei und fuhr so schnell und so nah am Bordstein, dass sie von einer Schneematschkaskade durchtränkt wurde. Idiot! Sie versuchte, das Schlimmste abzuklopfen. Die Schuhe waren undicht. Die Strümpfe waren nass, aber das merkte sie nicht mehr. In fünf Minuten war sie zu Hause in der Dammgatan. Eine typische Seitenstraße mitten im Zentrum, mit Autowerkstatt und Flohmarkt in den alten Fabrikgebäuden direkt gegenüber.

Als sie endlich an der Ampel in der Stengatan ankam, war die Straße stärker befahren, und so sprang sie aufs Fahrrad und rollte das letzte Stück herunter, bremste vorsichtig ab und bog in die Straße ein, in der sie wohnte.

Das Gebäude hatte einen Fahrradkeller, sie bemühte sich, das Rad so hinzustellen, dass das Schloss über Nacht nicht einfror, und versuchte dann, Leben in ihre Füße zu bekommen, indem sie zum Eingangsbereich im Erdgeschoss lief. In dem Moment öffnete sich die...

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